Donnerstag den 9. März
Nr. 58
Drittes Blatt
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Gießener Anzeiger
Zweck
General-Anzeiger
Aints- unb Anzeigeblatt für den "Kreis Gietzen
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1883
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D Arschtigung nicht in Redensarten, sondern durch positive.
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Kchnlstrahe Ar. 7.
vor dem Einfluß und dem Terrorismus der Sozialdemokratie bedeutet.
Wie dem auch sei, an eine Rückwärtsrevidierung unseres Wahlrechts kann eine ihrer Verantwortlichkeit bewußte Politik im Ernst gar nicht denken, denn nichts ist gefährlicher und weniger staatserhaltend, als der Versuch, dem Volke ein einmal gewährtes Recht zu nehmen oder zu schmälern. Gefährlich und unklug ist es aber auch schon, derartige Absichten in theoretische Erwägung zu ziehen, denn man erreicht damit nichts, als eine steigende Beunruhigung, und schafft Wasser auf die Mühle der Sozialdemükratie, deren Bekämpfung doch gerade das Ziel aller bürgerlichen Parteien ist und sein soll!
Adresse für Depeschen: Anzeiger chietze».
Fernsprecher Nr. 51.
Kriegssitte, den Gefallenen oder Liegengebliebcnen die Köpfe abzuschneiden, wurde nur im Anfang von der Tanuseite Gebrauch gemacht. Allmählich zu sich die ganze Tanu- streitmacht nach der englischen Mission zurück, wo außer einem Landungskorps von 50 Mann auch zwei Norden- feld'sche Schnellfeuergeschütze von dem englischen Kriegsschiffe bereitgestellt waren. Der Kapitän des letzteren hatte zudem öffentlich bekannt machen lassen, daß er in den Kampf eingreifen würde, sobald sich Mataafa-Leute vor der Mission zeigen würden. Falls dies geschehen wäre, wären Leben und Eigentum der Weißen in höchste Gefahr geraten. Denn die Mataafapartei hatte in einer großen Versammlung feierlich erklärt, daß sie sich zwar an keinem Weißen vergreifen wollten, sich aber an diese Zusage nicht mehr halten würden, wenn die Kriegsschiffe sich in ihren Kampf einmischen sollten. Deutschem Einfluß und der strengen Manneszucht der Samoaner ist es zu danken, daß dieser Fall nicht eintrat, daß die Mataafa-Leute sich der englischen Mission fernhielten und den Engländern den ihnen anscheinend nicht unerwünschten Anlaß zum Einschreiten nicht boten. Wir Deutsche sind jetzt die Herren in Samoa, jeder Samoaner grüßt uns höflich mit „Talofa". Während die Engländer noch jetzt eine Wache von 42 Mann und ein Nordenfcld- Geschütz im englischen Konsulat haben, und ihre Marinesoldaten keinen Urlaub an Land erhalten, als Ordonnanzen mit Revolver, Seitengewehr und Messer bewaffnet sind, haben wir uns stets neutral verhalten, niemals Truppen zu unserer Sicherheit an Land gehabt. Unsere Blaujacken sind mit Ausnahme des Sylvester- und Neujahrstages stets auf Urlaub ohne Waffen an Land gewesen; die dienstfreien Offiziere sogar an den Schlachttagen.
Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Zandwirt, Klätter für hessische Volks Kunde.
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Mannesmut und Wahlfreiheit.
