Invalidenrente mit jedem Jahre mehr steigern, bis das Beharrungsstadium erreicht ist.
Berlin, 6. Januar. Vom Abg. Gröber (Centrum) und Genossen ist dem Reichstag nachstehender Initiativantrag -«gegangen: Der Reichstag wolle beschließen: Die Ge- schäftsordnungskommission mit der Prüfung der Frage zu beauftragen, ob und in welcher Weise die Unterschriften der beim Reichstag eingelaufenen Petitionen gegen Bekanntgabe an Personen, welche dem Reichstag nicht angehören, sicher gestellt werden sollen.
— Erlaß. Der neuernannte Generaldirector der sächsischen Staatsbahnen, v. Kirchbach, hat an das gesammte ihm unterstellte Personal einen Erlaß gerichtet, in dem es u. a. heißt: Ich werde mich bemühen, meinen zahlreichen Untergebenen ein gerechter und wohlwollender Vorgesetzter zu sein. Berechtigten Wünschen, die mir auf dem geordneten Wege vorgebracht werden, bin ich gern bereit, soweit es an mir liegt, jede Förderung angedeihen zu lassen. Dagegen werde ich allen Beunruhigungen des Personals, sei es, daß sich unberechtigte Einflüsse unter den Beamten und Arbeitern selbst geltend machen, sei es, daß solche Einflüsse von außen in diese Kreise hineingetragen werden, nachdrücklich und mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln ent- gegentreten._______________________________
—Ausland.
Paris, 6. Januar. Das Kolonial-Ministerium und das Justiz-Ministerium dementieren die Meldung des „Journal", wonach bereits eine Antwort von Dreyfus über die an ihn gestellten Fragen eingetroffen sei.
Paris,6.Januar. Wie verlautet, soll Beaurepaire gedroht haben, seine Demission einzureichen, wenn ihm nicht vollständige Genugthuung zu dem Zwischenfall Bard-Picquart geleistet werde.
Paris, 6. Jauuar. Wie mehrere Blätter melden, soll der Kassa t ion sh of heute Dupaty de Clam eine Vorladung zum Verhör haben zugehen lassen.
Paris, 6. Januar. Aus Djibuti wird gemeldet, daß der Dampfer „Okos" mit zahlreichen Personen an Bord ans den Sandbänken von Djibuti aufgelaufen sei. Einzelheiten fehlen noch.__________________________________
Males und Provinzielles.
Gießen, den 7. Januar 1899.
** Parlamentarisches. Der vierte Ausschuß hat über die Rückäußerung Erster Kammer, den Antrag des Abgeordneten Köhler, die Gerichtskosten und Gebühren betreffend, durch den Abgeordneten Weidner Bericht erstattet. Der vom vierten Ausschuß gestellte, in der Sitzung Zweiter Kammer vom 30. März l. Js. abgeänderte Antrag: „Hohe Kammer wolle beschließen, Großherzogliche Regierung zu ersuchen: 1) bei der bevorstehenden Revision der Gerichtskostengesetze die Beseitigung refp. Ermäßigung der oben angeführten Stempelentrichtungen, insbesondere insoweit es sich um die ärmeren Klassen der Bevölkerung handelt, in wohlwollende Erwägung zu ziehen und 2) hiermit den Antrag des Abgeordneten Köhler für erledigt zu erklären", wurde von der Zweiten Kammer mit 29 gegen 5 Stimmen angenommen. Die Erste Kammer ist diesem Beschlüsse nicht beigetreten, der Ausschuß beantragt aber auf dem gefaßten Bejchlusse zu beharren.
** Die Kreisdiener haben an die Zweite Kammer die Bitte gerichtet, Hohe Ständekammer wolle die Gleichstellung ihres Gehaltes mit den Gehalten der Kanzleidiener bei den Ministerien, den Kollegialgerichten rc. beschließen, so daß dieselben bei einem Anfangsgehalt von 1500 Mark nach einem Zeitraum von 12 Jahren zu dem 1700 Mark betragenden Höchstgehalt gelangen, oder wenn dies nicht thunlich sein sollte, daß bei dem Abgang eines Kreisdieners aus dem Dienste nach erfüllter Dienstthätigkeit ein pensionsberechtigtes Gebühreneinkommen bis zum Höchstgehalt von 1700 Mk. angerechnet wird, wie dies bei den Amtsgerichtsdienern ebenfalls festgesetzt ist.
