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Nr. 7 Erstes Blatt. . Sonntag den 8. Januar
1899
Gießener Anzeiger
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Gießen, den 7. Januar 1899.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
______ Muhl.________________
Politische Wochenschau.
Die Erkrankung des Kaisers, welche den Monarchen Von den Neujahrsempfängen fern hielt, hat sich glücklicherweise nur als leicht erwiesen, sodaß begründete Hoffnung vorhanden ist, der Kaiser werde sich bald wieder ganz den Herrscher« und Repräsentationspflichten widmen können.
Die Politik konnte im Laufe der letzten Woche noch nicht so recht das Haupt erheben, zwar hat sie nicht ganz geschwiegen, aber die Festtagsstimmung hielt doch noch an. Mit großem Jntereffe sieht man den Verhandlungen im Reichstage über die Militärvorlage entgegen, insbesondere angesichts der Haltung des bayrischen Zentrums. Letzteres scheint überhaupt noch manche Ueberraschungen in Bereitschaft zu haben, die Ver« Wickelungen innerhalb der Partei sehr leicht Hervorrufen können. — Die lipptsche Frage, dieses Schmerzenskind unserer inneren Politik, hat vorläufig ihre Erledigung gefunden. Es bleibt alles beim alten, so hat der Bundesrat entschieden, und so dürste denn die Angelegenheit für die nächste Zett zum Stillstand gebracht worden zu sein. Im Interesse des Reiches hätte e» gelegen, wenn sie überhaupt nicht so viel Staub aufgewirbelt hätte.
Im Auslande hat fich auf polittschem Gebiete auch nicht viel Bemerkenswerte» ereignet. D.e Obstruktion im ungarischen Parlament hat von neuem eingesetzt, sodaß auch dort die Staatsgeschäfte eine schwere Schädigung erfahren dürften. Baron Banffy hält den Anstürmen noch Stand; ob ihm dies ober auf die Dauer gelingt, erscheint denn doch fraglich.
Ueber die Reujahrsrede Felix Faures haben wir bereit» ausführlich berichtet, ebenso über die englisch-französischen D-fferenzen. Die DrcysuS-Angelegenheit hat noch keine wesentlichen Fortschritte gemacht, und man thut gut, sich damit vorläufig nicht näher zu befassen. Im übrigen soll fich in Frankreich wieder eine ernstere Bewegung der Bonapartisten bemerkbar machen, doch scheint uns trotz der unsicheren polt« tischen Verhältnisse daselbst ein Erfolg aussichtslos zu fein.
Die Uebergabe der Verwaltung Kubas an die Amerikaner hat am 1. Januar stattgefunden, womit die Herrschaft der Spanier in Westindien endgiltig ihr Ende erreicht Hal. Das Ministerium Sagasta befindet sich zwar noch am Ruder, aber es liegt im Verscheiden und ist nur deshalb noch nicht definitiv von der Bildfläche verschwunden, weil der richtige Mann noch nicht gefunden ist, welcher an die Spitze der Regierung tritt. —
Rußland erhält sich nach wie vor äußerst passiv. Allzu glücklich dürften die Franzosen nicht über die spontane Hul« digung sein, welche dem deutschen Kaiser anläßlich des JubUäums der medizinisch militärischen Akademie in Petersburg dargebracht worden ist. Wir aber freuen uns dieser Kundgebung, da sie zeigt, daß man in Rußland unsere Freundschaft zu würdigen weiß. (xx)
Deutsches Reich.
Berlin, 6. Januar. Der gestrige Beschluß des Bundesrats in der Lippe'schen Angelegenheit ist, tote die „National-Zeitung" hört, gegen eine Minderheit von etwa 10 Stimmen gefaßt worden. Es war dem ein Kompromiß voraufgegangen zwischen dem vor mehreren Monaten gestellten, den Ansprüchen Schaumburgs weit ent- ^bgknkommenden preußischen Anträge und dem vor einigen Wochen erwähnten sächsischen, der unter einer Verwahrung oes Zugeständnisses des Bundesrats die Erledigung durch ^andesgesetzgebung von Lippe-Detmold zur Regelung der Angelegenheit ausdrücklich anerkennen wollte. In dem gestrigen Beschluß ist dieser Kompromiß formuliert. Er c rVCInen ausdrücklichen Einspruch gegen eine landes- ryetzliche Regelung, aber er hält die Möglichkeit offen, daß Ren ihn zu späterer Zeit, wenn der Streit einmal praktische veoeutung erhält, der Bundesrat von neuem angerufen
unb alsdann der erfolgten landesgesetzlichen Regelung Guttgkeit absprechen könnte.