Hierzu schreibt die „Jenaische Zeitung" in Nr. 55 wnt 5. März:
Im Anschluß an den vor kurzem im Reichstage mit großer Mehrheit angenommenen Antrag behufs größerer Sicherung des Wahlgeheimnisses hat sich wieder eine jener Dchlrechtsdebatten entwickelt, welche bei uns mit der ckhl enden Regelmäßigkeit auftreten, die schon das Schiller'sche Mädchen aus der Fremde ausgezeichnet hat. Das all- zem<ine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht, das am 15. Oktober 1866 für den Reichstag des Norddeutschen Hundes und am 16. April 1871 für den des Deutschen Reiches in Kraft getreten ist, besteht jetzt länger als 32 Jahre. Wer wäre 32 Jahre alt geworden, ohne Gegner und Feinde zu besitzen? Das Volkswahlrecht, wie wir es haben, war ein notwendiges Glied in der Entwicklung der deutschen Einheitsbestrebungen und in der ititroidlung unseres Nationalstaates; es ist aber deshalb such ein notwendiges Glied der Erhaltung desselben. Das hat kein Geringerer als Fürst Bismarck selbst zugegeben, al6 er am 28. März 1867 im Reichstage des Norddeutschen Huwdes erklärte: „Das allgemeine Wahlrecht ist uns ge- visiermaßen als ein Erbteil der Entwicklung der deutschen Linheitsbestrebungen überkommen."
Die Angriffe, welche heute gegen das Reichstagswahl- rccht gerichtet werden, wenden sich nun weniger gegen das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht, mit dem auch seine Gegner als mit einer Art „notwendigem Uebel" sich zumeist ibgefunden haben, sondern gegen das geheime Wahlrecht. Mit dem Brustton der innersten Ueberzeugung wird die Ader neue noch zutreffende Behauptung vorgetragen, daß jeder Mann und mithin auch jeder Wähler den Mut seiner Meinung haben müsse und daß er mithin auch bei der öffentlichen Abstimmung seine Meinung frei zum Ausdruck bringen könne. Ja, es wird sogar in vollem Ernst die Anschauung verfochten, daß die Heimlichkeit der Wahl der .Würde des freien Mannes" widerspreche.
Wir würden über dieses Kapitel „Würde" vielleicht lit uns reden lassen, wenn jeder Staatsbürger außer über bie theoretische Freiheit auch über die praktische und materielle k rfÄgte. Das ist aber nicht der Fall. Den Mut der Ueberzeugung kann derjenige bei einer öffentlichen Wahl |um Ausdruck bringen, der so glücklich ist, sich in voller iiaterieller Unabhängigkeit zu befinden. Wie viele oder vielmehr wie wenige sind aber in dieser Lage! Jenen zaühmten Mannesmut wird aber auch derjenige leicht und gern aufzuweisen in der Lage sein, der mit seiner Ab- jlinunung denen wohlgefällt, von denen er direkt oder indirekt changig ist.
Anders aber liegen die Dinge im umgekehrten Fall. In diesem würde der Mut der Ueberzeugung nur zu oft riit schweren Opfern verbunden sein, die nicht jeder bringen ritt und nicht jeder bringen kann, da ihn die Rücksicht auf ‘Itine eigene Existenz und in noch höherem Maße die Rück- stht auf die Existenz seiner Familie hieran verhindert. In Aiser Frage gilt noch heute, was der einstige Vertrauens- rinn des Fürsten Bismarck, der Abg. Wagener im verfassungsgebenden Reichstag zutreffend ausgeführt hat, daß Vs öffentliche Wahlrecht zu verwerfen sei, so lange geheime Abstimmung und freie Abstimmung noch nach den politischen ni> sozialen Verhältnissen des Landes dasselbe sei. In tit)'en Verhältnissen hat sich aber seitdem nichts geändert int> wird sich in absehbarer Zeit schwerlich etwas ändern.
Die Gegner des geheimen Wahlrechts begründen ihre Kennerschaft damit, daß dieses zur Verschärfung der sozialen 8rg.ensätze beigetragen habe. Diese Wirkung ist schon bei in Einführung des Wahlrechts vorausgesehen worden. 8ch>eimrat Wagener hat es gerade als einen Hauptvorzug iieses Wahlrechts bezeichnet, daß seine Spitze „die Menschen la Gerührt, wo sie am gefühlvollsten sind", daß es nämlich sic soziale Existenz in Frage zu stellen beginne und sie des- W zwingen werde, „ihre Stellung zu verteidigen und ihre
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Wern, daß eine Partei nie gefährlicher ist, als wenn sie nunibtot gemacht und von der parlamentarischen Mitarbeit aaSageschloffen wird. Im übrigen wird bei dieser Diskussion Mommen übersehen, daß die geheime Wahl dort, wo die vozjialdemokratie eine große Stärke erlangt hat, anderer- Wr auch den Schutz dcr nicht sozialdemokratischen Arbeiter
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Militärgerichtshof im Bundesrat und Reichstag so rechtzeitig erledigt worden, daß die Ultrapartikularisten der bayerischen Kammer sich in dem Moment einer vollendeten Thatsache gegenüber befinden, in dem sie nicht übel Lust haben möchten, dem bayerischen Ministerium bei der Beratung des Militäretats in der Kammer in München das Leben sauer zu machen.
