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ALr. 159 Zweites Blatt Sonntag den 9 Zuli 1899
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PaMsche Mochenschm.
Endlich ist in unserer inneren Politik eine gewisse Ruhe eingetreten, und alle Anzeichen sprechen dafür, daß, wenn wirklich Veränderungen in den leitenden Regierungsstellen des Reichs und Preußens vorgenommen werden sollen, diese Maßnahme auf später verschoben worden ist. Der Kaiser hat seine Nordlandsreise angetreten, der Reichskanzler, die Minister und Staatssekretäre suchen Erholung von den Strapazen der Winterkampagne, nachdem der preußische Landtag sich auf unbestimmte Zeit vertagt hat. Kanalgesetz und Zuchthausvorlage haben für einige Wochen aufgehört, die Gemüter zu beunruhigen, höchstens die Fälschung des Reichstagsstenogramms macht noch einzelne Köpfe warm. Die Thronfolge in Koburg-Gotha ist geregelt worden, so daß auch dieses Thema aus der öffentlichen Erörterung verschwinden wird. Bemerkenswert ist der Besuch, welchen der deutsche Kaiser in Bergen dem französischen Schulschiffe „Iphigenie" abgestattet hat; er legt ein Zeugnis dafür ab, daß die Gemüter mehr und mehr ausgeföhnt werden, und läßt einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft thun.
Die Ausstandsbewegung im Bochumer Grubenrevier ist in der Abnahme begriffen. Ruhestörungen scheinen nicht mehr befürchtet zu werden, da das requirierte Militär bereits wieder zurückgezogen wird.
Im Auslande sah es während der letzten Woche noch immer recht bewegt aus. Von offiziöser Seite wird freilich berichtet, daß die Unruhen in Spanien ihr Ende erreicht haben, jedoch besagen Privatnachrichten, daß es an verschiedenen Stellen des schönen Landes noch immer gährt, daß Tumulte an der Tagesordnung sind, die fortgesetzt das Einschreiten von Polizei und Militär erforderlich machen. Ministerpräsident Silvela scheint fest entschlossen zu sein, bezüglich der neuen Steuern seinen Willen durchzusetzen und -selbst vor der zeitweiligen Aufhebung der konstitutionellen Garantie nicht zurückzuschrecken.
Mit einer Einschränkung der verfassungsmäßigen Rechte versucht man es auch in Italien. Das betreffende königliche Dekret hat aber solche Aufregung hervorgerufen, daß es bekanntlich zu Prügelszenen in der Kammer kam. Eine Berechtigung zur Unzufriedenheit hat das italienische Volk insofern, als die seit langen Jahren versprochenen, so dringend notwendigen wirtschaftlichen Reformen von der Regierung nicht durchgeführt werden, mag nun Crispi, Ru- dini, Giolitti oder Pelloux an der Spitze des Kabinetts stehen.
Was es auf sich hat, wenn die Volksrechte verkümmert werden sollen, das hat die Regierung des Königreichs Belgien neuerdings wieder erfahren. Die Wahlgesetzvorlage dürfte kaum noch zur Erörterung gelangen, da sich der Widerstand gegen dieselbe als ein so nachhaltiger erwiesen hat. Man nimmt an, daß das Kabinett van der Peereboom in allernächster Zeit von der Bildfläche verschwinden werde.
Feuilleton.
Mseöriefe für den „Hießener Anzeiger".
(Nachdruck verboten.)
I.
Ein Vormittag im Glaspalast zu München.
E. Harmonisch und vornehm wie immer, ist auch in diesem Jahre das Ausstellungsarrangement im Glaspalast geraten. In der Fülle des Gebotenen kann sich der Beschauer noch immer Ueberblick und Aufnahmefähigkeit wahren. Die Kunstwerke sind derart gehängt und aufgestellt, daß man sich nicht im „Magazin" zu befinden glaubt, sondern eher in einem Palais, dessen größere und kleinere Säle mit Bildern, Handzeichnungen, Statuen, Vasen rc. geschmackvoll belebt und dekoriert sind.
Durch die ganze Art der Anordnung bietet eigentlich jeder Raum den Anblick eines stimmungsvollen Interieurs. Aber mit der Ausstellung der Werke der hohen, idealen Kunst ist auch eine Flucht von Gemächern verbunden worden, in welchen die angewandte Kunst zu ihrem Recht kommt, und die an und für sich klein-archikektonisch-dekorative „Gedichte" zu nennen sind. In diesem „arabischen" Zimmer mit seiner Anwendung des Schriftornaments, des Stalaktitengewölbes, des Hufeisenbogens, dem graziösen und doch garnicht weichlichen „Boudoir" mit seinem plätschernden Brunnen, dem gediegenen „Bibliothek- und Musikzimmer", bcm „Billardzimmer", in welchem die satten Töne des Blau und Rotbraun vorherrschen, — kann sich nicht der
Von der Balkanhalbinsel liegen einzelne interessante Meldungen vor: In Bulgarien sollte eine Revolution ausgebrochen und Fürst Ferdinand verjagt worden sein. Diese Nachricht hat sich zwar nicht bestätigt, daß sie aber überhaupt auftauchen und Glauben finden konnte, spricht deutlich für die Ansicht, die man allgemein von der Situation in Bulgarien hat. Die zweite Meldung besagt, daß auf den Senior der Dynastie Obrenowitsch, auf den Exkönig Milan ein Attentat verübt worden ist, wobei derselbe eine leichte Verletzung davontrug. Ob der Anschlag aus politischen oder persönlichen Gründen geschah, ist noch nicht festgestellt; jedenfalls aber treiben auch die Zustände in Serbien mehr und mehr einer Katastrophe zu.
