Nr 8
Erstes Blatt
1S99
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den llrete Gietzen
Bkt Postbezug 2 Mark 50 Psg.
vierteljährlich
Dienstag den 10. Januar
Rvvahmr von Anzeigen zu der nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer di- vorm. 10 Uhr.
Alle Anzeigen-Bermittlungsstellen de- In- und An-lande- nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen.
Erscheint täglich mit Ausnahnie des Montags.
Die Gießener Aamilleuvlätter werden dem Anzeiger Wöchentlich viermal beigelegt.
Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Mittler für hessische UslKsKunde.
Adresse für Depeschen: Anzeiger chicßen. Fernsprecher Nr -'1,
Redaktion, Expedition und Druckerei:
Schnlstraße Nr. 7.
2 Ma..' 2.) biq. monutlid) 75 Pfg. mit Bringerlobn.
Amtlicher Ml.
Bekanntmachung,
betreffend: Feldbereinigung in der Gemarkung Ruttershausen.
In der Zeit vom 13. dss. Mts. bis einschließlich 19. dss. Mts. liegen auf dem Amtszimmer Großherzoglicher Bürgermeisterei Ruttershausen
1. das Geldausgleichungsverzeichnis über den Zuviel oder Zuwenig-Empfang an Geländewert,
2. das Geldausgleichungsverzeichnis über den Zuvieloder Zuwenig-Empfang an Obstbaumwert,
3. das Verzeichnis der Pachtentschädigungen für zu viel oder zu wenig empfangenes Gelände,
4. das Verzeichnis über besondere Herauszahlungen und Entschädigungen,
5. das Verzeichnis der durch die Melioration der Wiesen in den Gewannen 20, 21, 22, 23, 24 und 25 entstandenen Kosten
zur Einsicht der Beteiligten offen.
Einwendungen hiergegen sind bei Meidung des Ausschlusses innerhalb der oben angegebenen Frist bei Großh. Bürgermeisterei Ruttershausen schriftlich einzureichen.
Der Großherzogliche Bereinigungskommissär: Süffert, Kreisamtmann.
Deutsches Reich«
Berlin, 8. Januar. Entgegen anderweitigen Meldungen berichtet die „National Zeitung", daß bei dem Bundesratsbeschluß in der Lippe'schen Angelegenheit die Minderheit aus Bayern mit 6 Stimmen und Mecklenburg-Strelitz, Meiningen, Reuß ältere Linie und Lippe-Detmold mit je einer Stimme, zusammen 10 Stimmen bestand.
Berlin, 7. Januar. Der kommandierende General des 10. Armee-Corps in Hannover, General der Infanterie v. Seebeck, hat sein Abschiedsgesuch eingereicht, ebenso der Kommandeur der 12. Infanterie-Brigade, v. Weise. Zum Nachfolger des Generals v. Seebeck dürfte voraussichtlich der Kommandant des Kaiserlichen Hauptquartiers, General-Leutnant v. Plessen ernannt werden. Zum Kommandeur des Hauptquartiers ist der bisherige Kommandeur der ersten Garde-Infanterie-Brigade, General-Major v. Kessel ausersehen, dem im Kommando der Brigade der Kommandeur des Kaiser-Alexander-Regiments, Oberst v. Moltke folgen soll.
Berlin, 8. Januar. Dem „Lokal-Anzeiger" zufolge soll auch der kommandierende General des 14. Armeekorps in Karlsruhe, General von Bülow, sein Abschiedsgesuch eingereicht haben.
Berlin, 8. Januar. Aus angeblich zuverlässiger Münchener Quelle erfährt das „Kleine Journal", Bayern habe die von Kaiser Wilhelm sympathisch begrüßte Errichtung eines Gerichtshofes für Fürsten als besondere Instanz für die Erledigung von Thronstreitigkeiten angeregt. Die Könige von Sachsen und Württemberg, sowie die Großherzoge von Baden und Hessen sympathisierten mit diesem Anträge Bayerns, der den Gegenstand weiterer Beratung bildete. Aus diesem Grunde erfolgte in der Lippe'schen Angelegenheit nur eine vorläufige Entscheidung, während die Suspension und eine definitive Erledigung der Thronfolgefrage vor dem Fürsten-Gerichtshof nur erfolgen wird, wenn dre streitenden Teile dessen Entscheidung anrufen.
