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8.8.1899 Zweites Blatt
 
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Dienstag den 8 August

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hatten sich zur Verabschiedung die Gemeindevertretung und jene Beamten eingefunden, die während ihres Aufenthalts mit der Kaiserin in persönliche Berührung gekommen waren. Punkt V25 Uhr erschien die Kaiserin im Flur des Hotels. Beim Besteigen des Wagens wurde der kleinen Prinzessin ein Strauß blühender Rosen und Cyklamen, dem kleinen Prinzen Joachim ein Strauß Almenrausch und Edelweiß von zwei Kindern überreicht. Die drei älteren Prinzen trugen graue Reisekleidung, die drei jüngeren helle Ma­trosenanzüge, die Kaiserin eine schwarze Robe. Während der Fahrt zum Bahnhof brach die zu beiden Seiten des Weges stehende Menge in ununterbrochene lebhafte Hochrufe aus, die von Tücher- und Hüteschwenken begleitet waren. Auf dem Wege wurden massenhaft Bouquets in den Wagen geworfen. Der Bahnhof war reich geschmückt. Die Prinzen, mit Ausnahme des Prinzen Joachim und der kleinen Prin­zessin, nahmen in einem der vorausgehenden Waggons Platz, während sich die Kaiserin vom letzten Waggon aus, als sich der Zug in Bewegung setzte, noch verneigte und den am Perron Stehenden lebhafte Grüße zuwinkte. Die Kaiserin war sowohl in die Equipage als in den Salonwagen ohne Unterstützung gestiegen und bewegte sich so leicht und un« gezwungen, daß niemand den Eindruck erhielt, als trüge sie einen Verband oder litte noch an den Folgen ihres be­dauerlichen Unfalls.

Berlin, 5. August. Wie derPost" von unterrichteter Seite mitgeteilt wird, würden Fürst Hohenlohe und Finanzminister Miquel kurz vor Beginn der entscheidenden Beratungen des Abgeordnetenhauses über die Mittelland- Kanal-Vorlage in Berlin von ihrer Urlaubsreise wieder ein­treffen. Die Staatsregierung wird nach den bisherigen Bestimmungen in der zweiten Lesung noch einmal ihren Standpunkt in dieser Angelegenheit kurz kennzeichnen. Da voraussichtlich ausgedehnte Debatten nicht mehr stattsinden werden, dürfte die endgiltige Abstimmung nicht lange auf sich warten lassen. Ueber die Maßnahmen, die im Falle einer Ablehnung der Vorlage einzutreten haben, ist sich das Staatsministerium schon bald nach Eintritt der Parlaments­ferien schlüssig geworden, und es dürfte sich jetzt nur noch darum handeln, nachdem der Kaiser von seiner Nordland­reise zurückgekehrt ist, seine Zustimmung zu dem bezüglichen Beschluß des Staatsministeriums einzuholen, der für die Vertagung auf längere Zeit eintritt.

Berlin, 5. August. Die Erkundigungen derPost" an

Gratisbeilagen: Gießener Familienblälter, Der hessische Landwirt, Mütter für hessische Uotkskunde._________________

Adrrffe für Depeschen: Anzeiger Gieß«.

Fernsprecher Nr. 51.

Inne^et »an Anzeigen zu der nachmittags für Ite hhenlen Tag erscheinenden Nummer Hi vor». M Uhr.

maßgebender Stelle ergaben, daß von einem deutsch­belgischen Zwischenfall an der Grenze des Kongo­staates nichts bekannt sei. Sollten dennoch in Ostafrika irgendwelche Differenzen sich ergeben haben, so ist nach Ansicht derPost" als gewiß anzusehen, daß sie auf fried­lichem Wege beigelegt werden.

