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Ur. 7 Sonntag den 8. Januar
1899
Meßmer Anzeiger
Heneral-Amzeiger
Bei Postbezug 2 Mark 50 Pfg. vierteljährlich.
Mezugsprcls vierteljährlich 2 Mark 20 Pjg. monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
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Amts- und Anzeigeblutt für den tlveis Gieren.
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Redaktion. Expedition und Druckerei:
Kchntstraße Ar. 7.
Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Dlätter für hessische Volkskunde.
Adresse für Depeschen: Anzeiger Hießen.
Fernsprecher Nr. 51.
Amtlicher Wl.
Bekanntmachung, die Nachsuchung der Berechtigung zum einjährig * freiwilligen Dienst auf Grund von Schulzeugnissen betreffend. Diejenigen jungen Leute, welche auf Grund ihrer Schulzeugnisse die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst nachsuchen wollen, werden hierdurch aus die nachfolgenden, bei Anbringung der Gesuche zu beachtenden Vorschriften mit dem Anfügen aufmerksam gemacht, daß hiernach unvollständige Gesuche ohne Weiteres zurückgegeben werden.
1) Das Gesuch ist bei der unterzeichneten Prüfungskommission nur dann einzureichen, wenn der sich Meldende im Großherzogtum gestellungspflichtig ist, d. h. seinen dauernden Aufenthaltsort hat.
2) Die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst kann nicht vor vollendetem 17. Lebensjahr und muß spätestens bis zum 1. Februar des Jahres nachgesucht werden, in welchem das 20. Lebensjahr vollendet wird.
Der Nachweis der Berechtigung zum einjährigen Dienst ist bei Verlust des Anrechts spätestens bis zum 1. April desselben Jahre» zu erbringen. (Wenn z B. mit Rücksicht auf das Lebensalter die Einreichung des Gesuchs nicht weiter hinausgeschoben, das vorschriftsmäßige Schulzeugnis aber- erst am Schluffe des Schuljahres ausgestellt werden kann.) In solchen Fällen ist in dem Gesuch anzugeben, daß das Schulzeugnis bis 1. April nachfolgen werde.
3) Das Gesuch muß von dem Betreffenden selbst geschrieben sein, und ist hierzu ein Bogen in Aktenformat (nicht Briefpapier) zu verwenden. Auch ist die nähere Adresse anzugeben.
4) Dem Gesuche sind folgende Papiere beizufügen:
a) Geburtszeugnis;
d) Einwilligung» - Attest de» Vaters oder Vormundes mit der Erklärung über Bereit
willigkeit, den FreiwMgen während einer ein- ! jährigen actioen Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten, • sowie die Kosten für Wohnung und Unterhalt zu übernehmen. Die Fähigkeit hierzu ist obrigkeitlich zu bescheinigen;
c) ein Unbescholtenheitszeugni», welches für Zöglinge von höheren Schulen (Gymnasien, Real- gymnafien, Ober-Realschulen, Progymnasien, Realschulen, Realprogymnasien, höheren Bürgerschulen und sonstigen militärberechtigten Anstalten) durch den Direktor der Anstalt, für alle übrigen jungen Leute durch die Polizei-Obrigkeit oder ihre vorgesetzte Dienstbehörde auözustellen ist;
d) das Schulzeugnis.
Sodann wird noch besonders bemerkt:
Zu pos. b: daß in dem Einwilligungs-Attest die Unterschrift des Vaters oder Vormundes beglaubigt sein mu£
Zu pos. d: daß die Schulzeugnisse, mit Ausnahme der Reifezeugniffe für die Universität und die derselben gleichgestellten Hochschulen und Reifezeugnisse für die Prima der Gymnasien, Realgymnasien und Ober-Realschulen, sämmtlich nach Muster 18 zur Wehr - Ordnung vom 22. November 1888 — Reg. - Bl. Nr. 27 von 1894 — ausgestellt sein müssen.
Im übrigen wird auf die Bestimmungen der SS 88, ' 89, 90, 93 und 94 der angeführten Wehr-Ordnung verwiesen.
Großh. Prüfung» - Commission
für Einjährig-Freiwillige zu Darmstadt.
Der Vorsitzende:
Best.
Der Verbrauch von Thee, Kakao und Kaffee im Deutschen Reich.
