Ausgabe 
10.10.1899 Zweites Blatt
 
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wurde, machte er sich auf die Wanderung bis nach Guntersblum. Schließlich schrieb er an seine Frau jammervolle Briefe, in welchen er feinen nahen Tod infolge Mangels m Aussicht stellte. Er wurde ver­haftet und wegen Unterschlagung der 150 Mk. vor die hiesige Straf­kammer gestellt. Hier leugnete er alles und legte ein Los der Darm­städter Silber-Lotterie vor, dieses habe er in Frankfurt den beiden Leuten gezeigt, einen Fünfzigmarkschein habe er gar nicht gehabt. Diese blieben aber dabei, daß es ein Fünfzigmarkschein war. Aus den ganzen Umständen gewann das Gericht die Ueberzeugung, daß Mohr die That begangen hat und verurteilte denselben zu 1 Jahr Gefängnis und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf 5 Jahre.

Braunschweig, 7. Oktober. Nach dreitägiger Verhandlung gegen die wegen Kindesmordes angeklagte Jetta Seiden erkannten die Geschworenen auf Nichtschuldig des Mordes, Todschlages oder Beihilfe, dagegen Schuldig der Aussetzung mit tätlichem Erfolge. Der Staats­anwalt beantragte zwölfjährige Zuchthausstrafe. Der Gerichtshof kassierte das Verdikt, weil die Geschworenen sich zum Nachteil der Angeklagten geirrt haben.

Der merkwürdige Aälscherprozetz gegen die Herzogin Beauffremont und den Priester Cogo in Venedig ist, wie es scheint, noch lange nicht erledigt. Man schreibt darüber aus Rom: Der Kassationshof hat die von der Herzogin von Beauffremont und von dem Priester Cogo eingelegte Berufung als berechtigt anerkannt und das am 26. Juli d. Js. vor dem Schwurgerichte von Venedig gefällte Urteil annulliert; der Prozeß gelangt am 10. November vor einem anderen Schwurgerichte noch einmal zur Verhandlung. Die Herzogin und Cogo war zu je zwei Jahren Zuchthaus verurteilt worden, weil sie durch eine gefälschte Geburtsurkunde den Glauben erweckt hatten, daß die Aben­teurerin Evelina Tilkin, die dann die Gattin eines Fürsten Trubetzkoy wurde, die legitime Tochter des Fürsten Romuald Gedroye, Ex-Kammer- herrn des russischen Hofes, wäre. Gedroye hatte den Betrug begünstigt, man weiß bis heute noch nicht, ob für Geld, oder weil ihn die Aben­teurerin zu umgarnen wußte. DieFürstin" ist, wie man sich erinnern dürfte, in Berlin verhaftet worden und hat sich im Polizeigefängnis das Leben genommen.

Kunst und Wissenschaft.

Meiningen, 7. Oktober. Die Enthüllung des Johannes Brahms-Denkmals nahm einen erhebenden Verlauf. Nach der Auf­fahrung des Deutschen Requiems von Brahms in der Kirche begab sich der Zug der Teilnehmer durch die festlich geschmückte Stadt zum Denk­mal im englischen Garten. Ein Prolog wurde vorgetragen und dann erfolgte die Enthüllung. Die Festrede hielt Josef Joachim. Der her­zogliche Hof war anwesend. Die Broncebüste des Meisters, von Hilde­brand ausgeführt, steht in sehr schöner Umgebung. Kränze wurden niedergelegt vom Herzog und seiner Gemahlin, dem Wiener Tonkünstler- Verein, der Hochschule für Tonkunst in Berlin, dem Festorchester und Festchor u. s. w.

Jagd und Sport.

Berlin, 8. Oktober. (Deutscher Ruder-Verband.) An Stelle des ausscheidenden Dr. Goßler (Hamburg) wurde einstimmig Jean Kirch (Gießen) zum zweiten Vorsitzenden des Deutschen Ruder-Verbandes gewählt.

