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Nr. 237 Viertes Blatt.Sonntag den 8 October
1899
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Der neue österreichische Ministerpräsident, Graf Manfred Clary Aldringen, wurde am 30. Mai 1852 als jüngster Sohn des verstorbenen Fürsten Eduard Clary geboren. Sein Vater machte sich durch den „offenen Brief", in welchem er die beiden Nationen in Böhmen zum Frieden aufforderte, bemerkbar. Nachdem der jetzige Ministerpräsident seiner Militärpflicht genügt batte, trat er in den Staatsdienst und war u. a. 6 Jahre lang Bezirkshauptmann in Wiener-Neustadt. Im Dezember 1896 wurde er Landespräsident von Schlesien und am 1. Dezember 1898 Statthalter von Steiermark.
Die Familie Clary stammt aus Italien, 1641 wurden die Clary in den Reichsfreiherrenstand, 1666 in den erb- ländischen Grafenstand erhoben und 1787 verlieh Kaiser Josef I. dem jedesmaligen Majoratsherrn die Fürstenwürde.
Vermischtes.
* Berlin, 5. Oktober. Ueber die Kaiserin als Hausfrau wird einem Leipziger Blatt geschrieben: Am Berliner Hofe waltet, wie man weiß, ein familiär- patriarchalischer Geist. Don allen Vorgängen, selbst den unbedeutendsten, müssen Kaiser und Kaiserin rechtzeitig Kenntnis haben, und gewöhnlich ist es das Kaiserpaar selbst, das für alle häuslichen und zeremoniellen Vorkehrungen die ausschlaggebenden Winke erteilt. Das „Neue Wiener Tagblatt" läßt'sich aus Berlin hierüber schreiben: Die Küche des Kaiserhauses ist selbstverständlich die ausschließliche Domäne der Kaiserin. Am Hofe findet keine Tafel statt, deren Speisekarte die Kaiserin nicht vorher bis in alle Details durchgesehen hat. „Der Hausfrau muß die Ehre ihrer Küche am Herzen liegen", pflegt die hohe Frau zu sagen. Der Kaiser und die Kaiserin sind mit Hintansetzung ihrer Personen immer voll Rücksicht gegen ihre Gäste. So oft z. B. der Reichskanzler, Fürst Hohelohe, an des Kaisers Tafel speist, fehlen fast alle fetten oder schwer verdaulichen Gerichte, die ihm schlecht bekommen würden; und es ist der Kaiserin zarte Fürsorge, ohue daß der Reichskanzler davon eine Ahnung hat, nur solche Speisen auf die Tafel kommen zu lassen, die den Gast nicht in die Verlegenheit setzen, zwischen einem verdorbenen Magen oder der Ablehnung des Gerichtes wählen zu müssen. — Im Allgemeinen ist die deutsche Kochkunst in der Küche des Kaisers vorherrschend, obwohl die Gäste aller Nationalen sie oft international werden lassen. Man erzählt sich zahlreiche Küchen-Anekdoten von der Kaiserin. Als der Kaiser kurz nach dem Regierungsantritt den damaligen französischen Botschafter zum ersten Male zur Tafel geladen, meinte der Koch, das würde Veranlassung geben, die größte Erfindung französischer Kochkunst, röti ä Fimperatrice, auf die Kaiserliche Tafel zu bringen. Dies wäre zugleich eine Aufmerksamkeit für die französischen Gäste. Die Kaiserin ließ sich das Rezept reichen. Es lautete: „Nimm eine Olive von der schönsten und fleischigsten Art, löse den Kern aus und fülle sie statt dessen mit einem Schnittchen Anchovis; dann stopfe die Frucht in eine Drossel und diese, gehörig zubereitet, in eine fette Wachtel. Die Wachtel wird nun in ein Rebhuhn, das Rebhuhn in einen Fasan und der Fasan in einen Kapaun gesteckt, der endlich in dem Bauche eines Spanferkels Platz nehmen muß. Dies am Spieß gebraten, giebt, wenn sich sein Küraß im Feuer vergoldet hat, ein Gericht, welches durch die hervorgebrachte
Wechselwirkung aller eingeschachtelten Elemente aufeinander, sowohl für den Geruch als für den Geschmack seinesgleichen sucht, dessen kostbarster Bissen aber die Olive ist, die den Mittelpunkt bildet und die Quintessenz der feinsten Kräfte aus ihren verschiedenen Umgebungen an sich gezogen hat." Kopfschüttelnd las die Kaiserin das Rezept und sprach mit dem Kaiser über den Vorschlag des Kochs. Der Kaiser las den Zettel ebenfalls und gab ihn der Kaiserin mit den Worten zurück: „I wo, laß Dir vom Koch nichts vorerzählen. Das Ding ist gar keine französische Erfindung. Ein ähnliches Gericht, nur in großartigerem Maßstabe, hatten, wie der ältere Plinius und Macrobius berichten, schon die Römer; es mar ein wildes Schwein mit mancherlei anderem Wild und Geflügel gefüllt, und erschien auf dem Küchenzettel unter einem Beinamen, der von dem trojanischen Pferde hergenommen war. Ich glaube aber, es gehört auch ein Pferdemagen zur Verdauung — und der Magen meiner französischen Gäste ist mir heiliger als jeder andere!" Die Kaiserin ist eine Meisterin in guten Kräutersuppen und hat auch dem Kalbsrippenstück, das in so vielfältigen Metamorphosen auf der Tafel erscheint, manches Geheimnis vollkommensten Genusses abgewonnen. Auch die Kartoffeln sieht die Kaiserin gern in den verschiedensten Variationen auf ihrem Tische erscheinen.
