Ausgabe 
9.3.1899 Zweites Blatt
 
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Sir. 58 Zweites Blatt

Donnerstag den 9. März

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Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Der bayerische Senat beim Militär- Gerichtshof.

Am Montag hat der Reichstag in dritter Lesung den besonderen Gesetzentwurf, betreffend die Einrichtung eines bayerischen Senats beim obersten Militärgerichtshofe, ge- veßmigt. Wenn man sich vergegenwärtigt, wie große Er­regung der Gegenstand hervorgerufen hatte, wie das Ver­hältnis Bayerns zur Reichsmilitärstrafprozeß-Ordnung ge­eignet schien, ein Hindernis für die ganze Reform zu werden, bann kann man der Befriedigung darüber nicht genug Aus- brack geben, daß im Reichstage die Verhandlungen so ruhig «ad sachlich verlaufen sind. Mit der Erledigung dieser Vorlage ist der Schlußstein gelegt zum neuen deutschen Nilitärstrafprozeß, und diese Thatsache darf mit aufrichtiger Freude begrüßt werden. Denn einmal steht nun dem Jn- krolttreten der von vielen Seiten sehnlichst erwarteten Reform lew Hindernis mehr entgegen, andererseits aber isffder Umstand Do» großer Bedeutung, daß jetzt für ganz Deutschland auf de»: Gebiete des Militärftrafprozesses ein Recht gilt, und daß damit die Reichseinheit wiederum eine Kräftigung er­fahren chat.

Gerade von diesem nationalen Gesichtspunkte aus be­trachtet, hat der Reichstagsbeschluß vom Montag eine große Bedeutung. Ein Volk und ein Recht, unter diesem Zeichen kann das Ansehen des deutschen Reiches nach innen und außen nur gewinnen, und ein weiteres Stück der früheren nal ionalen Zerrissenheit des deutschen Volkes ist wieder be- fertigt worden. Man wird vielleicht noch längere Zeit in »eiteren Schichten Bayerns grollen, daß die dortige be- »Lhrte Militärgerichtsbarkeit dem einigen Deutschland ge­opfert werden mußte, aber es wird sich zeigen, daß dieses Opfer nicht umsonst gebracht worden ist, daß es tausend­fältige Früchte bringen wird. Und dann, so sollten wir «einen, ist die Reichsregierung Bayern möglichst weit ent­gegengekommen ; die Errichtung eines besonderen bayerischen Senats beim Reichsmilitürgerichtshof muß eine vollgiltige knlschädigung sein für das Aufgeben eines Reservatrechts, las stets Ursache gewesen wäre, Deutschland in zwei Rechts- gebiete zerfallen zu lassen.

Die Erklärung des Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe in der Samstagssitzung des Reichstags muß in Bayern Be­stie digung hervorgerufen haben, weil daraus zu ersehen ist, daß die Reichsregierung keineswegs daran denkt, den süd­deutschen Bundesstaat in irgend welcher Hinsicht zu majori« fierte, und alle berechtigten Ansprüche der einzelnen Reichs- |litber voll anerkennen wird. (xx)

Deutsches Reich.

Berlin, 7. März. Heute, Mittwoch, fällt die Plenar­sitzung im Reichstag aus. Dagegen sollen die Kom­missionen für das Bankgesetz und die Budgetkommission tagen; die letztere erledigt vormittags den Kolonialetat und berät nachmittags die Militärvorlage. Die zweite Lesung der Militärvorlage im Plenum soll, wie der Referent Abg. Bassermann mitteilt, frühestens Dienstag nächster Woche beginnen.

Wie dieBerl. Pol. Nachr." hören, hat der kom­mandierende Admiral v. Knorr seine bereits im Herbst v. H. kundgegebene Absicht, von seiner Stellung zurückzutreten, ausgeführt und sein Entlassungsgesuch eingereicht. Admiral v. Knorr, der am 8. März sein 59. Lebensjahr vollendet, ist 1854 als Kadettenaspirant in die preußische Marine, eingetreten. Kommandierender Admiral ist er seit Mai 1895. Der Nachfolger des Admirals von Knorr wird wahrscheinlich der ihm im Range zunächststehende Admiral Koester sein, der der Marine seit dem 21. Juni 1859 angehört. Im Jahre 1864 wurde er Unterleutnant zur See, 1866 Leutnant zur See und 1875 Korvetten-Kapitän. Im Sommer 1875 kommandierte er dieUndine". Dann wurde et Direktions-Offizier der Marine-Akademie und -Schule und 1880 erster Adjutant beim Kommando der Marine-Station der Ostsee. 1881 und 1882 war er Chef des Stabes des Uebnngs Geschwaders. Am 17. Dezember 1881 erfolgte seine Beförderung zum Kapitän zur See. Demnächst wurde er Chef des Stabes der Admiralität und 1887 Oberwerft-Direktor der Werft zu Kiel. Am 1. April 1889 wurde er zum Kontre-Admiral befördert und zum Direktor des Marinedepartements des Reichs-Marineamts ernannt. Im Frühjahr 1891 erfolgte seine Ernennung zum Chef des Uebungs-Geschwaders, und Anfang 1892 trat er wieder als Direktor des Marine-Departements in das Reichs- Marineamt zurück. Am 10. Oktober 1892 wurde Koester zum Vize-Admiral befördert und kommandierte 1893 das Marinegeschwader, dessen Chef er bis zum 30. September 1896 blieb, an welchem Tage er zum Chef der Marine­station der Ostsee ernannt wurde. Am 22. März 1897 erfolgte seine Beförderung zum Admiral.

