Ausgabe 
8.10.1899 Drittes Blatt
 
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Nr 237 Drittes Blatt.Sonmag ven 8. October

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K4«rür«ß, Nr. 7.

Grstisdetlagek: Gießener Famitienblätter, Der hessische Kandwirt, Adresse für Depeschen: Anzeiger ißtaß«. Klätier für hessische Nnlkskunde. «r

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Politische Wochenschau.

* Gießeu, 8. Oktober 1899.

Das Sprachrohr des Herrn v. Miquel, dieBerl. Pol. Nachr." fühlten sich am Donnerstag nochmals ver­anlaßt, Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Reichskanzler und dem Vizepräsidenten des preußischen Finanzministeriums entschieden in Ab­rede zu stellen. Folglich darf man annehmen, daß solche Differenzen thatsächlich bestanden haben, jetzt aber glücklich aus der Welt geschafft worden sind ob für immer, ist fraglich bei der Verschiedenartigkeit der Charaktere der in Betracht kommenden Personen. Uebrigens stehen auch beide hohe Beamte in einem so vorgerückten Lebensalter, daß sie über kurz oder lang ihr Amt in andere Hände werden legen müssen. Besonders Herr v. Miquel soll sehr ruhe­bedürftig sein und lieber heute als morgen sein Portefeuille abgeben wollen. Er hat vielleicht keine Neigung mehr, der bestgehaßte Mann in Preußen bezw. im Reiche zu sein, and wessen er sich versehen darf, das haben die Enthüll- »ngen über die Anschläge Liebers deutlich gezeigt.

Das Hauptinteresse wendet sich jetzt denEreignissen in S ü d a fr i k a zu. Endlich hat Mr. Chamberlain seinen Willen, «nd er kann seinen Intimus, Mr. Cecil Rhodes und dessen Getreuen Dr. Jameson und Genoffen, rächen. Wir haben ja die Sachlage bereits so eingehend besprochen, daß wir an dieser Stelle nicht näher darauf zurückzukommen brauchen. Auf den Ausgang der Affaire darf man gespannt sein. Wird es den beiden kleinen Republiken in Südafrika gelingen, des mächtigen Feindes sich zu erwehren, oder werden sie die längste Zeit selbständige Staaten gewesen sein? Vae victia! Das gilt insbesondere England gegenüber, das seinen Gegnern noch niemals Schonung hat widerfahren lassen. Die britische Regierung hat einen sehr günstigen Augenblick zum Einschreiten in Südafrika gewählt, da Frank­reich, welches dort vielleicht Interessen zu vertreten hätte, durch die innerpolitischen Ereignisse und mit Rücksicht auf die Weltausstellung die Hände gebunden sind.

DieVerhandlungen des franzöfischen St aats- gerichtshofs über die royalistischen Anschläge schreiten

nur langsam vorwärts. In den letzten Tagen sind zwar mehrere Verhaftungen erfolgt, jedoch sind die Aussichten, daß es bald zu einer Entscheidung kommt, nur gering. Die Affaire Dreyfus scheint schon vergeffen zu sein, und daran kann man erkennen, daß die Regierung mit der Begnadigung des Kapitäns das Richtige getroffen hatte.

Aehnlich sollte auch König Alexander von Serbien verfahren mit den in Belgrad Verurtheilten. Wenn er ver­ständig genug ist, dann läßt er Gnade walten, wo keine Schuld war. Denn trotz der Ueberzeugung, die er in seiner Thronrede von der Loyalität seiner Unterthanen abgab, darf er den Bogen nicht allzu straff spannen, die Dynastie Obrenowitsch gilt nicht viel im Lande der Serben.

Oesterreich hat wieder ein Ministerium, von welchem inneren Gehalte, muß sich erst zeigen. Auf Thaten kann man erst rechnen, weun der Reichsrat wieder zusammen­getreten sein wird, was ja in allernächster Zeit geschehen soll. Es wird einen harten Kampf geben im Parlamente, da von einer Versöhnung der Parteien keine Rede sein kann, die Gegensätze sich vielmehr noch weiter zugespitzt haben.

