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BLittwoch dm 8. Februar
Ur. 33 Zweites Blatt
1899
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
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Fernsprecher Nr. 51.
Die deutsche Reichseiche und der Friede.
Fast alljährlich ist der Kaiser Gast des brandenburgischen Provinziallandtags und jedesmal hält er bei dieser Gelegenheit eine längere, über den Rahmen der Veranlassung hinaus bemerkenswerte Rede.
Die Ansprachen sind regelmäßig überaus warm gehalten, und lassen erkennen, wie wohl sich der Kaiser unter den Vertretern der Mark Brandenburg fühlt, wie ihm das Herz aufgeht inmitten der märkischen Männer und welchen Bert er auf die Mitwirkung seiner engeren Landsleute bei der Erfüllung der schweren königlichen und kaiserlichen Pflichten legt. Der Kaiser liebt in seinen Reden die poetischen Vergleiche. Am Freitag verglich er das Reich mit einer Eiche, mb sprach des längeren von der „deutschen Reichseiche", die er zu schützen und zu pflegen von neuem gelobte. Was Itr Kaiser im Sinne hatte, als er von der Notwendigkeit sprach, die unnützen Triebe der Reichseiche — Ausläufer mb Räuber nennt sie der DolkSmund — zurückzuschneiden, mb die Tiere auszurotten, die die Wurzeln des Baumes benagen wollen, läßt sich unschwer erraten. Er hat ja niemals ein Hehl daraus gemacht, wie der Umsturz mb die Parteien, welche einen solchen fördern, seinen kräftigsten Widerstand und eine energische Bekämpfung seinerseits zu gewärtigen haben. Ist diese Reinigung erfolgt, erst bann kann das deutsche Reich sich urkräftig entwickeln, und in viel höherem Grade ist es dann fähig, seiner Friedens- Msgabe gerecht zu werden.
Der deutsche Michel soll den Frieden schirmen, aber mit der Hand am Schwertknauf. Mit diesen Worten läßt fctr Kaiser erkennen, wie weit er den Abrüstungsvorschlägen «ntzegenzukommen gedenkt. Wehrlos kann er das Deutsche Iikich nicht machen, hilflos darf sich überhaupt kein einziger Elaott machen, weil darin erst recht eine Gefahr für den Kneden liegen würde. Der Kaiser weist darauf hin, daß Sei allen Bestrebungen auf Herbeiführung eines ewige» Friedens nicht berücksichtigt wird der Haß, der Neid und die Zwietracht, welche unter den Einzelnen, wie unter den Völkern herrschen. Immer wird der eine Mensch versuchen, btn andern zu Übervorteilen, und ebenso wird eine Nation auch darnach trachten, die Schwäche der anderen sich zu nutze zu machen.
Feuilleton.
Das 19. Jahrhundert.
(Nachdruck oder Auszug verboten.)
Chronologische Uebersicht.
II.
Die wichtigsten politischen Ereignisse des 19. Jahrhunderts.
(Schluß.)
1-W 1. 1. Einverleibung Bosniens und der Herzego
wina in das österreichische Zollgebiet.
14. 12. Unabhängigkeitserklärung der Transvaalregierung.
Hsi 13. 3. Ermordung Kaiser Alexanders II. von Rußland.
17. 11. Botschaft des Deutschen Kaisers, betreffend die Sozialreform.
6. 3. Serbien zum Königreich proklamiert.
15. 6. Ablehnung des Tabakmonopols im deutschen Reichstag.
11. 7. Beschießung Alexandrias durch die Engländer
31. 12. Gambetta f.
1883 15. 6. Krankenversicherungsgesetz.
28. 9. Einweihung des Niederwalddenkmals.
— — Anschluß Italiens an das deutsch - österreichische Bündnis.
M 6. 7. Unfallversicherungsgesetz.
14. 7. Besitzergreifung von Kamerun durch Deutschland.
7. 8. Hissung der deutschen Flagge in Angra- Pequena.
15. 11. Eröffnung der Kongo-Konferenz in Berlin.
24. 8. Hissung der deutschen Flagge auf einer Karolineninsel. (Beginn der Karolineu- frage.)
21. 9. Alexander erklärt sich zum Herrscher des vereinigte« Bulgarien.
