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9.7.1899 Erstes Blatt
 
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Nr. 159 Erstes Blatt. Sonntag den 9. Jul.IS»»

Meßmer Anzeiger

Keneral-Anzeiger

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Amtlicher Ml.

Bekanntmachung.

Nachdem die Maul- und Klauenseuche unter der ge­sperrten Schafherde in Gemarkung Hof Albach erloschen ist, heben wir hiermit alle angeordneten Sperrmaßregeln wieder auf.

Gießen, den 8. Juli 1899.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Bechtold.

Bekanntmachung,

betreffend: Vorträge über Obstbau.

Der Obstbautechniker des Oberhessischen Obstbauvereins, Herr Metz aus Friedberg, beabsichtigt, an den bezeichneten Tagen die nachstehend angeführten Orte des Kreises Gießen zu besuchen, und daselbst Vorträge über Obstbau, sowie praktische Unterweisungen an Obstbäumen abzuhalten:

Sonntag den 9. Juli in Langsdorf, nachmittags 3 Uhr, Sonntag den 16. Juli in Lich, nachmittags 3 Uhr, Samstag den 22.« Juli in Gießen, vormittags 9 Uhr

und nachmittags 2 Uht, praktische Unterweisung im Sommerschnitt,

Sonntag den 23. Juli in Lollar, nachmittags 3 Uhr. Nach dem Vortrag findet eine Verlosung von Obst­bäumen statt, an welcher die Mitglieder des Vereins aus folgenden Orten teilnehmen können: Mainzlar, Staufenberg, Ruttershausen, Daubringen, Lollar.

Sonntag den 30. Juli in Wieseck, nachmittags 3 Uhr.

Die Herren Bürgermeister erhalten noch besondere Mitteilung. Lebhafte Beteiligung erwünscht.

Gießen, den 6. Juli 1899.

Der Vorsitzende des Vereinsbezirks Gießen.

Frhr. Schenck.

Gefunden: 2 Taschenuhren, 1 goldener Zwicker, 1 goldene Brosche, 1 Loupe, 1 Schirmgriff, 2 einzelne Handschuhe, 1 Taschentuch, 1 Serviette, 1 Gebetbuch, 1 Fahnenquaste, 1 Notenhalter, 1 Säge und 1 Stelze.

Zugelaufen: 1 Jagdhund.

Zugeflogen: 2 Tauben.

Gießen, den 8. Juli 1899.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Muhl.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 7. Juli. Der Kaiser hat wie aus Bergen gemeldet wird, die Offiziere und 60 Kadetten des fran­zösischen Schulschiffes Iphigenie mit den deutschen Kadetten zu einem gemeinsamen Fest auf die Hohenzollern eingeladen.

Berlin, 7. Juli. Der Kaiser hat in einem Telegramm an den Präsidenten Loubet seiner Freude über den Besuch auf der Iphigenie und über die militärische Haltung der französischen Seeleute Ausdruck gegeben. Präsident Loubet dankte dem Kaiser telegraphisch für die den französischen Seeleuten erwiesene Ehre.

Berlin, 7. Juli. Die Verleihung der Grafenwürde an den Staatsminister von Bülow wird heute amtlich publiziert.

Berlin, 7. Juli. Wie dieKreuzzeitung" vernimmt, sind als Verwaltungschefs der neu erworbenen Inseln bestimmt: für die Ost-Karolinen in Ponape der frühere kaiserliche Richter des Bismarck-Archipels, Dr. Stahl, für die West- Karolinen in Aap der Sekretär Senfft, auf den Marschall- Inseln und für die Marianen in Saipan der Assessor Fritz, welcher durch den längeren Aufenthalt in Süd-Amerika der spanischen Sprache völlig mächtig ist.

Berlin, 7. Juli. In Charlottenburg hat heute früh die Gattin des Monteurs von Sulkowski, der gegenwärtig von Berlin abwesend ist, in ihrer Wohnung ihre drei Kinder, zwei Knaben und ein Mädchen und dann sich selbst ge- tötet, indem sie den Kindern und sich mit einem Rassier- wesier die Kehlen durchschnitt. Man glaubt, daß die Frau die That im Wahnsinn verübt hat.

Berlin, 7. Juli. Die Kaiserin trifft in Berchtesgaden am 12. d. M. ein. Am 13. d. M. findet in Berchtesgaden im Gegenwart der Kaiserin die Einweihung der Protestan- lffchen Kirche statt.

Berlin, 7. Juli. Eine Versammlung der extremen anarchistischen Gruppe, welche über:Die Preffe und Agi­tation" beriet, wurde Polizeilich aufgelöst, als der Anarchistenführer Pawlowitsch die Zuchthaus-Vorlage scharf abfällig kritisierte.

Berlin, 7. Juli. Wie aus Kiel gemeldet wird, ist von den beim Bückenbaumanöver bei Missunde erkrankten Pionieren im Schleswiger Lazarett einer gestorben; die übrigen befinden sich in der Befferung.