* Berlin, 4. Oktober. Der erste Briefkasten in einem Restaurationslokal ist in diesen Tagen in Berlin angebracht worden. Eine solche Einrichtung wurde seit langem schon von den Berliner Gastwirten erstrebt; bisher hatte sich die Postbehörde aber immer ablehnend verhalten. Der in Frage kommende Kasten, der das gewöhnliche Aussehen eines Postbriefkastens hat, befindet sich in den „Reichshallen" am Dönhofsplatze, Die Leerung geschieht vorläufig zwei Mal, morgens und abends, doch wird auf Erfordern der Kasten noch öfter geleert. Jede Leerung kostet den Inhaber des Lokals 10 Pfg. Der neue Kasten nimmt meist Ansichtskarten auf. Daß die Postverwaltung unter der Regie des Herrn v. Podbielski thatsächlich andere Bahnen eingeschlagen hat, geht daraus hervor, daß dem Gesuch um Ueberlassung eines Briefkastens innerhalb dreier Tage entsprochen wurde.
* Hamburg, 6. Oktober. Der Kassierer der Sterbekasse Treue und Einigkeit, Heidmann, ist wegen Unterschlagung von lOOOO Mark Kassengeldern, Urkundenfälschung und Betrug verhafet.
• Elbing, 6. Oktober. In Tolkemit fanden gestern nacht neue Exzesse statt. Als der Stadtwachtmeister eine Verhaftung vornehmen wollte, kamen auf ein gegebenes Zeichen mehrere Personen dazu, schlugen den Wachtmeister, warfen mit Steinen, gaben auch einige Schüsse ab, ohne zu treffen und verhinderten die Verhaftung.
• Kreuznach, 5. Oktober. An einem der letzten Abende wurde Hierselbst durch zwei Polizeibeamten ein 22 jähriger, wegen verübter Einbruchsdieb st ähle schwer vorbestrafter und steckbrieflich verfolgter Mann festgenommen, in dessen Besitz sich ein Geldbetrag von 3370 Mk., bestehend aus 2 Tausendmarkscheinen, 12 Hundertmarkscheinen und der Rest aus Gold, sowie Wertgegenständen, als Fingerringe und Ohrringe im Werte von 200 Mk., vorfanden. Außerdem führte derselbe einen Dolch, zwei scharfgeladene Revolver und 50 scharfe Patronen bei sich, lieber den Erwerb des Geldes und der bezeichneten Gegenstände kann sich der Genannte nicht ausweisen; er will sich in letzter Zeit in verschiedenen größeren Städten aufgehalten haben. Da der Festgenommene, der sich Peter Senn nennt, bis vor etwa zwei Monaten, eine 3 jährige Zuchthausstrafe wegen Einbruchsdiebstahls verbüßt hat und im übrigen vermögenslos ist, erscheint der Verdacht begründet, daß er das Geld und die Wertgegenstände sich widerrechtlich angeeignet hat. In Gesellschaft des Senn befand sich noch eine Frauensperson, die ebenfalls hier festgenommen worden ist. Etwaige Bestohlene werden ersucht, sich an die Kreuznacher Polizeibehörde zu wenden.
* Garnen, 2. Oktober. „Quäle nie ein Tier zum Scherz u. s. w." Eine Tierquälerei sollte sich Freitag morgen furchtbar rächen. Der 15 Jahre alte Knecht Karl Neuhaus war damit beschäftigt, die Diele seines Dienst- Herrn Grevel zu reinigen. Hierbei erblickte er eine Katze, die er bis auf den Boden verfolgte. Nachdem er das Tier eingefangen hatte, band er demselben einen Strick um ein Hinterbein und ließ es nun laufen. Sobald das Tier einige Schritte fort war, riß es der Junge wieder zurück. Durch dieses Hin- und Herzerren gelangte die Katze bis zur Bodenlucke, über welche sie mit einem mächtigen Satze hinwegsprang. Hierdurch bekam Neuhaus einen plötzlichen Ruck,
wodurch er das Gleichgewicht verlor und kopfüber in die Tiefe stürzte und mit zerschmettertem Schädel tot auf der Diele liegen blieb. Zwei sofort hinzugezogene Aerzte konnten nur noch den Tod des Verunglückten feststellen.