Berlin, 5. August. In einem Rückblick auf Die Er­gebnisse der Haager Friedens-Konferenz be­zeichnet dieNordd. Allgem. Ztg." die von der Konferenz erzielte Einigung über die Ausdehnung der bisher nur für den Landkrieg gütigen Genfer Konvention vom Jahre 1864 auf den Seekrieg als eine zweifellos große Errungenschaft. Desgleichen sei mit Befriedigung zu begrüßen, daß sich die Konferenz mit erheblicher Mehrheit für das Verbot einzelner Geschoßarten entschieden habe, welche das menschliche Gefühl besonders abstoßen. Diese Beschlüsse zur Einschränkung und Humanisierung des Krieges seien ein wertvolles Ver­mächtnis des scheidenden Jahrhunderts an das kommende Jahrhundert.

Berlin, 5. August. Aus W i e n wird der,,Kreuzzeitung" berichtet, daß den dortigen unterrichteten Kreisen von einem Unterbleiben der Zusammenkunft zwischen Hohen­lohe und Goluchowsky nichts bekannt sei. Da der deutsche Reichskanzler von Bayern nach Aussee zurückkehre, so werde lediglich eine Verschiebung der Begegnung eintreten.

Berlin, 5. August. Der DampferLahn" vom Nord­deutschen Lloyd, der seit Donnerstag in New-York fällig ist, ist dort noch nicht eingetroffen. Wie das hiesige Bureau des Norddeutschen Lloyd mitteilt, hat der Dampfer einen kleinen Maschinenschaden erlitten, den er aber unter Ablehnung der Hilfe anderer Schiffe repariert hat. Die Lahn" wird voraussichtlich morgen in New-York eintreffen.

Berlin, 6. August. Wegen einer abfälligen Beurteilung der bekannten Vorgänge, betreffend das Verbot der Bismarck- rede und des Kaiserhochs hat der Magistrat zu Halle die konservativeHallesche Zeitung" bei der Staatsanwaltschaft angezeigt.

In dem Erziehungsplan des Thronfolgers von Sachsen-Koburg ist, so viel bekannt wurde, die Be­stimmung ausgenommen, daß er jährlich drei Monate in England zubringen soll. Nach dem Wunsch seiner Mutter freilich soll der junge Herzog von Albany ein guter Deutscher werden. Die Herzogin antwortete bei der Rückkehr von Windsor nach Esher aus eine Ansprache folgendes:Mein

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Bei Postbezug t Mark 50 Pfg.

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Ballet von Zigeunern vor. Die Einrichtung dieses Stückes ist am Eingänge auf einem ä parte-SBlatt für 1 Gr. zu haben."

In dieser langen Ankündigung vermißt man den Namen des Autors. Später nennen ihn die damaligen Zeitungen Berlins einen Dr. Göde in Frankfurt a. M. Der Beifall, mit dem das Stück ausgenommen wurde, war so groß, daß es sechs Tage hintereinander gegeben werden mußte, etwas Unerhörtes in damaliger Zeit.

Drei Tage nach der ersten Aufführung man sieht, die Kritik nahm sich damals mehr Zeit als heute brachte dieVossische Zeitung" unter der RubrikVon gelehrten Sachen" die erste Rezension. Dieselbe lautete folgender­maßen :

Das so viel Aufsehen in Deutschland gemachte Schau­spiel :Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand", ward auf hiesigen deutschen Theatern dreimal hintereinander mit großem Beifall aufgeführt. Es ist eine deutsche Ritter­geschichte völlig in der Shakespeare'schen Manier. Es würde freilich sehr sonderbar sein, wenn man es nach den Regeln der sogenannten regelmäßigen Schauspiele beurteilen wollte; noch sonderbarer aber, wenn man sich der willkürlichen Regeln, die man von Griechen und Franzosen angenommen, erinnern und danach den Wert dieses Stückes bestimmen wollte. Es ist, wenn man sich so ausdrücken darf, eine Reihe der vortrefflichsten Gemälde, die nach und nach lebendig werden und weiter unter sich keinen Zusammenhang haben, als daß sie zu Götzens Lebenszeiten vorfallen. Weder Einheit der Handlung, noch Vorbereitung einer Begebenheit zur andern, aber dafür so viel damalige deutsche Sitte und Denkungsart, als aus manchem deutschen Geschichtsbuche in folio mit aller Scharfsinnigkeit nicht herauszukommentieren ist. Trugen diese Deutschinnen keine Chignons und ellen­lange Kleiderschleppen, so hatten sie doch auch ihren schönen Putz, und sagten damals die galanten Damen nicht tote jetzt mon eher, so sagten sie, mein lieber Junge. Und daß dies verliebten Rittern ebenso reizend gewesen fern muß,

Irr. 184 Zweites Blatt

Deutsches Keich.

