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9.7.1899 Erstes Blatt
 
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riete die Hebamme an, daß das Tier sofort aus dem Schlaf­raume entfernt werden sollte. Dies ist jedoch leider nicht geschehen. Als dieser Tage die Mutter durch eigentümliche Töne aus dem Schlafe geweckt wurde und sofort nach ihren Kleinen sah, bot sich ihr ein entsetzlicher Anblick dar. In dem Kinderkorbe saß die Katze und hatte das eine Kind bereits erdrückt, während sie dem anderen das linke Händchen und die Nase vollständig abgenagt und auch noch ein Stück aus dem Aermchen herausgebissen hatte. Das bedauerns­werte Geschöpf starb bald darauf an diesen Verletzungen. Dieser Fall mahnt von neuem zur Vorsicht für Eltern und diejenigen, denen Kinder anvertraut sind.

Selbstfahrer im französischen Heere. Zum ersten Mal sind die Reservisten gewisser Abteilungen benachrichtigt worden, daß diejenigen, welche eine Selbstfahrmaschine (zu zwei oder mehr Plätzen) oder einen Erdölselbstfahrer besitzen und die damit einverstanden sind, ihre Maschinen zu den großen Manövern mitzubringen, dem Gendarmeriemajor, von dem ihre Gemeinde abhängt, eine beglaubigte Erklärung zukommen lassen sollen, worin sie bescheinigen, daß sie ihre Maschine gut zu führen wissen und daß sie dieselbe zu den Manövern mitbringen wollen. Die Selbstfahrer sollen für den Nachrichtendienst zwischen den verschiedenen Quartieren Verwendung finden.

* Von der Schmeckfähigkeit unserer Zunge dürften die wenigsten eine richtige Vorstellung besitzen. Man ist nämlich sehr im Irrtum, wenn man glaubt, daß die ganze Zunge gleichmäßig für die verschiedenen Geschmacksreize empfänglich ist. Es ist damit nicht gemeint, daß sich irgend ein Gebil­deter darüber in Unkenntnis befände, daß der Geschmackssinn eigentlich nur in den Zungenwärzchen, in die die Enden der Geschmacksnerven verlaufen, seinen Sitz hat, aber diese Zungenwärzchen selbst haben gar nicht die gleichen Fähig­keiten aufzuweisen. Schon vor einiger Zeit hat Oehrwall die wichtige Thatsache ermittelt, daß von den vier gewöhnlich unterschiedenen Geschmäcken sit venia verbo des Süßen, Sauren, Bittern und Salzigen nicht alle von allen Zungenwärzchen wahrgenommen werden. Oehrwall hatte die Versuche, die ihn zu diesem Schlüsse führten, an sich selbst vorgenommen, und dabei konnte natürlich nicht eine so objektive Vorsicht beobachtet werden, als wenn eine zweite Person zum Versuch herangezogen wird. Aus diesem Grunde hat kürzlich Herr Kiesow die Experimente einer Nachprüfung unterzogen, und zwar in der Weise, daß die Versuchsperson nicht wußte, was für ein Stoff auf die Zunge gebracht wurde. Kiesow benutzte als Vertreter der vier verschiedenen Geschmacksreize Rohrzucker, Salzsäure, schwefelsaures Chinin und Kochsalz. Diese Stoffe brachte er in, einer gewissen Reihenfolge auf die einzelnen Zungenwärzchen der Versuchs­person und stellte fest, ob die richtige Geschmacksempfindung entstand oder nicht. Im ganzen wurden 39 von den Wärzchen einzeln untersucht, und es ergab sich zunächst, daß 4 davon merkwürdigerweise überhaupt auf keinen der zur Prüfung verwandten Stoffe reagierten. Von den übrigen 35 wurden das Kochsalz von 31, der Zucker ebenfalls von 31, die Säure von 29 und das Chinin von 21 Wärzchengeschmeckt". Danach wären 4 gegen Kochsalz, ebenso viele gegen Zucker, 6 gegen Säure und 14 gegen Bitterkeit unempfindlich. Man sieht, wie gnädig die Natur es mit dem Menschen gemeint hat, daß sie ihn für das Saure und noch mehr für das Bittere im Leben unempfindlicher machte als für das Süße und Salzige.

Auszug aus den Standesamtsregistern der Stadt Meßen.

Aufgebote.