Eine Kabinettskrisis hatte bekanntlich auch Spanien, aber sie ist mit dem Rücktritt des Kriegsministers Polavieja erledigt worden, an dessen Stelle der General Azcarraga getreten ist. Nicht geringe Aufmerksamkeit hat man dem Besuche geschenkt, welchen der russische Minister des Aeußern Graf Murawjew am Hofe von San Sebastian machte. Aber es soll nur eine Höflichkeitsvisite gewesen sein, wie offiziös versichert wird! Daß man auch irgend welche politische Zwecke mit diesem Besuche in Verbindung bringen konnte!

Kskaies »«- ProvinMes.

Gießen, den 7. Oktober 1899.

* Kirchliche Dieustuachrichteu. Ernannt wurden: Pfarramtskandidat Wolf zu Alzey zum Pfarrvikar in Ossen­heim, Dekanat Friedberg; Pfarrassistent Hanack zu Bürgel zum Pfarrverwalter des die evangelischen Gemeinden Bürgel und Mühlheim umfassenden Bezirks der evangelischen Land« Pfarrei Offenbach; Pfarrverwalter Hotz zu Heppenheim a. d. W. zum Pfarrverwalter in Maar, Dekanat Lauter­

bach; Pfarrvikar Weber zu Mörfelden, Dekanat Groß- Gerau, zum Pfarrverwalter daselbst; Pfarrverwalter Walter zu Londorf zum Pfarrvikar in Groß Gerau, Dekanat Groß- Gerau; Pfarramtskandidat Schnellbächer zu Heppen­heim a. d. B. zum Pfarrverwalter in Wahlen, Dekanat Alsfeld; Pfarrvikar Wolf zu Offenheim, Dekanat Fried­berg, zum Pfarrverwalter daselbst. Zur Wieder­besetzung werden ausgeschrieben: die evangelische Pfarr­stelle zu Hartershausen, Dekanat Lauterbach; Seiner Erlaucht dem Grafen von Schlitz, genannt von Görtz, steht das Präsentationsrecht zu; die evangelische Pfarrstelle zu Sprendlingen, Dekanat Offenbach; Seiner Durchlaucht dem Fürsten zu Jsenburg-Birstein steht das Präsentations­recht zu.

** Schuldienstuachrichten. Am 5. August wurde dem Schullehrer Eugen Grim zu Haßloch eine Lehrerstelle au der Gemeindeschule zu Ginsheim-Gustavsburg, Gr. Groß- Gerau, übertragen; an demselben Tage wurde der auf die 1. Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Gammelsbach, Kr. Erbach, präsentierte SchulamtZaspirant Heinrich Walter aus Lich, für diese Stelle bestätigt; am 9. August wurde dem Schulamtsaspiranten Franz Fe cher aus Obertshausen eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Lorsch, Kr. Bens­heim, übertragen; an demselben Tage wurde der auf die 2. Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Rothenberg, Kr. Erbach, präsentierte Schulamtsaspirant Peter Heb er er aus Bieber für diese Stelle bestätigt; am 12. August wurde dem Schulamtsaspiranten Otto Wolf sch mitt aus Schotte» eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Heuchelheim, Kr. Gießen, übertragen; am 19. August wurde dem Schul­amtsaspiranten Hermann Weinheimer aus Wallertheim eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Bischofsheim, Gr. Groß'Gerau, übertragen; an demselben Tage wurde» dem provisorischen Zeichenlehrer an der Volksschule zu Mainz Oskar Scheu die Rechte eines definitiv angestellten Volks­schullehrers verliehen; am 26. August wurde dem Schul­amtsaspiranten Heinrich Meißinger aus Kesselbach eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule daselbst, an demselben Tage wurden den Schulamtsaspiranten Johannes Kl öS aus Massenheim und Josef Hell meist er aus Gau-AlgeS-

Feuilleton.

