Wer stets zu Hause bleibt, bleibt im Witz zurück.
Shakespeare.
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Samstag den 9. Dezember
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Feuilleton.
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es ist schließlich doch mit Genugthuung aufzunehmen, daß ohne Konflikt vor dem Beginn des neuen Jahrhunderts eine Klausel aus der Gesetzgebung beseitigt worden ist, welche — wie schon oben gesagt — nicht mehr in unsere Zeit paßte. Ein Recht auf allen Gebieten im ganzen deutschen Reiche zu erstreben, das muß auch künftig das Verlangen aller wahren Patrioten sein!
Eine Auseinandersetzung.
Von Adolf Willkomm.
Der neueste Beschluß des Lesehallenvorstandes (Uber die Ausschließung der schulpflichtigen Jugend) lockt mich zu einer Auseinandersetzung.
Zuvor möchte ich erklären, — was man übrigens aus diesem Anfänge schon erschließen kann, daß ich nicht, m keinerlei Weise mehr an jenem Beschlüsse beteiligt dm, weder dafür noch dagegen etwas kann, vielmehr schon feit Wochen — zur Berichtigung meiner früheren Absicht — Hand und Mund aus der Lesehalle genommen habe, um die Einheitlichkeit des Betriebes nicht zu stören. Ich habe das Geschäft in meiner Weise ausgeführt, andere führen es in der ihrigen aus. Der eine singt als Cello, der andere stöhnt als Fagott, ein dritter schmettert als Helle Trompete, — und jedes Instrument nach seiner Klangfarbe schafft sich selbst seinen Widerhall. Die neue Weise hat frisch und kräftig eingesetzt, und ein Duett hatte ja niemand beabsichtigt. Den Kleinen aber, die jetzt ohne Bücher nach Hause gehen müssen, wird natürlich nur das himmelblaueste Flötengetön: „Auf Wiedersehen — später!" in die Ohren mitgegeben werden.
Der Beschluß, nach der in diesem Blatte gegebenen Fassung in letzter Linie doch auf die Not, die stärkste Vernunft, gegründet, wird wohl von allen in der rechten Weise verstanden worden sein, — auch die Kinder werden es verstehen, daß, wo es an Mitteln fehlt, die Ausgaben eingeschränkt werden müssen. Da nun bekanntermaßen von der Jugend am meisten Bücher abgenutzt werden, weil sie am meisten benutzt werden, (— ich denke nur an die riesige Zahl von Ausleihungen des Fliegenden Holländers, des Prinzen und Betteljungen, der Reise Landors, der „May- bände",) so ist es erklärlich, warum gerade die Jugend veranlaßt wird, von der Benutzung der Lesehalle zurückzutreten, so lange, bis einmal unversiegbare Geldquellen für die Lesehalle fließen werden.
Aber ohnedies ist es ja auch nur statutengemäß, daß schulpflichtige Kinder, also Kinder unter 14-15Jahren, von der Lesehalle ausgeschlossen sein sollen, und es wird die unter meiner AmtSthätigkeit zugelassen gewesene schulpflichtige
Jugend mit mir dem Lesehallenvorstande nur dankbar dafür ein, daß er, solange es irgend möglich war, eine Erweiterung eines Planes und eine Leistung über das ursprüngliche Maß hinaus zugelassen hat. Ich weiß auch vielleicht am besten, welcher Aufwand von Kräften unter den jetzigen Verhältnissen der Lesehalle noch nötig ist, wenn man Massen befriedigen will, ein Aufwand, den man kerne« Bibliothekar ohne weiteres zumuten kann. Darum: wem an einer Hebung der Lesehalle, an einer guten, reichlichen Amtsführung gelegen ist, der trage nach Kräften zu einem reichlichen Fond bei, — es giebt wirklich viele geringerwertige Dinge, die man gewohnheitsmäßig — gedankenlos — treu unterstützt.
Zur Art der Durchführung des neuen Beschlusses müßte ich freilich sagen, daß, falls man etwa Kindern da- Betreten der Anstalt überhaupt verwehren wollte, man damit wohl wenig Dank bei solchen Leuten (Handwerkern, Geschäftsleuten) ernten würde, die nur, weil sie Kinder zum Schicken haben, die Lesehalle überhaupt benutzen können. — Wie gesagt, ich stehe jetzt außerhalb der Sache und denke nicht daran, mir irgendwelchen Einfluß auf sie em- zubilden. , „ .
