Ausgabe 
7.10.1899 Zweites Blatt
 
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Ihr Grab ist verschollen, und die heutige Generation weiß von ihrem Leben und Treiben fast nichts mehr; im Liede aber lebt dasAennchen von Tharau" fort und auch im kommenden Jahrhundert noch wird das Hochzeits-Carmen, das der Königsberger Poet Simon Dach zur Verherrlichung der schönen Pfarrerstochter von Tharau gedichtet hat, im fröhlichen Kreise gern gesungen werden. Simon Dach hat das Lied im Jahre 1637 zur Vermählung seines Freundes, des Pfarrers Johann Portativs in Trempen, mit Anna Neander, der Tochter des 1630 verstorbenen Pfarrers in Tharau, in plattdeutscher Mundart gedichtet. Daß er selbst dem Aennchen ober daß Aennchen ihm näher gestanden ist, ist durch nichts bewiesen. Etwa 150 Jahre später hat Herder das Lied ins Hochdeutsche übertragen, lieber die Persönlichkeit des Aennchen von Tharau selbst ist fol­gendes bekannt: Sie wurde 1619 geboren, lieber ihre sonstigen Lebensdaten berichtete der Pfarrer Antonius Pfeiffer in Tharau folgendes:Andreas Neander, welcher anno 1630 gestorben, hat von seiner Ehegattin, die eine Sperberin von Geburt gewesen, nebst einem Sohne eine eintzige von Gestalt angenehme Tochter nahmens Annam hinterlassen, welche dieAnke von Tharau" ist, von der das bekandte Siebt ober Arika herrühret, so in Alberti Arien gedruckt zu finben ist unb von bem berühmten Poeten Simon Dach,

welcher bermahlen noch ein Stubiosus gewesen, bei deroselben Hochzeit gemachet worben, indem dieselbe nach ihres seeligen Vaters Tobe 11 Jare alt in die Pflege undt Auferziehung ihres Vormundes Herrn Stoltzenberg, Kauffmanns unb Mältzenbräuers in Königsberg aufgenommenen, im 18. Jare ihres Alters ist verheiratet worden, mit Johann Portativs, Pfarrer in Trempen, später in Laukischken, woselbst sie nach des Portatii Tode noch zwei svccessores nämlich Herrn Gruben und Herrn Melchior Beillstein in demselbigen Pfarr- ampt gcheyratet hat." Auch Herrn Beillstein hat sie dann noch ins Grab legen müssen. Sie siedelte dann als Witwe zu ihrem verheirateten Sohne aus erster Ehe, dem littauischen Pfarrer Friedrich Portatius über. Ostern 1688 wurde ihr auch der Sohn durch den Tod entrissen. Doch blieb ihr in der Gattin des Verstorbenen, einer geborenen Elisabeth Schütz, eine treue Pflegerin. Um Michaelis 1689 am 28. September starb sie im 70. Lebensjahre. Ihre Grab­stätte auf dem Friedhöfe ist nicht mehr bekannt, das Geburts­haus auf dem Kirchenberge in Tharau dient auch heute noch als Pfarrwohnung.

* Scene aus einem amerikanische» Theater. Ueber die schon kurz gemeldete Ermordung des Schauspielers Frank Leiden auf der Bühne von Chattanooga liegt jetzt aus New York folgende ausführliche Meldung vor: Leiden spielte

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Nr. 236 Zweites Blatt

Samstag den 7. October

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Liberia deutsch!

Gießen, den 6. Oktober 1899.

MKG. Die wichtigen deutschen Interessen in Liberia behandelt der folgende Aufsatz, den wir derDeutschen Kolonialzeitung, Organ der Deutschen Kolonialgesellschaft" entnehmen:

Mehrfach sind in letzter Zeit Notizen durch die kolo­nialfreundlichen deutschen Blätter gegangen, die auf die Bedeutung hinwiesen, welche die Negerrepublik Liberia an der Westküste Afrikas für die gesamte deutsche Kolonial­politik und für unsere Kolonie Kamerun im Speziellen hat, aber immer dringlicher scheint sich nach uns neuerdings zu­gegangenen Nachrichten die Lage für das deutsche Interesse daselbst zu gestalten, da die Franzosen ernstlich Miene zu machen scheinen, der morschen Herrschaft der amerikanischen Neger dort ein Ende zu machen. Vielleicht besteht schon ein stilles Einvernehmen diesbezüglich zwischen Frankreich und dem gleichfalls interessierten England, das bet Kap Mount im Norden mit seiner Sierra-Leone-Kolonie an die Negerrepublik grenzt, während Frankreich in stiller, zielbe­wußter Kolonialarbeit nicht nur das gesamte Hinterland von Liberia in seine Hand gebracht, sondern sogar im Süden des Landes an der Küste seine Grenze bis an den Cavally- Fluß auf liberianisches Gebiet vorgeschoben hat. Die Errichtung eines stehenden diplomatischen Postens seitens Frankreichs in Monrovia sollte gleichfalls zu denken geben.

