Ausgabe 
7.7.1899 Erstes Blatt
 
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Lokales und Provinzielles.

Gießen, den 6. Juli 1899.

ee Empfang. Se. Königl. Hoheit der Großherzog empfingen am 5. Juli u. a. den Vortragenden Rat für Schulangelegenheiten Geheimen Oberschulrat Weihrich, Direktor des Großherzoglichen Gymnasiums in Mainz, den Landgerichtsrat vr. Schäfer von Gießen, den Pfarrer Landmann von Stumpertenrod.

** Auszeichnung. Seine Königliche Hoheit der Groß­herzog haben mittelst Allerhöchster Entschließung vom 5. Juli der Pflegerin des Alice - Frauenvereins, Frau Sophie Knop, zurzeit Oberpflegerin im städtischen Kranken­hause zu Bad Nauheim, für eine 15jährige Dienstzeit das Dienstauszeichnungskreuz für Krankenpflege (in Silber) zu verleihen geruht.

** Ruhestandsversetzung. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht, am 5. Juli den Präsidenten des Landgerichts der Provinz Starkenburg, Ludwig Machenhauer, auf sein Nachsuchen, unter Am erkennung seiner nahezu 50jährigen, mit besonderer Treue und Hingebung geleisteten ersprießlichen Dienste mit Wirkung vom 12. September 1899 an in den Ruhestand zu ver­setzen, und demselben aus diesem Anlaß das Komturkreuz 1. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen zu verleihen.

Aus dem Justizdienst. Durch Entschließung Groß­herzoglichen Ministeriums der Justiz wurde der Großh. Gerichtsassessor Brehm aus Worms mit Wahrnehmung der Dienstverrichtungen eines Staatsanwalts am Land­gericht der Provinz Rheinhessen vom 12. l. Mts. an beauftragt.

* Ordensverleihung. Dem Oekonomierat Leithiger in Alsfeld wurde von Seiner Majestät dem Kaiser der Königliche Kronenorden 4. Klasse verliehen.

* Militärdienstnachricht. Müller, Garnisons-Ver­waltungs - Inspektor in Freiburg i. B., nach Gießen versetzt.

* * 17. Verbands-Schießen des Badischen Landes-Schützen- Vereins und des Pfälzischen und Mittelrheinischen Schützeu- bundes. Nach dem Charakter, welchen die bisherige un­günstige Witterung unserem Schützenfeste in den vier ersten Tagen verliehen, konnte man den gestrigen fünften Festtag fast als ein besonderes Ereignis bezeichnen: Es regnete nämlich nicht. Wennschon, bedingt durch das Ge­botene, der Andrang zum Festplatze in den vorhergehenden Tagen ein großer gewesen, so lockte das verhältnismäßig günstige Wetter des gestrigen Tages wieder Tausende auf die Höhe der Grünbergerstraße, darunter viele derjenigen, welche sich durch Mitteilungen über dieGrundlosigkeit" des Feftplatzes abhalten ließen, in den ersten Tagen den Festplatz zu besuchen. Auf dem Programm des Nachmittags stand: Luftballonfahrt von Fräulein Paulus. Die Zweifler an der Ausführbarkeit dieser Auffahrt wurden schon im Laufe des Vormittags eines Besseren belehrt, als an der Moltkestraße mit der Füllung des Ballons begonnen wurde. Den Ballon auf dem Platze selbst zu füllen, war der geringeren Weite des Zuleitungsrohres wegen nicht möglich, und so genossen die zahlreich erschienenen Zuschauer auch noch das Ssiauspiel des Transportes eines gefüllten Luftballons. Der Transport durch die Eichgärten nach dem Festplatze ging flott von statten, und so konnte, wenn auch mit einer Verspätung von zwei Stunden, der Aufstieg er­folgen. Fräulein Paulus benutzte diesmal den Adler- Ballon, der sich durch seine mehr längliche, wie runde Form von den bisher hier aufgelassenen Ballons unterschied. Die Luftschifferin selbst nahm in einem unter dem Ballon an­gebrachten Trapez Platz; unter tausendstimmigen Beifalls­rufen hob sich der Ballon, und schlug die Richtung gegen dieHochwarte" ein. In diesem Waldgebiete konnte natür­lich der Fallschirmabsturz nicht ausgeführt werden, und so verschwand der Ballon bald den Blicken der Zuschauer. Fräulein Paulus landete zwischen Albach und Lich, und traf nach 10 Uhr bereits wieder in der Festhalle ein, wo­selbst sie von Herrn Helm dem ihr Beifall spendenden Publikum vorgestellt wurde. Am Abend füllte sich die große Festhalle wieder bis auf den letzten Platz; die Gießener Turnerschaft, welche schon so manches unserer vaterstädtischen Feste verherrlichen half, bewährte auch diesmal wieder ihren guten Ruf. Die unter einem Massenaufgebot der Turner gestellten Pyramiden boten in ihrer farbenprächtigen Beleuchtung einen herrlichen Anblick, und wurden selbstverständlich mit großem Beifall begrüßt und begleitet von flotten Turnermärschen unserer Negiments- kapelle. Das bisher an die Hallen gebannte Publikum ergoß sich gestern über den Festplatz, und verschaffte den trotz des Regens der vorhergegangenen Tage auf dem Trocknen sitzenden Budenbesitzern respektable Einnahmen. Nachstehend teilen wir das Ergebnis des gestrigen Schießens mit: Feldfest scheibe Baden: Srba-Heidelberg 32, Petry-Wiesbaden 31, Jllig-Frankfurt 30, Heerdt-Mainz 30. Feldmeisterscheibe: Horn-Frankfurt 55 Ringe, Theo­