Sage ich also, wenn auch nicht ohne Bedauern, zu dem jetzigen Beschluffe ja, indem ich hoffe, daß sich auch die Jugend bald hineinfinden wird, so geschieht es aus den genannten beiden Gründen: weil die Not es gebietet, und weil dem Lesehallenverein die Maßregel von Rechtswegen zusteht. —
Nun ist aber dieser Beschluß außerdem noch mit pädagogischen Bedenken, und zwar mit „schweren" pädagogischen Bedenken gegen die bisher geübte Toleranz begründet worden, — und dazu summt mir ein Gerücht um die Ohren, daß man unter die schulpflichtige Jugend auch die älteren Schüler der höheren Schulen, — oder, wie mir vor einiger Zeit einmal geradezu gesagt worden ist : alles, was überhaupt in eine Schule geht (!) — rechnen will. Dies beides veranlaßt mich, noch einmal meine Ansicht über Lesehallen-Zweck und -Betrieb kurz vorzutrageu, — und vielleicht manchem damit einen Schlüssel zum genaueren Verständnis meiner ehemaligen Amtsführung zu bieten, — denn erstens möchte ich nicht gern für einen solchen gelten, der um einer bloßen Liebhaberei willen die ursprünglichen Schranken des Bibliothekszweckes erweitert und das Seelenheil der Kinder gefährdet hätte, und zweitens ist es mir auf die Dauer auch unerträglich, den Begriff der Lesehalle (Bücherhalle, Einheitsbibliothek, allgemeinen Bibliothek) gleichgesetzt und immer verwechselt werden zn
* Die Aufhebung des Verbots der Verbindung politischer Vereine.
Gießen, den 8. Dezember 1899.
Seit mehr als drei Jahren wartet man mit mehr Spannung, als die Angelegenheit an und für sich wert ist, daß Reichskanzler Fürst Hohenlohe seinem dem Reichstage am 27. Juni 1896 gegebenen Versprechen gerecht werde, die nicht mehr in unsere Zeit passende Bestimmung, daß politische Vereine nicht mit einander in Verbindung treten dürfen, aus der Welt zu schaffen. Damals lag die Gefahr nahe, daß an dem kundgegebenen Wunsche, in das neue Bürgerliche Gesetzbuch möchte eine Bestimmung ausgenommen werden, durch welche den politischen Vereinen der unbeschränkte Verkehr mit einander gestattet würde, das ganze große Gesetzeswerk scheitere. Das feierliche Versprechen des Reichskanzlers half über diese Klippe hinweg. Wer da aber geglaubt hatte, daß jenes mittelalterliche Verbot nun sofort beseitigt werden würde, befand sich in einem großen Irrtum. Einzelne Staaten, darunter auch der zweitgrößte Deutschlands, Bayern, gingen zwar mit gutem Beispiel voran, nur Preußen schien der von allen Seiten so sehr erwünschten Erleichterung nicht teilhaftig werden zu sollen. Freilich enthielt die Vereinsgesetznovelle, welche die preußische Regierung im Jahre 1897 dem Landtage vorlegte, auch das Zugeständnis des unbeschränkten Verkehrs politischer Vereine untereinander, aber die Vorlage war mit so manchem Beiwerk versehen, das nicht die Zustimmung des Landtags fand und die ganzeNovelle scheitern ließ. Seitdem hatman nichts wieder davon gehört, daß die preußische Regierung die Sache aus der Luft schaffen wolle, und ein im Reichstag angenommener Antrag auf reichsgesetzliche Regelung dieser Angelegenheit ist im Bundesrat verloren gegangen.
Aber das Bürgerliche Gesetzbuch tritt mit dem 1. Januar in Kraft, und bis dahin mußte unbedingt eine Einlösung des vom Reichskanzler gegebenen Versprechens erfolgt sein. Da kam der nationalliberale Antrag, welcher am Mittwoch im Reichstag zur Verhandlung stand und -durch welchen alle landesgesetzlichen Bestimmungen, die der Verbindung politischer Vereine entgegenstehen, aufgehoben werden sollen, der Regierung wohl ganz gelegen, und der Reichskanzler gab vor der Beratung des Antrages die Erklärung ab, daß die verbündeten Regierungen jetzt bereit seien, einem solchen Beschlüsse des Reichstages zuzustimmen. Spät ist freilich die Erkenntnis gekommen, daß dieses Zugeständnis unter allen Umständen gegeben werden mußte, und viel Erregung hätte vermieden werden können, wenn die heutige Erklärung des Reichskanzlers ftüher gekommen wäre, aber
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wohl ebenso unter Glas und Rahmen aufbewahren wird, wie den Theaterzettel des „Weißen Rößl".