Berlin, 7. Juli. DemBerl. Tagebl." wird aus Rew- Dork telegraphiert: DerNew-Aork Herald" bespricht in einem aus Washington datierten Bericht die in der Samoa­frage erzielte Uebereinstimmung und bemerkt, daß den Behörden besonders die herzlichen Beziehungen zwischen dem deutschen Kommissar Freiherrn von Sternburg und dem amerikanischen Kommissar Tripp willkommen seien. Diese beiden hätten stets übereinstimmend gehandelt, während der englische Kommissar Elliot bei verschiedenen Gelegenheiten abweichende Ansichten bekundet hätte.

Graf Ballestrem und der Reichstag. Man schreibt derT. R.": Nach der Meldung eines Blattes soll es Graf Ballestrem abgelehnt haben, Anfragen von Mit­gliedern des Reichstages über die Urheberschaft der be­rüchtigten Korrektur zu beantworten, da er alles, was zu sagen ist, bereits in seiner amtlichen Berichtigung festgestellt habe. Danach scheint Graf Ballestrem der Sache keinen Fortgang geben zu wollen. Soweit Graf Ballestrem per­sönlich durch die unbefugte Korrektur gekränkt ist, ist es natürlich ganz seine Sache, wie weit er mit einer höchst bescheidenen Genugthuung zufrieden sein will. Es handelt sich aber bei dieser Angelegenheit keineswegs nur um die persönlichen Interessen des Grafen Ballestrem, sondern um sehr wichtige Interessen des Reichstags. Denn der Reichs­tag in seiner Gesamtheit hat ein Interesse daran, daß die Berichte, wenn man so sagen darf, mit photographischer vielleicht wäre es noch richtiger hier zu sagen pho no­graphischer Treue das Bild der Verhandlungen wieder­geben. Andererseits verlieren die Berichte den Wert ge­schichtlicher Urkunden und die Bedeutung öffentlichen Glaubens, genau in der Weise, wie, um einen Vergleich aus dem Zivilrecht heranzuziehen, Geschäftsbücher ihre Beweiskraft im Prozesse einbüßen, wenn Korrekturen und Radierungen darin vorkommen. Verliert aber die urkundliche Festlegung der Reichstagsverhandlungen an Glaubwürdigkeit, so leidet darunter naturgemäß auch das Ansehen des Reichstags. Denn wenn die Reichstagsreden in dem Augenblicke, in dem sie gehalten worden sind, auch schon Form und Bedeutung verloren haben, so stehen sie nicht über den Festreden beim Stistungsfeste irgend eines Handwerkervereins. Deshalb wird, falls der Präsident des Reichstags in einer sehr merk­würdigen Gutherzigkeit die Angelegenheit als erledigt be­trachten will, der Reichstag nach seinem Wiederzusammen­tritte die vollständige Klarlegung des mit der Fälschung im Zusammenhang stehenden Vorganges verlangen müssen.

M.P C. Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Graf Bülow steht auch während seines Urlaubs, den er auf dem Semmering zubringt, in ununterbrochener Ver­bindung mit dem Auswärtigen Amt. Auch der Reichs­kanzler erledigt während seiner Abwesenheit von Berlin die dringenden Geschäfte. Sobald er einen längeren Auf­enthalt in Wildbad nehmen wird, geht ein Beamter des Auswärtigen Amtes zu seiner Unterstützung dorthin.

M.P.C. Während die Berufsstatistik bereits vollständig abgeschlossen vorliegt, ist von der Gewerbestatistik noch ein Band rückständig. Seinem Erscheinen darf, wie wir erfahren, im Herbst dieses Jahres entgegengesehen werden. Er wird wesentlich die Besprechung des vorausgesandten reichen Tabellenmaterials bringen.

M.P.C. In parlamentarischen Kreisen wird jetzt an­genommen, daß der Mittellandkanal mit einer nicht ganz geringen Mehrheit zur Annahme gelangen dürfte. Es gilt als wahrscheinlich, daß ein Teil der konservativen Partei bei der Abstimmung fehlen werde.

M.P.C. Den Verlauf der weiteren Beratung des Gesetzes zum Schutze der Arbeitswilligen denkt man sich in parlamentarischen Kreisen in der Weise, daß Herr vr. Lieber bei der zweiten Lesung einen umfassenden Kompensationsantrag über die Ausgestaltung des Vereins­und Koalitionsrechtes einbringen wird. Dieser dürfte dann an eine Kommission verwiesen werden.

M.P.C. Sobald die sogenannte Friedenskonferenz ihr Ende erreicht hat, wird wahrscheinlich von deutscher Seite eine umfassende Darstellung der Verhandlungen ver­öffentlicht werden. Daraus wird hervorgehen, daß die

deutsche Regierung zu den verschiedenen Fragen eine ganz klare Stellung eingenommen hat. Wenn von mehreren Seiten auf der Konferenz das Bestreben bekundet wurde, den prinzipiellen Gegensatz, in welchen Deutschland bezüg­lich verschiedener Fragen zu Rußland treten mußte, zu be­nutzen, um auf russischer Seite eine Verstimmung gegen Deutschland hervorzurufen, so darf mit Befriedigung kon­statiert werden, daß dieser Liebe Müh umsonst war.

