Ausgabe 
7.6.1899 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

> fe rben gkM-, Verschön

Dv$ii6erf orn, Professor Dr. Sommer und Sanitäts- rat' r ch m i d t - Frankfurt a. M. Der Thatbestand der Äntükje ist der folgende: Göbel war Ende 1898 provisorisch alsp brsbursche im chemischen Untersuchungsamt zu Gießen bcksWigt. Er erhielt von Dr. Strauß, dem Assistenten des,- Loistehers des Amtes zwei Steuerzettel mit den ent- fpruskuben Beträgen und dem Auftrag, diese an der stäiltchhin und staatlichen Kasse abzuliefern. Der An- gdMIijle gesteht zu, diese Beträge nur teilweise bezahlt uttitio ti( Quittungen gefälscht zu haben. Weiter gesteht beir Angeklagte zu, sich zwei Anweisungen ausgcfertigt unito mit dem Namen des Dr. Günter unterzeichnet zu; äiiEnen, auf Grund deren ihm die Firmen Buch uneßilfaffer Kleider im Betrage von 23 Mark ausgehändigt haM Bei dem Diebstahl handelt es sich um eine Platin- scht'iale im Werte von 120 Mark, welche Göbel bei seinem Fchchmge dem Untersuchungsamt gestohlen hat, um sie fpi'iiüir in Hanau für ca. 100 Mark zu verkaufen. Der Avdiz-kla^te erklärt, er habe im chemischen Untersuchungsamt peju Zag 2 Mark verdient. Er verlor, als er noch nicht 4 I.^hne alt war, den Vater und kam nach Aschaffenburg in "Z Waisenhaus. Nach 5 Jahren heiratete die Mutter eututn Bahnwärter, der in Dortelweil stationiert war, und hi ließ der Stiefvater den Angeklagten hinkommen. Die ©lirtirn -zogen dann 1888 nach Großen-Linden, wo Göbel di ^Fchule besuchte, er kam dann außerhalb als Schlosser in o '!k Lehre. Ende 1894 ohne Arbeit bei den Eltern in GKOn Linden sich aufhallend, begann der Angeklagte seine veMkucherischen Wege einzuschlagen. Er will in Elberfeld, wi« tr sinige Monate in Arbeit stand, gestürzt sein und hat tun ter Voruntersuchung behauptet, daß er in Folge davon hiMg Momente habe, wo er geistig nicht zurechnungsfähig ff? und in solchen Dämmerungsmomenten habe er die in feh sehenden Strafthaten begangen. Der Angeklagte er- ficriirt aber diese Angabe für unwahr; er habe zwar solche LktMutje infolge des Sturzes häufig, jedoch habe er die U »Mtiiifälschungen mit vollem Bewußtsein ausgeführt. In­fo uhe btis Geständnisses des Angeklagten wird auf die Ver- ncchuiuwi der meisten Zeugen verzichtet, ebenso auf die der nuslijini fdjen Sachverständigen. Die Beweisaufnahme er- daß der Angeklagte bei Verwertung der Platinschale miil grtlßem Raffinement verfahren ist. Weiter wird durch

Vdmehmung von Zeugen festgestellt, daß Göbel ein fürchter- li,Hr Prahlhans und Renommierheld ist, der, wo er auch h'Mlmumen, stets sehr aufgeschnitten und den Eindruck hiM!e,ffen hat, als ob er an Größenwahn litte.

XT Iw MN. e. ,QlL

w.

H. «Oh: r.

Mdkit jyH'

I(t. »i K11?" L

W gut,

ME

pUW/; I?" M

1 nut, hb- Mblikiun.

| bald üitt

ftvnw^.

'n Wt irten cif. g'Ftrik ßch zu. tenMehl inficren

> zuW^! ngebung pd.i L infe anjubne. zu ertii» n Üanböirrti

fafttoals ip.:. g einen Äiih. vvaSWN

Wtifr Itbtitin einiger ftlilhnM er ßanfc; zu wck -chul!

prochc! ze v»ö« rotiinjii^ lifft, ff= ung tc <- lerM^ introurj. 6- ngtuM gkhu,

i der inbung $

ÖDOl N,j-J

'orjtt eax;,

jdflW ,r'' -

tnfdb?n aadlvitl^.

libtdro^ gdttM htm

vieE ) Maizu»

Aus der Zeit für die Zeit.