M.P.C. Berlin, 6. Januar. Man schreibt uns aus Wien: Die Auszeichnung, welche der deutsche Kaiser dem österreichisch-ungarischen Botschafter am Berliner Hofe von Szögysny beim Jahreswechsel hat zu teil werden lassen, wird in hiesigen diplomatischen Kreisen viel besprochen. Daß der genannte Botschafter in Berlin und speziell bei den Kaiserlichen Majestäten persona grata sei, wußte man lange; darin aber, daß der Kaiser Wilhelm auch gerade jetzt sich bewogen gefühlt hat, dem Baron von Szögyeny zu erkennen zu geben, wie hoch derselbe nach wie vor in seiner Schätzung stehe, glaubt man auf einen besonderen Vertrauensbeweis schließen zu sollen, den der Kaiser dem österreichisch-ungarischen Botschafter in einem Augenblick habe zu teil werden lassen wollen, wo die Verstimmung über die Ungeschicklichkeit des Grafen Thun, wie man anzunehmen Grund hat, in Berlin noch fortdauert. Wie weit diejenigen Kreise Recht haben dürften, die schon heute in dem dermaligelt Botschafter des Kaisers und Königs Franz Josef am Berliner Hofe den zukünftigen Chef des österreichisch- ungarischen Auswärtigen Amtes erblicken wollen, kann einstweilen dahingestellt bleiben.
M.P.C. Berlin, 6. Januar. Der neue Gouverneur von Kiautschou Kapitän z. S. Jaeschke hat die letzten Wochen dazu benutzt, um sich int Reichsmarineamt, dem bekanntlich unsere chinesische Kolonie untersteht, in seinen neuen Dienst einzuarbeiten resp. zu demselben vorzubereiten. Wie wir erfahren, verläßt Kapitän Jaeschke Berlin mit Ende dieser Woche, um sich alsbald auf seinen neuen Posten zu begeben.
M.P.C. Was die Aussichten des Gesetzentwurfs wegen Reform der Invalidenversicherung betrifft, so nimmt man in BundeSratskreisen an, daß derselbe in der ersten Session des neuen Reichstages noch nicht werde zur Verabschiedung gebracht werden können.
Ausland.
Paris, 6. Januar. Mit mehr als tausend Unterschriften wird der Aufruf des Bundes „Das französische Vaterland" in den nationalistischen Blättern veröffentlicht. Aus diesem Anlasse schreibt man der T. R. aus Paris: Die unglückselige Dreyfus-Sache ist leider ins neue Jahr hinübergeschleppt worden. Ja, das neue Jahr zeigt, daß die Verwirrung tiefer greifend ist, als man geahnt. Bisher glaubte man, daß alle Gelehrten, Schriftsteller und Künstler von Bedeutung und Ruf fast ausnahmslos gegen militärischen Absolutismus und freiheitfeindliche Staatsomnipotenz Stellung nehmen. Die soeben gegründete „Ligue de la Patrie fran- gaise“ aber zeigt, daß es auch auf Seiten der Nationalisten zahlreiche „Intellektuelle" und besonders „intellektuelle" Akademiker giebt. Die genannte Liga ist gegen die „Ligue des Droits de l’homme“ gegründet, als eine verfeinerte, quasi parfümierte Deroulödesche Patriotenliga. Au der Spitze des Unternehmens stehen Männer wie Ferdinand Brünettere, der Herausgeber der „Revue des deux Mondes", ferner Francois Coppoe, der sich auf feine alten Tage von den Jesuiten hat einfangen lassen, Jules Lemaitre, de Vogüe, de Heredia, Henry Houssaye, Herzog von Broglie u. s. w. Zweck der Liga ist, in Wort und Schrift gegen jene Agitation der Revisionisten zu wirken, die das Ansehen des Heeres untergraben und die Interessen des Vaterlandes schädigen. Die Gründer der neuen Liga behaupten, ihre Vereinigung zum Zweck der Friedensstiftung gegründet zu haben. An Stelle von Wasser aber werden sie Oel in den Brand gießen.
Paris, 6. Januar. Der Elsaß-Lothringische Verein hat in einer gestern stattgehabten Versammlung beschlossen, dem Obersten Picquart eine goldene Medaille zu widmen. Die Kosten der Medaille sollen durch eine öffentliche Sammlung in den republikanischen Blättern gedeckt werden.
M P C. Frankreich. Durch ministerielle Verfügung ist bekannt gegeben, daß im Jahre 1899 500 Zöglinge zur Kriegsschule St. Cyr zugelaffen werden können und zwar 370 für die Infanterie, 70 für Kavallerie und 60 für die Marine-Infanterie. — Die seit langen Jahren geplante Absicht der Schleifung der Stadtumwallung von Paris ist seiner Ausführung einen Schritt näher getreten. Die beiden streitenden Parteien, der Staat und die Stadt, haben sich dahin geeinigt, daß das Gelände zwischen den Brücken von Auteuil und St. Quen, wofür der Staat die Summe von 192 Millionen und 400000 Frcs. forderte, durch die Stadt für 1351/, Millionen Francs übernommen wirb.
London, 6. Januar. „Daily News" berichten aus Shanghai, es bestehe zwischen England und den Vereinigten Staaten ein geheimer Vertrag, welcher dahin gehe, jede Abtretung chinesischen Gebietes an fremde Mächte zu verhindern.