Juli: 3. Eduard Rudolph Angerstein, Kaufmann zu Hagen, mit Luise Friederike Brandenburg Witwe, geb. Wille, daselbst. 3. Wilhelm Schneider, König!. Förster zu Krofdorf, mit Auguste Agnes Minna Specht Hierselbst. 5. Ludwig Schmidt, Kaufmann hterselbst, mit Emilie Flender dahier.

Eheschließungen.

Juli: 1. Ferdinand Aff, Friseur dahier, mit Amalie Hahn von Gladenbach. 1. Heinrch Schltffer, Hetzer dahier, mit Elisabeth Katharine Huhn hterselbst. 1. Johann Georg Heinrich Karl Schmidt, Fuhrknecht dahier, mit Margarethe Maus hterselbst.

Geborene.

Juni: 25. Dem Gymnasiallehrer Dr. Conrad Neßling ein Sohn. 25. Dem Taglöhner Heinrich MalkemuS ein Sohn. 27. Dem Bahoarbetter Wilhelm Gelsebach ein Sohn, Wilhelm Heinrich. 29. Dem Chaussterer Friedrich Benner II. eine Tochter. 29. Dem Anatomie-Diener Friedlich Belloff eine Tochter, Marie Katharine Margarethe. Juli: 1. Dem Taglöbner Adam Schröder eine Tochter, Anna Katharine Margarethe. 2. Dem Lackierer Heinrich Ruhl ein Sobn. 2. Dem Lokomotivheizer Wilhelm Müller eine Tochter. 3. Dem Küfermeister Wilhelm Kohlermann II. eine Tochter. 4. Dem Gastwirt Johannes Seibel ein Sobn. 4. Dem Schutzmann Karl H«as ein Sohn, Christian Karl. 4. Dem Schlaffer Wilhelm Kahn eine Tochter, Johannette Marie Karoline.

Gestorbene.

Juni: 29. Georg Jöckel, 21 Jahre alt, Fuhrmann und Land­wirt von Grünberg, Kreis Gießen. Juli: 2. Marte Schindler, 9 Jahre alt, Tochter von Lokomotivführer Hermann Schindler dahier. 2. Karl Vtehmann, 4*/e Jahre alt, Sohn von Bergmann Wilhelm Diehmann zu Großen-Ltnden. 3. Susanne Schudt, geb. Brückmann, 70 Jahre alt, dahier, Witwe von Müller Ludwig Schudt. 3. Karl Lauer, 14 Jahre alt, Kaufmannslehrltng dahier. 3. Christian Schwarz, geb. Hisserich, 54',» Jahre alt, Witwe von Landwirt Ludwig Schwarz II. zu Mainzlar. 4. Wilhelm Karl Daniel Lenz, 1 Monat alt, Sohn von Schriftsetzer Wilhelm Lenz dahier. 4. Konrad Stammel, 64 Jahre alt, Bremser dahier. 6. Elise Berck, geb. Appel, 53 Jahre alt, Witwe des Pfarrers Bernhard Berck dahier. 6. Katharine Appel, geb. Trost, 58Vs Jahre alt, Ehefrau von Landwirt Carl Appel zu Braunfels. 6. Franz Karl Sommer, 84 Jahre alt, Maurer von FriedrtchSthal bei Ustnaen._____________________________________

Auszug aus den Kirchenbüchern der Stadt Gießen.

Evangelische Gemeinde.

Getraute.

Markusgemeinde.

Den 2. Juli. Ferdinand Aff, Friseur zu Gießen, und Amalie Hahn, Tochter von Monteur Heinrich Hahn zu Gladenbach.

JohanneSgemetnde.

Den 1. Juli. Johann Georg Heinrich Carl Schmidt, Fuhr­knecht zu Gießen, und Margarethe Maus, Tochter des verstorbenen Maurers Heinrich Maus VIII. zu Deckenbach.

Den 2. Juli. Heinrich Schltffer, Heizer zu Gießen, und Elisabeth Katharine; Huhn, Tochter des verstorbenen SetlermeisterS Ludwig Huhn zu Gießen.

Getaufte.

MatthSusgemeinde.

Den 2. Juli. Dem Taglöhner Philipp Schmidt eine Tochter, Emma Karoline Elisabethe, geboren den 16. Mai.

Denselben. Dem GerichtSdiener-Substitut Ludwig Waldschmidt ein Sohn, Otto Heinrich Ludwig Kaspar, geboren den 1. Mat.

MarkuSgemetnde.

