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Sonntag den 8 October
1899
Nr. 237 Erstes Glatt.
Meßmer Anzeiger
Keneral-Mlzeiger
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AmtlicherHril.
Bekanntmachung,
betreffend Maul- und Klauenseuche zu Leihgestern.
Nachdem in Leihgestern die Maul- und Klauenseuche srloschen und die Desinfektion vorschriftsmäßig ausgeführt worden ist, werden alle angeordneten Sperrmaßregeln wieder aufgehoben.
Gießen, den 7. Oktober 1899.
Großh. Kreisamt Gießen.
I. V.: B o e ck m a n n.
Bekanntmachung.
Betreffend: Dermittelungsstelle für An- und verkauf 'von Zuchtvieh.
Nachdem der Ausschuß des landw. Provinzialvereins in der Sitzung vom 14. d. Mts. die Errichtung einer Vermittelungsstelle für den An- und Verkauf von Zuchtvieh im Anschluß an die Geschäftsstelle des landw. Vereins für die Provinz Oberhessen in Alsfeld beschloffen und die nötigen Mittel zur Verfügung gestellt hat, bringe ich dies hierdurch mit dem Bemerken zur Kenntnis der Viehzüchter in der Provinz Oberhessen, daß die Vermittelung unentgeltlich erfolgt. Zweck der Vermittelungsstelle ist, Käufern und Verkäufern von Zuchtvieh der Vogelsberger und Simmenthaler Nasse (Herdbuchtiere) das Handelsgeschäft durch Nachweis entsprechender Kaufs- oder Verkaufsgelegenheit zu erleichtern. An der Geschäftsstelle werden zu diesem Zwecke Register geführt, in welche nach der Reihenfolge der Einläufe die Kaufs- bezw. Verkaufsanmeldungen eingetragen werden. Bei zum Verkauf angemeldeten Tieren teilt die Geschäftsstelle den evtl. Käufern die Namen der Besitzer der fraglichen Tiere, das Geschlecht, Alter, die Nasse und den evtl, geforderten Kaufpreis mit. Bei Anmeldungen zum Verkauf von Tieren hat der Besitzer die entsprechenden Angaben auf eine von ihm zu unterzeichnende Anzeigekarte zu machen, welche von der Geschäftsstelle, den Zuchtvereinen und sämtlichen Großh. Bürgermeistereien der Provinz bezogen werden können. Die Verkäufer verpflichten sich, wenn Käufe perfekt geworden sind, dies der Vermittelungsstelle anzuzeigen.
Indem ich diese neuen Einrichtungen den Landwirten der Provinz zur gefl. Benutzung empfehle, bitte ich, ins
besondere die Organe der landw. Vereine und der Zuchtvereine, gegebenen Falles, auf dieselbe aufmerksam machen zu wollen.
Laubach, den 25. August 1899.
Der Präsident des landwirtschaftlichen Vereins für die Provinz Oberheffen. Friedrich Graf zu Solms-Laubach.
Gießen, den 6. Oktober 1899. Betreffend: Wie oben.
Das Grobherzogliche Kreisamt Gießen
au die Großh. Bürgermeistereien de- -kreise-.
Die im Vorstehenden geschilderte Einrichtung empfehlen wir Ihnen bei An- und Verkauf von Faselvieh für die Gemeinden zu benutzen; es werden dabei voraussichtlich die Schwierigkeiten, die seither vielfach bei der Beschaffung des Faselviehs beklagt wurden, gemildert und allmählich beseitigt werden. Aber auch für An- und Verkauf von männlichem und weiblichem Zuchtvieh überhaupt wird die Vermittlungsstelle bei der stets zunehmenden Wichtigkeit des Besitzes von reinrassigen Herdbuchtieren große Bedeutung haben. Jntereffenten wollen Sie daher hierauf Hinweisen, v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Zur Regelung des Verkehrs über die Notbrücke in der Moltkestraße, welche einen Ersatz für die dermalen im Bau begriffene bildet, haben wir folgende Anordnungen getroffen :
1. Das Befahren der Notbrücke mit Karren oder kleinen Wagen aller Axt, auch Kinderwagen, ebenso das Schieben von Fahrrädern auf derselben ist verboten.
2. Ebenso ist das Stehenbleiben und Begehen der Notbrücke in größeren Trupps untersagt.
Zuwiderhandlungen gegen diese Vorschriften werden mit Strafe geahndet.