M.P.C. Wahrscheinlich wird dem Bundesrat und
Ausland.
Wien, 7. Februar. Ein Gespräch über den Ausgleich hatte ein Budapester Mitarbeiter der „Neuen Freien Presse" mit einem hervorragenden ungarischen Staatsmanne, „der mit den Anschauungen und Absichten des Ministerpräsidenten v. Szell auf das innigste vertraut ist". Der Grundpfeiler, auf dem die Anschauung des Ministerpräsidenten ruht, ist die Gemeinsamkeit des Zollgebietes, daher die Aufrechterhaltung derselben. Herr v. Szell veranlaßte die Aufnahme eines Punktes in die Vereinbarungen mit der Opposition, in welchem gesagt wird, daß diese Stipulationen auch für den Fall Geltung besitzen, wenn in der Zwischenzeit bis zum Jahre 1903 ein Zoll- und Handelsbündnis auch in Oesterreich auf verfassungsmäßigem Wege nach den Vorschriften des Ausgleichsgesetzes vom Jahre 1867 stzuande kommen sollte, welches Bündnis er anstreben wird und für dessen Abschluß der Regierung durch das Gesetz eine ausdrückliche Weisung erteilt wird. Das auf diese Weise entstandene Zoll- und Handelsbündnis bleibt also den Bedingungen des Friedenspakies unterworfen, kann demnach durch die Obstruktion nicht verhindert werden. Es war ein weiteres Ergebnis der abgeschlossenen Kompromißverhandlungen, welches jedoch nur durch die vollkommene Klarstellung der Rechte Ungarns, deren man sich aber jetzt nicht bedienen will, erzielt werden konnte, daß das Zoll und Handelswesen in seiner gegenwärtigen Form der Gemeinsamkeit bis zum Jahre 1904 erhalten bleibe. Auf dieser Grundlage soll das Zoll- und Handelsbündnis seinerzeit mit Oesterreich abgeschlossen werden.
Petersburg, 7. März. Wenn es bei manchem noch zweifelhaft sein konnte, daß die bevorstehende Einführuug der L a nd s ch aftsv er fa ssu ng, welche zunächst in Kurland und dann in Livland und Estland zur Thal werden dürfte, ein neues Mittel der Russischmachung sein soll, so ist dieser Zweifel durch einen Beschluß des Ministeriums des Innern jedenfalls beseitigt worden. Die kurländische Ritterschaft hatte nämlich unter Hinweis auf die verschiedenen, in den Ostseeprovinzen lebenden Völkerschaften den Antrag gestellt, man möge gestatten, daß Landschaftsversammlungen in den örtlichen Sprachen, d. h. also, deutsch, lettisch oder estnisch, geführt werden könnten. Das Ministerium des Innern hat indes den Antrag abgelehnt, weil er mit dem Geiste des Gesetzes nicht im Einklang stehe. Damit ist es klar, daß lediglich das Russische die Verhandlungssprache der neuen Selbstverwaltungskörper sein soll. Es kommt der Regierung jedenfalls darauf an, die deutsche Sprache aus dem letzten Selbstverwaltungsorgane, den baltischen Landtagen, zn entfernen. Damit wäre dann die Russischmachung der Ostseeprovinzen, äußerlich wenigstens, zum Abschluß gebracht, und Livland, Estland und Kurland würden sich in nichts von russischen Gonvernements mehr unterscheiden.
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Deutsches Reich.
