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Rr. 159 Drittes Blatt.Sonntag den 9. Juli
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Gießener Anzeiger
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Gießen, 8. Juli 1899.
** Dienstnachrichteu. Am 4. Mai wurde dem Schul- amtsaspiranten Johann Huth aus Pfisfligheim eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Sprendlingen, dem Schul- smtsaspiranten Konrad Pracht aus Lich eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Homberg übertragen; am 5. Mai der seither widerruflich angestellte Zugführer Johannes Schlitt zu Bischofsheim nunmehr zum Zugführer in der Hessisch-Preußischen Eisenbahn-Gemeinschaft in unkündbarer Diensteigenschaft ernannt; am 8. Mai der Gerichtsschreiberaspirant Karl Hartmann zu Mainz zum Hilfsgerichtsschreiber bei dem Amtsgericht Wald-Michelbach ernannt; dem Schulamtsaspiranten Karl Hertel aus Friedberg die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Michelnau, am 9. Mai dem Schullehrer Wilhelm Peter Luzius zu Kesselbach eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Egelsbach, dem Schulamtsaspiranten Hermann Göttelmann aus Armsheim eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Nieder-Saulheim, dem Schulamtsaspiranten Wilhelm Holzel aus Schwanheim eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Rumpen- heim, der Schulamtsaspirantin Katharina Beaury aus Kastel eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Hechtsheim, den Schulamtsaspiranten Karl Reitz aus Nieder- Ohmen, Wilhelm Dillinger ans Mainz, Jakob Linn aus Oppershofen und Friedrich Wilhelm Klippel aus Griesheim Lehrerstellen an der Volksschule zu Offenbach übertragen; der Schulverwalter Ernst Becker und die provisorische Lehrerin Sophie Walther in Mainz zum Lehrer bezw. zur Lehrerin an der höheren Mädchenschule daselbst, unter Belassung in der Kategorie der Volksschullehrer bezw. Volksschullehrerinnen, ernannt; am 10. Mai dem Schulamtsaspiranten Johann Georg Schäfer aus Rimborn die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Lauerbach übertragen; am 12. Mai der Johann Jakob Heinrich Birner zu Alzey zum Steuerkommissariatsgehilfen ernannt; -am 17. Mai dem Schullehrer Philipp Laubinger zu Nösberts-Weidmoos, sowie den Schulamtsaspiranten Heinrich Debus aus Mörstadt und Martin Lautenschläger aus Ernsthofen Lehrerstellen an der Volksschule zu Worms übertragen; am 18. Mai der Pfandmeister bei dem Rentamt Groß-Umstadt Johann Wähler in gleicher Diensteigenschaft an das Rentamt Darmstadt, und zwar in den Beitreibungbezirk Offenbach II versetzt; der Steueraufseher bei dem Hauptsteueramt Darmstadt. Karl Jakobi zum Pfandmeister bei dem Rentamt Groß-Umstadt ernannt; dem Schullehrer Karl Weide zu Vilbel eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Jugenheim übertragen; am 23. Mai der von dem Grafen zu Alt-Leiningen-Westerburg in Ilbenstadt auf die 1. Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Ilbenstadt präsentierte Schulamtsaspirant Wilhelm B e i ch e r t aus Obertshausen für diese Stelle, der von dem Grafen zu Erbach Fürstenau auf die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Güttersbach präsentierte Schulamtsaspirant Her- mann Lehr aus Brensbach für diese Stelle, der von dem Grafen zu Erbach-Erbach auf die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Erlenbach präsentierte Schulamtsaspirant Adam Weiß aus Leeheim für diese Stelle bestätigt; am 24. Mai der Richard Martin David Singer in Seligenstadt zum Steuerkommiffariatsgehilfen ernannt.