Vs'c 223 Jahren, am 7. Juni 1676, starb zu Lübben dem Dichter Paul Gerhardt. In Grimma gebildet, toidiucti er sich der Theologie und ward Geistlicher zu RLÜNmwalde in der Mark. Seine Haus- und Kirchenlieder, becä benen man blos an das köstliche, tröstlicheBefiehl Du D-Link Wege" zu denken braucht, um ihren Wert zu be- ze-chcn sichern ihm dauernden Ruhm. Gerhardt wurde arm 12. März 1607 zu Gräfenhainichen i. S. geboren.

Vermischtes.

* °Die Ueberfiihrung der Leiche Klaus Groths vom Sterbe- h.ümic mach dem Friedhof hat Montag mittag unter großer Billigung aus Stadt und Land stattgefunden. Im Zuge HMHndtn sich Oberpräsident v. Köller, welcher im Auf- tiffi ige des Kaisers einen prachtvollen Kranz am Sarge nitsMegte, der akademische Lehrkörper, sämtliche farben- truagtnbien studentischen Verbindungen und Abordnungen zchAcither plattdeutscher Vereine.

' Bismarck-Mausoleum. DieHamb. Nachr." schreiben: TW in unserer vorgestrigen Morgennummer unter der SSs^arkeBergedorf" im Tagesbericht abgedruckte 99t eli g über die bereits erfolgte Eröffnung der GS iiifilkapelle in Friedrichsruh beruht auf einer NWißikation. Wie wir durch direkte Erkundigungen fest- haben, hat Fürst Bismarck noch keinen Termin für d m Zulassung von Besuchern zur Kapelle in Aussicht ge­rn isMea.

* Kurze Nachrichten. In der Zivilklagesache der fürstlich Mim ar ck sch en Erben gegen die Photographen Wilcke u।iu) 0 riefter wegen Herausgabe der Platten und photo- gigwhisschen Aufnahmen der Leiche Bismarcks auf dem Toten- b'iäi verwarf das hanseatische Oberlandesgericht die Be- mujing der Beklagten als unbegründet unter Verurteilung dnnKihotographen in die Kosten des Revisionsverfahrens. Äksi Fernsprech-Automaten sind nunmehr zu Berlin in d »üschaltervorräumen von Postanstalten, in Gastwirtschaften uot Läden zum Gebrauch für das Publikum bereitgestellt. Äktt Aufstellungsorte sind durch emaillierte Fahnenschilder niÄ den AufschriftFernsprech-Automat" in schwarzer (s$nf[t auf weißem Untergründe, mit roten Anfangsbuch- fiioüiL gekennzeichnet. Die Gebühr für ein Gespräch von d M Minuten Dauer beträgt im Stadtverkehr 10 Pfennig, i N bnrkehr mit den Vororten 20 Pfennig. Der Anruf flpföiei&t durch Abheben des Fernhörers. Die Zahlung er« f::oo^t ildurch Einwerfen eines oder zweier Zehnpfennigstücke, fijohlbi das Vermittlungsamt ausdrücklich dazu auffordert. 3 SM Schluß des Gesprächs ist der Fernhörer wieder an­

]uni $

iim'8 b

'S-*

ziichngzen.

¥ Gefälschteneue" Kartoffeln. In der altgriechischen vNiemvelt war Hermes gleichzeitig der Gott des Handels uind doer Gott der Diebe. Wenn man an das Maß der h iM Mgtäglich verübten Nahrungsmittelverfälschungen denkt, f damn man eigentlich einen Trost darin sehen, daß schon i'n Altertum die Verknüpfung von Handel und Diebstahl f ite der schlechten Subjekte innerhalb der menschlichen (WMschast einen solchen Ausdruck gefunden hat. Selbst- t »Midlich haben die alten Griechen damit gegen die ehren- Vertreter des Kaufmannsstandes ebensowenig etwas

