Ausgabe 
7.7.1899 Zweites Blatt
 
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Nr. 157 Zweites Blatt________Freitag den 7. Juli

1899

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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»erden dem Anzeiger wächentlich viermal betgtk,L

Amts- und Anzeigebtutt für den Ureis Gieren.

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S4.kstr.tze Nr. 7.

Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Ktätter für hessische PolKsKnnde.

Seifenblasen.

Derjenige, welcher in den letzten Tagen die Auslassungen der Presse verfolgt hat, mußte zu der Ueberzeugung kommen, daß in Preußen sowohl wie im Reiche die Regierungs­männer stark ins Wanken geraten seien, denn selbst Herr v. Miquel,der Mann des Kaisers", sollte es einem Ge­rüchte zufolge vor Amtsmüdigkeit im Kastanienwäldchen zu Berlin nicht mehr aushalten können. Bisher war der Vize­präsident des preußischen Staatsministeriums von allen Mi­nisterkrisengerüchten unberührt geblieben, er galt als ein rocher de bronce, welcher der stärksten Brandung Trotz zu bieten imstande war. Daß man jetzt die Möglichkeit ins Auge faßte, Herr v. Miquel werde zurücktreten, zeigt deut­lich, welch' umfangreiche Veränderungen von der Spitze der Regierung erwartet wurden. Es muß ja zugestanden werden, daß verschiedene Momente Zusammenwirken, um Vermutungen über größere Umwälzungen aufkommen zu lassen. Das Schicksal des Gesetzentwurfs zum Schutze Arbeitswilliger, die Behandlung der Kanalvorlage im preußischen Abgeord­netenhause, das hohe Alter des Reichskanzlers verleihen unserer inneren Politik etwas ungewisses und würden es immerhin erklärlich machen, wenn von maßgebender Stelle unvermittelt eine Klärung der Situation herbeigeführt würde. Und eine solche Klärung sollte bekanntlich in Travemünde stattfinden in einer Unterredung des Kaisers mit dem Fürsten Herbert v. Bismarck.

Einzelne Berliner Blätter wußten in diesen Tagen manches zu erzählen von einer Audienz des Fürsten Herbert beim Kaiser. Das eine Blatt ließ die Audienz eine Stunde währen und beide Teile hochbefriedigend von einander Ab­schied nehmen, das andere Blatt meldet vorsichtigerweise nur von einerlangen" Unterredung. Recht haben sie aber beide nicht, denn jetzt geben auch dieHamb. Nachr." zu, daß der Fürst überhaupt keine Audienz beim Kaiser hatte. Diese Thatsache erregt in politischen Kreisen berechtigtes Aufsehen, da es schwer hält, einen Grund zu finden dafür, daß Fürst Herbert nicht empfangen worden ist. Er ist in Travemünde gewesen, hat die Reise nach dort unternommen zu einer Zeit, wo der Kaiser anwesend war. Ganz selbst­verständlich wäre es gewesen, wenn der Schloßherr von Friedrichsruh dem Monarchen bei dieser Gelegenheit seine Aufwartung gemacht hätte. Ja, man muß annehmen, daß der Fürst nur zu diesem Zwecke die Reise nach Travemünde unternahm, wenn nicht eine Einladung des Kaisers vorlag. Jedenfalls sind die Vorgänge, welche sich an den Aufenthalt des Fürsten Herbert in Travemünde knüpfen, recht geheim­nisvoll; ob darüber authentische Nachrichten ausgegeben werden, bleibt abzuwarten. Man darf aber jetzt als fest­stehend annehmen, daß alle Meldungen von bedeutsamen Veränderungen in den leitenden Stellen des Reichs und

Preußens nichts weiter waren als Seifenblasen, die vor den Thatsachen zerstoben sind.

Wir haben ja schon vor einiger Zeit darauf hin­gewiesen, daß nichts darauf schließen läßt, daß Fürst Hohen­lohe amtsmüde ist, und daß von den preußischen Ministern einer vor dem Schluß des Landtages demissionieren sollte, ist kaum anzunehmen. (xx)

Typen aus Transvaal.