Die deutsche Reichseiche soll ein Hort des Friedens sein, ein rocher de bronce, an welchem jede den Frieden gefährdende Welle sich brechen soll. Dazu gehört aber, daß die Eiche gehegt und gepflegt wird, daß man ihrem Wurzelfassen Vorschub leistet, und sie nicht durch Untergrabung der Wurzeln gegenüber den heranbrausenden Stürmen wehrlos macht. Das Wort Friede hat einen schönen Klang, aber unter den heutigen Verhältnissen kann tatsächlich nur von einem bewaffneten Frieden die Rede sein, und es kann sich nur darum handeln, die dadurch bedingten Härten auf dar möglichst niedrigste Maß zu beschränken.
(xx)
Deutsches Reich.
Berlin, 6. Februar. Der Vize-Präsident des Staatsministeriums, Dr. v. Miquel, beabsichtigt am 13. d. M. abends ein Festessen zu geben. Zu demselben sind zahlreiche Einladungen erlassen worden. Die Vertreter der Fraktionen des Reichstages und Landtages haben ebenfalls Einladungen erhalten. «
Berlin, 6. Februar. Im Reichsgesundh^tsamte sind heute die eingeladenen Sachverständigen zur Besprechung über die Frage der Revision des Gesetzes betreffend den Verkehr mit Wein zusammengetreten.
Berlin, 6. Februar. Das Befinden des an Influenza erkrankten Staatssekretärs Bülow hat sich, wie die „Post" hört, bedeutend gebessert.
Berlin, 6. Februar. Deutsche Schiffe und spanische Truppentransporte. Es ist wohl noch in der Erinnerung, daß vor nicht langer Zeit sehr traurige Berichte über den Rücktransport der spanischen Truppen auf Kuba durch die Presse liefen. Nach diesen Berichten hatten die spanischen Dampfer auf der Ueberfahrt ganz ungeheure Verluste; und es wurden Dampfer genannt, die auf 1200 Soldaten 60 bis 70 Tote gehabt hatten. Dieser erschreckende Menschenverlust, daneben wohl aber auch die Unmöglichkeit, die spanische Armee in der erforderlichen kurzen Zeit nach dem Vaterlande auf spanischen Schiffen zurückzubringen, haben dann die spanische Regierung veranlaßt, wegen der Rückbeförderung mit dem Norddeutschen Lloyd zu verhandeln, der seine Dampfer „Werra", „Fulda" (diese beiden Schiffe
zu je zwei Transporten), „Stuttgart", „München", „Darmstadt", „Habsburg", „Ems" und „Dresden" zu diesem Zwecke zur Verfügung stellte. Die jetzt über diese Reisen — mit Ausnahme der beiden letztgenannten Dampfer — vorliegenden Meldungen sind laut „Köln. Ztg." dazu angethan, vom rein menschlichen Standpunkte mit großer Befriedigung zu erfüllen; sie stellen aber außerdem auch unfern deutschen Dampfern, ihren Führern und ihrer Besatzung ein ungemein vorteilhaftes Zeugnis aus, denn nur durch die größte Fürsorge und musterhafte Ordnung im Dienste ist es zu erklären, daß die auf deutschen Dampfern transportierten Truppen so gut wie keine Verluste aufzuweisen haben. Es ist das um so anerkennenswerter, als die Schiffe voll und übervoll beladen waren und durchschnittlich 2200 Soldaten führten.
Lokales und Provinzielles.
Gießen, den 7. Februar 1899.
** Die Firmenschilder Maler werden in diesem Jahre gute Geschäfte machen. Vom 1. Januar 1900 an, dem Tage, an welchem das neue Handelsgesetzbuch zugleich mit dem Bürgerlichen Gesetzbuch eingesührt wird, müssen sämtliche Inhaber öffentlicher Läden, ob sie eingetragene Firmen besitzen oder nicht, ihren Familiennamen mit mindestens einem ausgeschriebenen Vornamen an der Außenseite oder am Eingang des Ladens in deutlicher, lesbarer Schrift anbringen. Wer sich also neue Schilder machen läßt, sollte gleich auf die neue Verordnung Rücksicht nehmen.