bald-Frankfurt 54, Opel-Rüsselsheim 52, Kammerer Pforz­heim 52, Heinze-Löbau 51, Häser-Wiesbaden 50, Claus- Landau 50, Hartik-Pforzheim 50, Rheinhäckel-Suhl 49, Jser-Frankfurt 49. Standmeisterscheibe: Schmidt- Homburg 54 Ringe, Rugg-Frankfurt 50. Feldmeister­scheibe Mittelrhein: Heinze-Löbau 33, Horn-Frank- furt 32, Gebhardt-Heidelberg 32, Opel-Rüsselsheim 31. Auf Feldscheibe erschossen Becher: Benzinger-Karls­ruhe, Funke-Mannheim, Jung-Mainz. Auf Stand- scheibe: Claus-Landau, Schwieder-Frankfurt. Stand- fe st scheibe Gießen: v. Emden-Frankfurt. Auf laufend Wild: Kilbinger-Gießen.

* ' Einen betrübenden Anblick bieten die überschwemm­ten Wiesen des Wieseckthales. An. manchen Stellen sind die Heuhaufen fortgeschwemmt worden, an anderen sind sie vom Wasser umspült. Den Wiesenpächtern erwächst dadurch ein bedeutender Schaden.

t. Lich, 5. Juli. Hat man schon in der verflossenen Woche über die Wassermengen geklagt, die uns die Wetter zugeführt hatte, so kann man es jetzt erst recht thun. Die in dem oberen Wetterthal niedergegangenen schweren Regen, die manchmal einen wolkerbruchartigen Charakter annahmen, haben den Bach zum reißenden Strom geschwellt, der bald über seine Ufer trat und mit unentrinnbaren Schritten bald alles in Besitz genommen hatte, was er erreichen konnte. Wenn man auf der Wetterbrücke steht, die, nebenbei gesagt, durch ihre im Verhältnis zur Flußrichtung falsche Lage viel zur Stauung beiträgt, und nach Bessingen zu sieht, erblickt das Auge Wasser, nichts als Wasser, dessen Strömung man erst recht beurteilen kann, wenn man die von ihm fort­geführten Heukegel säumiger Wiesenbesitzer beobachtet. Nach den Gewitterregen, welche vor zwei Wochen niedergingen, war der Schaden ja auch schon bedeutend, doch gering im Verhältnis zum jetzigen. In den anliegenden Gärten sind die Salatbüsche unter dem Wasser verschwunden, und die Kartoffelbüsche sehen nur noch mit den Spitzen aus dem­selben hervor. Und bei alledem wächst das Gewässer noch fortwährend, so daß man Angst haben muß, es könne auch in die tiefer gelegenen Straßen unserer Stadt eindringen. Da spricht dann einer dem andern zu:So arg wars lange nicht", und meint dabei die Ueberschwemmung, und überall hört man die Frage, ob es keine Mittel gäbe, hier Vorbeuge und Abhilfe zu schaffen. Stellenweise liegt das Getreide, doch nicht so arg wie im Vorjahre.Das zieht die Sonne wieder auf", meinte ein Landmann.