Ikansen in der Urania.

Berlin, 6. Oktober.

Parkett, Logen und Ränge von einem elegantem Publikum bis auf den letzten Platz dicht besetzt, im Parquet die Spitzen der vornehmen Gesellschaft Berlins, die Ver­treter der Wiffenschaft und der Künste, in den Logen ein glänzender Damenflor und Mitglieder des Offizierkorps ..... das war die äußere Signatur des gestrigeu (Donnerstag) Abends, mit dem die Urania den Zyklus jener Borträge eröffnete, die ein Gesamtbild von der Arbeit der Naturwissenschaft in unserem Jahrhundert bieten sollen. Und wie es ein glücklicher Gedanke war, diesen Vortrags­zyklus zusammenzustellen, der in seinen Einzelheiten von den berufensten Männern der einzelnen Disziplinen vertreten werden wird, so war es auch ein glücklicher Einfall, an die Spitze der glänzenden Reihe einen Mann zu stellen, der, ein Gelehrter und ein Held zugleich, gegenwärtig wohl die größte Popularität in der gebildeten Welt genießt: Fridtjof Nansen.

Das Zeichen zum Beginn des Vortrages ertönte, und die tiefe Stille erwartungsvoller Spannung trat ein. Da ging auf der Bühne der Vorhang hoch . . . einige Sekunden verstrichen, und die schlanke, sehnige Gestalt mit dem aus­drucksvollen, ernsten Kopfe ward sichtbar. Mit raschen, festen Schritten ging er auf das Lesepult zu, von einem Sturm von Beifall empfangen.

Und nun begann er seinen Vortrag. Nansen ist ein guter Redner; obgleich ihm die deutsche Sprache hier und da einige Schwierigkeiten zu bereiten scheint, findet er stets und rasch das richtige Wort, den paffenden Ausdruck. Er spricht klar und knapp, ohne Phrasen, ohne Undeutlichkeiten, so recht wie ein Mann der That.

Dem Publikum war es leider nicht vergönnt, den Redner lange zu sehen. Da er fast den ganzen Vortrag durch Projektionsbilder erläuterte, legte sich bald tiefes Dunkel über das Haus, und man konnte die Gestalt des großen Polarforschers nur in den Umrissen wahrnehmen.

Aber fast so interessant, wie der Mann selbst, war sein Vortrag. Das Thema war:Die Fortschritte der Polarforschung", und Nansen gab einen Ueberblick über die Arbeit unseres Jahrhunderts in den arktischen Regionen des Nordens. Er konnte sich dabei selbstverständlich nur auf die wichtigsten Momente beschränken. Er setzte bei jener Epoche ein, in der eine Expedition zum Polarlande nur rein materielle Zwecke verfolgte. Man weiß, daß noch am An­fang unseres Jahrhunderts die meisten Polarreisen haupt­sächlich das Ziel verfolgten, entweder die nordwestliche Durchfahrt die Nordküste Nordamerikas entlang oder die nordöstliche Durchfahrt an der Küste Sibiriens aufzufinden. Man wollte dadurch die Reise nach Japan, China und Indien um ein gewaltiges Stück abkürzen. John Roß, Parry und Franklin suchten die Nordwestpassage. Parry war der Erste, der auf seiner Fahrt bis zum Nordpol Vor­dringen wollte. Dann kam die Periode, in der sich die Nordpolexpeditionen am stärksten häuften. Von derFrank- linschen Expedition, auf die man so große Hoffnungen ge­setzt hatte, kam keine Nachricht, und es begann die Reihe jener Aufsuchungsexpeditionen, denen die Wissenschaft so viel zu verdanken hat. Erst Mac Clure fand im Jahre 1859 die Spuren dieser Expedition, die bis auf den letzten Mann im ewigen Eise untergegangen war. Und demselben Mann war es gelungen, die Nordwestpassage aufzufinden, aber auch die Erkenntnis zu erlangen, daß diese Durchfahrt keine Durchfahrt war, weil das Eis des Polarmeeres niemals schmilzt. Trotzdem war unter den Geographen und Polar­forschern die Ansicht verbreitet, daß um den Pol herum eine freie, schiffbare See, ein offenes Polarmeer vorhanden sei, und wie eine Fata morgana lockte dieses vermeintliche offene Meer zahlreiche kühne Männer hinaus in den hohen Norden. Man drang immer weiter vor, Stück um Stück der polaren Welt wurde mit unbeschreiblich kühnem Wagemut erobert. Aber das offene Polarmeer blieb, was es war ein Phantasiegebilde, dem jede Wirklichkeit fehlt. Doch gerade die Mißerfolge schienen die Forscher anzuspornen. Als man einsah, daß die Verfolgung praktischer Zwecke tue un­praktischste Arbeits- und Menschenvergeudung gewesen war, als man sich endlich überzeugte, daß das offene Polarmeer nur eine Hypothese, ein Traum war, begann erst dre wissen­