Aus Frankreich liegen keine bemerkenswerten Nachrichten vor, nachdem das Parlament geschlossen worden ist, auch über die Dreyfusaffaire ist nichts neues zu berichten.
(xx)
Hessischer Landtag.
Zweite Kammer der Stände.
nn. Darmstadt, 7. Juli 1899.
Die Sitzung wird um */210 Uhr eröffnet. Am Ministertisch Staatsminister Rothe, Ministerialrat Braun und Dr. Breidert.
Zur Tagesordnung übergehend gelangt der Gesetz- Entwurf die Abänderung des Gesetzes vom 15. Oktober 1890, die Errichtung einer Landeskredit lasse, zur Beratung. Die Regierung hat eine Vorlage wegen der Verhältnisse der Landeskreditkasse gemacht, nach welcher durch das Sinken des Kurswertes der Staatsschuldbriefe dem Staat schwere Verluste drohen, wenn die gesetzlichen Bestimmungen aufrecht erhalten werden sollen. Bekanntlich beträgt der Zinsfuß für Darlehen aus der Landeskreditkasse 3y2 Prozent, während der Kurswert der 3*/2 prozentigen Schuldbriefe bis 3x/2 Prozent unter pari gesunken ist. Zwei Mittel sind vorgeschlagen, um diesem drohenden Verlust abzuhelfen, entweder den Zinsfuß zu erhöhen oder den Kursverlust auf den Anleiher abzuwälzen. Die Regierung hat in ihrer Vorlage den letzteren Weg vorgeschlagen. Demgemäß hat der Ausschuß beantragt, den Zinsfuß für Darlehen auf 4 Prozent bis auf weiteres festzusetzen und dem Art. 17a folgende Fassung zu geben: „Die Leistung des Darlehens erfolgt nach Wahl der Landeskreditkasse entweder in barem Gelde oder durch Auslieferung von Schuldverschreibungen nach Art. 16 im Nennwerte des Darlehens oder durch Barzahlung des Wertes nach dem jeweiligen Kurswerte. Bezüglich der jährlichen Tilgung und Höhe des Zinsfußes gelten die Vorschriften des Art. 9. Die Zinsen und Tilgungsbeträge sind nach dem Nennwert des Anlehens zu berechnen. — Ministerialrat Braun stellt fest, daß bei dieser Frage nur die Landgemeinden in Betracht
erste beste Geldprotz, nur ein Mensch von geläutertem Kunstgeschmack wohl fühlen.
Bei den Gemälden im Glaspalast wird man weder an den „Naturalismus", noch an den „Symbolismus" — diese stärksten Strömungen in der Kunst des letzten Jahrzehnts — ausgesprochen erinnert. Aber ebensowenig scheint es am Platze, die Maler und Bildhauer, die hier ausgestellt haben, kurzweg als die „Alten", die „Unmodernen" zu bezeichnen.
Landschaft und Porträt z. B. stehen auf einer Stufe der Vollendung, um derentwillen allein schon unser Zeitalter noch eine Epoche der Kunst heißen darf. Möglich, daß das 19. Jahrhundert die großen Bildniskünstler der Renaissance nicht erreicht hat, dafür aber hat es in der Landschaft Erfolge aufzuweisen, die man früher kaum geahnt.
Aufgefallen ist uns, daß man jetzt auch wieder dem Inhalt des Bildes seitens der Maler selbst ein größeres Jntereffe zuwendet. Einige Jahre galt das für nebensächlich. Als ob der Wert des rein Malerischen nicht auch mit der stofflichen Teilnahme verbunden werden könnte!
Gerade jetzt giebt es im „Glaspalast" eine Menge von Bildern, bei welchen sich etwas „denken", ja, eine ganze Geschichte erzählen läßt, ohne daß dies ihrem rein künstlerischen Charakter irgendwelchen Abbruch thäte.