f Nidda, 5. Juli. Das gestern befürchtete Hochwasser ist über Nacht eingetreten, indem die Fluten der aus den Ufern getretenen Nidda und ihrer Zuläufe bis heute morgen bereits unsre nieder gelegenen Stadtteile, sowie Thalgründe überschwemmten, alles was lose bezw. leicht war mit sich reißend. Obwohl im Laufe des Vormittags außerhalb des Orts das nasse Element langsam zu fallen begann, dringt am Mittag noch das in den Hausgärten rc. stehende Wasser nach den tiefer liegenden Hofraiten und Straßen, weshalb dort die Passage fast unmöglich ist. Die in Mitleidenschaft gezogenen Grundbesitzer sind teils schwer geschädigt. Seit 1879 hat man eine derartige Ueberschwemmung hier nicht gesehen.

Mainz, 5. Juli. In der Thorfahrt eines Hauses in unmittelbarer Nähe der Quintinskirche hier, machte man gestern beim Legen einer elektrischen Leitung etwas über einen Meter unter der Erde einen bedeutenden Münzfund. In einem Sacke fand man über 100 Silbermünzen und 25 große Goldmünzen aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Bei den Münzen lagen noch verschiedene Gold- und Silber­stücke, die offenbar von kirchlichen Geräten herrühren. Der Fund, der scheinbar in kriegerischer Zeit hier begraben wurde, soll einen Wert von 20 bis 30 000 Mark reprä­sentieren.

Vom Rhein, 5. Juli. In der Zeit von Ende Juli bis zum 4. August finden auf dem Rhein zwischen Oppen­heim und Worms unter Leitung der zweiten Jngenieurin- spektion große Pontonierübungen statt, während welcher zeitweise eine ganze Sperrung des Schiffsverkehrs auf der angegebenen Stromstrecke stattfinden muß. Nähere Bekannt­machungen für die Schiffahrtsinteressenten erfolgen noch. Brücken werden bei den Hebungen zwei über den Rhein geschlagen und zwar eine bei Gernsheim und eine bei Oppenheim.

Aus der Zeit für die Zeit.

Vor 92 Jahren, vom 7. bis 9. Juli 1807, wurde der Frieden von Tilsit geschlossen, durch welchen König Friedrich Wilhelm von Preußen die größte Hälfte seiner Staaten verlor und die unerhörte Summe von 150 Mill. Thalern als Kriegsentschädigung genehmigen mußte. Selbst die Bitten der Königin Luise vermochten den rücksichtslosen Sieger nicht von seinen Forderungen herabzustimmen.

Gingesandt.

Gießen, 6. Juli 1899. Konzert der Sängervereinigung.

Mit einem vollen Erfolg, was ja auch Die musikalische Kritik bestätigte, hat die Sängeroeretniaung unter Franz Bauers Leitung am Montag abgeschnitten. Das war kein künstlicher, von freundschastlicher Claque provozierter Beifall, sondern unmittelbar und stürmisch solgte er jeder Programmnummer. Allseitig ist der Wunsch nach einer Wiederholung laut geworden, und hoffen wir bestimmt, daß der Geschäftsführende Ausschuß dieser Anregung Folge leisten wird; er würde sich dadurch den Dank vieler erringen.

Temperatur der Lahn und Luft

nach Reaumur gemessen am 6. Juli, zwischen 11 u. 12 Uhr mittags: Master 13°, Luft 13°.

_______________Rübsamen'sche Badeanstalt.

Neueste Meldungen.

Depefcken deS BureauHerold".

Berlin, 6. Juli. Wie derLokal-Anzeiger" aus Semlin meldet, sind in Sofia Unruhen ausgebrochen, die gegen den Fürsten gerichtet sind. Die Opposition machte in der Sobranje Skandal, wurde aber vom Militär ent­fernt, worauf ein Volksaufstand entstand. Das Militär schützte das Palais und zernierte die Stadt. Nach der Vossischen Zeitung" ist Fürst Ferdinand schon entthront.

Hallea.d.S., 6. Juli. Polizei-Sergeant Roderwald wurde auf offener Straße von einem Strolche gröblich beleidigt und schließlich niedergestochen. Der Beamte ist lebensgefährlich verletzt.

Wien, 6. Juli. Hier wird es vermutlich heute heiß hergehen. Die Polizei soll keine Schritte thun, um die große Arbeiter-Demonstration gegen Lueger und Strobach hintan zu halten, obwohl die ganze sozialistische Organisation in Bewegung gesetzt ist, um eine möglichst große Anzahl Demonstranten zusammenzubringen.

