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8.3.1899 Zweites Blatt
 
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Mittwoch den 8. März

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m. 57 Zweites Blatt

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Zum Kabinettswechsel in Spanien.

Schon lange schwankte das Ministerium Sagasta, bis rs jetzt endlich zurückgetreten ist und einem Kabinet Silvela Platz gemacht hat. Man darf nicht vergessen, daß der alte Oogasta die Regierung unter besonders schwierigen Um» Milden übernahm, und sie zu einer Zeit zu führen ge- zwllngen war, wo der ehemaligen Größe und Macht Spa­niens der letzte Streich, der Todesstoß versetzt wurde. Es ist deshalb auch kaum angebracht, jetzt nach Sagastas Rück- trilt diesen für alle dem Lande zugefügten Wunden verant- noitlich zu machen. Wir haben schon oft betont, daß das Geschick Spaniens sich erfüllen mußte, gleichviel ob eine liberale oder eine konservative Regierung an der Spitze stand. Des­halb halten wir es auch für ganz verkehrt, wenn man jetzt bcii im letzten Kriege unterlegenen Generalen und Admiralen den Prozeß machen will. Was hilft alle Tapferkeit, aller Heldenmut und alle persönliche Aufopferung, wenn die Organisation mangelhaft ist, wenn es an dem erforderlichen Kriegsmaterial fehlt, und wenn die traurige Finanzlage des Laiodes die maßgebenden Faktoren verhindert, die Fortschritte der Technik sich nutzbar zu machen.

Mit dem Rücktritt Sagastas, der schlechterdings nie der Sympathien der Königin-Regentin sich erfreute, ver­schwindet die liberale Partei wieder einmal von dem Podium der Regierung, und die Konservativen kommen ans Ruder. Fl Sher folgte auf Sagasta unfehlbar Canovas und auf diesen wieder Sagasta. Nach dem Tode Canovas konnten ßch die Konservativen lange nicht über den Führer einigen, mb es traten Spaltungen innerhalb der Partei ein. Nun­mehr dürfte Silvela der Unterstützung aller Konservativen sicher sein, und um in die Cortes eine Regierungsmehrheit zu bringen, sollen Neuwahlen ausgeschrieben werden. Bei den in Spanien herrschenden Zuständen hat nämlich jede Regierung eine Parlamentsmajorität; ein liberales Kabinet verschafft sich eine liberale, ein konservatives eine konser­vative Mehrheit. Das kennt man dort unten in dem sonnigen Lande nicht anders, und wenn die Wahlbeeinfluß- vnzen nicht gar zu sehr gen Himmel schreien, dann trägt die unterlegene Partei gelassen ihr Geschick, wissend, daß auch sür sie einmal wieder die Zeit kommen werde, wo sie das Wahlrecht mit Füßen treten und demVae victis Geltung verschaffen kann.

Was darf Spanien von Silvela erwarten? Es gehört (in ganzer Mann dazu, das Steuer der Regierung unter den jetzigen Umständen so zu führen, daß das Land gut ; dabei führt. Finanziell dem Ruin schon längst verfallen, politisch zerriffen, die Regierungsform in steter Gefahr, Verderbnis in allen Schichten wahrlich es gehört Mut dazu, das Steuer zu übernehmen. Freilich, schlimmer als

Feuilleton.

I>as 19. Jahrhundert.

Unter Mitwirkung hervorragender Fachgelehrter herausgegeben von Friedrich Thieme.

(Nachdruck oder AuSzug verboten. V.

Die Litteratur des Auslandes.

Frankreich. Während die französische Ausklärungs» kikteratur des vorigen Jahrhunderts von tiefgehendstem km stütz auf die ganze Denk- und Handlungsweise Europas Dar, öffnete sich das litterarische Frankreich des neu be- jinnenben 19. Säkulums unverkennbar den Anregungen der »mischen und englischen Dichter und Denker. Der natür­lichen Entwickelung der Dinge entsprechend, folgte der Revo- Inlien die Reaktion, und nicht nur auf dem Gebiete der Politik, sondern auch auf dem der Litteratur. Die Romantik fiel« ihren Einzug und nahm zum Teil einen wesentlich christlichen Charakter an. Aber nicht nur die kirchenfeind- liche: Philosophie wurde bekämpft, sondern auch der Geist mb die formelle Schreibweise der französischen klassischen Achtung; wie bei uns, fordert auch dort die Romantik die Lestreiung des Gedankens, die Beseitigung abgelebter Kormen, den Wegfall der einseitigen Bevorzugung der Antike, lhiauteaubriand eröffnete 1802 den Kampf der neuen lüitztung, seinGeist des Christentums" ist der Triumph- »vg«n, durch welchen die Romantik ihren Einzug in Frank- «ichy hielt. Ihm sekundierte die durch deutschen Einfluß

die Berhältniffe jetzt find, können sie auch unter Silvela kaum werden; das mag ein Trost sein, für den neuen Kabinettschef. Hoffen wir, daß die Reformen, welche Silvela angeblich ins Werk setzen will, durchgreifende sind, und dem schwer geprüften Lande zum Segen gereichen. (xx)

Ei« freies Wort eines deutschen Professors.