sagen wollen, wie wir heute. Es ist aber wirklich unglaub lich, welch eine Summe von Scharfsinn aus die Herstellung verfälschter Nahrungsmittel verwandt wird, um ein Produkt teurer zu verkaufen und infolge dessen einen höheren Ge­winn daraus ziehen zu können. Daß unsere Leser auch mit denneuen" Kartoffeln, die sie sich in diesen Wochen munden lassen, unter Umständen betrogen sein können, dürfte ihnen eine ebenso unerwartete wie unliebsame Ent­hüllung sein. Die Vorliebe für die Erstlinge unserer Ge­müse, übrigens auch anderer Nahrungsmittel, hat in den Großstädten in der letzten Zeit ganz außerordentlich zuge- nommen, und sie stehen hoch im Preise. Daraus ergab sich von selbst, daß der Anreiz zur Fälschung für die Be­trugskünstler ein besonders starker wurde. Sie haben denn auch ganz achtbare Erfolge aufzuweisen. Man glaube also ja nicht, daß die ersten im Frühjahr aufgetischten neuen Kartoffeln notwendig jung fein müssen. Auch alte Kar­toffeln können unter der geschickten Hand des geübten Fäl­schers eine ganz täuschende Ähnlichkeit mit denneuen" gewinnen. Vor Beginn des Frühlings übersieht der auf Betrug bedachte Händler seinen Kartoffelvorrat aus der vorjährigen Ernte, wählt die schönsten aus, schält sie, und giebt ihnen durch sorgfältiges Beschneiden die gewünschte Form, worauf noch die beim Schälen bleibenden Ecken und Schnittflächen durch Druck geglättet werden. Dann werden sie in gute Gartenerde hineingelegt, der gewisse chemische Stoffe beigemischt sind. Die Zusammensetzung letzerer ist nicht immer die gleiche und wird als wichtiges Geheimnis von jedem Eingeweihten verschwiegen. Nun besorgt die Natur das Uebrige. Nach etwa einer Woche haben sich die künstlich verkleinerten Knollen mit einer feinen Haut überzogen, die der junger Kartoffeln leider außerordentlich ähnlich sieht. Dann sind dieneuen" Kartoffelln fertig und brauchen nur noch auf den Markt und zum Verkauf gebracht zu werden, .was beides bei dem großen Begehr für die Ware nicht schwer fallen kann. Wir wissen nun nicht, inwieweit solche Fälschungen schon bei uns Eingang gefunden haben, und können das Geheimnis des Verfahrens nicht verraten, weil wir es selbst nicht wissen. Thatsache ist, daß in Paris die Fälschung neuer Kartoffeln einen ziemlich bedeutenden Umfang gewonnen hat, so daß ein Chemiker im dortigenCosmos" bereits ein Klagelied ertö­nen läßt, am Anfang des 20. Jahrhunderts würde man wahrscheinlich schon gefälschte Beefsteaks ohne Fleisch zu sehen bekommen. Uebrigens ist die Umgestaltung alter Kartoffeln zu jungen nicht ganz neu, nur war man früher ungeschickter darin und versuchte es nur damit, die besonders kleinen Kartoffeln von der Ernte zurückzubehalten und dann nach einer gewissen Behandlung im nächsten Frühjahr als neue zu verkaufen. Unseren Behörden, die der Nahrungsmittelverfälschung äufzupassen haben, müssen wir jedenfalls zurufen: Videant consules!

Eingesandt.

Gießen, 6. Juni 1899.

Radsport. DieWanderer", Gießener Radsahr-Grsellschast, haben sich an dem Bezirkösest in Alsseld am 4. d. MtS. nicht be­teiligt, weil sie dem am gleichen Tage sein 25jährigeS Jubiläum feiernden Kriegeroerein Gießen auf dessen Aufforderung hin ver­sprochen hatten, an seinem Ehrentage hier in Gießen mttzufetern und es als selbstverständlich ansahen, diese Zusage einem heimatlichen Vereine gegenüber unbedingt hochzuhalten. Bet dem BeztrkSfeste in Wetzlar am 7. Mat d. I. sind dieWanderer", G.-R.-G., dagegen in radfportlicher Beziehung tn die Konkurrenzen mit eingetreten und haben sowohl im Reigen-, wie auch Im Korsofahren tn geradezu glänzender Wetse gesiegt und htrr jedeSmal den 1. Preis erhalten. An dem PreiSkorso tn Gießen am 23. Aprtl d. I. haben sich die Wanderer", G.-R.-G., selbstverständlich nicht in Konkurrenz beteiligt, denn eS war dies nicht ein Gau-Korso, wie gestern an dieser Stelle irrtümlich berichtet wurde, sondern eine Veranstaltung derWanderer" selbst, bet der alle Preise den auswärtigen Gästen zugedacht waren. Im allgemeinen ist eS überhaupt nicht üblich, daß bet derarttgen Veranstaltungen etnheimtsche Vereine mitkonkurrieren, da eS für diese natürlich leicht ist, sowohl hinsichtlich der Anzahl der Fahrer, wie auch hinsichtlich aller übrigen in Betracht kommenden Momente eS den auswärtigen Gästen zuvor zu thun.