P A Karneval in Mainz. Von dem Programm, an dessen Ausarbeitung der große „Mainzer Karneval- Verein" seit den ersten Novembertagen in aller Stille thätig war, um das bekannte beliebte rheinische Volksfest dieses Jahr mit außergewöhnlichem Pomp zu feiern, sind wir bereits jetzt in der Lage, einige Nummern bekannt geben zu können. Im ganzen werden drei Herrensitzungen, zwei Damensitzungen und eine Fremdensitzung abgehalten, in welchen die Herren Alexander, Lembach und Schmitz den Vorsitz führen. Außer diesen Sitzungen wird es bis zu den Fastnachtstagen an Zerstreuungen und karnevalistischen Unterhaltungen aller Art nicht fehlen. Unter den projektierten Bällen verspricht namentlich „Das Fest auf der Alm", verbunden mit der „Einweihung der Mainzer Schutzhütte", eine Glanznummer zu werden. Aus dem Programm für die Festlichkeiten der drei Fastnachtstage, trotzdem dasselbe noch nicht endgiltig festgestellt ist, können wir auch schon einzelnes verraten. Am Fastnachtsamstag werden sämtliche Garden des Prinzen Karneval Mainz in Besitz nehmen, die bis dahin etwa noch vorhandenen Philister fassen, und zur Narrheit bekehren, die Unverbesserlichen werden nach bekanntem Muster ausgewiesen bis Aschermittwoch. Ist die Stadt von diesen narrenfeindlichen Elementen befreit, dann wird das närrische Prinzenpaar von der Festung Besitz ergreifen und die Ovationen der hochbeglückten Bevölkerung huldreichst entgegennehmen. Der Sonntag wird einer großen Parade, festlichen Umzügen, einer närrischen Theatervorstellung, Bällen und dem Genüsse aller möglichen Champagnersorten geweiht sein. Der Glanzpunkt des Festes, der Rosenmontagszug, wird außer der Verkörperung des Grundgedankens: „Rückblick auf das 19. Jahrhundert" noch verschiedenen närrischen Gruppen Gelegenheit bieten, sich anzugliedern. An Plänen und Entwürfen fehlt es nicht, und da auch die Mitgliederzahl eine sehr respektable, so ist auch
das nötige Kleingeld vorhanden, um oas Fest glänzender als seit Jahren gestalten zu können.
Nidda, 6. Januar. Ein für Wirte auf dem Lande lehrreicher Fall aus dem Gebiete der hessischen Gewerbesteuerverordnung wurde beim hiesigen Schöffengericht heute ausgetragen. In dem Dorfe O. hatten Burschen und Mädchen kurz vor der letzten Kirmeß üblicherweise solche auf einem Sonntag „angetrunken", wobei nachmittags und abends in dem Wirtslokale je gegen zwei Stunden lang ohne Erlaubnisschein getanzt wurde, und zwar bei unbezahlter Musik, indem der Wirt resp. dessen Sohn Harmonika spielten. Gegen beic ihn zugestellten Strafbescheid wegen Steuerkontravention reklamierte der Wirt unter der Behauptung, daß vorliegenden Falles keine Erlaubnis nötig gewesen, da die Belustigung der Jugend nicht über zwei Stunden und nicht über die Polizeistunde hinaus gedauert habe. Es erfolgte aber kostenfällige Verurteilung des Beschwerdeführers zu 15,60 Mk. Geldstrafe, weil nach der Darlegung des Gerichts nur ein unter geschlossener Gesellschaft veranstaltetes derartiges Tanzvergnügen abgabefrei ist.
