Ausgabe 
7.2.1899 Zweites Blatt
 
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Nr 32 Zweites Blatt Dienstag den 7. Fe^uar

1800

Kiehener Anzeiger

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Deutsches Reich.

Berlin, 4. Februar. Der Kaiser verweilte gestern nachmittag über dreiviertel Stunden bei dem italienischen Botschafter Grafen Lanza und besuchte später den Prinzen Georg von Preußen. Heute vormittag hörte der Kaiser mehrere Vorträge und nahm darauf das Frühstück mit den badischen Herrschaften, die erst heute nachmittag abzureisen gedenken, gemeinsam ein.

Berlin, 4. Februar. Die berühmte Sängerin Alma Joachim, die Gemahlin Josef Joachims, ist nach längerem Seiden gestern abend nach einer schwierigen Operation im Alter von 60 Jahren gestorben.

Berlin, 4. Februar. In der Spieler-Affaire wurde gestern ein inaktiver Garde-Ofsizier Namens v. Kröcher verhaftet. Er war früher Direktionsmitglied des Klubs der Harmlosen. Es wird ihm in der Haupt­sache die Einführung des Falschspielers Wolff in den Klub zur Last gelegt. Außer Herrn v. Kröcher wurde heute noch ein anderer Herr in dieser Affaire verantwortlich vernommen. Es heißt, daß er ebenfalls verhaftet worden sei.

Berlin, 4. Februar. Im Abgeordneten hause sland heute der Gesetzentwurf betreffend die ärztlichen Ehren­gerichte zur Beratung. Die Abgeordneten Virchow und Langerhans sprachen sich gegen die Vorlage aus, weil sie den Aerztestand degradiere. Minister Ör. Bosse befür­wortete den Entwurf, der schließlich an eine besondere Com­mission von 14 Mitgliedern verwiesen wurde. Am Montag werden zunächst kleinere Vorlagen beraten und sodann die Etatberatung fortgesetzt.

Berlin, 4. Februar. Wie dieNordd. Allgem. Ztg." bestimmt versichern kann, entbehrt die Nachricht eines franzö­sischen Blattes, daß die Kaiserin Augusta Victoria einen Teil des Sommers in dem französischen Badeorte Dinard zubringen werde, jeder Begründung.

Berlin, 4. Februar. DieNordd. Allg. Ztg." schreibt: Einige Blätter machen darauf aufmerksam, daß die lex Arons auf den Mann, welchem sie ihren Namen verdanke, noch nicht zur Anwendung gekommen sei. Von einer Seite, an deren Zuverlässigkeit zu zweifeln wohl nicht möglich sei, wollen sie gehört haben, daß die Absicht, Dr. Aron wegen feiner Zugehörigkeit zur sozialistischen Partei zu discipli- »ieren, aufgegeben sei. Demgegenüber haben wir von einer Seite, an deren Zuverlässigkeit ebenfalls nicht zu zweifeln ist, in Erfahrung gebracht, daß obige Nachrichten auf

Irrtum beruhen und den thalsächlichen Verhältnissen nicht entsprechen.

Berlin, 4. Februar. Vom Mittelland-Kanal. Im braunschweigischen Landtage teilte Staatsminifter v. Otto mit, die Frage werde erwogen, ob anstatt des auf 10 Millionen Mk. Kosten veranschlagten Stichkanals eine Stichbahn von Braunschweig an den Mittelland-Kanal zu bauen sei. Er habe darüber mit dem preußischen Minister der öffentlichen Arbeiten verhandelt und großes Entgegen­kommen gefunden.

Nachrichten aus Kiautschou" so ist ein jetzt regelmäßig erscheinendes Beiblatt desOstasiat. Lloyd" be­nannt. In der jetzt hier eingetroffenen Nummer vom 31. Dezember v. I. findet sich ein stimmungsvoller Bericht über die Anwesenheit des DampfersPrinz Heinrich" in Tsintau, ferner Nachrichten über die ge­planten Eisenbahnbauten Tsintau - Kiautschou - Weihsien. Außerdem wird erzählt, wie der von räuberischen Chinesen überfallene Bergassessor Krause sich in energischer Selbst­hilfe die Züchtigung der Schuldigen und eine Bußezahlung von 1200 Taels erzwang. Endlich erfahren wir, daß bereits von Herrn Landschaftsmaler Wuttke aus München in unserer Kolonie eine Kunstausstellung veranstaltet ist, in der seine Landschaftsstudien aus Japan und Nord­china zu sehen waren.