Während sich der Genuß von Thee und Kakao in Deutch- land ehemals nur auf einen verhältnismäßig kleinen Teil der । Bevölkerung erstreckte, hat er sich mit der Zeit über immer | weitere Kreise ausgedehnt und heute einen großen Umfang
erreicht. Ander» verhält es sich mit dem Kaffee, der schon länzst ein weitverbreitetes Getränk auch in Deutschland war, weshalb die Verwendung von Kaffeebohnen nicht in dem Maße wachsen konnte, wie diejenige von Thee und Kakao. Alle drei Genußmittel müssen bekanntlich in Deutschland vom Auslande bezogen werden; ihr Verbrauch läßt sich darum annähernd genau ermitteln.
Was zunächst der Thee betrifft, so wurden in das deutsche Zollgebiet davon eingesührt:
im Jahre
Tonnen
im Jahre
Tonnen
im Jahre
Tonnen
1862
741
1874
1092
1886
1778
1863
792
1875
1135
1887
19)4
1864
713
1876
1209
1888
1006
1865
736
1877
1425
1889
1875
1866
679
1878
1544
1890
1995
1867
716
1879
2430
1891
2221
1868
790
1880
936
1892
2479
1869
861
1881
1482
1893
2676
1870
871
1882
1484
1894
2840
1871
973
1883
1592
1895
2544
1872
1032
1884
1560
1896
2471
1873
1037
1885
1789
1897
2552
Wir
haben in
Mesen 35 Jahren
also eine
allmähliche
Steigerung der Einfuhr auf über das dreifache vor un», deren Stetigkeit nur in den Jahren 1879 und 1880 dadurch merklich unterbrochen wurde, daß wegen des Eintritts einer Zollerhöhung von 48 auf 100 Mk. für 100 Kilo Thee am 7. Juli 1879 die Einfuhrhändler sich bemühten, bis zu diesem Zeitpunkt noch möglichst viel Ware zu dem bisherigen niedrigeren Zollsätze heranzuschaffen, war int folgenden Jahre eine wesentliche Verminderung des Bedarfs zur Folge hatte. Die Wiederausfnhr von Thee ist der bedeutenden Einfuhr gegenüber gering, sie belief sich im Jahre 1897 auf 6 Tonnen, nachdem sie 1892 ihren höchsten Stand von 12 Tonnen erreicht hatte und dann allmählich auf die genannte Ziffer heruntergegangen war.
Eine weit größere Zunahme der Einfuhr als der Thee hat der Kakao aufzuweisen. Es gelangten nämlich von Kakao in Bohnen und Schalen nach dem deutschen Zollgebiet:
Feuilleton.
Volkstümliche Spruchweisheit.*)
„Ich bin der Ihne so Mott wi e Kirchemaus." So lautet das bittere Geständnis, das Datterich dem Frühlings- reesche von Kellnerin macht, die den vorzüglich.'» Aßmanns heiler nicht für Küsse, sondern nur für bares Geld verabreicht. Ab-r Datt-rich weiß sich trotzdem Wein zu verschaffen: er „melkt" den biederen Drehermahster in epe mit dem gut- mihdige Zag um die Roos herum, mit dene geistmäßige Aage und dem ohgenehme Aißere. Aber uns interessiert eben weder Datterich noch sein dcierer Freund, weder der „Aßmannsheiser", noch die kleine Unschuldslose, uns interessiert lediglich das sprachliche Gewand, in das der abgebrannte Trinker seine Geldverlegenheit kleidet. So Mott, so arm, so blos wie eine Kirchenmaus ist er. Damit ist seine Armut sehr treffend gekennzeichnet, eine ärmere Maus als eine Kirchenmaus giebt's nicht: weder Keller noch Küche, noch Speicher'bieten ihr etwas Genießbare».
Derartige sprichwörtliche Redensarten weist der Datterich in großer Anzahl auf. Viele von ihnen werden heute bei uns häufig gebraucht. Ich erinnere nur an den Baron, der so derr war, daß err e Gaas zwische de Herner hett kiffe kenne; an den Ohnmächtigen, der eweck is wie em Baba sei Duu»; an die schwere Frage, auf die kaa Staatsmann e g'scheit Antwort wahß; an die teilnahmsvolle Erkundigung: Sin Se wtdder do aus der Derkei, und schließlich an die hochpolitische Prophezeiung: Mir erläwe 's net, awwer Sie wern sähe, daß ich recht hob, in sufzig Johr finn mer all Derkei Doch genug der Citate, ich brauche die Landsleute nicht auf ihren Datterich aufmerksam zu machen. Aber auf eine andere Quelle volkstümlicher Spruchweisheit will ich Hinweisen. Ich meine die ungekünstelten, urwüchsigen Sprüche, die auf dem Lande in mundartlicher Form zu hören sind. An solchen ist auch der benachbarte Odenwald sehr reich. Da hört man z. B.: „In de nohe Hecke schneidt mer die schenste Stecke", ein Spruch, der in der Einfachheit und Anschaulichkeit der Volk«mundart demselben Gedanken Ausdruck giedt,
*) Nachdruck nur mit voller Quellenangabe gestattet.
den Goethe schwungvoller, aber weniger plastisch in die Worte kleidet:
Willst du immer weiter schweifen?