Berlin, 5. August. Der Kaiser nahm heute morgen im Schloß zu Wilhelmshöhe die Vorträge des Chefs des Militär-Kabinetts, Generals v. Hahnke, und des Ver­treters des Auswärtigen Amtes, Gesandten Grafen Wolff- Metternich entgegen.

Der Kaiser traf Freitag abend kurz nach 8 Uhr auf Wilhelmshöhe ein und wurde auf dem Bahnhof von der Kaiserin und den kaiserlichen Kindern empfangen. Die Majestäten traten alsbald die Fahrt nach dem Schlosse an, auf dem ganzen Wege von der Bevölkerung mit Begeisterung begrüßt. Eine heitere Szene, die dem Kaiser ein herzliches Lachen entlockt hat, spielte sich, wie berichtet wird, am Donnerstag Abend ab, als der Kaiser an Bord der Iduna" von einer Segelfahrt in den Hafen zurückkehrte. Bon einem der in der Stromlinie ankernden Panzerschiffe waren etwa zwanzig Matrosen, um sich nach des Tages Arbeit zu erfrischen, in die Fluten gesprungen. Als die Iduna" in Sicht kam, wurde der Befehl gegeben: Alle Mann an Deck! Der Befehl konnte aber nicht so schnell ausgeführt werden, denn die badenden Matrosen mußten einzeln nacheinander in nichts weniger als vorschriftsmäßiger Haltung durch die schmale Heckluke kriechen, um an Bord zu kommen. Inzwischen war die flinke Yacht bis in die unmittelbare Nähe des improvisierten Seebades gelangt. Die ergötzliche Szene, die sich nun abspielte, als die sich überhastenden, einer den andern verdrängenden Matrosen sich angelegen sein ließen, aus Sicht zu kommen, lockte dem Kaiser ein herzliches Lachen ab.

Die Abreise der Kaiserin von Berchtes­gaden schildern dieMünch. Neust. Nachr." in folgender Weise: Ein wirklichesKaiserwetter" lag über der berg- umfäumten, prächtigen Landschaft. Wie sehr die kaiserliche Familie sich die Herzen aller gewonnen, bewies die rege Anteilnahme von ganz Berchtesgaden bei der Abreise. Die Häuser zeigten reichen Flaggenschmuck in bayerischen und deutschen Farben. Gegen 4 Uhr nachmittags setzte sich ein stattlicher Zug, gebildet von den Schulkindern, die in die Landestracht gekleidet waren, den Schützen, der Liedertafel, den Kriegervereinen, der Feuerwehr und den Bergknappen in ihrer hübschen, kleidsamen Tracht, mit Musik voran, zum Grand Hotel in Bewegung. Die Terrasse des Hotels war aufs prächtigste mit Blattpflanzen geschmückt. Im Hotel

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

Gine alte Kritik über Hoetße's Höß von Aerlichingen".