Berlin, 7. Januar. Der Entwurf einer Hypoth eke n- Bankordnung in seiner jetzigen Form wird, wie die Post hört, voraussichtlich im Bundesrat noch verschiedene Abänderungen erfahren. Die Ausschuß-Arbeiten dürften Beginnen, sobald die betreffenden Referenten hier eingetroffen Dnd. Die von den Aeltesten der Berliner Kaufmannschaft zum Ausdruck gebrachten Wünsche sind teilweise in dem modifizierten Entwurf bereits berücksichtigt worden.
Berlin, 7. Januar. Für die dem Missionar Pater Stenz Ende November v. I. von chinesischer Seite zugefugten Mißhandlungen ist, wie die „Germania" hört, fiofort nach dem Bekanntwerden der Unthat auf telegraphische Anordnung aus Berlin von der deutschen Vertretung in Penng Genugthuung beim Tsung-li-Aamen gefordert worden. Die chinesische Regierung gab ihrem aufrichtigen Bedauern über das Borgefallene Ausdruck und bewilligte ohne Zögern ie deutschen Forderungen: amtliche Wiedereinführung des Elffswnars, Unterstützung bei Errichtung einer Missions- Nation am Thatorte und strenge Bestrafung der Schuldigen, utzerdem wurde zwischen dem Vorstande der deutsch
katholischen Mission und den beteiligten chinesischen Behörden über weitere Entschädigungen ein Einvernehmen erzielt. Die Vorschriften zur Verhütung einer Wiederholung solcher Vorkommnisse sind der chinesischen Bevölkerung aufs neue eingeschärft worden. Der Pater befindet sich im deutschen Lazarett in Tsintau in sicherer Pflege.
Berlin, 7. Januar. Die Presse brachte vor kurzem über die Angelegenheit des Assistenten am staatswissenschaftlichen Seminar in Leipzig, Dr. Kuntze, einen längeren Artikel, an dessen Schluß an den Staatssekretär des Innern, Grafen Posadowsky appelliert wurde. Der Staatssekretär des Innern, Graf Posadowsky steht, wie die „Nordd. Allgem. Ztg." betont, der persönlichen Angelegenheit voll- kommen fern._________________________________________
Ausland.
Budapest, 8. Januar. Von gut unterrichteter Wiener Seite wird versichert, die Stellung B anffys sei fester als je. Ein Kabinetswechsel werde nicht eintreten, dagegen dürfte das Parlament auf längere Zeit vertagt werden.
Prag, 8. Januar. Von den deutschen Gastwirten Tetschens, Bodenbachs und mehrerer anderer Orte des Elbthals mit überwiegend deutscher Bevölkerung ist beschlossen worden, kein Bier mehr aus der zur Herrschaft Tetschen gehörigen Brauerei zu beziehen, und zwar wegen der antideutschen Haltung des Besitzers derHerrschaft Tetschen, des Ministerpräsidenten Grafen Thun. Auch mehrere Gastwirte in Schlesien haben über das Bier des Grafen Thun den Boykott verhängt.
Krakau, 8. Januar. Der hier versammelt gewesene 6. Congreß der galizischen Sozialdemokraten ist gestern geschlossen worden. Aus den Verhandlungen ist noch zu entnehmen, daß beschlossen wurde, für die Errichtung des allgemeinen Wahlrechts zum Landtag aufs eifrigste zu agitieren.
Rom, 8. Januar. Die Vorgänge in Abessinien nehmen die Aufmerksamkeit der Regierung in steigendem Maaße in Anspruch. Das Kriegsministerium trifft Vorbereitungen, um unverzüglich 20,000 Mann nach Erithrea abschick en zu können, sobald der Gouverneur Verstärkungen fordern sollte. Weiter soll ein besonderer Kredit von 14 560000 Lire für Einführung eines Schnellfeuer-Geschützes von der Kammer gefordert werden.