Wir sprechen die Erwartung aus, daß obige Anordnungen genau befolgt werden.
Gießen, den 7. Oktober 1899.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Muhl.
Bekanntmachung,
Betr.: Erlaß einer Polizeiverordnung über das Befahren der Kaplansgaffe zu Gießen.
Die nachstehende Polizeiverordnung für die Stadt Gießen bringen wir hiermit wiederholt zur öffentliche» Kenntnis.
Die Schutzmannschaft ist angewiesen, jede^Uebertretung «nnachsichtlich zur Anzeige zu bringen.
Gießen, den 4. Oktober 1899.
Großherzogliches Polizeiamt.
Muhl.
Betr.: wie oben.
Polizei-Verordnung.
Auf Grund des Art. 56 der Städteordnung wird nach Anhörung der Stadtverordnetenversammlung mit Genehmigung Großherzoglichen Ministeriums des Innern vom 16. März 1899 zu Nr. M. d. I. 7375 für die Provinzialhauptstadt Gießen verordnet wie folgt;
§ 1.
Das Befahren der KaplanSgaffe mit Fuhrwerken ist nur in der Richtung von der Bahnhofstraße nach dem Kreuz zu gestattet.
§ 2.
Alle durch die Kaplansgaffe gehenden Fuhrwerke dürfe« nur im Schritt fahren.
§ 3-
Zuwtderhandlungen gegen vorstehende Bestimmungen werden nach § 366 pos. 10 des Reichsstrafgesetzes mit Geldstrafe bis zu 60 Mark oder mit Haft bis zu vierzeh« Tagen bestraft.
Gießen, den 27. März 1899.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
_________________Muhl.__________________
Bekanntmachung.
Wir sehen uns veranlaßt, den „Großen Steiuweg" zwischen der Moltkestraße und der Straße „In den Eichgärten • zur Vermeidung fernerer infolge des dermaligen schlechten Zustandes der Fahrbahn mit dem Transport von Fuhrwerken unvermeidlich verbundenen Tierquälereien für den Fuhrwerksverkehr bis auf weiteres zu sperren. Deu
Feuilleton.
Berliner Brief.
^Plaudereien aus der Kaiserstadt.)
(Nachdruck verboten.) gefährlicher Eindringling. — Der „olle ehrliche" Wolff.
Monaco in Berlin. — Ein Zdyll im Grünewald.
Berlin, 5. Oktober 1899.
Der Großstädter hat merkwürdige Passionen, gute und schlechte. Zu ersteren ist gewiß die überall hervortretende Liebe zu den Blumen zu zählen, die ihm im Zimmer oder auf dem Balkon mit der trostlosen Aussicht auf Häuser und wieder Häuser einen matten aber doch unendlich wohlthuenden Abglanz von der herrlichen Natur da draußen geben sollen, in der ihr glücklichen Landbewohner und Bürger der kleinen heimlich-schönen Städte mit den köstlichen Stadtmauer- Promenaden den ganzen Frühling und Sommer umherschweifen konntet. Kein Wunder, daß er sich den Balkon, den nachgerade jede Wohnung der neueren Stadtteile schmückt, mit wildem Wein umrankt! Die leuchtenden Herbstfarben dieses dankbaren Pfleglings geben gerade jetzt manch grauer eintöniger Straße, ein ganz anderes Gesicht mit beinahe italienischen Anflügen, zumal wenn im Dämmern ein paar Lampions oder bunte Ampeln entzündet werden. Natürlich teuft der Berliner auch auf diesem Gebiete mit Vorliebe Neuheiten, und so sieht man denn zu seinem Erstaunen augenblicklich in allen Blumenhandlungen einen alten Bekannten von nicht gerade glänzendem RenommL als Wunder des Herbstes und originellsten Zimmerschmuck auftauchen: die braune Zwiebel der giftigen Herbstzeitlose, die ihre blaffen, krankhaft erscheinenden Blüten ohne Erde und Wasser treibt! Selbstverständlich kennen die meisten die Gefährlichkeit dieser sonst nur in schnöden Bierpantscher- Kreisen beliebt gewesenen Unholdin nicht und geben ahnungslos ihr Geld für eine gewiffenlos angepriesene Spielerei |
aus, die der Familie möglicherweise vielen Kummer bereitet!
