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7.5.1899 Drittes Blatt
 
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Sonntag den 7. Mai

1899

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PattS, 3. Mai. Von einem Wiederzusammen- tteilt des Parlaments konnte man, so wird der T. R. auä Paris geschrieben, diesmal nur in gewissem Sinne ssmechtn. Zwar hat die Kammer am Dienstag ihre Sitzungen »wieder ausgenommen, der Senat aber hat noch bis nächsten MrnSIag Ferien. Daher haben wir nur einDerni-Renträe". Als bid8 Parlament Ende März auseinanderging, hoffte man, daß der Kassationshof, wenn er aus den Osterferien »D-ieder einträfe, über das Schicksal der Revision des Dreyfus- PSrozeffes entschieden haben würde. Das war nur eitle Gossnrng, und zur Stunde weiß man noch nicht einmal, wann der Präsident Ballot-Beauprä seinen Bericht einreichen mb. Infolge dessen wird dieAffaire" wieder wie bisher 3»ii den parlamentarischen Arbeiten lasten, dieselben beein- ^.iiffen und hemmen, zu unliebsamen Zwischenfällen Anlaß ggebtn, ja, wer weiß, vielleicht zu Ministerkrisen, auf welche nnan seit ihrem Bestehen jeden Augenblick gefaßt sein muß. @6it nimmt nun einmal einen beherrschenden Platz in der politischen Arena Frankreichs ein und dies wird, so lange sije nicht aus der Welt geschafft werden kann, so bleiben. .Zunächst allerdings hat die Kammer dem Vorschlag des Ministerpräsidenten Dupuy zugestimmt, alle Interpellationen z-mDr-eyfussache zu vertagen, bis der Spruch des Kassations- hibskS gefällt ist. In den Wandelgängen wurde natur- gxrnäß viel über dieAffaire" gesprochen. Die Deputierten iütuschlen die Ansichten aus, die sie in den Ferien beim L1»erkehr mit ihren Wählern gesammelt. Es schien aus diesen ^vAlerh«ltungen hervorzugehen, daß die Veröffentlichung der Mlrn der Kriminalkammer des Kassationshofes der Sache dLiRevision des Prozesses von 1894 günstig gewesen ist, unb Denn nicht alles trügt, besteht jetzt in der Kammer eine Mehrheit, die mit dem Gedanken vertraut ist, daß die Wieder- alm^hme mit Verweisung der Angelegenheit vor ein neues Mnegsciericht ausgesprochen werden kann. Uebrigens tifiibigt imFigaro" sein Mitarbeiter Cornoly das bevor- stHchndie Ende der Veröffentlichung der Untersuchungsakten

La ffationshofs an, die nun vorn 31. März bis heute unuite» brachen täglich fortdauerte.

Großbritannien. Obschon die auf das englisch-russische AMomrnen gesetzten Hoffnungen in England nach Bekannt- wnr iben seiner geringen Tragweite sich stark ernüchtert haben, srjich d ie Regierung dasselbe doch im Parlamente zu Gunsten ihM Finanzpolitik auszunutzen. In einer Verteidigung der leltzlnen erklärte im Unterhause der Erste Lord der Admiralität GSoscheiri, er hoffe angesichts jüngst getroffener Abkommen, dcH dir besser gewordenen Beziehungen der Regierungen zu ermnber eine Verminderung der Rüstungen gewesen, und bitte für dieselben gemachten Aufwendungen seien keine frucht- lcliftn. Mit jenerVerminderung" ist es indes ein eigen TÄrig. Denn die augenblicklich in Gang begriffenen ge- w«lügen Rüstungen, namentlich auch Englands, können rrciLülich nicht im selben Maßstabe fortgesetzt werden. Daher nxihbe ein nach Erreichung des mit denselben gesteckten ZiDs eintretendes mäßiges Nachlassen der Rüstungen noch keiMswegs einen besonderen Erfolg jenes Abkommens be- bculni.