Brüssel, 7. Januar. Die Regierung des Congo- staates teilt soeben mit: Die aufständischen Batetelas griffen bei Sungula am 4. November die Truppen des Cougostaates unter Führung des Leutnants Stevens an und verteidigten sich. Es fielen der schweizerische Offizier Lordi, der dänische Offizier Rahbeck. Schwer verwundet wurde der schwedische Offizier Adlerstrahl. Die Truppen des Cougostaates hatten etwa 200 Tote und Verwundete. Die Rebellen nahmen am 14. November das Fort Kabambare ein, dessen Besatzung nach Kassongo, dem Haupt-Quartier des Commandanten DHanis floh. Letzterer hat die Offensive ergriffen.
Antwerpen, 8. Januar. Der Kapitän des englischen Dampfers „Meggie" erzählt, er habe in der Nähe des Kap Quessaut einen unbekannten Dampfer gesehen, der zu scheitern drohte. Seitens des englischen Dampfers konnte nicht das geringste gethan werden, um den Schiffbrüchigen zu helfen, da der Dampfer selbst Havarie erlitten hatte.
Rotterdam, 8. Januar. Esterhazy erklärte, er werde der Vorladung des Kassationshofes keine Folge leisten, da er seine Verhaftung befürchte.
Paris, 8. Januar. Die „Liga der Vaterländischen" veröffentlicht eine zweite Li ste ihrer Mitglieder, welche 1500 Namen umfaßt. Darunter befinden sich Mitglieder der Akademie, Advokaten, Professoren und Gelehrte.
Paris, 8. Januar. Das Duell zwischen den beiden Redacteuren des „Siöcle" und „Soir" wird infolge eines Beschlusses der Kartellträger nicht stattfinden.
Madrid, 7. Januar. Bei dem von dem General W e y l e r gegebenen Bankett, welchem zahlreiche hohe Offiziere beiwohnten, gaben die anwesenden Gäste dem Wunsche Ausdruck, daß der General Weyler unverweilt zur Macht gelange, damit die Reform des Heeres und der Marine, sowie die Wiederaufrichtung Spaniens zur Thatsache würden.
Lissabon, 8. Januar. Der Kapitän eines englischen Dampfers meldet, daß er unterwegs vier Mann der Besatzung des englischen Dampfers „Wooler" an Bord genommen habe. Man glaubt, daß die übrige Besatzung des „Wooler" umgekommen ist.
Konstantinopel, 8. Jannar. Die Pforte beschloß in der Angelegenheit der macedonischen Umtriebe ein Rund- schreiben an die Großmächte zu richten.
Tunis, 8. Januar. Wegen verweigerter erhöhter Lohnforderungen sind die hiesigen Hafenarbeiter seit gestern ausständig.
Lokales und Provinzielles.
Gießen, den 9. Januar 1899.
• • Parlamentarisches. Im Allerhöchsten Auftrage Sr. Königlichen Hoheit des Großherzogs hat Großherzogl. Ministerium der Justiz folgende zwei Gesetzentwürfe: 1) die Ausführung des Bürgerlichen Gesetzbuches betreffend, 2) die Umwandlung und Ablösung von Reallasten und Dienstbarkeiten betreffend, nebst Begründung den Ständen des Großherzogtums, und zwar zunächst der Zweiten Kammer, zur verfassungsmäßigen Beratung und Beschlußfassung vorgelegt.
Aus dem Gerichtsdienst. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht, am 7. Jan. den Oberamtsrichter bei dem Amtsgericht Lich Wilhelm Süffert zum Oberamtsrichter bei dem Amtsgericht Bad Nauheim, den Amtsrichter bei dem Amtsgericht Ulrichstein Karl Steinberger zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Hungen und den Amtsrichter bei dem Amtsgericht Nidda Ernst Eckstein zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Ulrich- stein — sämmtlich mit Wirkung vom 1. Februar 1899 — zu ernennen.