Berlin, 7. März. In der Budget-Kommission des Reichstages wurde heute die Beratung des Kolonialetats beim Titel Schutzgebiet fortgesetzt. Abg. Müller-Fulda bat um Auskunft, was an den Beschuldigungen des Herrn Krause bezüglich der Begünstigung des Sklavenhandels durch die deutsche Verwaltung sei. Nach längerer Debatte, in der die Stellung eines Strafantrages gegen Krause gefordert wurde, sagte Kolonial-Direktor v. Buchka dies zu. Morgen Fortsetzung und außerdem zweite Lesung der Militär- Vorlage.
Berlin, 7. März. Das Abgeordnetenhaus erledigte heute verschiedene Titel des Handels- und Gewerbe- Etats und nahm einen Antrag Hirsch (freis. Volksp.) mit einem Unterantrage Gamp (freikons.), worin die Regierung um die Einstellung weiblicher Hilfskräfte im Gewerbe- Aufsichtsdienst ersucht wird. Die Beratung wird heute in einer Abendsitzung fortgesetzt.
Berlin, 7. März. Aus Madrid meldet die „Voss. Ztg.", daß der deutsche Botschafter gestern mit dem Präsidenten Silvela eine lange Unterredung hatte. Es scheint sich zu bestätigen, daß Deutschland den Ankauf der Karolinen b absichtigt.
MFC Berlin, 7. März. Die Ernennung des Geheimen Ober-Regierungsrats Freiherrn v. Zedlitz-Neukirch zum Präsidenten der Seehandlung, darf als feststehend angesehen werden. Vielfach wird geglaubt, daß die sehr angenehme Stellung, in welche das entschieden außerordentlich verdienstreiche langjährige Mitglied der freikonservativen Partei eintreten wird, nur als ein Durchgangsstadium für den zukünftigen Finanzminister Preußens zu betrachten sei.
M P.C Unserer Voraussage gemäß ist die Frage der Errichtung eines bayerischen Senats beim Reichs-
■JiJJo i'1 ivzimle und politische Thaten ihrerseits nachzuwe'sen." Das ? । ettbe die gesunde Heilung unserer Zustände sein! Auf die
Mjaltung aber, daß unser Wahlrecht die sozialdemokratische daniei in den Reichstag gebracht habe, können wir nur er-
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Reichstage demnächst ein Antrag auf Verlängerung des Handelsprovisoriums mit England zugehen.
M P.C Wie uns aus Wien geschrieben wird, glaubt man dort nicht daran, daß im Frühjahr eine Konflagration auf der Balkan-Halbinsel entstehen werde. Rußland könne jetzt eine solche in keiner Weise brauchen, und England habe erst jüngst wiederum gezeigt, daß ihm andere Bestrebungen näher liegen, als mit dem Feuer der mazedonischen Bewegung zu spielen.
— Ueber die Vorgänge auf den Samoa- Inseln bringt die „Köln. Ztg." einen Bericht, der die bisherigen Darstellungen bestätigt, aber folgende bisher nicht bekannte Einzelheiten enthält: Der erste Schuß wurde, wie von einwandfreien Zeugen festgestellt und auch von der „Falke" genau beobachtet worden ist, von der Tanu-Seite äbgefeuert. Sogleich entspann sich ein regelrechtes lebhaftes Feuergefecht, wobei, nach den gräßlichen Verwundungen zu urteilen, von der Tanu-Partei auch die von Indien her berüchtigten Halbmantel- (Dum-Dum-) Geschoffe verwandt worden sein müssen. Für die verwundeten Mataafa-Leute sorgten der seit Jahrzehnten in Samoa angesessene und mit einer Samoanerin verheiratete deutsche Arzt Dr. Funk und der zur Zeit beurlaubte Marine-Stabs-Arzt Dr. Krämer, der dort früher auf der „Bussard" stationiert war und sich jetzt seit iy3 Jahren zu wissenschaftlichen Studien privattm aufhält, während die Tanu-Leute von dem amerikanischen Arzte Dr Braucht und dem Arzt des englischen Kriegsschiffes verbunden wurden. Von der alten samoanischen
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