Karlsruhe, 7. Juli. Die evangelische General- Synode für das Großherzogtum Baden beschloß einstimmig in Form folgender Resolution eine Kundgebung zu der pro­testantischen Bewegung in Oesterreich: Eingedenk, daß unsere evangelische Landeskirche ein Glied ist, der gesamten evan­gelischen Kirche und durchdrungen von der Ueberzeugung, daß auch die übrigen Glieder dieser evangelischen Kirche ein Recht auf unsere Teilnahme haben, spricht die badische Ge­neral-Synode ihre Freude aus über die neuerdings in ver­schiedenen Teilen Oesterreichs erwachte, hoffnungsvolle pro­testantische Bewegung und wünscht, daß dieselbe zur Stär­kung der evangelischen Kirche in Oesterreich und zur För­derung der heiligen Sache des Evangeliums dienen möge.

Wyslowitz, 7. Juli. Der galizische Arbeiter Kowall versuchte ohne vollgültige Legitimations-Papiere die russisch­preußische Grenze zu überschreiten, wurde aber von den russischen Grenz-Soldaten mit dem Bajonnet niederge­stochen und lebensgefährlich verwundet.

Ausland.

Paris, 7. Juli. Privatmeldungen aus Spanien zu­folge, sind in Barcelona und Valenzia gestern wiederum Ausschreitungen vorgekommen. Die Menge hatte es diesmal auf die Priester, Kirchen und Klöster abgesehen. Mehrere Brandstifter wurden verhaftet.

Frankreich. Auf einem ihm zu Ehren veranstalteten Festessen hat Mvline gestern eine politische Rede gehalten, in der er ausführte, die kollektivistische Partei habe die Dreyfus-Angelegenheit benutzt, um glauben zu machen, daß die Republik bedroht sei, um auf diese Weise zur Macht zu gelangen. Nachdem Millerand Minister geworden, seien die Gefahren, in denen die Republik schwebte, geschwunden. Waldeck-Rousseau habe dies von der Tribüne herab ver­kündet, und mit Recht, denn die der Republik feindlichen Parteien vermöchten nichts gegen sie auszurichten, so lange die Armee ihr treu bleibe. Heute wage niemand mehr, deren Loyalität in Zweifel zu ziehen. Die Generale und Offiziere dächten zuerst an ihre Pflicht, gehorsam den Ge­setzen, wüßten sie im übrigen, daß die nationale Armee keiner Partei angehöre. Man habe für einen Schrei des Aufruhrs gehalten, was nur ein Schmerzensruf gewesen. Redner sprach sodann über die Partei der Nationalisten, welche die Armee zu sich herüberzuziehen suche, und sagte: Die Armee wird weiter zu uns stehen, wenn wir uns auf ihre Seite stellen, denn sie liebt nicht die, welche ihr schmeicheln und noch weniger hat sie notwendig, nationalistisch zu sein." Eine Gefahr liege einzig und allein in dem moralischen Zu­stand des Landes, in der unerklärlichen Mißstimmung. Eine wachsende Unzufriedenheit, die sich gegen die staatlichen Ein­richtungen und das allgemeine Stimmrecht zu wenden be­ginne, könnte, wenn man nicht auf der Hut sei, dem Lande eines Tages einige Ueberraschung bescheren. Was not­wendig sei, das sei ein Wechsel der Politik, welche man seit einem Jahre getrieben habe. Man müsse eine aus den Pro- gressisten und Radikalen bestehende Regierungspartei bilden. Möline erklärte sodann, er habe dem neuen Kabinett seine Unterstützung versagt, weil er sich einer Politik nicht an­schließen konnte, welche den Parteigängern der sozialen Re­volution den Weg zur Macht geöffnet und dem Führer des Kollektivismus das Portefeuille des Handels anvertraut habe. Möline ging sodann auf die Dreyfus-Angelegenheit über, die, wie er sagte, die Zusammensetzung des Kabinetts bestimmte. Er fürchte, das Ministerium sei nicht imstande, die Angelegenheit völlig abzuwickeln. Das Land habe den Beschluß des Kassationshofes anerkannt, und werde das Urteil des Richters in Rennes anerkennen, das das letzte Wort in dieser traurigen Sache sein werde. Deshalb dürfe die Regierung die Richter nicht beeinflussen. Das habe sie auch versprochen, das Kabinett sei aber dermaßen zusammen­gesetzt, daß es sich wie ein Kampfministerium ausnehme. Es habe Maßregeln ergriffen, die die Unabhängigkeit der Richter beeinträchtigen und Beamte, die nicht so denken wie die Regierung, ungünstig behandelt. Das werde die Haß­gefühle schüren, und Kämpfe und Katastrophen herbeiführen; das wolle das Land nicht; es wolle nur das Ende der Zwie-