Auf unserer Wanderung stoßen uns da zunächst einige große Gruppenbilder auf, wie des Spaniers Carnelo y Alda Komposition von „Lourdes", ein lebensprühendes, farbenreiches Gemälde, durch welches man sich sofort zur
kämen. Eine allzu große Belastung der Kaffe sei allerdings zu vermeiden, da gerade in letzter Zeit die Gemeinden für Ausführung von Wasserleitungen mit bedeutenden Forderungen an dieselbe herangetreten seien. Beispielsweise bearbeite die Kulturinspektion Mainz 22 und Darmstadt 17 Wasserversorgungsprojekte. Nach Möglichkeit werde den Wünschen der Gesuchsteller entsprochen, doch sei es seiner Ansicht nach empfehlenswert und zu erwägen, den Zinsfuß auf 4 Prozent zu erhöhen. — Abg. Haas-Offenbach betont, daß es nicht notwendig erscheine, daß der Staat 4 Prozent Zinsen erhebe. Die Vergünstigung, daß der Darleiher bares Geld oder Papiere nehmen könne, sei auf den kleinen Mann nicht anwendbar. Das hohe Ziel der Landeskreditkasfe sei doch, die Entschuldung unserer Landwirte herbeizuführen, und decke sich durch Herbeiführung billigster und unkündbarer Kredite und möglichst angenehme Amortisation. Diese Vorteile durch einen hohen Zinsfuß wieder zu schmälern, werde abschreckend wirken und das hohe Ziel der Kasse bedenklich gefährden. Die preußische Centralgenossenschaftskasse als Muster hinzustellen, sei nicht stichhaltig, da hier ein Bankinstitut in Betracht komme, das mit seinen Bestimmungen jederzeit wechseln könne. — Abg. Möllinger, als Berichterstatter des Ausschusses, zieht hierauf unter dem Beifall des Hauses den Antrag I auf Erhöhung des Zinsfußes auf 4 Prozent zurück. — Abg. Ulrich giebt dem Hause zu bedenken, daß die der Kreditkasse zur Verfügung stehenden 10 Millionen Mark sehr stark in Anspruch genommen seien. Werde man mit neuen Forderungen hervortreten, so müsse dies eigentümlich wirken. Nach der Lage des heutigen Geldmarktes habe man alle Ursache, dafür zu sorgen, daß Zinsverluste vermieden würden. — Abg. Graf Orio la freut sich, daß Ministerialrat Braun sich auch der älteren Darlehnsnehmer erinnert habe, denen die gleichen Vorteile geboten werden sollten, wie sie jetzt vorgesehen sind. Die Regierung möge auf dieser Basis weiter arbeiten. — Abg. Pitthan beantragt, daß bei früheren Amortisationen die Rückzahlung auch mit hessischen Staatspapieren al pari erfolgen könne. — Nachdem Ministerialrat Braun den Nachweis der Unmöglichkeit der Durchführung dieses Antrages erbracht hat, zieht Abg. Pitthan seinen Antrag zurück. — Bei der Abstimmung wird hierauf der LI. Teil des Antrags des Ausschusses einstimmig angenommen. — Zur Beratung der Regierungs-Vorlage die Gewährung eines Darlehens zur Erhöhung der Gehalte der Geist- l ich en übergehend, betont Staatsminifier Rothe, daß sich wohl niemand in der Kammer der Einsicht der Notwendigkeit der Gehalts-Aufbesserung der Geistlichen entziehen könne. Der Kirche sei es aber nicht möglich, in der Kürze der Zeit, sich in diesem Punkte selbst zu halten. Es handele sich hier nur um eine Vorlage und nicht um eine Bewilligung. Er ersucht das Haus, der Vorlage zuzustimmen, weil es damit einen Akt der Gerechtigkeit und Billigkeit begehen werde.— Abg. Möllinger begründet namens der Mehrheit des
Lektüre einiger Kapitel des gleichnamigen Zola'schen Romans angeregt fühlen dürfte.
Einfacher behandelt, weil ja auch nur eine Menschen- klasse, nicht alle Schichten der Gesellschaft vorführend, ist Peter Baumgartners „Erhörter Bittgang". Während der Zug noch geht und den segnenden Regen auf das dürre Land herabfleht, wetterleuchtet es bereits von ferne, und die großen, baumwollenen Schirme müssen aufgespannt werden.
Auf Anton v. Werners Gemälde „Kaiser Wilhelms I. letzte Augenblicke" liegt, abgesehen von der Porträtähnlichkeit, die allen Figuren gegeben ist, etwas von dem klaren, stramm disziplinierten Geist, der Preußen und seine Könige an die Spitze von Deutschland hob.
Novellistisches Interesse, sogar recht krasser Art, bietet das Bild „Der Räuber der Lüfte" von Mathias Schmid, wo eine junge Mutter aus dem Gebirge, thatenlos und vor Schmerz fast gelähmt, zuschauen muß, wie ein Raubvogel ihr kleines Kind entführt.
Harmloserer Natur ist „Der Eifersüchtige" von Franz Defregger, wo der Bursch seinem Mädel, das offenbar kein ganz gutes Gewissen hat, die heftigsten Vorwürfe zu machen scheint. Der Gegenstand seiner Eifersucht befindet sich wohl in der angrenzenden Wirtsstube, in welche dem Beschauer der Blick frei gegeben ist.
Defregger macht noch immer Schule. Entweder führt man seine Art ins Herbere oder mildere hinüber. Ersteres ist der Fall bei den „Falschspielern" von Otto Seitz, wo alles auf die Katastrophe einer Dorstragödie