** Das Belegen der Platze in öffentlichen Lokalen kam in einer Verhandlung vor dem Schöffengericht in Hamburg zur Sprache. Ein Herr betrat ein Hamburger Restaurant, welches von Gästen überfüllt war, nur ein Stuhl war unbesetzt. Als er diesen Platz einnehmen wollte, wurde ihm von einem anderen Gast, der seinen Stock auf diesen Stuhl gelegt hatte, bedeutet, daß der Stuhl besetzt sei; er erwarte einen Freund, der gleich kommen müsse. Der Zurückgewiesene ließ sich das nicht gefallen, sondern nahm den Stuhl für sich in Beschlag. Hierbei kam es zu Differenzen zwischen beiden, was schließlich eine Beleidigungsklage zur Folge hatte. In dem sehr interessanten Erkenntnis hieß es unter anderem: Das Belegen oder Umlegen von Stühlen
1886
1887
1888
1889
1'4. 11. Serbien erklärt Bulgarien den Krieg.
— — Begründung des Kongostaates. — Italien nimmt den Hafen von Massaua in Besitz. — China tritt Tongking an Frankreich ab.
10. 6. König Ludwig II. von Bayern für regierungsunfähig erklärt.
13. 6. Derselbe ertränkt sich mit Dr. Gudden im Starnberger See.
28. 8. Fürst Alexander von Bulgarien, durch eine Verschwörung entthront, trifft in Lemberg ein.
30. 8. Rückkehr Alexanders nach Bulgarien.
7. 9. Alexander verläßt Bulgarien für immer.
— — Ablehnung der irischen Homerulevorlage.
14.
1.
Auflösung des deutschen Reichstages wegen Ablehnung des Septennats.
11.
3.
Annahme des Septennats.
7.
7.
Prinz Ferdinand von Koburg zum Fürsten von Bulgarien gewählt.
6.
2.
Bismarck spricht im Reichstage die Worte: „Wir Deutschen fürchten Gott, sonst niemand auf der Welt."
8.
2.
En Lloo-Annahme der Militärvorlage im deutschen Reichstage.
9.
3.
Kaiser Wilhelm I. f- Thronbesteigung Friedrichs III.
15.
6.
Tod Kaiser Friedrichs III. Thronbesteigung Wilhelms II.
30.
9.
Geffckens Verhaftung wegen Veröffentlichung des Tagebuchs von Kaiser Friedrich.
29.
10.
Eisenbahnkatastrophe bei Borki (wodurch die russische Kaiserfamilie bedroht war.)
20.
12.
Sieg der Engländer im Sudan bei Suakim.
30.
1.
Tod des Kronprinzen Rudolf von Oesterreich.
21.
4.
Verhaftung des deutschen Polizeikommissars Wohlgemuth in der Schweiz. (Differenz mit der Schweiz.)
19.
10.
Die deutsche Schutztruppe erstürmt Buschiris Lager.
16. 11. Brasilien wird Republik. Absetzung des Kaisers.
4. 12. Eintreffen Emin Paschas und Stanleys in Bagamoyo.
1890
7.
1. Tod der Kaiserin Augusta.
15.-
-29.
3.
Internationale Arbeiterschutzkonferenz in Berlin.
20.
3.
Entlassung des Fürsten Bismarck.
9.
8.
llebergabc von Helgoland an Deutschland.
30.
9.
Vertrag mit Zanzibar wegen Abtretung der Küste an Deutschland.
1.
10.
Ablauf des Sozialistengesetzes.
1891
1.
1.
Inkrafttreten des Alters- und Jnvaliditäts- Versicherungsgesetzes.
24.
4.
Moltke f-
—
7.
Besuch des französischen Geschwaders in Kronstadt.
18.
12.
Annahme der Handelsverträge mit Oesterreich, Italien, Belgien und der Schweiz.
—
12.
Staatsbankrott in Portugal.
1892
—
12.
Beginn des Panamaskandals.
1893
14.
4.
König Alexander von Serbien erklärt sich großjährig.
6.
5.
Auflösung des deutschen Reichstages wegen Ablehnung der Militärvorlage.
15.
7.
Annahme der Militärvorlage.
—
12.
Staatsbankrott in Griechenland.
1894
26.
1.
Bismarck besucht den Kaiser in Berlin.
19.
2.
Besuch Kaiser Wilhelms in Friedrichsruh.
24.
6.
Ermordung des Präsidenten Carnot.
1.
8.
Japan erklärt China den Krieg.
26.
10.
Rücktritt Caprivis.
1.
11.
Tod Kaiser Alexanders III. von Rußland.
1895
—
2.
Ausbruch des Aufstandes in Kuba.
17.
4.
Friede zu Schimonoseki (zwischen Japan und China).
19.
6.
Einweihung des Nordostseekanals.
18.
7.
Ermordung Stambulows.