Rußland. Einen eigenartigen Eindruck hat es in west- licchrn Kreisen gemacht, daß der geheime Bericht des Fismnzministers Witte über das Bedürfnis Rußlands nach wiÄHaftlicher Verständigung mit England bestritten worden ists. Namentlich erscheint es auffallend, daß die russischen H.Mmtlichen die Sache totschweigen, während die Ab- leiinWugen auf Umwegen über Paris kommen, und dort auch von Delcassv im Ministerrate wiederholt worden sind. D'lieTimes", die zuerst den angeblichen Geheimbericht briete,, läßt ihre Meldung denn auch noch keineswegs fabto, sondern bemerkt in einer Besprechung der jüngsten Attchrulngen Lord Salisburys und Arthur Balfours im eng- lisW Parlament das folgende:Herr Witte kennt die grafen Wohlthaten, welche sein Land aus den besseren in- teimtiomalen Beziehungen einheimsen könnte, worauf Lord SMbriry anspielte. Er ist zu einsichtig, als daß er nicht wii'frn ßollte, daß bloße amtliche Einverständnisse nicht die

bbeutel der britischen Kapitalisten öffnen werden, wenn nicihä die öffentliche Meinung zugleich beeinflußt werden föMi, juir russischen Politik größeres Zutrauen zu hegen. Lsn mir b keinen in Erstaunen setzen, welcher den doppelten Em.flnß kennt, welcher gegenwärtig jene Politik leitet, zu ftro.uitit, daß die Authentizität des Berichts des Herrn Witte laM in 'Abrede gestellt wird. Kleine technische Fehler mögen fielt in die Wiedergabe dieses Schriftstückes eingeschlichen tzaiv'», mnb das genügt als magerer Grund für ein amt­

liches Dementi. Der russische Finanzminister hat aber Sorge getragen, zu bekräftigen, daß die in der Meldung vorgetragene Meinungen die {einigen, und von ihm einmal um das andere dringend befürwortet worden sind. Ohne Zweifel sind sie vielen Leuten in Rußland und sonstwo un­angenehm, aber sie verkörpern die reine Wahrheit über die russische Lage und lenken das Auge unverkennbar auf ein gutes Einverständnis mit dem britischen Volke nicht weniger, als mit der britischen Regierung, als wahrhaft richtige Politik Rußlands am heutigen Tage." Allerdings sehnt die Times" ihrerseits sich zu sehr nach dieserwahrhaft rich­tigen Politik", als daß man nun andrerseits ihre neueren, übrigens immerhin etwas eingeschränkten Behauptungen über Witte'sche Aeußerungen ohne weiteres auf Treue und Glauben hinnehmen könnte.

Vermischtes.

Petersburg, 26. April. Die hungerndenFremd­völker". Gestern brachten die Blätter von Kasan die Nachricht, der Oberprokureur des hl. Synods, Herr Pod- jedonosszeff, habe zum Bestenhungernder Kinder der Fremd­völker" 600 Rubel gespendet. Für alle jene nicht slavischen Stämme, die Rußland schon vor der Gründung des mos- kowitischen Großfürstentums besiedelten und dem Zarenreiche später unterworfen wurden, hat zuerst der orthodoxe Chauvi­nismus und nachher auch die Amtssprache den seltsamen TitelFremdvölker" eingeführt, obschon die Russen auf ihren weiten Gebieten jedenfalls fremder sind als sie. Man betrachtet sie aber immer als unbequeme Gäste, und so ist auch die Staats- und Privathilfe, welche man der Bauern­schaft in den Zentralgouvernements wegen der Mißernte des vorigen Jahres bisher erwiesen hat, lediglich der russisch­orthodoxen Bevölkerung zu gute gekommen. Darüber stieg denn die Not unter ben sogen. Fremdvölkern, deren es in jenen Gouvernements Millionen giebt, auf das Höchste, und so hat der hl. Synod mit der Spende von 600 Rubel sein Christentum an ihnen betätigen wollen. Es ist gerade so, als reichte man einem verschmachteten Heer einen einzigen Becher Wasser. Bleiben wir nur beim Gouvernement Kasan, so findet man daselbst ganze Gebiete der moslimischen Tartaren entvölkert, da in ben Familien von durchschnitt­lich vier Personen gewöhnlich zwei am Skorbut oder Hunger­typhus gestorben sind. Die Kindersterblichkeit ist begreif­licherweise die ärgste. Der erwachsene gläubige Moham­medaner ergiebt sich stumm dem Willen Allahs, der sein Schicksal vorausbestimmt hat, die Kinder, weniger fromm, widersetzen sich dem Hunger und wo sie noch die Kraft zur Bewegung haben, ziehen sie in Scharen umher, um Nahrung zu finden, vor die Ansiedelungen, in die Dörfer und Städtchen. Freilich hat man ihnen wenig zu bieten, kaum eine Brod- rinde, und so sieht man sie häufig im Kot der Straße mit den Tieren um die Wette nach etwas Eßbarem wühlen. Der größte Teil dieser Unglücklichen geht auf den Bettel­fahrten an Erschöpfung und Krankheit rasch zu Grunde, denn an dieVerpflegungsanstalten", wo der Staat und das Rote Kreuz die Orthodoxen speist, soweit die Mittel dazu reichen, kommen die Kinder derFremdvölker" nicht heran. Jetzt sollen die 600 Rubel des Herrn Podjedonosszeff sie satt machen. Im Kaukasus und jenseits des Ural ver­hungern die Eingeborenen weniger auffallend, aber ebenso sicher, weil man ihnen ihre Besitzungen wegnimmt und andere Erwerbsquellen verschließt. Hier, im europäischen Rußland, hat das einen besseren Anstrich: einige von den vielen Kindern der hungernden und verhungertenFremdvölker" wird die Riesensumme von 600 Rubel doch gewiß am Dasein erhalten.