* * Erlaubniß zur Annahme und Tragen eines fremden Ordens. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst gernht, am 31. Dezember vor. Js. dem Geh. Bergrat Weiß zu Bad Nauheim die Erlaubniß zur Annahme und zum Tragen des ihm von Seiner Majestät dem Kaiser von Oesterreich verliehenen Komturkreuzes des Kaiser Franz-Josef-Ordens, — dem Hausverwalter und Bademeister Kissel zu Bad Nauheim die Erlaubniß zur Annahme und zum Tragen des ihm von Seiner Majestät dem Kaiser von Oesterreich verliehenen Silbernen Verdienstkreuzes des Kaiser Franz-Josef-Ordens zu erteilen.
• * Militärdienst-Nachrichten. Dr. Krahn, Unterarzt vom 1. Großh. Drag.-Regt. (Garde-Drag.-Regt.) Nr. 23, zum Assistenzarzt, Ur. Schröter, Unterarzt d. Res. vom Landwehrbezirk Gießen, zum Assistenzarzt d. Rcs. befördert; Dr. Orth, Stabsarzt der Landwehr 2. Aufgebots vom Landwehrbezirk I D rmstadt, der Abschied bewilligt.
• * Das Ehrenzeichen für Mitglieder freiwilliger Feuerwehren wurde verliehen durch Allerhöchste Entschließung Sr. Königlichen Hoheit des Großherzogs vom 21 Dezember 1898 den Mitgliedern der freiwilligen Fabrikfeuerwehr der Firma „Lederfabrik, vormals Schlosser u. Komp." in Worms: Wilhelm Mehlmann und Wilhelm Zirkelbach in Worms.
• * Kunstgeschichtliche Borträge. Herr Geheimer Hofrat Professor Dr. Philippi wird wöchentlich einmal und zwar von Mittwoch den 18. Januar ab (5 Uhr) in der Aula des Gymnasiums über „Grundsätze der Kunstbetrachtung und Richtung der modernen Kunst" sprechen. Obwohl die Vorträge, die nicht weiter bekannt gegeben werden, in erster Linie für Lehrer der hiesigen höheren Lehranstalten bestimmt sind, können, wie wir hören, doch auch andere Personen, die sich für diese Fragen interessieren, an dem Cyklus teilnehmen.
P. Stadttheater. Anzengrubers Schauspiel „Der Pfarrer von Kirchfeld", das am Sonntag Abend vor gut besetztem Hause zur Aufführung gelangte, verdankt seine Entstehung der religiösen Erregung anfangs der 70er Jahre, hat aber als echtes Kunstwerk die Epoche, der es entstammt, lebenskräftig überdauert und sich auf der deutschen Bühne längst heimisch gemacht. Sein Charakter als Tendenzftück wird auf dem Theater dadurch abgeschwächt, daß das Zwiegespräch über Religion und Kirche, das im ersten Akt zwischen dem Grafen und dem Pfarrer stattfindet, erheblich gekürzt wird. Um so stärker treten die rein menschlichen Partien hervor und verhelfen dem „Volksstück", wie es der Dichter selbst nannte, zu einer tiefgehenden Wirkung. Dieselbe ist gestern dank der in allen Teilen trefflichen Darstellung auch hier nicht ausgeblieben. Wenn Herr D i e tz s ch, der die Titelrolle gab, in den ersten Szenen noch zu sehr zurückhielt, so entschädigte er dafür durch die bis zum Schluffe sich steigernde Größe der Auffassung. In packendster Weise brachte Herr Liebscher als Wurzelsepp die völlige innere Umwandlung dieses halbverkommenen Menschen zur Anschauung und errang sich mehrmals den lebhaftesten Beifall. Das ftische, trenherzige, finnige und doch resolute Wesen der Aunerl wurde von Frl. Pauli ausgezeichnet verkörpert, auch die beiden Liedchen sang sie so nett, daß man.