* Wien, 5. Oktober. Ein Opfer seines Berufes. Einem tragischen Schicksal ist in jungen Jahren der Hausarzt der Wiener freiwilligen Rettungsgesellschaft Dr. Boris Fan-Zung zum Opfer gefallen. Er starb gestern als Opfer seines Berufes in Folge einer Infektion, die er sich an dem Krankenlager eines Kindes zugezogen hatte. Dr. Boris Fan-Zung, ein geborener Russe, stand int 26. Lebensjahre. Er verwendete seine freien Stunden zum großen Teil dazu, in Spitälern zu hospitieren. Samstag besuchte er das St. Anna-Kinderspital. Er trat an das Krankenlager eines Kindes, das an Scharlach darniederlag, und bei dieser Gelegenheit hat sich der junge Arzt infiziert. Er wurde noch an demselben Tage von Unwohlsein befallen und begab sich in seine Wohnung. Bald trat bei ihm Fieber ein, und sein Zustand verschlimmerte sich. Der behandelnde Arzt konstatierte, daß Dr. Fan-Zung von einer allgemeinen Blutvergiftung durch Infektion befallen worden sei. Die furchtbare Krankheit nahm einen schnellen Verlauf, und gestern ist der junge Arzt gestorben. Die unglückliche Mutter, die an das Krankenlager des Sohnes geeilt war, ist von dem Schlag, der sie getroffen hat, niedergebeugt.
Gerichtssaal.
Berlin, 6. Oktober 1899
Die „Harmlosen" vor Gericht.
(Fortsetzung.)
Die „Harmlosen" in Freiheit. Mit der dramatischen Szene des gestrigen Nachmittags dürfte der Spielerprozeß wohl seinen Höhepunkt erreicht haben. Wie in einem Werk eines großen Dramatikers folgte eine starke Wirkung auf die andere, keine gewaltsam hineingezerrt, sondern jede aus den Charakteren und der inneren Verknüpfung der Handlung folgerichtig herauSgeholt: eine immer stärkere meisterhaft auf die vorige gesetzt und das Ganze durch eine That schöner Menschlichkeit seitens des Gerichts mit einer Szene ab* schließend, die wohl jedem Besucher unvergeßlich bleiben dürfte. Die erste, schon am Schluß des vorigen Sitzungstages wohl vorbereitete Ueberraschung brachte das Erscheinen des Generalmajors v. Kröcher mit seiner Gemahlin. Rechtsanwalt Schwindt war ein besserer Psychologe gewesen als der Kriminalkommiffar. Er sagte sich, daß es keinen Vater in der ganzen Welt giebt, der schweigt und sein eigenes Kind in der Schande sitzen läßt, wenn er es durch ein einziges, wahres Wort von dem Verdachte befreien kann, von ihm selbst, dem eigenen Vater, verworfen worden zu sein. Vom ersten Tage an waren es im Zuschauerraum namentlich die Damen gewesen, die ihr Mitleid mit jenen jungen Leuten nicht verheimlicht hatten, welche der Arglist eines ergrauten Gauners, wie Wolff es war, durch ihren eigenen grenzenlosen Leichtsinn entgegengekommen und zum Opfer gefallen waren. Jetzt sah man manchen interessanten Kopf weit über die Lehne der vorderen Bank hinausgebeugt, und Rührung sprach aus manchem wirklich schönen Auge, als da vorn die stramme Gestalt des alten Herrn erschien, der trotz des Civilanzuges in jeder Bewegung den hohen Militär verriet, als ein greises Elternpaar die Ehre des halbverlorenen Sohnes miede* herzustellen kam. Und wie bei dem großen Shakespeare zwischen den tragischen Hauptmomenten stets der gesunde Humor fein befreiendes Spiel treibt, so bildeten die liebenswürdigen Kartenkunststücke, die der Sachverständige Herr Herrmann nun zum besten gab, eine anmutige, beruhigende und überleitende Episode zwischen der vorhergehenden und der folgenden bewegenden Szene. Der Wechsel der verschiedenen Stimmungen war geradezu verblüffend, als der Zeuge Graf Königsmarck jeden Punkt seiner angeblichen früheren Aussage in ein Zeugnis für die Angeklagten verwandelte. Da, als die Spannung immer dichter wurde, erhob sich Rechtsanwalt Schwindt in seiner ganzen Länge und entlockte dem Zeugen den geheimnisvollen Zettel, auf dem Herr v. Manteuffel so unvorsichtig'gewesen war, Herrn v. Königsmarck seine vor dem Ehrengericht zu machende Aussage vorzuschreiben. Die Aufregung unter den Zeugen, im Zuschauerraum wuchs, alles flüsterte und murmelte durcheinander — einander völlig Fremde tauschten ziemlich laut ihre Ansichten aus, als der Gerichtshof sich zurückzog, und die Erregung stieg ins Fieberhafte. Jetzt verkündete der Vorsitzende, mit dem Collegium zurückkehrend, den Beschluß, die Haftentlassung der Angeklagten zur Debatte zu stellen. Wie hoffnungsvolles Freudenroth sah man es