St Darmstadt, 6. Januar. Am Freitag den 30. v. Mts. fand dahier eine Vorstandssitzung der S t e r b e k a s s e für die Mitglieder des Landesgewerbevereins statt, in welcher einstimmig der Beschluß gefaßt wurde, die Sterbekasse mit dem 1. Januar 1899 ins Leben treten zu lassen. Der mit der Leitung beauftragte Vorstand hat nach gründlicher Prüfung der bisher, besonders in der letzten Zeit zahlreich eingelaufenen Anmeldungen und nach Kenntnisnahme der mit den Herren Vorsitzenden der Gewerbevereine stattgehabten Verhandlungen den obigen Zeitpunkt als geeignet erachtet. In dem Gewerbeblatt wird fortlaufend über den Stand der Kasse, erfolgte Auszahlungen rc. berichtet werden, sowie die Quittierung der von den betr. Ortsrechnern eingesandten Beträge erfolgen. Es werden daher alle Mitglieder der Gewerbevereine gut thun, auf die jeweils erscheinenden Mitteilungen von der Sterbekasse in dem Gewerbeblatt zu achten. Bei den geringen Beiträgen, etwa 8 Mk. jährlich, und im Hinblick auf die Höhe des Sterbegeldes, 500 Mk., werden zweifellos sich noch viele Mitglieder von Gewerbevereinen zur Handwerkersterbekasse melden, und sofortige Anmeldungen dürften sich doppelt empfehlen, da z. Z. Eintrittsgelder noch nicht zu bezahlen sind. Mit Wirkung vom 1. April ab sind solche satzungsgemäß zu entrichten.
A Mainz, 6. Januar. Während sich nach Pariser Telegrammen der berüchtigte französische Ex-Major Esterhazy in London aufhalten soll, hat der „M. A." heute von einem in Rotterdam wohnenden Mainzer die Privatmitteilung erhalten, daß sich der genannte dunkele Ehrenmann nach wie vor in Rotterdam befinde und es sich dorten wohl sein ließe. Er wohnt in einem kleinen Hotel, das eine Bierwirtschaft mit Damenbedienung als Annex hat und den Namen „Zum Schützenlies'l" führt. Hier verkehre Esterhazy den ganzen Tag, die englischen Zeitungen lesend und Bier trinkend. Die zahlreich erscheinenden Gäste scheinen so eine Art „Fatzke" aus ihm zu machen, indem einige „Esterhazüh" riefen und andere „Ester —hatzi!" niesten und wieder andere beständig die Frage anstimmten: „Zeeg eens Esterhazy, hoe goat he met Dreyfus?" (Sag' Esterhazy, wie geht's Dreifus?) Der Wirt der „Schützenlies'l" mache ein sehr gutes Geschäft dabei. Am 2. d. M. habe Esterhazy aus London einen Geldbrief mit 100 Pfund Sterling — 2000 Mark erhalten.
Worms, 4. Januar. Die seit einigen Jahren hier bestehende und sehr segensreich wirkende Ersparnisanstalt des Arbeiter-Bildungsvereins zählte beim Ablauf des letzten Jahres eine Mitgliederzahl von mehr als 1200 Einlegern. Die im letzten Jahre eingezahlte Summe beträgt 60000 Mk., welcher Betrag in wöchentlichen Einlagen von 20 Pfg., 50 Pfg., 1 bis 10 Mk. erhoben wurde. Die Beiträge werden unentgeltlich abgeholt und auf der städtischen Sparkasse, der Pfälzer Bank und dem Vorschuß- Verein angelegt und statutengemäß verzinst. Die beiden Rechner des Vereins besorgen die Verwaltungsgeschäfte unentgeltlich, während dem Dieuer, der die Beiträge erhebt, eine angemessene Vergütung gemährt wird. — Im abge- laufenenen Jahre gelangten bei dem hiesigen Standesamte 1264 Geburten und 738 Sterbefälle zur Anmeldung; Eheschließungen wurden 493 vollzogen.
Vermischtes.