M. N. N.

* Petersburg, 28. April. Epilog zum Petersburger Studenten st rike. Von den Verhaftungen abgesehen, welche die nihilistischen Führer der Studenten betroffen haben, find bis jetzt 800 eigentliche Akademiker exmatriku­liert und zwangsweise in ihre Heimat abgeschoben worden. Wer längere Zeit auf der Rampe des Moskauer Bahnhofes stand, konnte das Schauspiel genießen, wie die jungen Herren unter polizeilicher Obhut angefahren kamen, und von der verstärkten Eisenbahn-Gensdarmerie in die Waggons ge­schoben wurden. Es lief ohne Rohheit und Skandal ab, sah sich aber doch erbärmlich genug an. Die akademischen Revolutionäre" kehren nun auf diese Weise in die Provinz zurück, wo sie, wenigstens für das erste Jahr unter firengste polizeiliche Aufsicht gestellt, und auch später nicht ohne Auf­sicht gelassen werden. Die Erfahrung lehrt, daß dies nicht viel nützt, die gemaßregelte erbitterte Jugend, der jede höhere Laufbahn fortan verschlossen ist, gelangt dochin's

Volk", unter welchem technischen Ausdruck verstanden wird, daß sie zur politischen Propaganda nach nihilistischen Dogmen übergeht. Erwägt man die vollendete Sinnlosigkeit jener Dogmen, und das traurige Schicksal, welches ihren An­hängern droht, so muß der Ausgang des Petersburger Strikes tief betrüben. Es fragt sich nur: was sollte die Staatsgewalt mit den 800 Widerspenstigen beginnen ? Sie nahmen unter gar keiner Bedingung Vernunft an, und ließen sich auch nur gewaltsam in die Droschke tragen, die sie zum Bahnhof führte, denn selbst dem Ausweisungsbefehl, der weiter keine ernsten Folgen nach sich ziehtZ leisteten sie keinen Gehorsam. So hat man denn die Hartnäckigsten polizeilich expatrieren müssen. Die Luft der Petersburger Hochschulen ist nun zwar im staatlichen Sinne noch nicht rein man wird wahrscheinlich noch manches Konventikel entdecken und aufheben aber doch reiner. Der Universitäts­rektor, der die Dinge freilich recht bureaukratisch ansieht, hofft, die Vorlesungen nach dem russischen Osterfest, das heißt nach etwa zwei Wochen, wieder beginnen lassen zu können. Nach der heutigen Lage scheint das zu viel gehofft.

