Ausgabe 
10.10.1899 Zweites Blatt
 
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Dienstag den 10 October

Nr. 238 Zweites Blatt

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Ausland.

Wien, 7. Oktober. Der Kaiser empfing heute den Grafen Clary in Audienz und unterfertigte während der- selben ein Handschreiben, mit welchem die Session des ReichsratS geschloffen und für den 18. d. Mts. einberufen wird. Graf Clary übermittelte bereits das Einberufungs­schreiben für die Abgeordneten dem Präsidenten des Ab­geordnetenhauses Fuchs.

DasNeue Wiener Tagbl." erfährt von besonders unterrichteter Seite, daß die orthodoxen Anhänger der slavischen Majorität mit allen Mitteln daran arbeiten, die Tschechen zu beschwichtigen, damit dieselben dem Aufhebungsgesetz der Sprachenverordnungen kein Hindernis in den Weg legen. Die Beschwichtigungsarbeit hat aber nur den Zweck, jene Kreise nicht zu stören, welche die Arbeit übernommen haben, das Beamtenminisierium in kürzester Zeit zu stürzen und an deffen Stelle unter dem Namen Parlamentarisches Kabinett" eine Neuauflage des Kabinetts Thun mit einem bedeutenderen slavischen Kurs ans Ruder zu bringen.

Budapest, 7. Oktober. Im hiesigen Nativnal-Theater kam es bei der gestrigen Abend-Aufführung zu einer pein­lichen Szene. Ein Hörer der Landes Schauspielschule sprang mitten in der Vorstellung auf die Bühne und protestierte laut gegen die Aufführung, weil dieselbe am Tage der National-Trauer für die Arader Märtyrer stattfand.

Friedhofsportal im Berliner Friedrichshain. Das Urteil des Bezirksausschusses in Sachen des März- Friedhofsportals ist dem Magistrat und Polizeipräsidium nunmehr zugestellt worden. Mehr als 60 Seiten füllend, behandelt das Erkenntnis in seiner ersten Hälfte den That- bestand sehr ausführlich, wobei der Referent, Verwaltungs­gerichtsdirektor Freusberg, bis in das Revolutionsjahr 1848 zurückgreift und detaillierte Angaben über die Bestattung der damals Gefallenen, die später Exhumierten und aus Kosten der Gemeinde anderweit Beerdigten, die Geschichte des Friedhofs, seinen gegenwärtigen Zustand und die ge­plante Verbesserung des letzteren beifügt. In den sehr sorgfältig ausgearbeiteten Gründen wird zunächst die Frage erwähnt, ob der Polizeipräsident befugt war, aus politischen Gründen eine Bauerlaubnis zu versagen, und, falls dies zu bejahen, ob die in seiner Verfügung angegebenen Gründe für zutreffend zu erachten seien. Wie vor ihm das Ober­verwaltungsgericht, so hat auch der Bezirksausschuß an­genommen, daß die Polizeibehörde sich bei Erlaß der Ver­fügung vom 18. Februar d. I. durchaus auf einem ihrer Zuständigkeit unterstellten Gebiet bewegt habe. Zudem ver­biete das Gesetz einen Bau, welcher dem Gemeindewesen zum Schaden oder zur Unsicherheit" gereiche. Die Be­gründung jener Verfügung, wonach das geplante Friedhofs­portal eineEhrung der dort begrabenen Märzgefallenen, mithin eine politische Demonstration zur Verherrlichung der Revolution" bezwecke, müßte nach den Verhandlungen der Stadtverordneten-Versammlung für zutreffend erachtet werden. Der Behauptung des Magistrats, daß ihm jedwede politische Tendenz fern gelegen habe, sei zwar voller Glauben bei- gemessen worden, die Stadtverordneten aber haben wieder­holt deutlich zu erkennen gegeben, daß sie eine Eh'ung der Märzgefallenen bezweckten, und dies sei auch in dem Ver­waltungsstreit des Magistrats gegen die Stadtverordneten wegen der geplanten Kranzniederlegung deutlich zum Aus­druck gekommen. Der Beschluß auch nur einer der beiden städtischen Körperschaften sei für ausreichend zu erachten; die Stadtverordneten versammlung habe in beiden Fällen ihre Befugnis überschritten. Es könne sich daher nur noch um die Frage handeln, ob der von den Stadtverordneten beabsichtigte Zweck, die Märzgefallenen bezw. die Revolution zu verherrlichen, durch das projektierte Bauwerk auch zum Ausdruck gebracht worden wäre. Auch diese Frage hat der Bezirksausschuß bejaht, da es sich hier um einen Monumental­bau handle, der zu dem kleinen, einfach ausgestatteten Fried­hof in gar keinem Verhältnis stehe. Aus allen diesen Gründen sei der Verfügung des Polizeipräsidenten beizupflichten und die Klage des Magistrats kostenpflichtig abzuweisen. Dem Magistrat steht nun nach §§ 83, 85 des Landes­verwaltungsgesetzes gegen das Urteil binnen zwei Wochen die Berufung an das Oberwaltungsgericht zu, indes hofft man, daß der Magistrat von der letzteren keinen Gebrauch machen, vielmehr auf den Vorschlag des Polizeipräsidiums, einen bescheideneren Entwurf einzureichen, eingehen werde, wie dies Bürgermeister Kirschner in der bekannten Mai­sitzung der Stadtverordneten bereits empfohlen hatte.