Den 2. Juli. Dem Straßenwart Ludwig Kreiling eine Tochter, Ella, geboren den 11. Juni.

Denselben. Dem Fuhrmann Georg Prinz ein Sohn, August, geboren den 25. Mai.

Den 3. Juli. Dem Fuhrmann Johannes Ruth eine Tochter, Margarethe Elise, geboren den 8. Mai.

LukaSgemeinde.

Den 2. Juli. Dem Postschaffner Louis Rühl ein Sohn, Hugo Carl Ludwig, geboren den 30. April.

Denselben. Dem Bahnarbetter Konrad Eller eine Tochter, Frieda Käthe Marie, geboren den 4. Juni.

JohanneSgemetnde.

Dm 2. Juli. Dem Taglöhner Carl Strack eine Tochter, Margaretha Bertha Frieda, geboren den 7. Juni.

Denselben. Dem Bildhauer Martin Philipp Schmal! eine Tochter, Ottilie Marte, geboren den 3. Mai.

Denselben. Dem Schlaffer Wilhelm Löffert eine Tochter, Antonie Marie, geboren den 4. Juni.

Denselben. Dem Kaufmann August Kröll ein Sohn, August Paul Georg, geboren den 27. Mai.

Den 3. Juli. Dem Mustklehrer Peter Volk eine Tochter, Margarethe, geboren den 22. Mai.

Beerdigte. MarkuSgemetnde.

Dm 5. Juli. Susanne Schudt, geb. Brückmann, Witwe de8 verstorbenen Müllers Ludwig Schudt, 70 Jahre alt, starb den 3. Juli.

LukaSgemeinde.

Dm 5. Juli. Marie Schindler, Tochter des Lokomotivführers Hermann Schindler, 9 Jahre alt, starb den 2. Juli.

Denselben. Karl Lauer, Sohn des Lokomotivführers Andreas Lauer, 13 Jahre alt, starb den 3. Juli.

Schisssnachrichten

Norddeutscher Lloyd, in Gießen vertreten durch die Agenten Carl Loos und I. M. Schulhof.

Bremen, 7. Juli. (Per transatlantischen Telegraph.) Der Schnellpostdmnpfer Lahn, Capitän C. Pohle, vom Norddmtschen Lloyd in Bremen, ist gestern 2 Uhr morgens wohlbehalten in Newyork angekommm.

Temperatur der Lahn und Lust nach Reaumur gemessen am 8. Juli, zwischen 11 u. 12 Uhr mittags: Wasser 13°, Lust 16°.

Rübsamen'sche Badeanstalt.

Neueste Meldungen.

Depeschen des BureauHerold".

Berlin, 8. Juli. Wie aus Gravenstein gemeldet wird, langte die Kaiserin gestern daselbst in einem Ruderboote an, und begab sich zu Fuß nach dem Schloß. Abends fand zu Ehren des Prinzen Eitel Fritz ein Zapfenstreich des Bataillons der 86er statt, das in Gravenstein ein­quartiert ist.

Berlin, 8. Juli. Wie aus Bergen gemeldet wird, fand beim Fürsten von Monaco ein großes Diner statt, an welchem der Kaiser sowie die Kommandanten des fran­zösischen Schulschiffes Iphigenie und der deutschen Schiffe theilnahmen. Das Musik-Korps der Hohenzollern hatte die Tischmusik übernommen.

Wien, 8. Juli. Auf eine Anfrage wegen der vor­gestrigen Straßenkundgebungen erklärte Bürger­meister Lueger gestern im Gemeinderat, er habe nicht alle Arbeiter Buben genannt, sondern nur jene, die es verdienten. Er ziehe auch seinen Ausdruck nicht zurück. Die gegnerische Presse habe seine Worte zu Parteizwecken verallgemeinert. Die Polizei habe vorgestern nur ihre Pflicht gethan und werde diese hoffentlich auch später thun.

Wien, 8. Juli. Die hiesige Presse bespricht den Besuch des deutschen Kaisers auf dem französischen Schulschiff Iphigenie sehr sympathisch und giebt der Hoffnung Aus­druck, daß der Dcpeschen-Wechsel zwischen Kaiser Wilhelm und dem Präsidenten Loubet zweifellos bei allen ver­nünftigen Franzosen ein freundliches Echo finden werde.