* Die erste Nummer der deutschen Zeitung in Kiautschou, die den Titel führt: „Deutsch-Asiatische Warte, amtlicher Anzeiger des Kiautschou-Gebietes" und mit dem Titelzeichen der Reichskriegsflagge geschmückt ist, ist eingetroffen. Die Herstellung des Blattes ist noch mit großen Schwierigkeiten verknüpft gewesen; die Heranziehung des nötigen Setzerund Druckerpersonals hat große Opfer an Zeit und Geld gekostet. Als Motiv führt die Zeitung den bekannten kaiserlichen Ausspruch: „Wo der deutsche Aar seine Fänge in ein Land geschlagen hat, das Land ist deutsch und wird deutsch bleiben. W. I. R." Als Leitartikel folgt ein mit einem Holzschnitt ausgestatteter Bericht über die am 14. November vorigen Jahres erfolgte Einweihung des Diederich- steines, der ein Denkmal sein soll für die vor einem Jahre erfolgte Einnahme des Kiautschougebietes. Ein weiterer Artikel schildert ausführlich die Lage in Peking; die Verfolgung katholischer Missionare wird ausführlich beschrieben. Der amtliche Teil bringt eine Verordnung über Landerwerb in Kiautschou. Nach dem Wetterbericht herrschte am 21. November die mittlere höchste Temperatur von 31.8 Grad Celsius, die mittlere niedrigste Temperatur von 13.3 Grad. Heimatlich muten die Empfehlungen von Kulmbacher Bier und allerlei Weinen im Inseratenteil an. Auch zwei Heiratsgesuche „mangels nötiger Damenbekanntschaft" charakterisieren die gesellschaftlichen Verhältnisse in Tsintau sehr treffend.
* Vo« Sprachvereine. Wenn es sich darum handelt, neuen Entdeckungen und Erfindungen, womit Wissen
schaft, Kunst und Gewerbe uns täglich bereichern, bezeichnende Namen zu geben, so wird gar oft die deutsche Sprache für unzureichend gehalten, und man greift auf die griechische oder lateinische zurück. Nun kann aber keine Sprache der Welt schon seit Alters einen Vorrat an Bezeichnungen künftiger Dinge besitzen, und so stammen denn auch die meisten griechischen und lateinischen Ausdrücke für neuzeitliche Errungenschaften nicht von den alten Griechen und Römern, sondern sind durch Angehörige anderer Völker erst in der Neuzeit ganz willkürlich und dazu oft in sprachwidriger, häßlichster Weise gebildet, z. B. Zentimeter, Veloziped, Parketol, mediumistisch u. s. w. Wer aber daran zweifelt, daß unsere Sprache zu guten neuen Bildungen tauge, der sehe sich einmal die große Zahl der Wörter an, die nachweisbar erst in den letzten Jahrhunderten geprägt sind. Wir führen nur wenige an: Hieb, Knall, Pfiff, Ritt, Schmuck, Schund, Schwur, Trieb, Wuchs, Gefühl, Fortschritt, Blende, Hetze, Anschluß, Ausgleich, Versand, Vordruck, Anreim (Allitteration), Beziehung, Einteilung, Gesellung (Assoziation), Gesinnung, Umschalter, Wähler, Prüfling, Zögling, Seidling (Cocon), Burschenschaft, Mehrheit, Minderheit, Sterblichkeit, Auskunftei (Jnformations-Büreau), Volkstum, Deutschtum, volkstümlich, völkisch (national), schüchtern, dumpf, stattlich, folgsam, massenhaft, reizbar, einsichtsvoll, geschmacklos, dämmern, stranden, blinken, schlängeln, schildern, ächzen, durchqueren, veröffentlichen, gleichsam u. s. w. Alles Wörter, die das alte Deutsch nicht besaß, und die den Wahn an der Untüchtigkeit der deutschen Sprache zur Hervorbringung
neuer Wörter schlagend widerlegen.