Deutsches Reich.

Berlin, 8. Oktober. Die Königin Wilhelmine von Holland und ihre Mutter sind gestern abend in Potsdam eingetroffen und vom Kaiser, sowie dem Erb­prinzenpaar und der Fürstin-Mutter zu Wied am Bahn­hofe empfangen worden. Nach herzlichster Begrüßung be­gaben sich die hohen Herrschaften nach dem Schlosse, wo­selbst die Kaiserin die beiden Königinnen erwartete. Abends fand im Schlosse Familiendiner statt.

DiePost" bestätigt die Nachricht, daß der Präsi­dent der Seehandlung Freiherr V. Zedlitz, wegen eines Augenleidens seine Versetzung in den Ruhestand nach gesucht hat.

Wie dieGermania" mitteilt, verfolgt man in amtlichen Berliner Kreisen den Verlauf des Prozesses gegen den Klub der Harmlosen mit wachsendem Erstaunen. Der Kriminal-Kommissär von Manteuffel dürfte vor das Disziplinargericht kommen. Man spricht davon, daß der Kaiser aus dem Verlauf des Pro- zeffes Anlaß zu besonderen Schritten nehmen werde, inso­fern sich diesmal gezeigt habe, daß auch polizeilicher Uebereifer zur Diskreditierung des Heeres führen könne.

Wie dieNordd. Allg. Ztg." berichtet, sind die ersten Vorarbeiten zum neuen Zolltarif im we­sentlichen beendet. Noch im Laufe dieses Monats soll vom Reichsschatzamt den übrigen beteiligten Stellen ein Gesetzentwurf mitgeteilt werden, und dann auch die Vor­legung desselben an den wirtschaftlichen Ausschuß er­folgen.

Höhere Beamte aus dem Reichsamt des Innern machen zurzeit Besuche bei den Tabakhaus­arbeitern in Westfalen. Die Besuche haben den Zweck, die Wohnungs- und Arbeiterverhältniffe dieser Arbeiter durch Augenschein kennen zu lernen.

Das AnarchistenblattArmer Konrad" hat mit dem heutigen Tage sein Erscheinen eingestellt. Das Blatt sollte namentlich der Maffenagitation unter der arbeitenden Bevölkerung dienen. Es erscheinen nunmehr in Berlin noch die beiden anarchistischen BlätterSozialist" undNeues Leben."