Der hiesige Radfahroerein 1885 ist bet dieser Veranstaltung derWanderer" allerdings gegen die auswärtigen Vereine tn den Wettbewerb etngetreten; wenn aber gestern berichtet wurde, daß er hierbei den zweiten Preis errungen habe, so ist dies nur bedingungs­weise richtig, da von dem Radfahrer Klub Butzbach rechtzeitig Protest erhoben wurde, der heute noch nicht erledigt ist.

DieWanderer", G. R.-G., deren Thatkraft wir in erster Linie den Bestand des erstklassigen Sportplatzes an der Hardt zu verdanken haben, welcher alljährlich tn eminenter Weise die Sportfreunde von hier und auswärts anzteht und so einen wesentlichen Faktor nicht bloS tn sportlicher Beziehung allein für die hiesige Stadt bildet, haben in der kurzen Zett ihres Bestehens wiederholt gezeigt, daß sie überall da, wo sie tn Konkurrenz treten, mit an der Spitze maschieren, so z. B. auch bei dem Gau-Reigenfahren am 23. Aprtl d. I. hier in Gießen, wo sie bet wirklich vorhandener starker Konkurrenz von zehn Vereinen mit dem zweiten Preise ausgezeichnet wurden, während der erst« Preis nach Darmstadt fiel und den dritten und vierten Platz in dieser Reihenfolge der Bicycle-Klub Nauheim und der Radfahroerein 1885 Gießen belegten.

In der Geschichte des großen Deutschen Radfahrer-Bundes steht es wohl einzig da, daß ein junger Verein sich in so kurzer Zeit solch großer Erfolge in sportlicher Beziehung erfreuen kann, wie dteS bet denWanderern", Gießener Radfahr-Geselltchaft, der Fall ist.

Temperatur der Lahn und Luft nach Reaumur gemessen am 5. Junt, zwischen 11 u. 12 Uhr mittags: Waffer 18°, Luft 21 V»°.

Rübsamen'sche Badeanstalt.

Neueste Meldungen.

Depeschen des BureauHerold".

Berlin, 6. Juni. Wie in parlamentarischen Kreisen verlautet, wird bei Beginn der heutigen Reichstags-Sitzung Staatssekretär v. Bülow über das deutsch-spanisch e Südsee-Abkvmmen Mitteilung machen.

Berlin, 6. Juni. Der abgelaufene Handels- und Schiffahrts-Vertrag zwischen Deutschland und

Uruguay ist auf unbestimmte Dauer und mit einjähriger Kündigung wieder in Kraft gesetzt worden.

Berlin, 6. Juni. Die Spieler - Affaire von Kayser und Genossen wird wahrscheinlich vor den Gerichtsferien nicht mehr zur Verhandlung kommen. Die Hauptverhandlung wird große Dimensionen annehmen. Es sollen 80 Zeugen geladen werden.

Triest, 6. Juni. Der österreichische DampferSilesia" hat 720 Meilen von Brasilien entfernt, einen französi­schen Dampfer, der von Colombo nach Bordeaux unter­wegs war, mit 700 Passagieren an Bord, und mit zer­brochener Schraube angetroffen. Der österreichische Dampfer nahm den französischen Dampfer ins Schlepptau.

Budapest, 6. Juni. Wie verlautet, hat ein neuer Kompromiß-Vorschlag, den Szell gut geheißen hat, alle Aussicht, von der österreichischen Regierung angenommen zu werden.

Haag, 6. Juni. Die ersten acht Punkte des Me­diations-Entwurfes wurden mit einem Amendement des Grafen Nigra angenommen.

Paris, 6. Juni. In den Wandelgängen der Kammer verlautete gestern, daß sich die Regierung augenblicklich mit der Frage der Maßregelung des Generals Zur lind en beschäftigt. Zurlinden wird jedenfalls seines Postens als Gouverneur von Paris enthoben werden.