0. Aus Oberhefseu, 6. Juli. Die letzten wolkenbruchartigen Regen im vergangenen Monate Juni haben in verschiedenen Gegenden unserer Provinz die Frage aufgeworfen: Was hat zu geschehen, daß die Ueberschwemmungen, die die kleinen, reißenden Flüßchen verursachen, möglichst unschädlich verlaufen? Die heftigen Regentage vom 2. bis 5. d. Mts. werden diese Frage jedenfalls wieder anregen. In Nr. 149, erstes Blatt, des „Gieß. Anz." vom 28. Juni 1. I macht ein Korrespondent aus dem Wetterthale den Vorschlag: Eine zeitgemäße Fürsorge wäre die, daß man die kurzen, scharfen Biegungen im Flußlauf beseitigt, das Bett mehr gerade oder in größeren Bogen gehen läßt und dort, wo es zu schmal ist, verbreitert. Wenn man die Biegungen beseitigt, jagt man das Wasser den am unteren Flußlauf ansässigen Bewohnern zu und diese--sind
vielleicht nicht sehr entzückt davon. Heiliger St. Florian, schon' unser Haus, zünd' andere an! heißt eine mundartliche Redensart in Bezug auf Feuersgefahr, die auch bei Ueberschwemmungen, entsprechend variiert, anwendbar ist, 3- B.: Heiliger Sanct Neptunus, verschon' uns mit zu raschem Guß. Die Sache hat aber auch noch eine Kehr- ßeite, die Beachtung verdient. In Süddeutschland beseitigte
man vor etwa einem Menschenalter in den vor den Bergen liegenden Ländern die Biegungen in den kleinen, rasch fließenden Gewässern, und richtig rauschten sie noch rascher dahin, wodurch die Ueberschwemmungen abnahmen. Bald darnach trat eine Reihe von trockenen Jahren ein und siehe da! die Ländereien saßen auch schnell auf dem Trocknen, dergestalt, daß man wieder Buhnen in die Flüßchen einlegte, um die Anfeuchtung der Grundstücke und das tiefgesunkene Grundwasser wieder zu heben. Die Wasserbau- kunst ist eine recht schwere, wie man bei uns in Hessen in Bezug auf die Rheindämme und ihre Behandlung ersehen kann. Verschiedene Wasserbautechniker und manche Gemeinden stimmen dafür, daß die sogen. Sommerdämme ganz beseitigt werden möchten, damit die Fluten ungehindert über die Ufer treten und nach und nach eine Auflandung herbeiführen könnten. Andere sagen das Gegenteil; sie wollen die Dämme noch erhöht und verstärkt haben. Was ist das richtige? Dagegen hat der (ff) Korrespondent aus dem Wetterthale vollkommen recht, wenn er dafür eintritt, daß die Abzugsgräben gereinigt und die Bachbetten in ordnungsmäßigen Zustand versetzt werden. In dieser Beziehung bleibt auch noch anderwärts gar manches zu wünschen übrig, weshalb die Verwaltungsbehörden sich den Dank mancher Grundbesitzer erwerben werden, wenn den Gräben, Bach- und Flußbetten geneigte Aufmerksamkeit geschenkt wird.
-a- Grebenhain, 6. Juli. Im vorigen Jahre brachte Ihre Zeitung die Mitteilung, daß in der Distriktseinnehmerei Ulrichstein nicht ein einziger Posten direkter Steuer uneinbringlich geworden wäre. Wir können aus dem hiesigen Steuerbezirk die Nachricht bringen, daß nur der ganz verschwindende Betrag von 4.40 Mark uneinbringlich geworden ist. Da beide Steuerbezirke im höchsten Vogelsberge, also in keiner reichen Gegend liegen, folgt daraus, daß die Vogelsberger Steuerpflichtigen zu den pünktlichsten Steuerzahlern des ganzen Landes gehören. (Verdient Nachahmung!)