Unter dieser Spitzmarke bringt derMainzer Anzeiger" folgendes:

Professor Dr. Osthoff in Heidelberg, der neu gewählte Prorektor der Heidelberger Universität, ein überzeugungs­treuer Demokrat, hat anläßlich des Fackelzuges, den ihm zu Ehren die Studentenschaft veranstaltete, eine Rede gehalten, die die weiteste Verbreitung verdient.

Nachdem er seine Dankbarkeit und Freude darüber ausgedrückt hatte, daß die atudioaa Juventus der Hochschule fackelschwingend und hurrahrufend ihr Ja und Amen zu dem sagte, was im Rate der Alten Großer Senat ge­nannt bezüglich der Leitung der Geschäfte beschlossen worden, führte er ungefähr folgendes aus:

Die Wahl zum Prorektor hat mich vor eine unge­wohnte Situation gestellt; denn die Eigenart meines Faches mußte mich bisher auf das Wirken in kleinen Kreisen an­weisen. Ich preise es aber als einen Vorzug unserer be­währten deutschen Universitätseinrichtungen, daß sie auch den weltabgewendeten Professor und Forscher hin und wieder vor die Front rufen, um nun die akademische Kompagnie selbst zu kommandieren. Der deutsche Professor ist in ge­wisser Hinsicht ein Zwitterwesen. Er vereinigt in sich teil­weise Eigenschaften eines Beamten mit denen des freien Forschers und Gelehrten. Gerade deswegen muß er die wahren Pflichten seines Lehramtes mit um so größerer Gewissenhaftigkeit erfüllen. Die Denkfreiheit und die Lehr­freiheit sind sein Lebenselement.

DiesenGrundsatz hatte schon vor lOOJahren jener berühmte Theologe durch sein ganzes Leben hindurch bethätigt, dessen Jubiläum wir in diesen Tagen feierten. Wie der Fisch, der aus seinem Elemente heraus auf den Sand geworfen wird, nicht sortexistieren kann, so der deutsche Universitäts­professor, dem man freies Denken und freies Lehren zu wehren gedächte. Zur Lehrfreiheit muß aber kommen der Lehr-Freimut! Ein mir von Jugend auf befreundeter, in allen wichtigeren Universitätsfragen mit mir einig gehender Berliner Hochschullehrer hat kürzlich betont, daß das Wort Professor von profiteri abgeleitet ist. Und das heißt: frei bekennen! Erkennen ist Verstandessache, Bekennen Charakter­sache. Schon in der Bibel wird gemahnt: Ihr sollt Euer Licht nicht unter den Scheffel stellen! Und Dr. Martin Luther kleidete denselben Gedanken in die Worte:Unser Licht steht nicht unter dem Scheffel, sondern brennt und

gebildete Frau v. Stael, deren Werk über Deutschland die lächerlichen Vorurteile der Franzosen gegen deutsche Poesie zerstörte. In demselben Sinne wirkten Charles Nodier (geb. 1783), R. Toepffer, Andrö-Marie de Chenier, der berühmte Pamphletist Paul Louis Courier (1772 bis 1825). Auf dem Gebiete der Lyrik glänzten Böranger (17801857), der berühmte freisinnige Liederdichter, und Lamartine, einer der gefühlvollsten Lyriker Frankreichs. Victor Hugo (18021885) war ein Meister sowohl des Dramas, als des Romans, auch Alexander Dumas der Heitere (18031870), welcher der Erfinder der litte» rarischen Zusammenarbeiterschaft ist, verdient Erwähnung. Hervorragend sind noch Alfred de Vigny, Scribe, Balzac, Eugöne Sue, Alfred de Muffet u. s. w. George Sand (1804 1876) schuf den sozialen Tendenzroman. Die alte klassische Richtung vertraten Fontanes (ausgezeichnet im Lehrgedicht), Barthelemy, ein talentvoller Epiker, Marie Joseph de Chenier (17541811), ein populärer Dramatiker, Etienne, der beliebteste Lustspieldichter seit MoliSre, endlich Jouy (17691850), der preisgekrönte Verfaffer der Vestalin". Wie in Deutschland, so artete auch in Frank­reich die Romantik Zuletzt in Unnatur und Sensation aus, was einige Dichter bewog, zwischen den Tugenden der klassischen und romantischen Schulen eine edle Verbindung zu suchen. Es waren dies Francois Ponsard und Emil Au gier (geb. 1820). Letzterer errang schon mit seinem ersten Drama:La eigne (Der Schierling) einen großen Erfolg. Am bekanntesten in Deutschland ist seinHaus Fourchambault". Weiter errangen Sardou im Schau­spiel und Pailleron im Lustspiel große Erfolge. Alexander Dumas (Sohn) führte in seinerCameliendame" die Pariser

leuchtet frei auf dem Leuchter!" Manchmal leuchtet dieses Licht auch in dunkle Ecken, und das gefällt dann häufig denjenigen nicht, die in diesen Ecken etwas zu verbergen haben.