Die Jagdbeute des Kaisers aus Schweden und Rominten ist in Gestalt prachtvoller Reh- und Hirschgeweihe jetzt (nach Potsdam ge­bracht worden. Ganz besonders schön sind die schwedischen Gehörne. Sie sind bedeutend stärker und länger als die deutschen Rehböcke. Ihre Farbe ist ganz dunkel, beinahe schwarz; sie sind ganz dicht bis zu den Spitzen der einzelnen Enden hinauf geperlt und haben die Bewunderung der Forstbeamten in Rominten erregt. Die Romintener Jagdbeute war m anbetracht der nur fünftägigen Pürsche mit einer Schußzahl von elf Hirschen besonders günstig. Das kapitalste Geweih ist das des zuerst erlegten Vierzehnenders mit einem Gewicht von 17Pfund. Dasselbe ist beinahe so schwer, wie das Geweih des vor drei Jahren erlegten Zwanzigenders, das 18 Pfund wog. Das Gewicht des Geweibes von dem in diesem Jahre erlegten Zwanzigender beträgt 141/2 Pfund. Auf Wunsch des Kaisers wird an der Seelle, wo ein kapitaler Hirsch erlegt ist, ein Stein mit entsprechender Aufschrift gesetzt.

Arbeiterbewegung.

Wiesbaden, 7. Oktober. Die Bäcker sind heute abend um 6 Uhr in den Ausstand getreten. Von den Meistern in Wiesbaden und Umgegend haben 19, die Brodfabriken und einige kleine Bäcker die Forderungen der Gehülfen bewilligt. Letztere haben heute beschlossen, wenn die Meister ihren Forderungen gegenüber auf dem ablehnenden

Standpunkt stehen bleiben, am nächsten Montag mit der Veröffentlichung der die größten Mißstände in Bezug auf Reinlichkeit rc. enthaltenden Fragebogen über die hiesigen Bäckereien zu beginnen.

Krefeld, 7. Oktober. Nachdem der Ausstand in der Seiden­weberei Blasberg u. Gärtner nach fünfzehnwöchiger Dauer hin­fällig geworden ist, da die drei Stühle bedienenden Weber auf den dritten Stuhl verzichtet haben, fordern die Ausständischen eine 26pro- zentige Lohnerhöhung. Der Fabrikantenverband sieht dies als die Wiederaufnahme der allgemeinen Lohnbewegung seitens der Stoffweber an und beschloß, die Firma Blasberg u. Gärtner zur Wahrung der gefährdeten Interessen des Webegewerbes zu unterstützen.

Paris, 8. Oktober. Waldeck-Rousseau ließ noch gestern abend dem Direktor Schneider und dem sozialistischen Abgeordneten Viviani folgenden Urteilsspruch in Sachen des Schiedsgerichts Überreichen: 1. die Gesellschaft wird in ihren Werkstätten die den Arbeitern im Juni 1899 versprochenen Lohnerhöhung gewähren, sofern die von der Gesellschaft mit ihren Kunden abgeschloffenen Lieferungsverträge in Be­zug auf die vereinbarten Preise nicht abgeändert zu werden brauchen; 2. wir bezeugen hierdurch, daß die Gesellschaft keinen Unterschied zwischen syndizierten und nicht syndizierten Arbeitern zu machen beabsichtigt. Die Verwaltung wird ihren Aufsehern empfehlen, in ihren Beziehungen zu allen Arbeitern volle Neutralität zu beobachten; 3. die Vermittelung eines Syndikats, welchem eine der streikenden Parteien angehört, kann auf nützliche Weise angewandt werden, wenn beide Teile darin ein­willigen; sie kann aber nicht aufgezwungen werden; 4. in der Delegation, welche beauftragt wird, die Forderungen ihrer Kameraden geltend zu machen, wird je ein Delegierter für jede Körperschaft ernannt werden. Diese Delegation wird alle zwei Monate, ausgenommen in Notfällen, mit dem Vertreter und, wenn notwendig, mit dem Direktor der Gesell­schaft verhandeln; 5. Wir bezeugen ferner, daß die Gesellschaft nicht be­absichtigt, Maßregeln gegen die Arbeiter zu ergreifen, die sich am Aus- stande beteiligten und wir bezeugen, hierdurch, daß kein Arbeiter wegen des Ausstandes oder wegen während desselben begangener Vergehen verabschiedet werden soll; 6. in dem Falle, wo eine Arbeiterentlassung eintritt, wird dieselbe gleichmäßig auf syndizierte und nicht syndizierte Arbeiter verteilt und dabei der Lage und den Familienverhältnissen der Arbeiter Rechnung getragen. Da die Meinungsverschiedenheiten durch diesen Beschluß geschlichtet sind, wird die Arbeit in Le Creuzot unter oben erwähnten Bedingungen so schnell, wie möglich, wieder aufgenommen Dieser Schiedsspruch wird seitens der sozialistischen Organe mit großer Befriedigung auf genommen; auch Direktor Schneider scheint da­mit zufrieden zu sein, so drückt sich wenigstens fein Organ, derGauloiS", heute morgen aus.