Eine noch schlimmere Giftpflanze, deren Umgang manch Kind guter Eltern ins Verderben gelockt hat, wird jetzt draußen in Moabit gekennzeichnet, wo der große Spielerprozeß tagtäglich neue Einblicke in die seltsame Welt der noblen Laster gewährt! Wolff heißt der Ehrenmann, durch dessen Eintritt in den Klub der Leichtsinnigen, die sich schön- färberisch-witzig die Harmlosen nannten, sich das bisher blanke Wappenschild manches jungen Edelmannes mit häßlichen Flecken verunziert hat. „Wenn man den Wolf nennt, kommt er gereimt!“ heißt es im Volke; aber dieser Blutsund Bundesbruder des „ollen ehrlichen Seemann" ist auch als Wolf aus der Art geschlagen. So oft auch sein Name die Hallen des Sitzungssaales durchklingt: er hütet sich, seinen sicher gewählten, unbekannten Schlupfwinkel zu verlassen. Der alte Zuchthäusler weiß viel zu gut, daß die strafende Gerechtigkeit ihn mit ganz besonderer Auszeichnung behandeln würde, und überläßt die von ihm bethörten und gerupften Lebemänner, die bisher eine tadellose Vergangenheit hatten, ihrem Schicksal!
Wer die Großstadt doch von diesen Giftlingen säubern könnte! Tausende von jungen, hoffnungsvollen Männern würde er dem Abgrunde der Schmach entreißen, tausende von Familien vor der Trauer um den verlorenen Sohn be- wahren, der von Stufe zu Stufe sinkt und schließlich im Schlamme der Großstadt zu Grunde geht oder sein junges Leben verzweiflungsvoll in den Reihen der Fremdenlegionen anderer Nationen opfert!
Auch der Name Monaco drängte sich bei diesen Verhandlungen manchmal in unser Ohr. Ist doch Monaco das glänzende Centrum der Spielerwelt! Wem Fortuna ein 'paar tausend Mark Spielgewinnst in die Tasche gezaubert hat, den treibt es mit unheimlicher Gewalt in diesem Hauptquartier des Spielteufels, dieser abscheulichen Pestbeule der gesamten Kulturwelt, sein Glück zu versuchen. Wie viel Glück liegt in dem schönen Monaco begraben!
Unzählig viele Thoren sind der fürchterlichen Spinne ins Netz gegangen und haben sich aussaugen lassen, um dann, sich und die Welt verfluchend, zum Revolver zu greifen! Wie viel schlaflose Nächte müßten die Veranstalter und Schürer dieses Höllenfeuers der Leidenschaften haben, wenn sie ein Gewissen besäßen! Aber glücklicherweise: sie habe» keins! Der Fürst von Monaco, dessen Einkünfte zum großen Teil aus den Pachtgeldern der Spielbank bestehen, sitzt huldvoll unter den Ehrengästen des geographische« Kongresses und spricht über Tiefseeforschungen und wird gefeiert ob seines wissenschaftlichen Ernstes, während im Iu- stizpalast der Name seines Ländchens uns wie das Zischen einer schillernden Klapperschlange ans Ohr schlägt! Ein sarkastischer Zufall freilich, wie er nicht alle Tage geboren wird und fein genug, daß ihn nur die wenigen bemerken, die das Nachdenken nicht verlernt haben! Die lieben Berliner Zeitungen halten sich krampfhaft an die Tiefseeforschungen !
Aus dem Wüst und Lärm des Tages führt mich ein Freund heute hinaus in den Grünewald. Mit Kartoffeln und Kastanien verproviantiert, machten wir uns auf die Hirschjagd, ohne dabei Jagdfrevel zu begehen. Auf de« Lockruf meines Begleiters hatten wir bald ein paar der zutraulichsten schönen Tiere in unserer Nähe, die mit sichtlichem Wohlbehagen unsere Früchte verzehrten. Und immer mehr wagten sich heran, um an dem leckeren Mahle teilzunehmen; zuerst noch scheu und mißtrauisch, bald aber dreister und dreister werdend und die stehen bleibenden Spaziergänger während des Knusperns neugierig musternd. Hundert Schritte von uns begannen die Gärten der Villenkolonie, fauchte die Dampfstraßenbahn vorüber, raffelte» vereinzelte Großstadtdroschken und hier durchwuschelte ein besonders keckes Mitglied des edlen Rudels die Düte einer alten Dame, die sich uns angeschlosien hatte, nach Leibniz- Cakes: ein Idyll noch im Bannkreise Berlins, das nur wenige vermuten ... A. R.