* Ein deutsches Gegenuutenrehmen gegen die St. Gott hardbahn. Eine neue Alpenbahn, die uns den Weg nach Italien abkürzen und erleichtern, neue Naturherrlichkeiten erschließen wird, soll sich nun der Gotthardbahn anreihen, oder richtiger ihr entgegenstellen. Der deutsche Süden namentlich wirkt eifrig für das Zustandekommen des Unternehmens. Im Einverständniß mit den Städten München, Augsburg usw. hat der „Handels- und Gewerbeverein in Augsburg" es unternommen, für das Werk Stimmung zu machen. Er richtete soeben die folgende Eingabe an das Reichskanzleramt in Berlin: „Es ist Aussicht vorhanden, daß die sogen. Bintschgaubahn, die von Landeck nach Meran führt, von der k. k. österreichischen Regierung ausgeführt wird. Bei Herstellung dieser Bahn würde wieder ein weiterer Teil der direkten Linie von Berlin über München, den Fern, Landeck, Reschen, Trasoi, Bormio, den Comosee nach Mailand und Genua erreicht werden. Diese Fernbahn dient auch dem Verkehr von Hamburg, Bremen und Hannover, ebenso von Frankfurt und Würzburg über Augsburg nach Italien, ferner dem Verkehr von Holland, dem Rheinland über Stuttgart, Ulm, Kempten, dem Fern und Telfs nach Innsbruck, Bozen, Trient und Venedig. Es dürfte deshalb am Platze sein, daß auch das Deutsche Reich zur Herstellung dieser großen internationalen Durchgangsbahn um so mehr in gleicher Weise mitwirke, wie es bei der Gotthardbahn der Fall war, als hier den Hauptvorteil Mitglieder und Verbündete des Deutschen Reiches haben, während bei der Gotthardbahn die Schweiz den Löwenanteil erhielt. Es hat nämlich Deutschland zur Herstellung der Gotthardbahn 30 Millionen Franken geschenkt. Bei unserer Linie kommt besonders noch in Betracht, daß der längste Tunnel zwischen Trafoi und dem Zebruthale bei Bormio nur 7500 Meter erreicht, während er bei der Gotthardbahn 14 500 Meter Länge ausweist. Der kommerzielle, dann der völkerverbindende politische und der strategische Wert einer solchen Verbindungsbahn, die die Schweiz umgeht, ist seit der Sicherstellung der Simplonbahn so selbstverständlich, daß er hier um so weniger berührt zu werden braucht, als mit Herstellung dieser Bahn auch das Engadin, das einen großen Verkehr aufzuweisen hat, hereingezogen wird. Wir erlauben uns deshalb, besonders nur auf die Wichtigkeit dieser Bahn für deutsche Arbeit aufmerksam zu machen. Es wird nämlich schon beim Bau der Bahn sich große Arbeitsgelegenheit für die deutsche Eisen-, Elektrizitäts- und Portland-Zementindustrie besonders dann bieten, wenn z. B. die Subvention der Bahn mittels deutscher Arbeitsprodukte erfolgen würde. Die vorhandenen großen Wasserkräfte sichern in nachhaltiger Weise den rauchlosen elektrischen Bahnbetrieb.
* Eine alte Visitenkarte. In diesen Tagen der Neujahrsgratulationen erörtern italienische Zeitschriften wieder die Frage: Wann und wo sind in Europa die Visitenkarten in Gebrauch gekommen? Daß sie in China uralt sind, weiß man, in Europa aber lassen sie sich erst im 16 Jahrhundert nachweisen, am häufigsten in Venedig, das ja damals die glänzendste und für die feine Sitte ton« angebenbe Stadt Europas war. Auf Grund neuerer Nach- forzchungen aber gewinnt es den Anschein, als ob nach Venedig die Visitenkarten aus Deutschland gebracht worden seien, und zwar durch deutsche Studenten, die in Padua studierten. Diese Studenten pflegten bei Beendigung ihrer Studien den Professoren einen Besuch abzustatten, und wenn sie den Professor nicht zu Hause trafen, so ließen sie ihre Karte der so völlig unserer heutigen Sitte entspricht, war in Italien etwas Neues, wie aus Briefen der paduanischen Professoren hervorgeht. Kürzlich hat man m Venedig eine solche Visitenkarte aufgefunden. Der paduamsche Professor Giacomo Contarini hatte sie am .Januar 15 <2 als Sehenswürdigkeit mit einem Begleitbrief an einen Freund nach Venedig geschickt. Die Karte m der Mitte ein farbiges Wappen mit der Unter« ” cTlrume confortti- Ueber dem Wappen steht mit Hand geschrieben: „Johannes Westerholt Westphal™ Scnbebat Patavn 4 martii 15 4-60u s^obannes Hefter 4°ltanta 1560^“«" f9ricb d>°se Karte in Padua am ^.d!arzProfessor Contarini bezeugt ausdrücklich. Än Rutsch-Student habe besuchen wollen, und d° angetroffen, so habe er eine Karte mit seinem Wappen und seinem Namen zurückgelassen, was eine ebenso merkwürdige wie höfliche Sitte sei.