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Spitlpleu irr ornmigtra frankfurter StMhealer.

Opernhaus.

Dienstag den 10. Oktober: Bajazzo. Hierauf: Cavalleria rusticana. Mittwoch den 11. Oktober: Erstes Abonnement- Konzert. Donnerstag den 12. Oktober: Mignon Freitag den 13.Oktober: Lumpaci-Vagabundus. Samstag den 14. Oktober: Iris. Sonntag den 15. Oktober, nachmittags 3Vi Uhr: Die Fledermaus. Abends 7 Uhr: Hugenotten. Monteg den 16. Oktober: Egmont.

Schauspielhaus.

DtenStag den 10. Oktober: Iphigenie auf Tauris. Mttwoch den 11. Oktober: Madame Sans GSne. Donnerstag dm 12. Oktober: Die versunkene Glocke. Freitag den 13/Oktober: Madame Sans Göne. SamStag den 14. Oktober: Nar ctß. Sonntag den 15 Oktober, nachmittags 3</i Uhr: Madame Sans GSne. Abends 7 Uhr: Doktor Klaus. Montag den 16. Oktober: FortunioS Lied. Hierauf: DaS Pensionat.

Handel und Uerkehr. Volkswirtschaft.

6 Oktbr. Fruchtpreise. Weizen15,1815.50

Lorn X 15,50-16,00, Gerstel 00,00 -00,00, Hafers 13,18-13 50

Erbsen X 16,50-00,00, öinsev X 00,0000,00, Wicken X 00,00

Lein X 00.00, Kartoffeln X 0,000,10, Same« X 19,0000,00

Neueste Meldungen.

Depeschen des BureauHerold".

Berlin, 9. Oktober. In Anwesenheit des Kaiser- Paares, der Königin Wilhelmine und der Königin Mutter von Holland, des Königs und der Königin von Württem­

berg hat gestern in Potsdam die Taufe deS SohncS des Erbprinzen zu Wied stattgefunden.

Berlin, 9. Oktober. Im Laufe des gestrigen Bor­mittags empfing der Kai rr die niederländischen Majestäten und nahm später die Mel. ung des Oberpräsidenten v. Bitter entgegen.

Berlin, 9. Oktober. Oer König von Württem­berg traf gestern vormittag 10 Uhr 20 M. in Potsdam ein. Zum Empfange hatten sich auf dem Bahnhofe der Erbprinz und die Erbprmzessin zu Wied eingefunden. Als- dann fuhren die Herrschaften in offenem Wagen nach der Villa des Erbprinzen.

Berlin, 9. Oktober. Dem Berliner Männer- Gesangverein ist vom Kaiser die seltene Auszeichnung zuteil geworden, auf heute abend zum Hof-Konzert im Neuen Palais befohlen zu werden, das aus Anlaß der Anwesenheit der Königinnen von Holland stattfinden soll.

Hannover, 9. Oktober. Gestern fand die Begrüßungs- Versammlung des sozialistischen Parteitages statt, zu der sich etwa 5000 Personen eingefunden hatten.

Wien, 9. Oktober. Die Leitung der deutschen Volks-Partei in Steiermark hat eine Kundgebung erlassen, in welcher unter Androhung der Obstruktion ver­langt wird, den Zustand, wie er vor Erlaß der Sprachen- Verordnung in Böhmen, Rühren und Schlesien bestanden hat, wiederherzustellen, und zweitens, die vom Kaiser in in einer Thronrede gegebenen Versicherungen, daß der deutsche Besitzstand niemals mehr im Verabredungswege an­getastet werden dürfe und schließlich die von den Deutschen verlangte Regelung der Sprachenfrage.