Die Republik Liberia, die von freigelassenen Neger­sklaven aus den Südstaaten Amerikas an der westafrika­nischen Küste unter amerikanischem Protektorat gegründet wurde, hat nie eine staatliche Ordnung in dem von ihr okkupierten Lande herzustellen gewußt, sondern von jeher ihre Herrschast auf wenige Küstevplätze, deren hauptsäch­lichste neben der am St. Pauls River gelegenen Hauptstadt des Landes, Monrovia, Kap Mount, Gran Bassa, Sinn und Kap Palmas sind, beschränkt.

Infolge des ungeregelten Zoll- und Geldwesens, der Korruption der Beamten, ständiger Kriege mit den Einge­borenen, geht Liberia seiner demnächstigen Auflösung ent­gegen, die sicher längst erfolgt wäre, wenn England nicht den erschöpften Finanzen des Staates bereits mehrmals unter die Arme gegriffen hätte. Ein Punkt, der wieder zu denken giebt, da unsere Vettern von jenseits des Kanals außer in einem größeren rubber syndicate überhaupt nicht kommerziell in Liberia interessiert sind.

Ein Zusammenbruch Liberias aber muß nicht nur in­folge des notwendigerweise nächstens erfolgenden Staats- bankerotts eintreten, sondern auch weil die Eingeborenen allenthalben im Lande sich zu regen beginnen, um sich gegen die schonungslose Ausnutzungspolitik aufzulehnen, welche die schwarzenAmerikan gentlemen gegen sie an- wenden.

Nun ist Liberia ein Plantagenland, wie außer Kamerun wohl kaum ein zweites an der ganzen Westküste Afrikas. Der Liberia-Kaffee ist berühmt. Die lange Küste besitzt vorzügliche Reeden. Daß das Hinterland französisch ist, tommt nicht in Betracht, da die Plantagenwirtschaft, solange

nicht Eisenbahnen das Land erschließen, nur in den Küsten­bezirken wirklich gewinnbringend sich gestaltet. Zwei Drittel sämtlicher in Liberia handeltreibender Firmen befinden sich in deutschen Händen. Soll all' die deutsche Arbeit, all' das interessierte deutsche Kapital einst in fremde Hände fallen, nur weil wir vielleicht zu spät zugreifen?

Doch viel wertvoller als die weitesten Strecken frucht­baren Plantagenlands, als die Gummiwälder und die Piassavasträucher in dem gesegneten Liberialande sind die tüch­tigen, arbeitsamen Eingeborenen vom Stamme der Kru und Wey. Kein Schiff an der ganzen Westküste Afrikas vom Senegal bis zum Kap, das nicht seine Kru- Besatzung aus Liberia an Bord hätte. In der sengenden Fieberhitze ist kein Europäer imstande, Wache um Wache in den engen Heiz- und Maschinenräumen zu gehen, Tag und Nacht im Raume des Schiffes zu bergen und zu stauen. Da treten helfend die athletischen Kru-Neger an die schwersten Posten. An der langen, flachen wcstafrikanischen, so hafen- armen Küste kennt keiner die Brandung, die verborgenen Riffe und Felsen so gut wie der Kru-Mann, der als Kind schon zur Bootsarbeit auf den steamer hinausgeschickt wird. Eine westafrikanische Handelsschiffahrt ohne Kru-Leute ist kaum denkbar, lind die Wey-Leute wieder, diese munteren, gewandten Burschen, bilden bei allen Expeditionen, die von der Westküste Afrikas ausgehen, den Stamm der Soldaten und Träger. Dem Europäer unbedingt ergeben, sind die Kru- und Wey-Neger überall in Westafrika zu Wasser und zu Lande unentbehrlich; für unsere Kamervnkolonie mit ihren großen aufblühendeit Plantagen aber würde ein Aus­bleiben der Arbeiter aus Liberia geradezu einen wirtschaft­lichen Ruin hedeuten; denn die Duallas in den Küsten- distrikten sind jeder geregelten Thätigkeit abhold, und die Eingeborenen aus Inner-Kamerun müssen erst allmählich an systematische Arbeitsleistungen gewöhnt werden. Gerade eine junge Plantage aber braucht verhältnismäßig viel ge­schultes Personal.

Was nun also, wenn Frankreich oder Eng­land in Liberia zugreift und uns die Arbeiter­zufuhr stoppt?

Noch ist es Zeit! Sehen wir zu, das wir uns auch in Westafrika unseren Platz an der Sonne wahren!

Politische Tagesüberslcht.

Professor Jäger

über eine Unterredung mit Bismarck.