Ausland.

Wie», 4. Februar. Der Minister Fejervary ist heute vormittag vom Kaiser in einstündiger Audienz em­pfangen worden. Alsdann wurde Koloman Szell, der eben­falls hier eingetroffen ist, zum Kaiser berufen.

Wien, 4. Februar. Minister Fejervary ist heute nachmittag nach Budapest zurückgekehrt. Kolomann Szell bleibt noch hier. Morgen früh trifft Baron Banffy in Wien ein. Man glaubt, daß die morgige Audienz Banffys beim Kaiser die entscheidende Wendung in der ungarischen Krisis bringen wird.

Wien, 4. Februar. In dem Befinden der Frau Kosima Wagner ist eine wesentliche Besserung ein­getreten.

Innsbruck, 4. Februar. Auf dem Brennerberg fand ein kolossaler Bergsturz statt. 10000 Kubikmeter Gestein sind abgestürzt und haben einen großen Teil der Bahnstrecke verschüttet.

Bukarest, 4. Februar. Auf dem Gute des Baron Baies, einem Enkel des Königs von Serbien, ist eine Bauern-Revolte ausgebrochen. Zwei Regimenter In­fanterie, die zur Herstellung der Ruhe abgesandt wurden, wurden von den Bauern zurückgeschlagen.

Belgrad, 4. Februar. Hier zirkulieren Gerüchte, daß infolge des bei Hofe zunehmenden russischen Einflusses weitere Veränderungen im Kabinett bevorstehen. Alle mit Oesterreich sympathisierenden Persönlichkeiten sollen durch ausgesprochene Russenfreunde ersetzt werden.

Petersburg, 4. Februar. Nachdem das Befinden der Zarin eine wesentliche Besserung erfahren hat, steht die Uebersiedelung des Hofes von Zarskoje Selo in das Petersburger Winter-Palais in den nächsten Tagen bevor.

Petersburg, 4. Februar. Die zwischen dem Grafen Murawiew und den vier accreditierten Vertretern der Groß­mächte stattgefundenen Verhandlungen zur Festsetzung des Abrüstungs-Programms machen derart Fort­schritte, daß eine Verständigung der Mächte über diese Frage zu Stande kommen dürfte

Amerika. Wichtige Finanzfragen beschäftigen die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten. Im ganzen Lande macht sich eine Bewegung dagegen kund, daß die letztes Jahr wegen des Krieges eingeführten neuen Steuern noch länger erhoben werden: der Krieg sei zu Ende, deshalb könnte die Sonderbesteuerung aufgehoben werden. Die Regierung wird sich aber kaum damit einverstanden erklären. Denn die sieben großen zur Zeit dem Kongreß vorliegenden Projekte erfordern eine Ausgabe von 474000000 Dollar! Es sind: 1) die Bill Senator Hannas zur Unter­stützung der amerikanischen Schiffahrt, 2) der Bau des Nicaragua-Kanals, 3) die Kosten der Vergrößerung der Armee, 4) Fluß- und Hafenbauten, 5) die an Spanien wegen der Abtretung der Philippinen zu zahlende Ent­schädigung, 6) der Marine-Haushalt uud der Bau der Schlachtschiffe und Kreuzer, 7) neue öffentliche Gebäude.

Lokales und Drovinsielles.

Gießen, den 6. Februar 1899.

** Erledigte Lehrerstellen. Erledigt sind : eine mit einem evang. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeinde­schule zu Sprendlingen, Kr. Alzey. Mit der Stelle ist die Hälfte des Organistendienstes verbunden; die mit einem ev. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeinde-

Feuilleton.

Das 19. Jahrhundert.

(Nackdruck oder Auszug verboten.)

Chronologische Uebersicht.

II.

Die wichtigsten politischen Ereigniffe des 19. Jahrhunderts.

(2. Fortsetzung.)

1864 13. 1. Das preußische Abgeordnetenhaus verweigert die Gelder für die Armeereorganisation.

16. 1. Ultimatum Preußens und Oesterreichs an Dänemark.

29. 3. Beginn der Belagerung der Düppeler Schanzen.

30. 10. Dänemark tritt im Wiener Frieden Schles­wig-Holstein und Lauenburg an Preußen und Oesterreich ab.

1865 14. 4. Ermordung des amerikanischen Präsidenten Lincoln.