Weimar, 7. Oktober. Nachdem die Regierung sämt­liche sozialistischen Versammlungen im Großherzogtum unter­sagt hat, werden seit gestern auch die unpolitischen Gewerk- schasts Versammlungen verboten. Weitere bedeutsame Maßregeln gegen die Sozialdemokratie stehen bevor. r

München, 7. Oktober. Der Magistrat hat heute einen jährlichen Wohnungsgeldzuschuß für die städtischen Beamten und Bediensteten im Gesamt-Betrage von einer viertel Million Mark genehmigt. Der Staat trägt sich be­kanntlich auch mit der Absicht, seinen Beamten und Be­diensteten einen Ausgleich für die fortgesetzt steigenden Miet­preise in München zu bieten.;

Reichenberg i S., 7. Oktober. Infolge eines Zeitungs­ausrufes zur Bildung eines Freiwilligen-Korps für Trans­vaal haben sich an der hiesigen Meldestelle bereits einige hundert Mann gemeldet. Die Bewegung wird durch einen hiesigen Kapitalisten stark gefördert und erregt allgemeine Beachtung.

Karlsruhe, 7. Oktober. Heute tagte hier der 14. Ver­bandstag der deutschen Baugewerbsberufs­genossenschaften. Wie der Vorsitzende Fetisch aus Berlin mitteilte, wurde von dem Beschluß, die Weltausstellung in Paris zu beschicken, Abstand genommen, weil der zur Verfügung gestellte Raum viel zu klein sei, die Bedeutung der Baugewerbsgenoffenschaften zur Geltung zu bringen. In einer Resolution protestiert der Verbandstag gegen die Bestimmung, wonach die Genossenschaften verpflichtet werden sollen, von allen Rentenfeststellungen der Behörde Mitteilung zu machen, da hierdurch die Berufsgenossenschaften mit Arbeit überlastet würden, ohne einen praktischen Wert davon zu haben. In einer weiteren, zur Annahme gelangten Reso­lution, erklärt sich der Verbandstag gegen die Billigung von Rentenstellen für die Festsetzung von Unfallrenten. So­dann beschloß der Verbaudstag die Gleichstellung der Be­auftragten der Berufsgenoffenschaften bei Ueberwachung von Unfallvorschriften mit den Gewerbeinspektoren anzustreben. An den Verhandlungen beteiligte sich auch der Vertreter des Reichsversicherungsamtes, Geheimrat Greef. Die badische Regierung war durch den Ministerialrat Weingärtner ver­treten.

A Der Bezirksausschuß und das März- j

Riga, 7. Oktober. In den Ostsee-Provinzen wurden neuerdings 30 deutsche Volksschullehrer entlassen. Ein Ersatz ist noch nicht geschaffen, da die Behörden nur Russen anstellen wollen.

Belgrad, 8. Oktober. In hiesigen politischen Kreisen ruft die Haltung Rußlands, welches die diploma- tischen Beziehungen mit Serbien vollständig abgebrochen hat und den serbischen Geschäftsträger in Petersburg igneriert, große Besorgnis hervor. Man erwartet, daß die Regierung dem König die baldige Begnadigung der im Hochverratsprozeffe Verurteilten nahe legen wird, damit sich die Beziehungen zu Rußland wieder bessern.

Transvaal.

London, 8. Oktober. Eine königliche Proklamation ist erlassen worden, die den Kriegsminister zur Einberufung der Reserven, soweit solche benötigt sind, ermächtigt.

London, 7. Oktober. Nach einer Johannesburger Meldung wurden gestern in Modderfontein große Mengen Dynamit gestohlen.

Haag, 8. Oktober. Der Gesandte Transvaals, Dr. LeydS, konstatierte eine leichte Besserung der Situation infolge Bemühungen der Königin Viktoria und Salisburys, einen Ausgleich herbeizuführen.

Rom, 7. Oktober. Der Papst bot wiederum tele­graphisch der Königin von England seine Ver­mittelung in der Transvaalfrage an.

Lokales uuir MsvirrsteLes.