In denBerliner Neuesten Nachrichten" widmet A. v. Winterfeld dem 150. Geburtstage Goethe's ein Gedenk­blatt : Die erste Aufführung von Goethe'sGötz von Berlichingen" in Berlin und in Deutschland: Die bevor­stehende Feier von Goethe's 150. Geburtstag erinnert uns an die erste Aufführung seinesGötz von Berlichingen" in Deutschland, desjenigen seiner Dramen, welches, wenn auch von den Zeitgenossen verschieden beurteilt, doch überall eine mächtige Sensation erregte. Diese erste Aufführung fand in Berlin am 14. April 1774 statt, in Hamburg am 24. Oktober desselben Jahres. Das damalige Berlin zählte kaum 140,000 Einwohner, nicht ein Zehntel der jetzigen Bevölkerung. Das Schauspielhaus lag in der Behren­straße. DieVossische Zeitung" vom 14. April 1774 kün­digte die Vorstellung folgendermaßen an:

Heute wird die von Seiner Königlichen Majestät von Preußen allergnädigst privilegierte Kochische Gesellschaft teutscher Schauspieler aufführen:Götz von Berlichingen mit der eisernen Hand". Ein ganz neues Schauspiel in fünf Akten, welches nach einer ganz besonderen, jetzt ganz ungewöhnlichen Einrichtung von einem gelehrten und scharfsinnigen Verfasser mit Fleiß verfertigt worden. Es soll, wie man sagt, nach Shakespearifchem Geschmack ab- gefaßt sein. Man hätte vielleicht Bedenken getragen, solches auf die Schaubühne zu bringen, aber man hat dem Ver­langen vieler Freunde nachgegeben, und soviel als Platz Uitb Zeit erlauben wollen, Anstalt gemacht, es aufzuführen. Amch hat man sich dem geehrtesten Publikum gefällig zu machen, alle erforderlichen Kosten auf die nötigen Deko­rationen und neuen Kleider gewandt, die in den damaligen Zeiten üblich waren. In diesem Stück kommt auch ein

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5831 M >vg 8 Uhr.

als jenes, beweiset diese Geschichte selbst: denn das mein lieber Junge aus schönem Munde vermochte den braven Ritter Weißlingen so gut zu einer schlechten Handlung, als das mon eher mancher unserer Zeitgenossinnen vermag. Wenn also dieses Stück auch keinen anderen Vorzug hätte (und es hat deren gewiß noch viele andere) als diesen, daß es uns mit den deutschen Ritterzeiten bekannt machte, so wäre es schon für jeden Deutschen Bewegungsgrund genug, es nicht einmal, sondern vielmal zu hören. Denn es ist doch wunderlich genug, die alten Römer so emsig zu ftubieren und von den mittleren Zeiten Deutschlands nicht eine Srlbe zu wissen! Wenn der Beifall ein Merkmal von der guten Vorstellung der Schauspieler ist, so kann man sie diesmal vortrefflich nennen; und wenn dieser Beifall ihnen auch nicht zu Teil geworden, so würde doch der Unpartensche gestehen, daß ein solches Stück, dessen Aufführung vielen Schwierigkeiten unterworfen, im ganzen genommen, nach Beschaffenheit des deutschen Theaters wohl von keiner Gesell­schaft besser vorgestellt werden kann. Vornehmlich werden die Hauptrollen sehr gut ausgeführt, und das Kostüme, das in den Kleidungen durchgängig mit wahrem Geschmack beob­achtet wurde, wird selbst der Altertumskenner rühmen müssen." Soweit die Rezension.

Zu Eckermann hat sich Goethe geäußert, daß dem echten Dichter die Kenntnis der Welt angeboren sei und daß er zu ihrer Darstellung keineswegs vieler Erfahrung bedürfe.Ich schrieb meinen Götz von Berlichingen," sagte er,als junger Mensch von zweiundzwanzig Jahren und erstaunte zehn Jahre später über die Wahrheit meiner Dar­stellung. Erlebt und gesehen hatte ich bekanntlich dergleichen nicht, und ich mußte also die Kenntnis mannigfacher mensch­licher Zustände durch Antizipation besitzen." Und ein anderes Mal:Ich that einen glücklichen Griff nut meinem Gotz von Berlichingen; das war doch Bein von meinem Bem und Fleisch von meinem Fleisch." Er meinte damit den nationalen Stoff. Wie inWahrheit und Dichtung" berichtet, hatte Goethe sich mit seiner Schwester Cornelia oft umständlich

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