schaftliche, die ernste Arbeit. Man suchte nicht mehr ei« Phantom, es galt jetzt, die Wiffenschaft an sich zu bereichern. Diesen rein wissenschaftlichen Charakter trugen und trage» alle Polarexpeditionen der letzten zwei Jahrzehnte, selbst die Expedition Nordenskiölds, der mit seinerVega" die nordöstliche Durchfahrt suchte und sie in der That auch fand. Diese zweijährige Reise an der Küste Sibiriens hatte nur den Zweck wissenschaftlicher Erkenntnis. Und denselben Zweck verfolgten und verfolgen alle jene Expeditionen, die den Nordpol selbst erstürmen wollen. Die Expedition Pearys, die mit so furchtbarer, grauenhafter Tragik gescheiterte Ex­pedition derJeannette", die glorreiche Fahrt Nansens mit seinemFram" sie alle wollten bis zu jenem geheimnis­vollen Erdenpunkt vordringen, den die Karte als Nordpol verzeichnet. Aber nebenbei haben die polaren Forschungen noch einen anderen Weg eingeschlagen. Man sah ein, daß die Polarregionen auch andere Aufschlüsse über das Lebe» und die Vergangenheit unserer Erde bieten können. Nach­dem die erste deutsche Expedition im Jahre 1869 Ent­deckungen in Grönland gemacht hatte, wandte sich die Auf­merksamkeit der Forscher dorthin, und es ergab sich, daß diese Welt, deren Inneres tief unter ewigem Schnee und Eis begraben liegt, gegenwärtig ein Musterbild unserer eigenen Welt ist, wie sie vor Jahrtausenden während wieder­holter Eiszeiten ausgesehen haben mag. Die Forschung wandte sich also Grönland zu, und die Expeditionen Norde»- skiölds, Nansens und v. Drygalsgys brachten Aufschlüffe, die für die Kenntnis der Natur unserer Erde von höchster Wichtigkeit sind.

Gewaltiges hat unser Jahrhundert auf dem arktische« Gebiete geleistet. Die Küste des Polarmeeres ist bis auf wenige Punkte aufgedeckt. Sehr groß ist die Erfahrung, die man in diesem Jahrhundert gesammelt hat. Die Forscher kommender Zeiten werden lange nicht mit so zahl­reichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, wie sie die kühnen Männer unseres Jahrhunderts unter steter Lebens­gefahr und bitterer Drangsal überwinden mußten.

Und wie groß die Drangsal war, schilderte Nansen aus seinen eigenen Erlebniffen. Er las einige markante Stellen seines berühmten Werkes vor und bot ein lebhaftes, anschauliches Bild von den im ewigen Eise durchlebten