* Aus der medizinischen Klinik in Halle a. S. ist Mitte April ein Leprakranker entwichen, ein Zigarrenarbeiter Namens Leiter. Er leidet an einer milderen Form der Lepra, aber auch diese ist im höchsten Grade ansteckend. Angeblich soll der Entwichene beabsichtigen, in der nieder­ländisch-indischen Kolonialarmee Dienste zu nehmen, doch weiß man zur Zeit nicht, wo er sich aufhält, und es ist da­her an die Regierungspräsidenten die Weisung ergangen, Ermittlungen anzustellen.

* Friedtjof Nansen als Großgrundbesitzer. Friedthof Nansen hat sich im Numedal, das sich nördlich von dem Bergwerksorte Kongsberg erstreckt, angekauft. Sein Besitz­tum' liegt an der Grenze von Telemarken, südlich vom Lyn- kopf, einem der höchsten Gipfel dieser Gegend. Das Grund­stück heißt Sörkiehen und besteht aus einem vor einigen Jahren errichteten Touristenhotel mit dem dazu gehörigen Grund und Boden, sowie den Höfen Nord- und Süd- Fekjanssitz, Almanboden am Sörkefluffe und den angrenzenden Feldern. Außerdem hat er das Jagdrecht und im besonderen die Schneehuhnjagd sowie das Fischereirecht daselbst für 25 Jahre gepachtet. Bei beschleunigter Fahrt erreicht man Numedal von Christiauia aus in 12 Stunden.

* Totschlag mit einem Regenschirm. Aus Brüssel wird geschrieben: In dem belgischen Dorfe Massagettes lebt seit Jahren ein Weib, das als zanksüchtige und brutale Megäre bekannt ist, Frau Detruit. Diese sechzigjährige Hexe traf im Kaufmannsladen des Ortes mit dem Bauer Lassalac zusammen, der ihr, wie sie behauptet, und er ver­neint, seit 16 Jahren 48 Sous schuldig sein sollte. Die Detruit mahnte den Bauer, und aus dem Zank wurde bald eine Balgerei. Die alte Furie stieß mit ihrem Regenschirm gegen den Kopf des Bauers, der sofort entseelt niederstürzte. Die Spitze des Schirmes war dem Aermsten durch's Auge in's Gehirn gedrungen. Man hat das Scheusal in das Gefängnis von Clermont abgeführt.

* Blitzschlag in einen Eisenbahnzug. Als der Dienstag- Vormittagszug der ThornJnsterburger Strecke in die Nähe der Station Bießellen gelangt war, fuhr ein Blitz­strahl eines starken Gewitters zwischen Tender und Pack­wagen auf den Schienenstrang. Der Eisenbahnzug erhielt einen so starken Stoß, daß die Passagiere von ihren Sitzen geschleudert wurden. Sofortiges Halten ergab, daß am Zuge nichts beschädigt war, dagegen war der Erdboden auf- gerissen, auch die Telegraphenleitung war zerstört. Das­selbe Gewitter hat an vier Stellen in der Provinz zündend eingeschlagen und größere Gehöfte eingeäschert.

* Zm englischen Unterhause spielte sich vor einigen Tagen ein Auftritt ab, aus dem man entnehmen möchte, daß für das junge England das Parlament etwa das bedeutet, was unseren kleinen Helden der Exerzierplatz ist. Die Gattin des Abgeordneten John Dillon hatte ihr dreijähriges Söhn­chen mit auf die Damen-Galerie des Unterhauses genommen, dessen Verhandlungen plötzlich eine klare, helle Kinderstimme mit den Worten unterbrach:O, was ein Haufen Gent lernen!" Die ehrbaren Volksvertreter, froh ob dieser willkommenen Unterbrechung ihrer an Langeweile reichen Thätigkeit, richteten sofort ihre Blicke auf den jugendlichen Redner, der um so leichter zu finden war, als sich ein kleines, mit weißem Handschuh, bedecktes Händchen durch die Lücken des die Galerie schützenden Gitters zwängte. Als der kleine Herr nun noch jubelnd ausrief:Da ist ja auch Mr. Sullivan", hielt es seine Begleitung für geeignet, diese vorzeitigen parlamentarischen Leistungen durch einen schleunigen Abzug zu Ende zu bringen. Das ging