M P C. Rußland. In der russischen Kavallerie werden seit einiger Zeit häufig Hebungen im Legen von Telephon- und Telegraphenlinien gemacht. Diese finden in der Weise statt, daß immer je drei Mann zusammenreiten, von denen einer die abzuwickelnde Rolle auf dem Rücken trägt, während die beiden anderen mit ihren Lanzen, an deren Enden Haken angebracht sind, das richtige Legen des isolierten Drahtes unterstützen. Letzterer wird nicht auf Stangen gesetzt, sondern möglichst ohne Umwege den Vertiefungen des Geländes, wie Gräben, Furchen usw. angepaßt.
Fokales und Provinnelles.
Gießen, den 7. Januar 1899.
•• Provinzialausschuß - Sitzung. Samstag den 14. Januar 1899, vormittags 9 Uhr, findet in dem Regierungsgebäude dahier eine öffentliche Sitzung des Provinzialausschusses mit folgender Tagesordnung statt: 1. Klage des Ortsarmenverbandes Offenbach gegen den Ortsarmenverband Heldenbergen — Urteilsverkündigung. 2. Klage des David Schwab von Rinderbügen wegen verweigertem Losholz; hier: Beschwerde des Gemeinderats zu Rinderbügen gegen den Beschluß des Kreisausschusses zu Büdingen vom 9. Oktober 1898. 3. Gesuch des Philipp Gans zu Gießen um Erlaubnis zum Branntweinverkauf über die Straße (Ecke Dammstraße und Nordanlage).
” Universitäts-Neubauten. Die Großherzogliche Regierung hat an die Landstände das Ansinnen gerichtet, zum Zwecke des laufenden Betriebes des physikalischen und desphysikalisch-chemischenJnstituts derLandes- Universität für die Zeit vom 1. April 1899 bis Ende März 1900 die Summe von 9850 Mk. zu Lasten der Ueber- schüsse aus früheren Finanzperioden zur Verfügung zu stellen.
** Sitzung der Großh. Handelskammer vom 3. Januar ds. J8. Anwesend waren die Herren: Koch, Scheel, Balser, Heichelheim, Katz, Klingspor, Schirmer und Wortmann. Vor Eintritt in die Tagesordnung gab der Vorsitzende dem Wunsche Ausdruck, daß die Thätigkeit der Handelskammer im begonnenen Jahre eine recht ersprießliche sein möge und begrüßte sodann Herrn Fabrikanten Heinrich Schirmer als ueugewähltes Mitglied. — Die regelmäßige Ergänzungswahl der Kammermitglieder, welche am 9. Dezember v. I. stattfand, wurde von Großh. Ministerium bestätigt, unb ist die Bestätigungsurkunde für die Herren Kommerzienräte F. C. B. Koch, Gg. Wortmann und Fabrikanten Heinrich Schirmer der Kammer ausgefertigt worden, wovon dieselbe Kenntnis nimmt. Bei der hierauf stattfindenden Wahl eines 1. und 2. Vorsitzenden für 1899 wurden die Herren Kommerzienrat F. C. B. Koch und Richard Scheel einstimmig wieder gewählt. — Von der Handelskammer Verden ist an Excellenz Thielen der Antrag gerichtet worden, eine Aufhebung der Bestimmungen über die Berechnung der Wagenstandgelder für Sonn- und Feiertage zu veranlassen. Die Eingabe führt aus, zahlreiche Interessenten fühlten sich dadurch beschwert, daß zur Zeit bei Berechnung der Wagenstandgelder Sonn- und Festtage mitgerechnet werden, wenn die 24ftüttbige Ent- bezw. Beladefrist am Tage vordem Sonn- oder Festtage abgelaufen ist. Die Bestimmungen über die Sonntagsruhe ließen eine Ent- bezw. Möglichkeit an Feiertagen nicht zu und seien deshalb die derzeitigen Strafbestimmungen unbillig. Eine ganze Reihe von Handelskammern hat sich teils für teils gegen den vorstehenden Antrag ausgesprochen. Die Handelskammer Wiesbaden nahm eine vermittelnde Stellung ein und befürwortete eine Herabsetzung der derzeitigen Sätze im allgemeinen. Von hiesigen Interessenten wurde die Handelskammer um Unterstützung des Antrags Verden ersucht. Die für den Bezirk derselben maßgebende Eisenbahndirektion Frankfurt a. M. nimmt vorerst noch einen ablehnenden Standpunkt ein; in einem an die Kammer gelangten Rundschreiben weist sie zur Begründung ihres Standpunktes insbesondere auf den Umstand hin, daß nur bei strenger Durchführung der abgekürzten Fristen im eignen Interesse des Publikums eine rasche Ablieferung unb Zirkulation ber Wagen möglich sei. Dagegen hat sich der Ausschuß des deutschen Handelstages in seiner Sitzung vom 3. v. Mts.