Gießen, 9. Oktober 1899.

** Geschichtskalenver. Vor 48 Jahren, am 9. Oktober 1841, starb zu Beilin der berühmte Architekt Karl Friedrich Schinkel, der es meisterhaft verstanden hat, die durch Romantik erlangte Anregung mit den Kunstgefetz n der Alten zu neuen, har­monischen Formen zu verbinden. Hervorzuheben sind seine genialen Bauten in Berlin, u. a. Museum, Schauspielhaus, Banekademie. Schloß Babelsbecg u. s. w. Der Künstler wurde am 13. März 1781 zu Nrurupp'n geboren.

Vor 32 Jahren, am 10. Oktober 1867, starb in Oldenburg der Dta-ter Julius Mosen Einzelne seiner Lieder, wieDie letzten Zehn vom vierten Regiment",Andreas Hofer",Der Trom­peter an der Katzbach" u. a., sind zu Volksliedern geworden. Be­deutenderes leistete er als epischer und dramatischer Dichter. Den Ritter Wahn" undAhasver" zählte Uhland zu den besten deutschen Epen; auch seine Dramen sind vortresfliche historische Gemälde. M. wurde am 8. Juli 1803 zu Marieney t. V. geboren.

Für unsere Jäger. P'ff-Paff! so knallt es jetzt allenthalben wieder in den Feldern, und brr! schwirrt eine Kette Hühner über das Kartoffelfeld, um jenseits des Baches auf der Wiese einzufallen. Durch Vermittelung eines eif­rigen Naturfreundes, der in innigem Verkehr mit der ge­fiederten Welt steht, und die seltene Gabe besitzt, die Sprache der Hühnervölker zu verstehen, geht uns folgender Notschrei eines alten, jagderprobten Rebhuhns zu, der gerade jetzt von aktuellem Interesse sein dürfte. Der alte Hahn, der bereits die fünfte Saison hinter sich und einige Gramm Schrot im Leibe hat, warnt zunächst die Jäger davor, sich an ihm zu vergreifen, da bei den schlechten Zahnverhält- niffen der Menschen leicht verschiedene Gebisse Schaden er­leiden dürften. Außer diesem, gewiß nicht unberechtigten Egoismus entwickelt er als alter Praktiker Ansichten, die nicht nur dem Gros der Sonntagsjäger, sondern auch dem waidgerechten Nimrod manches Beachtenswerte bieten dürften. So hält er es für sehr wichtig, daß die Hunde kurz vor der Jagd tüchtig gefüttert werden. Denn dadurch werden sie veranlaßt, beim Marsche nach dem Jagdterrain de» Jägern das beliebte Zeichen zu geben, daß etwas in die Jagdtasche kommen wird, und zweitens verfallen sie schwerer in den Fehler, noch nicht flügge Hühner für sich selbst zu greifen. Auch über die Schrotsorten, die von den Jägern angewendet zu werden pflegen, hat sich der alte Praktiker auögelaffen. Er hält es im Interesse der Schonung der Jagd, die ja den meisten Jagdherren sehr am Herzen zu liegen pflegt, für wünschenswert, wenn zunächst die alten Patronen, die noch von der Hasensuche vorhanden sind, ver­braucht werden. Erfahrungsgemäß kommen dann häufige Versager vor, auch pflegen die Schrote meistens so viel Zwischenraum zu lassen, daß das Huhn, ohne Schaden zu nehmen, davonkommt. Erklärlich ist es, daß der alte Hahn vor der Anwendung zu dünner Schrotnummern eifrig warnt. Es sei für ihn keine angenehme Aufgabe, kranke Hühner tn der Kette zu führen, die nicht leben noch sterben könnten, und schließlich doch dem Fuchs zum Opfer fielen. Am an­genehmsten sind ihm die Jäger, denen der kulinarische Teil der Jagd am meisten am Herzen liegt. Die hielten in der Regel nicht viel vom Schießen, und noch weniger vom