Paris, 9. Oktober. Bei einem Stiergefecht, das in dem unweit Paris gelegenen Eng hi en stattfand, und zu dem sich tausende von Personen eingefunden hatten, um zu protestieren, sprang ein Stier über die Planke, und es entstand eine allgemeine Panik, wobei zahlreiche Per­sonen teils leicht, teils schwer verwundet wurden. Trotz des lärmenden Protestes der Assizionados wurde die Arena polizeilich gesperrt.

Warschau, 9. Oktober. Auf der neu erbauten Bahn­strecke Dankow-Smolenök ist in der Nähe der Station Dankow ein Revisionszug, in dem sich 25 Beamte be­fanden, entgleist. Die Lokomotive und vier Wagen wurden zertrümmert. Ein Ingenieur und ein Kondukteur waren sofort tot, das übrige Dienst-Personal ist teils schwer, teils leicht verletzt.

Lodz, 9. Oktober. In dem benachbarten Pabianize ist in der vergangenen Nacht die bedeutende Bauer'sche Wollspinnerei vollständig niedergebrannt. Der Materialschaden ist enorm.

Eine merkwürdige Eigenschaft der Menschen

ist es, daß sie ihren Freunden bei jedem Leiden mit wunderbarer Selbst- Überzeugtheit Ausdauer und Geduld empfehlen, beim geringsten Krank­sein aber fast verzweifeln wollen, wenn das erste Mittel nicht hilft; wir sind zum Beispiel fest überzeugt, daß die meisten glauben, der so sehr von Aerzten empfohlene Haufens Kasseler Hafer-Kakao müsse jede Verdauungsstörung schon nach den paar ersten Taffen beheben, während doch einleuchten wird, daß nur regelmäßiger Genuß den Magen kräftigen und heilen kann. Hausens Kasseler Hafer-Kakao ist nur echt in blauen Kartons von 27 Würfeln 40 bis 50 Tassen für Mark 1,. 5907

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Verdingung von Pflasterarveit.

Die Pflasterung der Robheimer- straße zwischen den Rillenschienen der Kleinbabn nach Bieber, rund 230 qm, einschl. Materiallieferung und Aufbruch der Chaussierung, soll Mittwoch den 11. d. W., vormittags ll/2 Uhr, öffentlich verdungen werden.

Arbeitsbeschreibung und Beding' ungen liegen bei uns zur Einsicht offen. Ar geböte auf Vordruck sind bis zum genannten Termin bei uns einMeichen.

Gießen, den 6. Oktober 1899.

Das Stadlbauamt.

Schmandt. 7239

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Donnerstag den 12. Moder, nachmittags 2/2 Uhr,

sollen auf dem hiesigen Ortsgericht die den Erben der Theodor Loh Eheleuten in Gießen gehörigen Grundstücke:

Flur 11

Flur 11

Flur 17

Flur 25

Flur 28

Flur 28

Flur 28

Nr. 411. 5 110.0 qm Acker auf der Harth rechts am Gleiberger Weg, Nr. 6 1100 qm Acker daselbst, Nr. 53,5 2860 qm Wiese am Hamm,

Nr. 215 1144 qm Acker auf der Rothhohl auf den Leihgesterner Weg,

Nr. 7 437 qm Acker am Alten­feld auf das Bruch,

Nr. 100 475 qm Wiese am Heegstrauch vor Stauden Garten, Nr. 132//,0 1938 qm Acker am Sandkauter Weg, links hinter den Garten,

Flur 28 Nr. 197 1396 qm Wiese am Hohen Rain,

Flur 29 Nr. 135 - 1838 qm Acker im Rödern auf die Gräben,

Flur 29 Nr. 136 1875 qm Acker daselbst, Flur 31 Nr. 138 2244 qm Acker am Erdkauterweg bis an den Grüninger Pfad,

Flur 33 Nr. 16 606 qm Acker im Alten­feld bei den Gärten,

Flur 33 Nr. 17 344 qm Acker daselbst,

Flur 33 Nr. 127 - 837 qm Acker am Nahrungsberg hinten am Feld

Erbverteilungshalberfreiwilligmeistbietend versteigert werden.

Gießen, den 9. Oktober 1899.

Großh. Ortsgericht Gießen.

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