§§ Vom oberen Vogelsberg, 6. Juli. Kürzlich befand sich der Untersuchungsrichter aus Gießen in hiesiger Gegend zur Vernehmung von Zeugen in den Orten Ilbeshausen, Lanzenhain, Bermutshain, Lichenroth, Völzberg, Volkartshain, Hartmannshain, Herchenhain usw. Es handelt sich um eine Untersuchungssache gegen den Versicherungs-Agenten Sebastian Kaiser in Hartmannshain. Derselbe soll die bei ihm in der Lebens- und Garantie-Versicherungs- Aktien-Gesellschaft „Friedrich Wilhelm" zu Berlin versichert gewesenen Personen veranlaßt haben, aus dieser Gesellschaft aus- und in die Allgemeine Versicherungs-Anstalt „Fides" in Berlin einzutreten. Er soll den Leuten garantiert haben, sie kämen in eine andere Kasse, das Geld, welches sie in die „Friedrich Wilhelm" bezahlt hätten, würde ihnen in der Volksversicherung „Fides" gutgeschrieben und ähnliches. Die Untersuchung wird sich zu einer sehr umfangreichen gestalten, da Kaiser in mehreren Orten 20 bis 30 Versicherungen abgeschlossen hatte. Meistens waren es Kinderversicherungen mit Wochen-Zahlungen von 10 und 20 Pfg., benachteiligt werden meistens geringere Leute; welche das in der „Friedrich Wilhelm" eingezahlte Geld verlieren; es sind auch Leute mitunter, welche 2, 3 und 4 Kinder versichert hatten.
Vermischtes.
* Reine, staubfreie Luft und eine frische Seebrise tragen oft mehr zur Stärkung des durch Arbeit und Vergnügen, Krankheit und Sorge geschwächten und ermatteten Menschen bei, als direkte Kuren, die immer eine mehr oder weniger große Strapaze bedeuten. Besonders der Binnenländer, der sich in den Hochsommertagen dem wohlthuenden Einfluß der mit seinen heimatlichen, oft recht fragwürdigen Ozonverhältnissen stark kontrastierenden klimatischen Lebensbedingungen der Küstenstriche und Jnselgebiete unseres gemeinsamen Vaterlandes unterwirft, wird diese Erfahrung bestätigt finden, welche der Kernpunkt des immer stärkeren Aufblühens der älteren und der Entstehung immer neuer Seebäder ist. Denn was hier mit verhältnismäßig geringen Mitteln, sowohl in pekuniärer Hinsicht, als was oft ebenso wichtig, in Bezug auf körperlichen Kraftaufwand in unverhältnismäßig kurzer Zeit erreicht wird, übersteigt meistens so weit das Durchschnittsniveau des in anderen Kuraufenthalten erzielten, daß mit Fug und Recht von den guten, nachhaltigen Erfolgen einer an der See verbrachten Ferienoder Erholungszeit gesprochen werden kann. Eine der ersten Faktoren hierfür ist das sich an der See ganz von selbst einstellende köstlich wohlthuende „Nichtsthun", eins der
naturgemäßen Hauptingredienzien jeder ärztlicherseits vorgeschriebenen Verhaltungsmaßregeln für Reiselustige resp. Erholungsbedürftige. Es packt genau ebenso gut den Arbeitsfanatiker, der an der See auch einmal seine Stunde nahen fühlt, in deren mit Bewußtsein die Wonnen des dolce far niente auskostet, als den erfahrenen Lebenspraktiker, dessen Philosophie sowohl der Arbeit als der Muße, der Pflicht als der Erholung den ihnen zukommenden Tribut zollt, wie last not least den Flaneur, dessen Tagewerk im geschäftigen Nichtsthun besteht. Und nicht nur diese drei, sich so ganz unähnlichen Menschenspezies vereinigt das so überaus gesunde gründliche Faullenzen unter der Strandflagge, sondern es führt auch zu einer vollständigen Ansichtsund Meinungseinheit zwischen Alt und Jung, Mann und Weib k Entschieden eine höchst beachtenswerte Thatsache in unseren Tagen, in denen bekanntlich von all und jedem, über alles und jedes gestritten und disputiert wird. Alle, alle wissen Sie wie stärkend und kräftigend, heilend und