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-Berittener ^cl/vhmann

Die Ergebnislosigkeit der Verhandlungen zwischen dem Präsidenten Krüger und dem englischen Abgesandten Milner betreffs der Uitlanderfrage scheint kriegerische Verwickelungen nach sich zu ziehen, denn England rasselt mit dem Säbel und verstärkt seine Truppen in der Kapkolonie. Die Ein­wohner von Transvaal, dieBoeren" oderBuren" sind aber vorerst guter Dinge, denn sie glauben nicht an eine englische Invasion. Sie sind zwar etwas schwerfällig, aber tapfer, und sie würden jeden Angriff mit allen Kräften ab­wehren, um nicht ihre Selbständigkeit zu verlieren. Die

BH

Adresse für Depeschen: Anzeiger chtrß«.

Fernsprecher Nr. 51.

Typen aus Transvaal führen uns das dortige Militär tit den eigenartigen Uniformen und die Schutzmannschaft der Republik vor, wir sehen ebenfalls den charakteristischen Kopfputz der Männer und Frauen. Die Boeren sind niederdeutscher Abstammung, die sie in Sprache und Sitten nicht verleugnen. Wohl haben sie manche Eigentümlichkeiten abgelegt, aber der steife Nacken ist ihnen geblieben, deshalb weichen sie auch vor England nicht zurück und machen sich zur Verteidigung ihrer Rechte bereit.

Deutsches Keich.

Berlin, 5. Juli. Der Kaiser ernannte den Prinzen Rupprecht von Bayern, den Erbgroßherzog von Sachsen- Weimar und den Kronprinzen Konstantin von Griechenland zu Mitgliedern des kaiserlichen Jachtklubs.

Berlin, 5. Juli. Im Herrenhause wurde heute die Karfreitags-Vorlage nach dem Beschlüsse des Abgeord­netenhauses angenommen. Hierauf gelangte der Antrag des Grafen Mirbach, in welchem das Haus seine Befriedigung über den Gesetzentwurf zum Schutze des gewerblichen Arbeits­verhältnisses ausspricht, zur Beratung. Derselbe wird mit 72 gegen 22 Stimmen angenommen. Hierauf wurden Petitionen erledigt. Morgen Donnerstag steht auf der Tagesordnung: Petitionen sowie ärztliche Ehrengerichte.

Berlin, 5. Juli. Der Prozeß Landauer hatte bekanntlich mit der Verurteilung des Angeklagten Landauer zu sechs Monaten Gefängnis geendet. Landauer hatte, um die Befreiung Ziethens aus dem Zuchthause zu erwirken, gegen den Polizei-Kommissar Gottschalk schwere Beschuldig­ungen erhoben, die sich in der Verhandlung als unwahr herausstellten. Landauer hatte gegen das Urteil Revision eingelegt. Dieselbe wurde jetzt vom Reichsgericht verworfen.

Berlin, 5. Juli. Das Reskript des Kaisers von Ruß­land an den Generalgouverneur von Finnland ist der sicherste Beweis, daß Rußland von der neuerdings gegen Finnland eingeschlagenen Politik nicht abzugehen gedenkt, gleichviel wie sie im Großherzogtum selbst beurteilt werden mag. Daß hierin die vor kurzem nach Petersburg ge­kommenen Herren, der Mehrheit nach Engländer, Franzosen und Skandinavier, nichts ändern würden, war vorauszusehen. Die Herren wollten zu Gunsten Finnlands an den russischen Kaiser appellieren, wurden aber überhaupt nicht empfangen, und haben sich jetzt nach den skandinavischen Ländern be­geben, wo sie zunächst in Kopenhagen unter feierlichen Kund- gebungeü empfangen wurden. Auch diese Empfänge werden den Finnländern nicht nützen, wie überhaupt zu besorgen ist, daß ihnen die Einmischung von Ausländern nur schaden kann. Man mag über das russische Vorgehen gegen Finn­land urteilen wie man will, es ist unter allen Umständen eine Angelegenheit, die sich nur zwischen Finnland und Ruß-

Heffentliche Lesehalle in Hießen.