Paris, 6. Juli. Bei einem Festessen, welches die amerikanische Kolonie am 4. Juli veranstaltete, erklärte der anwesende Handelsminister Millerand, er hoffe bestimmt, daß noch in dieser Woche ein Handels-Vertrag zwischen den Vereinigten Staaten und Frankreich abgeschlossen werden würde. Dieser Vertrag werde auf Grund der meistbe­günstigten Nationen vollzogen werden.

Paris, 6. Juli. Morgen findet ein Ministerrat statt, in welchem, wie verlautet, verschiedene wichtige Maß­regeln, besonders gegen eine Anzahl hoher Militärs, ge­troffen werden. Der Ministerrat wird ein Rundschreiben an die Präfekten und Unterpräfekten beschließen, worin die Aufmerksamkeit auf gewisse Blätter der Opposition gelenkt werden soll. Schließlich sollen auch Maßregeln über eventuelle Ereignisse während des Dreyfus-Prozesses erwogen werden.

Paris, 6. Juli. Die chauvinistischen Abendblätter schreiben den Brief des Fürsten von Monaco dem Einflüsse des deutschen .Kaisers zu und hetzen dies­bezüglich die Mitglieder des Kriegsgerichts von Rennes auf. Es wird eine offiziöse Zurückweisung erwartet.

Paris, 6. Juli. Waldeck-Rousseau hatte gestern mit dem Kultusdirektor eine längere Unterredung über die Haltung des französischen Klerus und über die Zwischen­fälle, welche in letzter Zeit von einigen Prälaten in Frank­reich hervorgerufen wurden. Man erwartet Maßregeln gegen zahlreiche Mitglieder des Klerus. v

Rennes, 6. Juli. Dreyfus hat sich gestern einige Stunden mit seinen Anwälten über seinen Prozeß unter­halten. Die geistige Verfassung Dreyfus ist sehr klar. Er stellt zahlreiche Fragen und macht sich viele Notizen.

Paris, 6. Juli. Der Regierungs-Kommissar von Rennes, Carrisre hat einen neuen Papier-Experten vernehmen lassen, nämlich den Obmann der Pariser Papier-Fabrikanten- Genossenschaft, Levee. Derselbe sagte über die Verbreitung des Bordereau-Papieres im Handel ganz entgegengesetzt den Experten des Kassationshofes aus.

Brüffel, 6. Juli. In parlamentarischen liberalgesinnten Kreisen wird bereits die Möglichkeit eines antiklerikal gefärbten Kabinettes besprochen und die Namen der Sozialisten Van der Velde und Hektor Denus als künftige Inhaber von Portefeuilles bezeichnet.

Brüffel, 6. Juli. Gestern fanden hier und in der Provinz Meetings statt, in welchen die Oppositions- Parteien die Regierungs-Wahl-Vorlage als begraben be­zeichneten.

Brüffel, 6. Juli. Die nächste Folge des Rückzuges der belgischen Regierung dürfte der Sturz des Kabinetts Van den Peereboom sein, und zwar drängen jetzt die Ultra­montanen auf diesen Ausgang der Krisis hin. Insbesondere die Bischöfe sind mit dem Zurückweichen der Regierung von dem Straßen-Aufstande sehr unzufrieden und erwarten den baldigen Sturz des Kabinetts. Der Minister des Innern, Schollaert, der das Wahlgesetz verfaßt hat, soll die Absicht, zurückzutreten, ausgesprochen haben. Man befürchtet den Widerausbruch der Agitation, da die Opposition fest ent­schlossen ist, bis zu den nächsten allgemeinen Kammerwahlen überhaupt kein neues Wahlgesetz zuzulassen.

In unser Firmenregister wurde eingetragen:

Die FirmaKarl Otto Bender A. Heß Nachfolger" in Hungen ist an Max Hirsch Dreifuß daselbst übergegangen. Seine Ehefrau, Sovhie geb. Oppenheimer dahier, sowie Emma Oppenheimer, ledig, in Hungen besitzen, jede für sich allein, Prokura. Die der Karl Otto Bender Ehefrau erteilte Prokura ist erloschen.

Hungen, am 4. Juli 1899.

Großh. Amtsgericht. 5148

ML Schlachthaus

Freibank. 5121

Heute und morgen:

Wnfltifd) 50 M Schmiuchisch 30 pfg.

WlM Die Freibank ist bis 9 Uhr abends geöffnet.

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