beruhigend eine Zeit der absoluten Ausspannung wirkt, noch dazu, wenn sie unterstützt wird von gesunder, reiner, appetitreizender, Körper und besonders auch die Nerven auffrischender und stählender Luft, guter Verpflegung und sympathischer Gesellschaft. Und alles dies findet man in den Nordseebädern in ausreichendstem Maße. Diese Erkenntnis und das Bewußtsein, daß heute, in dem Zeitalter des Verkehrs, in dem bekanntlich Eisenbahn und Dampfschiff des Publikums wegen da sind, und nicht etwa das Publikum, der Reisende als Jnteressenförderer etwaiger privater oder staatlicher Einrichtungen, lassen von Jahr zu Jahr, von Saison zu Saison Erleichterungen und Besserungen im Reiseverkehr eintreten. Billige, bequeme und auch durch vermindertes Halten schnelle Sonderzüge nach Hamburg, mit direktem Anschluß an die Dampfschiffslinien bringen den Reisenden auf die beste Art und Weise in wenigen Stunden aus der staubigen, schwülen Dunstatmosphäre der Stadt hinaus auf die bläuliche, wogende See, deren Befahren schon zu den Erholungstagen, zu der bestmöglichen Eingewöhnung in die Ferientour gerechnet werden darf. Ist man doch hier auf den schmucken, nach allen Richtungen kreuzenden Dampfern der Nordsee-Linie in Hamburg der lästigen Enge des Eisenbahnwaggons, der staubgeschwängerten Luft des Landes entzogen, atmet man doch bereits hier, im bewußten Vorgefühl des Kommenden, die erfrischende Kühle. Und dabei kann man auch bei der Wahl eines Nordseebades durchaus nach seinem Gusto entscheiden, und ganz seinen Neigungen folgen, die dem einen den pittoresken roten Felsen Helgolands, mit seiner lang gestreckten Düne, oder das milde, geschützte Wyk a. Föhr als lockendes Endziel erscheinen lassen, während ein anderer den überaus kräftigen Wellenschlag und den scharfen Salzgehalt der Luft auf Westerland-Sylt als das durchaus komfortable Leben und Treiben auf Norderney mit seinem breiten, weiten, reichen Strande vorziehen dürfte, falls er nicht die köstliche Ruhe auf Amrum und die famosen Bäder von Satteldüne und Wittdün oder gar das grüne Eiland Borkum als geeignetes Stärkungselixir ansieht. Jeder, der ernstlich sucht, wird ohne Mühe etwas Zuträgliches finden, und von dem Aufenthalt an der See, der event. als beste Nachkur für den Gebirgswald- oder Badeaufenthalt anzusehen, profitieren. Und zwar nicht nur sofort, sondern auch anhaltend und nachwirkend. Ein Umstand, der eben in der auf das Allgemeinbefinden, auf den Kräfte- und Nerveuzustand so außerordentlich günstigen Einfluß der reinen, erfrischenden Seeluft und der so überaus kräftigenden Wirkung der Seebäder zu suchen ist. Und außerdem hat der Reisende, der in die Nordseebäder geht noch zwei weitere Vorteile. Erstens kann er bei ungünstigen Witterungsverhältnissen am Reisetage stets noch im letzten Augenblick die Fortsetzung der Reise von Hamburg aus auf dem Lande anstatt auf dem Seewege antreten (die Billets sind für beide Strecken gültig) und zweitens bietet sich ihm die Gelegenheit, Hamburg kennen zu lernen, die zweitgrößte Stadt des Kaiserreiches, deren landschaftliche Schönheit höchstens noch von dem interessanten in ihm pulsierenden Leben und Treiben einer der sehenswertesten Hafenstädte Europa's Überboten wird. Die Abfahrt der Sonderzüge nach Hamburg erfolgt in der Regel am Tage nach dem Beginn der Schul- oder Gerichts-Ferien und wird durch Ankündigungen der Eisenbahnverwaltungen sowie der Nordsee-Linie in Hamburg St. P. bekannt gegeben. Auch die Zusendung der ausführlichen Prospekte geschieht kostenfrei durch die letztgenannte Linie.