Sieh', das Gute liegt so nah.
Lrrne nur da» Glück ergreifen; Denn das Glück ist immer da.
Weiterhin:
Der Hannes hot kaa" Haa mäih", Er filtert laurer Strouh-
Sei" Fraa, die Hot kaa" Flaasch mäih", Sie kocht ihr Kraut esou.
Oder an Stelle de» Worte» von den Wespen, die nicht a» den schlechten Früchten nagen:
Werschte verläschtert, se waaschte gewiß, Daß ebbes Gures noch an dr is.
Zeit Adam» Zeire im Paradies
Macht sich kaa" Lump wege Lumpe miet.
(mies mach: ------ sich Unannehmlichkeiten bereiten.)
Das Sprichwort vom Kehren vor der eigenen Thür wird vertreten durch den Reim:
De Uzer un Spetter Schick heit noch en Gruß, Sie megte sich seiwern Vom eigene Ruß.
Das Bild vom Ruß wird auch in folgendem Spruch gebraucht:
's soll Kaaner am rußige Kessel sich reime, Der Kessel werd rußig, er schwarz devo bleiwe.
Doch genug der Beispiele. Sie sollen nur andeuten, welcher Schatz von Spruchweisheit in den Mundarten liegt. Und dieser Schatz verdient gehoben zu werden. Auch die Sitten und Gebräuche, die Sagen, Lieder und Rätsel, die Wörter und Wendungen unserer hessischen Mundart müssen gesammelt und verarbeitet werden. Erst wenige» ist von dieser Arbeit gethan, verschwindend wenig im Verhältnis zum Umfang der Arbeit. Solche Sammlungen ergeben nicht nur wertvolle» Material für die wissenschaftliche Forschung, sondern auch viel Belehrung, Unterhaltung und Genuß für solche, die nicht in die Tiefen der Wissenschaft steigen wollen. Ein einzelner kann natürlich eine so umfangreiche Sammlung nicht bewältigen, aber er kann wenigstens an seinem Teile mit
wirken. Was speziell die Sprüche des Odenwaldes betrifft, so kann ich auf Georg Volks gesammelte Dialekt-Dichtungen verweisen (Sunndag un Werdag, Stuttgart, Hobbing und Büchle, 1896): neben vielen Gedichten und Erzählungen die den Volkston und die Volkssprache aufs schönste treffen, findet man da eine Menge Sprüche, die zum Teil ohne ober nur mit leiser Veränderung au» dem Volksmund herübergenommen sind (ick habe oben ein paar angeführt), zum Teil vom Dichter mit feinsinniger Versenkung in den Volksgeist verfaßt sind. Einige Sprüche der zweiten Gattung mögen hier Platz finden:
Nchfinger kenne kaa" halwe Dag mehe, Mehfeischt kaa" finf Stich Seire nehe.
»Mei" Vatter war e frommer Chrischt", Des Haast nit, daß du aa so» bischt.
Beilaafig säigt die Bäs e Wort, Die Nochbern trägt'» vergräißert fort, Die Kremern bringt'» von Haus zu Haus, Die Bäckern mecht e G'schichte draus, Die träigt die Millern weiter fort, Un jedi glaabt's ’r Wort fir Wort.
Mit Blumme hewwe m'r uns oft geworfe
Als Brautleit;
Nou Hot noch m'r g'fchmisse die Blummefchirwe Mer" Fraa heit.
Genug der Proben. Das Buch ist geeignet, uns eine Vorstellung davon zu geben, was volkstümlicher Erzählungston, was volkstümliche Spruchweisheit ist. Hoffentlich bleibt unser Wunsch, daß die mundartlichen Sprüche und die übrigen Schöpfungen des Volkgeistes, sowie die Sprachsormen, in denen diese Schöpfungen zum Ausdruck gebracht werden, kein frommer Wunsch. Ueberall in deutschen Landen rüstet man sich zu Sammlungen auf dem Gebiete der Volkskunde, und unser Heflenland, das in so mancher Beziehung in erster Linie steht, soll in dieser Sache nicht hintenbleiben.
Dr. H. im Darmst. Tägl. Anz.