* Die boshafte Exzellenz. Am Hofe des Königs Friedrich Wilhelm IV. von Preußen erschien zuweilen bei besonders festlichen Gelegenheiten der General a. D. Hans Edler zu Puttlitz, der Vater des Dichters Gustav zu Puttlitz. Der alte Herr war allgemein gefürchtet wegen seiner sarkastischen Bemerkungen, mit denen er niemand verschonte. Bei einer großen Soiree im königlichen Schloß trat der König, als er Cercle hielt, auch an General Puttlitz heran mit den Worten: „Wie geht es Ihnen, mein lieber Puttlitz?" — „Ich danke Euer Majestät für die gnädige Nachfrage", erwiderte der General, „seitdem aber Euer Majestät hochst- seliger Herr Vater die Gnade gehabt hat, uns die Hälfte von unserem Seniorate einzuziehen, muß ich mich sehr em- schränken." Der König setzte darauf, ohne eine weitere Frage zu thun, seinen Rundgang fort. — Bei Gelegenheit der Vermählung der Prinzessin Stefanie, der ältesten Tochter des Fürsten Karl Anton von Hohenzollern-Sigmaringen, mit dem König Don Luis von Portugal, hatte dieser dem Obersthofzeremonienmeister am preußischen Hof, Freiherrn von Stillfried-Rattowitz, den Titel eines Grafen von Alcantara verliehen. Baron Stillfried erfreute sich keineswegs besonderer Beliebtheit bei der Hofgesellschaft und hatte viele Feinde. Als kurze Zeit nach jener Vermählung der General Puttlitz wieder einmal an einem Fest bei Hof teilnahm, hatte er sich ermüdet in einem Fauteuil niedergelassen, wozu er ein für allemal wegen seines hohen Alters vom König besonders die Erlaubnis erhalten. Gleich darauf trat der Obersthofzeremonienmeister heran, um ihn zu begrüßen. Der General begann sofort mit den Augen zu blinzeln, als ob er Nicht deutlich sehen könne, was er stets zu thun pflegte, wenn er Jemand mit einer malitiöseu Bemerkung beglücken wollte. Nach
Ke hener Anzeiger
Keneral-Anzeiger
kurzer, außerordentlich höflicher Unterhaltung fragte Puttlitz in artigem Tone: „Mit wem habe ich denn die Ehre?" — „Ich bin der Graf von Alcantara, Exzellenz", lautete die Antwort. — „Ach! das freut mich sehr, mein lieber Herr Graf," erwiderte der General unter lebhaftem Augenblinzeln, „nach der Stimme zu urteilen glaubte ich anfänglich, es sei der alte eilige Siegfried!" Man kann sich
leicht das verblüffte Gesicht vorstellen, das der Herr Ober- hofzermonienmeister machte, während die Umstehenden nur mit Mühe ein lautes Gelächter unterdrücken konnten. — Bei einem der Minister war großer Ball, zu dem auch Exzellenz von Puttlitz geladen war. Als der alte Herr tm Empfangssalon erschien, eilte ihm die Gemahlin^ de» Ministers entgegen, um den seltenen Gast zu begrüßen. Die Dame liebte es, in auffallend jugendlicher Toilette bei derartigen Festlichkeiten zu erscheinen, obschon sie bereits zwei erwachsene Töchter besaß. Noch bevor sie den General willkommen heißen konnte, sagte dieser mit de«, ominösen Augenblinzeln: „Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, mein gnädiges Fräulein, mir altem Manne so wett entgegenzukommen, nur bitte ich Sie aber auch, die Güte haben zu wollen, mich zu Ihrer Frau Mutter zu führen." — „Aber Exzellenz", rief die Dame des Hauses, halb geschmeichelt, halb besorgt aus, „erkennen Sie mich denn nicht?" — „Ach ich bitte tausendmal um Verzeihung, meine verehrteste Exzellenz, aber meine armen Augen haben mich wieder einmal zu einem Irrtum verleitet; nach Ihrer Toillete hatte ich Sie für Ihr jüngstes Töchterchen gehalten?"
• Ein Duzfreund Napoleons HL In der „(Strasburger Post" waren unlängst Erinnerungen an den Putsch von Straßburg mitgeteilt worden. Mit Bezug darauf wirb dem Blatte jetzt geschrieben: „Die Geschichte von der Festnahme:
* „Im weißen Rößl". Vor Jahresfrist wurde berichtet, daß die schmucke Wirtin vom „Weißen Rößl" ,n Laufen bei Ischl, dem Sommermusenheim Oskar Blumenthals, der sich dort ein kleines Schlößchen (oder, wie der Theatervolkswitz behauptet, eine Kadel Burg) erbaut hat, das Urbild der „Frau Josefa" darstelle. Jetzt schreibt man hierzu weiter: In das alleweil fidele „Rößl"-Haus m Lausen, aus dem so viel sonnige Fröhlichkeit in die wette Welt gelangte, war im Herbst des Vorjahres Trauer eingezogen. Der Mann mit dem Stundenglas hatte den wackeren „Rößl"- Wirt, Mathias Aigner mit sich genommen, und nach kurzer Ehe war Frau Josefa, d. h. Frau Marie Aigner, Wittwe. Das war Ende September 1898. Als ich wrederkam . . . war Frau Aigner wieder verheiratet! Das geschah vor zwei Tagen. Lesen Sie selbst:
Marie Seerainer,
| verw. Aigner,
Wirtin vom „Weißen Rößl", Hans Seerainer, k. k. Postmeister.
Vermählte.
Lausen bei Ischl, 27. November 1899. Die glücklichen Schwankdichter werden gewiß, wenn sie mit diesen Zeilen von der Wiedervermählung der „Rößl"-Wirtm Nachricht erhalten, nicht verfehlen, der Frau k. k. Post- meisterin ein Glück wuuschbrieflein zu senden, das sie dann
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