14. 8. Vertrag von Gastein wegen Schleswig-

1866 24. 3. Zirkulardepesche Bismarcks an die deutschen Regierungen betr. deren Verhalten in einem Kriege mit Oesterreich.

20. 4. Prinz Karl von Hohenzollern zum Fürsten von Rumänien erwählt.

5. 5. Mobilmachung der preußischen Armee.

15. 6. Ausbruch des Krieges zwischen Preußen und Oesterreich.

17. 6. Einzug der Preußen in Hannover.

18. 6. Einzug der Preußen in Dresden.

20. 6. Italiens Kriegserklärung an Oesterreich.

27. 6. Schlacht bei Langensalza.

3. 7. Schlacht bei Königgrätz.

4. 7.

Oesterreich tritt Venetien an Napoleon ab.

20. 7.

Der Deutsche Reichstag genehmigt den

20. 7.

Seegefecht bei Lissa.

Kriegskredlt.

14. 8.

Auflösung des deutschen Bundestages.

2. 8.

Schlacht" bei Saarbrücken.

17. 8.

Königliche Botschaft wegen Einverleibung

4. 8.

Schlacht bei Weißenburg.

von Hannover, Kurhessen, Nassau und

6. 8.

Schlachten bei Wörth und Spichern.

Frankfurt in Preußen.

14. 8.

Erste Schlacht bei Metz, Beginn der Be­

18. 8.

Bildung des Norddeutschen Bundes.

lagerung von Straßburg.

22. 8.

Friede zu Nikolsburg zwischen Preußen und

16. 8.

Schlacht bei Mars-la-Tour.

Oesterreich.

18. 8

Schlacht bei Gravelotte.

14. 9.

Jndemnitätsgesetz in Preußen.

1. 9.

Schlacht bei Sedan.

1867

24. 2.

Eröffnung des konstituierenden Reichstages

2. 9.

Gefangennahme Napoleons.

22. 3.

in Berlin.

4. 9.

Absetzung Napoleons, Flucht der Kaiserin

Geheimer Vertrag Napoleons mit Holland

Eugenie.

wegen Abtretung Luxemburgs.

11. 9.

Italienische Truppen besetzen den Kirchen­

24. 3.

Eröffnung des ersten Norddeutschen Reichs­

staat.

tages.

27. 9.

Kapitulation von Straßburg.

25. 3.

Bismarck protestiert gegen Luxemburgs Ab­

2. 10.

Volksabstimmung in Rom, wodurch der An­

8. 6.

tretung.

schluß an Italien beschloffen wird.

Kaiser Franz Joseph zum König von Ungarn

27. 10.

Kapitulation von Metz.

gekrönt.

31. 10.

Aufstand der Kommunisten in Paris.

19. 6.

Kaiser Maximilian von Mexiko wird in

27. 11.

Kämpfe bei Amiens.

14. 7.

Queretaro standrechtlich erschossen.

30. 11.

Schreiben König Ludwigs von Bayern zur

Bismarck wird Kanzler des Norddeutschen

deutschen Kaiserernennung.

Bundes.

2. 12.

Schlacht bei Champigny.

1868

29. 11.

Annahme des Nationalitätengesetzes im

27. 12.

Beginn der Beschießung von Paris.

ungarischen Reichstag.

1871 1. 1.

Die Verfassung des Deutschen Reiches wird

1869

8. 12.

Eröffnung des Vatikanischen Konzils.

publiziert.

1870

18. 6.

Das Konzil beschließt die Unfehlbarkeit des

12. 1.

Schlacht bei Le Mans.

Papstes.

15./17. 1.

Schlacht bei Belfort.

2. 7.

Der spanische Ministerrat beschließt die Wahl

18. 1.

Erneuerung der deutschen Kaiserwürde im

11. 7.

des Prinzen Leopold von Hohenzollern als König von Spanien.

19. 1.

Schlöffe von Versailles.

Letzter Ausfall der Pariser Besatzung,

Prinz Leopold verzichtet auf die spanische

Schlacht bei St. Quentin.

15. 7.

Krone.

28. 1.

Uebergabe von Paris.

Frankreich beschließt den Krieg mit Preußen.

26. 2.

Unterzeichnung der Friedenspräliminarien.

19. 7.

Das Eiserne Kreuz wird erneuert.

1. 3.

Einzug der Deutschen in Paris.