Statistik für Mai 1899:

Es wurden ausgeliehen von

Illustrierten Zeitschriften 303 Bände,

Erzählender Litteratur 908

Versdichtungen 8

Jugendschriften, Märchen, Sagen 290

Länder- und Völkerkunde 37

Geschichte und Biographieen 66

Naturwissenschaften, Technologie 38

Gesundheitslehre 2

Philosophie 5

Sprachwissenschaft, Litterat.-Gesch., außerdeutsche Texte 14

Zusammen 1671 Bände. Es wurden verliehen an

Männer:

Bände

Handwerker 493

Kaufleute 192

Beamte 103

Arbeiter 115

Schüler und Studenten 387

Sonstige 12

Frauen:

Bände

Hausfrauen und Töchter 320

Gewerbtreibende 33

Beamtinnen 3

Arbeiterinnen, Dienst­mädchen 13

Zusammen 369

Zusammen 1302

56 von diesen Bänden wurden nach auswärts verliehen.

Der Mai mit 1671 Bänden und 17 Leihtagen steht gegenüber dem April mit 1652 Bänden und 16 Leihtagen,

es bleibt also der April in diesem Jahre der Monat der stärksten Benutzung unserer Bibliothek.

Statistik für Juni 1899 (17 Leihtage):

Es wurden ausgeliehen von

Illustrierten Zeitschriften

231

Bände, //

Erzählender Litteratur

823

Versdichtungen

20

M

Jugendschriften, Märchen, Sagen

268

H

Länder- und Völkerkunde

38

Geschichte und Biographieen

37

M

Naturwissenschaften, Technologie

36

H

Gesundheitslehre

1

rr

Philosophie

9

fr

Litteratur-Geschichte, Sprachwissenschaft

3

M

Es wurden verliehen an

1466

Bände.

Männer:

Zusammen 1130 Bände.

Handwerksmeister

116 Bände,

Akadem. gebildete Gewerbtreibende

8

Kaufleute

104

Beamte

48

Techniker, Schriftsetzer, Schreiber

37

Fabrikarbeiter

39

Diener, Kellner, Burschen

16

Lehrlinge und Gehilfen aller Art

234

Schüler, Volontäre

461

Studenten

51

Sonstige

16

Frauen:

Ehefrauen,Witwen, ältereUnverheiratete 90 Bände,

Gewerbtreibende 24

Dienstmädchen 3

Fabrikarbeiterinnen 11

Beamtinnen 7

Junge Mädchen, Lehrmädchen 201

Zusammen 336 Bände.

Nach auswärts verliehen wurden 55 Bände.

Abgesehen von der Veränderung des Schemas der Statistik wird vielleicht manchem die hohe Zahl der Schüler und Lehrlinge auffallen. Es liegt kein Grund vor, diese zu mißbilligen, wir würden es aber für Unrecht halten, wenn sich etwa die Erwachsenen durch diesen lebhaften Schülerverkehr zurückgedrängt fühlen wollten. Dem jungen Volke soll hiermit öffentlich ein bescheidenes Betragen zur Pflicht gemacht werden. Ins­besondere soll den wütigenMay"-Lesern, die immer am liebsten gleich in Krämpfe fallen möchten, wenn sie nicht jedesmal ihrenMay"-Band erhalten können, hiermiteinmal gesagt werden, daß wir cs gern sehen würden, wenn sie sich die Bücher, auf die sie versessen sind, selbst kauften und aus unserer Lesehalle wegblieben, denn sie machen uns andern allen das Leben schwer. Noch lieber aber würden wir es sehen, wenn sie vernünftig werden wollten, nehmen wollten, was vorhanden ist, und sich nicht auf gewisse Mode­bücher versteifen. Künftighin wird jeder, der sich in der Lesehalle nur irgendwie lästig machte von der Benutzung der Bibliothek aus-