Paris, 6. Juni. Die gestrige Kammersitzung, welche zeitweise einen sehr stürmischen Verlauf nahm, be­schäftigte sich zunächst mit einer Interpellation über die Vorgänge am Sonntag bei dem Rennen in Auteuil, die von dem Abgeordneten Laloge besprochen wurden. Derselbe wurde fortwährend durch Zwischenrufe der Monarchisten und Antisemiten unterbrochen. Der Abgeordnete Langentaye beschimpfte Loubet und wurde durch Kammerbeschluß von der Sitzung ausgeschlossen. Da er den Sitzungssaal nicht verlassen wollte, suspendierte der Präsident Deschanel die Sitzung und Sargentatje wurde gewaltsam entfernt. Während dieser Pause kam es in den Wandelgängen zu Manifestationen. Eine halbe Stunde darauf wurde die Sitzung wieder ausgenommen, und Dupuy schilderte die Skandale vom Sonntag. Er führte aus, es werde die Sorge des Untersuchungsrichters sein, die Spuren des Komplottes zu suchen. Es seien gewisse Klubs geschlossen worden. Dupuy acceptiert alsdann eine Tagesordnung, in welcher die vorgestrigen Vorgänge gebranbmartt und der Regierung das Vertrauen der Kammer ausgesprochen wird. Der Minister-Präsident rechtfertigt im weiteren Verlauf die gestrigen Beschlüsse des Ministerrats und erklärt, daß er 1894 nur das Bordereau gekannt habe. Es gelangten als­dann mit großer Majorität verschiedene Anträge zur An­nahme, welche der Regierung das Vertrauen der Kammer aussprechen; die Strafverfolgung Merciers wird darauf mit 299 gegen 230 Stimmen vertagt bis nach dem Zusammen­tritt des Kriegsgerichts in RenneS. Schließlich wurde noch um 8 Uhr beantragt, das Urteil des Kassationshofes in ganz Frankreich öffentlich anzuschlagen. Dieser Antrag wurde mit 307 gegen 209 Stimmen angenommen und als­dann die Sitzung geschlossen.

Paris, 6. Juni. Die gesamte radikale und fortschritt­liche P r e s f e beglückwünscht die Negierung zu dem energischen Eingreifen in die Dreyfusangelegenheit. Die Presse erklärt, es sei an der Zeit, nunmehr mit eiserner Faust Ehrfurcht vor dem Gesetz vor allem zu erzwingen. Die Armee, er­klären die Blätter, ganz besonders die Mannschaften und der größere Teil der Offiziere sind der Regierung dankbar dafür, daß sie selbst die nötigen Schritte thut, die Armee aus der Affaire herauszuziehen, indem sie die Schuldigen, wie hochgestellt sie auch sein mögen, vor die Richter stellt. Im übrigen hat die Haltung Dreyfus', der ebenfalls Ge­rechtigkeit von seinen Kameraden fordert, in militärischen Kreisen den besten Eindruck gemacht, man fühlt, daß Drey­fus keineswegs, wenn er auf freien Fuß gesetzt wird, an die Spitze der Armee sich stellen wird.

Paris, 6. Juni. Die Kundgebung der Royalisten auf dem Rennplatz in Auteuil wird in politischen Kreisen als ein Versuch, einen allgemeinen Umsturz ins Werk.zu setzen, bezeichnet. Die Polizei ist bereits auf der Spur des ganzen Komplottes, und weitere Verhaftungen sollen bevor­stehen.

Paris, 6. Juni. Bei dem Polizei-Offizier G r i l l e r e s, der von einem royalistischen Kundgeber einen Schlag erhalten hatte, hat sich starkes Fieber eingestellt. Sein Zustand ist hoffnungslos.

Paris, 6. Juni. Aus Cayenne wird gemeldet, Dreyfus wurde gestern der Militär-Behörde überliefert. Er befindet sich auf der benachbarten Königsinsel, von wo er sich am Donnerstag nach Frankreich einschiffen wird.

Paris, 6. Juni. Es ist jetzt festgestellt worden, daß sich an den Kundgebungen in Auteuil drei Offiziere beteiligt haben. Dieselben sind verhaftet und werden noch in der ersten Hälfte dieses Monats vor ein Kriegsgericht gestellt werden.

Brest, 6. Juni. Der Unterpräfekt, der Zentral- Kommissar und der Hafen-Kommissar hatten gestern eine Unterredung bezüglich der Maßregeln im Augenblick der Landung von Dreyfus. Dreyfus wird sofort nach der Landung in die Hände des General-Kapitäns der Stadt Rennes überliefert werden.

London, 6. Juni. Der DampferParis" sitzt noch immer auf der Manakles Insel fest. Er hat noch genau dieselbe Lage wie gestern, und man ist augenblicklich damit beschäftigt, die umliegenden Felsen zu sprengen, um die Flottmachung des Dampfers zu ermöglichen.