Dem Reichstag dürfte in Kürze eine Petition zur Reform des Patentgesetzes zugehen, die sich nament­lich gegen unser Patentanmeldungsverfahren richtet, das erst | kürzlich in London einer vernichtenden Kritik unterzogen wurde. Die Petition wird folgende fünf Forderungen ent­halten: 1) Die Prüfung der Neuheit einer zur Patentierung eingereichten Erfindung geschieht ausschließlich durch zur Geheimhaltung verpflichtete Beamte. Ein Aufruf imPatent­

blatt" und imReichs-Anzeiger" bringt dann den Zweck der Erfindung in kürzester Fassung und eine Anmeldungs- Nummer. Der Name des Erfinders bleibt ungenannt. 2) In der Patent-Urkunde darf der Zweck der Erfindung nur ganz kurz genannt werden. Nicht zur Patentierung gekommene Erfindungen dürfen vom Patentamt aus gar nicht an die Oeffentlichkett gelangen. 3) Jede Erfindung wird vom Tage der Patentierung ab, drei Jahre lang ge­heim gehalten, sodaß es innerhalb dieser Frist lediglich dem Erfinder überlassen bleibt, den Gegenstand seines Patentes an die Oeffentlichkeit zu bringen. 4) Zahlung einer mäßigen Patentsteuer nach amerikanischem Muster in einem ober höchstens zwei Terminen für 15 oder besser für 17 Jahre mit einer wohlwollenden Stundung für Inländer. 5) Jeder Patentsucher hat an Eidesstatt zu erklären, daß er entweder selbst der Erfinder ist, oder daß ihm der Gegenstand des Patentgesuchs durch einen rechtskräftigen Akt vom Erfinder übertragen wurde; für letzteren Fall hat der Patentsucher den Beweis zu erbringen.

Wie ein Berliner Blatt hört, schweben zur Zeit, betreffs des Bankgesetzes Verhandlungen wegen eines Kompromisses, wonach das Grundkapital der Reichsbank um 60 statt nur um 30 Millionen Mark erhöht werden soll, wodurch dann im Plenum die Annahme des Kommissions­beschlusses über die Verlängerung des Privilegs um zwanzig, statt um zehn Jahre gesichert würde.

Die Reutersche Finanz-Chronik in London berichtet, daß Cecil Rhodes von seinerGeneralstabsreise" in den Sudan heimgekehrt sei und in seiner Reisetasche etwas Erfreuliches mitbringe für die Aktionäre seiner Chartered- Kompagnie. Diese Hoffnung richtet sich wohl auf Land- unb Eisenbahn-Konzessionen, bie Lord Cromer herausrücken soll. Des Ferneren habe Rhobes bie Aussicht, vom beutschen Kaiser in Aubienz empfangen zu werben, wobei entschieden werben solle, wer ber englischen Bahn vom Kap zum Nil bie günstigeren Offerten machen könne, der Kongostaat oder Deutsch-Ostafrika. Beiden müsse ja daran liegen, von dieser großen Verkehrsader Nutzen zu ziehen, und so sei RhodcS in der günstigen Lage der freien Wahl. Soviel wir wissen, ist der Vorstoß Rhodes', beim Kaiser empfangen zu werden, mißglückt, da es unmöglich ist, einen Mann zu empfangen, der den Eingeborenen in Südwestafrika Waffen lieferte gegen Deutschland. Außer­dem ist weder der Kongostaat noch Deutschland gewillt, eine englische Ader durch ihr Gebiet zuzulassen, von der die Be­teiligten wissen, daß es nach Lage der Dinge niemals eine Verkehrsader sein kann, sondern nur ein politischer Aderlaß zu Gunsten Englands und zum Nachteil dieser Kolonien. Der wirtschaftliche Verkehr des Kongostaates geht naturge-

Feuilleton.

Das 19. Zaßrßundert.

Unter Mitwirkung hervorragender Fachgelehrter herausgegeben von Friedrich Thieme.

(Nachdruck oder AuSzug verboten.

V.

Die Litteratur des Auslandes.

(Fortsetzung.)