Den Glanzpunkt in der Geschichte des deutschen Pro- fessortums bildet jenes Göttinger Siebengestirn, das furcht­los dem herrschenden Fremdling entgegentrat, der die dem Volke garantierten Verfassungsrechte mißachtete. Mag es Wahrheit ober Dichtung fein, was man Galilei sagen läßt: Unb sie bewegt sich boch" auch heute noch muß ber Professor bie moralische Kraft haben, feine Ueberzeugung frei zu bekennen, unb er muß zu biesem Behufe auch stark genug fein, auf Würben, Titel unb Orben, wenn nötig, verzichten zu können!

Ich komme nun zum andern Teil der akademischen Körperschaft»zum Studenten. Student ist abzuleiten von studere streben! Es fällt mir nicht leicht, dies auszu­sprechen; denn die Tücke der Bedeutungsentwicklung spielt uns hier einen Schabernack. Es ist das heilige und edelste Streben nach der Wahrheit, nach geistiger und sittlicher Vollkommenheit, wovon der Student den Namen hat. Sein Streben soll nur auf die Sache gerichtet sein, es soll sich nicht durch die Rücksicht auf Personen bestimmen lassen. Weder sklavisches Nachbeten der verba magistri, noch Rück­sichten auf künftige Vorgesetzte und auf eine künftige Lauf­bahn sollen für das Streben der Studenten maßgebend sein. Vor allem aber möchte ich Sie warnen vor Intoleranz gegen andersdenkende. Ich hoffe, daß es keine optimistische Behauptung ist, wenn ich sage, unter den Studenten der Ruperto Carola giebt es keine Gesinnungsriecherei! Man sieht den Kommilitonen nicht auf sein religiöses Bekenntnis oder auf seine Parteistellung an, man bezweifelt nicht seinen Patriotismus, wenn er anderen Anschauungen huldigt, sondern man sucht den berechtigten Kern gegnerischer Ansichten zu erkennen und zu beachten.

Doch ich will Ihnen keine Moralpredigt halten. Ich bin gewohnt, aus meinem Herzen feine Mördergrube zu machen und so habe ich auch heute ausgesprochen, was ich über gewisse dunkle Punkte denke, die mit den Schäden unserer Zeitströmung zusammenhängen. Alt-Heidelberg hat seit fünf Jahrhunderten im Geistesleben der Nation bahn­brechend und verjüngend gewirkt. Möge es auch im neuen Jahrhundert diese Aufgabe erfüllen und einem idealistischen Aufschwung unseres Hochschullebens die Wege ebnen. In dieser Erwartung bitte ich Sie, mit mir in den Ruf einzu­stimmen: Unsere Ruperto-Carola lebe hoch, hoch, hoch!"

I Halbwelt in die Litteratur ein. Claude Xi liier (1801 I bis 1841) schuf in seinem RomanMon oncle Benjamin ein geistvoll-witziges Werk, Jules Verne (geb. 1828) end­lich schrieb eine Reihe eigenartig naturwissenschaftli-h- phantastischer Romane, von denenDie Reise um die Erde in 80 Tagen",20,000 Meilen unterm Meere" unbReise nach bem Monbe" bie berühmtesten sind.

Schon Balzac hatte verstauben, seinen Romanen unb Erzählungen eine stark realistische Färbung zu geben; auf ihm fußt baher bie Schule bes Naturalismus, bie seit zwanzig Jahren auch in Deutschlanb zahlreiche Vertreter besitzt. Aller Romantik feinb, gilt ihr als bie höchste Aufgabe ber Kunst bie treue Wiebergabe ber Wirklichkeit. Ihr Haupt­vertreter ist Emile Zola (geb. 1840), ein genialer Schrift­steller von bewunbernswerter Darstellungskraft, welche Stellung man auch immer zu seinen Probukten einnehmen mag. Sein Hauptwerk ist ber RomanzyklusLes Rougon- Maquart. Von ben übrigen Mitgliebern ber Schule ober ihrem Gefolge seien hier nur bie Brüber Goncourt, Alphonse Daubet, Guy be Maupaffant unb Erckmann-Chatrian ge­nannt. Nicht vergessen bürfen wir zum Schluß ben groß­artigen Aufschwung, welchen bie Geschichtsschreibung in ber neueren Zeit in Frankreich genommen hat. Auf eine ein- gehenbere Charakteristik bieses Teiles ber litterarischen Thätigkeit können wir uns nicht näher einlaffen, wir heben nur als Vorzüge ber französischen neueren Geschichts­schreibung bie Lebhaftigkeit bes Stils unb bie effektvolle Charakterzeichnung neben ber Klarheit ber Darstellung her­vor. Die Namen Guizot, Thiers, Mignet, Thierry, Tame oerbienen hier eine Stelle

(Fortsetzung folgt.)