Rom, 8. Juli. Der Nizzaer italienische Konsul Simon- detti riet dem General Giletta, weder zu appellieren, noch eine Strafherabsetzung zu verlangen, sondern das Resultat der zwischen Rom und Paris in seiner Angelegen­heit schwebenden Unterhandlungen abzuwarten. Seine baldige Begnadigung gilt für sicher. Angeblich hat das hiesige Auswärtige Amt gestern die betreffende Nachricht vom Botschafter in Paris erhalten.

Brüffel, 8. Juli. Der König hatte gestern abend mit dem Kabinettschef Vandenpeereboom eine zweistündige Konferenz über die Politische Lage. Der Monarch be­steht nachdrücklich darauf, dem Parlament ein neues Wahl­gesetz vorzulegen. Im klerikalen Lager herrscht hierüber eine große Verwirrung. Der Führer der äußersten Rechten, Woeste, bekämpft offen die Regierung und strebt den Sturz derselben an. Erfolgt dieser, so hat nur ein liberales Kabinett Aussicht, wieder geordnete Zustände zu schaffen.

Brüffel, 8. Juli. Die katholischen Mitglieder des 15er Ausschusses versuchten die Einigkeit der Opposition in der Angelegenheit der Wahlfrage dadurch zu brechen, daß sie einzelnen liberalen Mitgliedern den Vorschlag machten, sich dem Plane Vöste's anzuschließen, und dadurch eine Verständigung der Katholiken, Konservativen und Libe­ralen zu erzielen.

Paris, 8. Juli. In revisionistischen Kreisen wird der Besuch Kaiser Wilhelms an Bord derIphigenie" lebhaft besprochen, und nicht nur als der Ausdruck offener Freundschaft des Kaisers für Frankreich ausgelegt, sondern man glaubt, der Kaiser verfolge den Zweck, zu Beginn des Dreyfus-Prozesses Frankreich zu zeigen, daß die ruhige Ab­wickelung des Prozesses durch ihn, den Kaiser, nicht beein­flußt werden wird.

Paris, 8. Juli. Nach Meldungen aus Brest ist der Regierungs-Kommissar Carriöre der Ansicht, daß die Ver­handlungen des neuen Dreyfus-Prozesses vor dem 10. August nicht beginnen werden. Es sind vormittags und nachmittags je drei Stunden in Aussicht genommen. Der ehemalige Kolonieenminister Guillain gesteht zu, daß Dreyfus alles von ihm beschriebene Papier ausliefern mußte, wenn er unbeschriebenes Papier haben wollte. Von einer Entziehung der Milch und einer Vorenthaltung der Korrespondenz wisse er nichts. Labori erklärte gestern Car­riöre, Dreyfus bestehe auf der Vernehmung der von Beau- repaire vorgeführten Zeugen. Wenn Carriöre dies ablehnen würde, würde die Verteidigung deren Vernehmung bean­tragen.

Paris, 8. Juli. Die Absetzung Zurlindens er­folgt, um Kundgebungen bei der Revue zum Nationalfest vorzubeugen. Die Nationalisten bereiten ein Protest-Mani­fest vor.

Paris, 8. Juli. An der Juli- Revue sollen die von Marchand nach Frankreich gebrachten Senegalesen teil­nehmen, keineswegs aber die Offiziere der Marchand'schen Mission in corpore. Diese Mission ist aufgelöst, und die übrigen Offiziere sind in ihre Regimenter eingereiht.

Belgrad, 8. Juli. Der abends von der Bürgerschaft arrangierte Fackelzug nahm einen glänzenden Verlauf. Ungeheure Menschenmassen brachten dem Könige vor dem Palais große Ovationen dar.

Belgrad, 8. Juli. Die Polizei stellte fest, daß die Kapitänswitwe Salits mit dem Attentäter kürzlich mehr­stündige Unterredungen im Hotel Makedonien gehabt habe, wo derselbe acht Tage wohnte.

Belgrad, 8. Juli. Beim gestrigen Empfang des diplomatischen Korps sprach der Doyon Baron Waecker- Gotter die Glückwünsche aller Diplomaten aus, worauf König Milan mit bewegten Worten dankte.

Belgrad, 8. Juli. Der Gemeinderat hielt gestern eine außerordentliche Sitzung ab. Er hat einstimmig eine Tages­ordnung angenommen, in welcher er das vorgestrige Atten­tat gegen Milan bedauert, und zwar im Namen der gesamten Bevölkerung, welche das von den Radikalen ge­plante Attentat ebenfalls mißbilligt.

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