Italien, Spanien und Portugal. Die Litte- umren der vorgenannten Länder wiesen denselben Kampf

Romantik mit dem Klassizismus auf, wie wir ihm in Deutschland und Frankreich begegnet sind. Auch hier siegt iir Romantik. In Italien durch ihr Haupt, Alessandro Runzoni (1785 1873), dessen RomanI promesei »poffii (1827) eine neue Gattung des Romans, den vater- Mdnschen Geschichtsroman, in der italienischen Litteratur Msiiihrte. Seinem Vorbilde folgten Tommaso Grossi, Ächrmo d'Azeglio, Cesare Cantü, während Guerrazzi (18011873) mehr den Spuren Victor Hugos und des ^an.zösischen Romantizismus nachging. Niccolini (1782

1861) übertrifft Manzoni als Dramatiker durch tragischere Führung der Handlung, seine Trauerspiele sind M patriotischen Geistes. Silvio Pellico (gest. 1854) wurde ^Gtsächlich durch seineFrancesca da Rimini* populär, N1 Paolo Giacometti ist als Dramatiker zu erwähnen. ^Morno Leopardi (1798-1837) brachte den Weltschmerz M radikalsten Ausdruck, wogegen Giuseppe Giusti (1809 Bit D85O) in seinen gern gelesenen politischen xnb satirischen

Gedichten weniger schwere und bittere Töne zu treffen wußte. Der patriotische Charakter der meisten der Schöpfungen der erwähnten Schriftsteller erklärt sich durch die Sehnsucht der italienischen Nation nach Einheit und Unabhängigkeit, und auch während des großen Freiheits- und Unabhängig­keitskampfes geht die Poesie, wie Julius Hart sich treffend ausdrückt, alsTrommelschlägerin" an der Spitze der Truppen. Der moderne Naturalismus erscheint in Italien alsVerismus"; seine hauptsächlichen Repräsentanten sind der in antiken Versmaßen moderne Ideen niederlegende Giosus Carducci, der sentimental-sinnliche Lorenzo Stecchetti, der Dramatiker Pietro Cossa, der gewandte Erzähler Gio­vanni Verga, die soziale Dichterin Ada Negri u. s. w. Von den Unterhaltungsschriftstellern nennen wir u. a. Edmondo de Amicis, Salvatore Farina, Mathilde Serao und Castelnuovo. Auch die Entwickelung der spanischen und portugiesischen Litteratur nahm keine selbständige Richtung, sie folgte der allgemeinen europäischen mit etwas Verspätung nach. Die Aufklärungspoesie wurde von der Romantik, diese von einer mehr realistischen Richtung ab­gelöst. Die politischen Flüchtlinge, unter ihnen Angel de Saavedra, der Herzog von Rivas, brachten die Romantik von Paris und London mit, als sie nach der Amnestie von 1833 in ihr Vaterland zurückkehrten, der Erfolg der Schicksalstragödie SaavedrasDon Alvaro" bedeutete den Triumph der Romantik auf den Brettern. In feine Bahnen traten der leidenschaftliche Jose de Espronceda (1808 bis 1842), der sprach- und formgewandte Jose Zorilla (1817 bis 1893), in Portugal pflanzte Almeida Garett (1799 bis 1804) die Fahne der Romantik auf, in Brasilien der Epiker und Dramatiker Goncalves de Magalhaes (18111882). Die realistische Richtung bricht sich in Spanien Bahn in

den Romanen Juan Valeras und Perez Galdos, von den neueren Dramatikern dieses Landes Ayala, Alarcon, Numrez de Arce u. s. w. ist bei uns Joss Echegaratz am bekanntesten geworden, der Verfasser desGaleotto". In Portugal vertritt u. a. Joao de Deus die Schule de« Realismus, während Eca de Queiroz schließlich zum Natura­lismus überging. Seit 1870 gelangte auch in Brasilien ber Realismus (durch Sylvio Romero repräsentiert) zur Geltung.

England und Nordamerika. In England finden wir am Anfänge des Jahrhunderts die Romantik in voller Blüte. Walter Scott (17711832) schrieb seine be­rühmten historischen Romane, damit die in ganz Europa mit Beifall begrüßte und nachgeahmte nationalpatriotische Geschichtsdichtung begründend. Die Dichter der sogenannten Seeschule, Wordsworth, Robert Southey und Coleridge, vor allem der letztere mit seiner Vorliebe für das Grausige und Schreckliche, stehen im Banne der Ideen der Romantik. Thomas Moore (17791852) fang seine zarten Melodien, Shelley dichtete seine leidenschaftlichen Tragödien. Zum markantesten Ausdruck gelangt aber der Subjektivismus der Romantik in Lord Byron (17881824), dem Sänger des Childe Harold", dem Dichter des gegen die engen Schranken der Menschheit sich aufbäumendenManfred", des die Gott­heit und das Schicksal herausforderndenGain". Durch Walter Scott war der Roman wieder mehr in den Vorder­grund des Jntereffes gedrängt worden, ihn gestaltete die englische Litteratur des 19 Jahrhunderts in vorzüglichster Weise aus. Bulwer bewährte sich sowohl als Meister des historischen Romans (z. B. inDie letzten Tage von Pompeji"), wie als solcher des humoristischen und VolkS- romans. Charles Dickens vereinigt Gemüt und Humor