Ans dem 45. Philologentage in Bremen wurde von dem bekannten Schulmann und Historiker Prof. vr. Jäger aus Köln ein Vortrag gehalten, den erEinige Be­merkungen zu Bismarcks Gedanken und Er­innerungen" betitelte. Er bestand in der Hauptsache in wesentlichen Ergänzungen, die der Vortragende aus einer inhaltlich bis jetzt noch nicht veröffentlichtenUnter- redung mit demAltreichskanzler am 15. Juni 1893 in Kissingen hernahm. Die Unterredung hat in einem be

scheidenen Zimmer der oberen Saline in Kissingen stalt- gefunden nur die Fürstin und Dr. Chrysander sind zu­gegen gewesen und hat lediglich historische Fragen be­troffen. Prof. Jäger teilte Folgendes mit: Seine erste Frage betraf die Thronrede, mit der 1866 nach den Siegen in Böhmen der preußische Landtag eingeleitet wurde, unb die Auffassung Bismarcks über die politische Bedeutung des Jndemnitätsgesuchs. Redner bemerkte dem Fürsten, daß er dieses Gesuch für die größte staatsmännische Thal des Kanzlers und des Königs halte; sie werde aber als solche keineswegs hinreichend anerkannt, wie ihm noch vor kurzer Zeit die Aeußerungen politisch so entgegengesetzte Stand­punkte vertretender Männer wie Virchow und Stöcker be­wiesen hätten. Der Fürst erwiderte zustimmend und fällte dabei über Virchow das Urteil:Das ist einer von den Leuten, die niemals Unrecht gehabt haben wollen." Besser kam Stöcker weg:Er paukt gut", sagte Bismarck,und ich habe mich, so lange es irgend anging, gut mit ihm zu stellen gesucht, weil es immer nützlich ist, so einen Mann zum Bundesgenossen zu haben." Was die Beweggründe des Jndemnitätsgesuches anlangt, so betonte er mit Nachdruck, daß ihm damals schon der französische Krieg un­vermeidlich erschienen sei, es ihm also vornehmlich darum zu thun gewesen, durch einen derartigen, dem Geist der Verfassung entsprechenden Schritt das Vertrauen der kon­stitutionellen süddeutschen Staaten zu gewinnen. Der König habe erst nicht seine Einwilligung geben wollen, in der Meinung, er werde damit eingestehen müssen, daß er im Unrecht gewesen sei;ich bewies ihm aber", fuhr der Fürst fort,er werde gerade umgekehrt damit das Land auffordern, anzuerkennen, daß er Recht gehabt habe." Das Gespräch wandte sich dann der Situation vor dem Krieg zu. Der Fürst bezeichnete den 1866er Krieg alsunseren ersten schlesischen Krieg," gab aber zu, daß es genauer sein würde, mit diesem den Krieg von 1864 in Parallele zu stellen. Der König sei sehr gegen die Annexion gewesen; noch mehr aber der Kronprinz. Dieser sei (noch vor dem Gasteiner Vertrag) einmal in einem Ministerrat so weit gekommen, daß er nach einer Aeußerung Bismarcks mit dem Finger auf die Stirn gedeutet habe, um seinen Zweifel an dem gesunden Verstand des Fürsten auszudrücken. Heber die Monarchen-Zusammenkunft in Gastein (August 1865) erzählt der Fürst, er habe dabei zuerst die Lage in der Weise auseinandergesetzt, daß er es für Oesterreichs Vorteil erklärt habe, Preußen in Schleswig-Holstein ge­währen zu lassen; er habe dabei hauptsächlich durchblicken lassen, daß Preußen Oesterreich in gleichem Falle denselben Gefallen zu thun bereit fei. Kaiser Franz Josef habe sich darauf ganz unvermittelt an König Wilhelm mit der Frag^ gewendet:Ja, willst Du denn diese Länder haben?", was den König sehr frappiert habe; er habe bann eine aus­weichende Antwort gegeben. Von Gastein kam die Rede auf Kaiserin Augusta. Der Fürst gab sich nicht die Mühe, die Abneigung, die er gegen diese hegte, zu verbergen, wie sie sich ja auch in denGedanken und Erinnerungen" deut­lich genug ausspricht. Im Anschluß an diese Mitteilungen schildert Prof. Jäger noch den Ges amt eindruck, den

Feuilleton.

Zur Sprachenkenntnis des Kaisers. Daß der Kaiser auch der schwedischen Sprache mächtig ist, dürfte nicht all­bekannt sein. Das Schwedische hat der Monarch während seiner mehrfachen Nordlandsreisen erlernt und kürzlich bei einer interessanten Gelegenheit zum erstenmale öffentlich ausgeübt. Während des in deutscher Sprache geführten Begrüßungsaktes zwischen dem schwedischen Kronprinzen Gustav und dem Kaiser anläßlich des jüngsten Jagdaufent­haltes des Monarchen in Schweden sagte der hohe Herr Plötzlich zu dem Kronprinzen:Det regnar ju rött bra i dag. Men nu ao vi!" (zu deutsch: Es regnet ja heute wieder mal ausgezeichnet. Wir wollen gehen!) Die ver­sammelte Elite der schwedischen Würdenträger traute ihren Ohren kaum, da bisher nicht bekannt geworden war, daß Kaiser Wilhelm auch der schwedischen Sprache mächtig sei. Zu ihrem nicht geringen Erstaunen setzte der Monarch nun auch noch die Unterhaltung mit dem schwedischen Thron­folger auf dem weiteren Wege bis zur Eisenbahnstation in ihrer Landessprache fort.

* Aennchen von Tharau. DieKönigsberg. Allg. Ztg." schreibt unterm 28. September: Heute vor 210 Jahren starb in Insterburg dasAennchen von Tharau".