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7.1.1899 Erstes Blatt
 
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Nr. 6 Erstes Blatt.Samstag dm 7. Januar

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Weßener Anzeiger

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Deutsches Keich.

Darmstadt, 4. Januar. Der Großherzog und die Großherzogin beabsichtigen, im Monat Februar eine Reise nach Aegypten anzutreten.

Darmstadt, 6. Januar. An dem ersten Hofball am Mittwoch, der um 8 Uhr im Palais am Luisenplatz begann, «ahmen Ihre Königl. Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin, Seine Großh. Hoheit Prinz Wilhelm, Seine Durchlaucht der Prinz und Ihre Großh. Hoheit die Prinzessin Ludwig von Battenberg, Seine Durchlaucht der Prinz und Ihre Hoheit die Prinzessin Franz Joseph von Battenberg, Seine Erlaucht der Graf und Ihre Erlaucht die Gräfin von Erbach-Schönberg, Ihre Durchlauchten der Fürst und die Fürstin zu Isenburg-Büdingen nebst zwei Prinzessinnen- Töchtern, Seine Durchlaucht Prinz Alfred zu Asenburg- Büdingcn, Seine Erlaucht der Graf und Ihre Durchlaucht die Gräfin zu Asenburg-Meerholz, Seine Erlaucht Graf Elias zu Erbach Fürstenau, der Königl. Preußische Gesandte Graf von der Goltz, der Königl. bayerische Gesandte Frhr. v. d. Pfordten, die Gemahlin des Kaiser!, russischen Ministerresidenten v. Ozeroff, sowie der Kaiserlich russische Legationssekretür und Hofrat v. Doubensky, der Königl. großbritannische Geschäftsträger Mr. Buchanan und Lady Buchanan, im ganzen 270 Personen teil. Das Fest nahm einen glänzenden Verlauf und endete gegen l1/, Uhr. Die Kapelle des 1. Großh. Dragoner- Regiments Nr. 23 führte die Tanz­musik aus.

Berlin, 5. Januar. Die Uebersiedelung des kaiser­lichen Hoflagers von Potsdam nach Berlin findet end- giltig am 19. ds. statt.

Berlin, 5. Januar. Der Hofbericht meldet: Im Auftrage des Präsidenten Faure begab sich heute der hiesige französische Botschafter Marquis de Noailles nach Potsdam, um sich nach dem Befinden des Kaisers zu erkundigen. In Potsdam wurde der Botschafter von der Kaiserin im Stadtschlosse empfangen. Die Rekon- valescenz des Kaisers nimmt einen regelrechten und guten Fortgang. Heute empfing der Kaiser den Kommandeur des 4. Garde-Regiments zu Fuß, Oberst-Leutnant v. Pletten­berg.

Berlin, 5. Januar. Im Reichsamt des Innern ist heute Vormittag 10Uhr die Konferenz zur Beratung der medizinischen Prüfungs-Ordnung eröffnet worden.

Berlin, 5. Januar. Der Gouverneur von Deutsch-Ostafrika gedenkt noch einige Zeit hierzu bleiben. Auch der stellvertretende Gouverneur v. Lindequist, welcher bereits die Reise hierher angetreten hat, wird im Februar hier eintreffen.

Berlin, 5. Januar. Zur Vorbereitung des gesetz­geberischen Materials für den preußischen Landtag sind für die nächste Zeit mehrere Sitzungen des Staats­ministeriums in Aussicht genommen. Die nächste Sitzung soll bereits am kommenden Samstag stattfinden.

Berlin, 5. Januar. Von verschiedenen Seiten war die Darstellung verbreitet worden, als ob die von der Kolonial- Abteilung des Auswärtigen Amtes gefaßte Idee der Tschad- jee-Expedition wieder aufgegeben worden sei. Im Gegensatz hierzu erfährt diePost", daß im Auswärtigen mit dem Komitee der deutschen Kolonial- Gesellschaft die Vorarbeiten für diese Expedition eifrig ge­fordert werden. Von dem eingeschlagenen Tempo sei mit Sicherheit darauf zu rechnen, daß die Tschadsee-Expedition im Sommer 1899 sich in Bewegung setzen wird.

Berlin, 5. Januar. Die Bombenverschwörung von Alexandrien. Der Oberhofmeister der Kaiserin, Freiherr v. Mirbach, erwähnt in seinem Potsdamer Vortrag über die Palästinafahrt des Kaiserpaares, daß der Kaiser in ^enemgdie ersten Depeschen von der Festnahme einer

> bände in Port Said, die sich nach Palästina hätte emschiffen wollen", empfing. Dazu bemerkt dieRhein.- ^bstf. Ztg.":Freiherr v. Mirbach hat damit die Erlnne- rung an eine Episode zur Kaiserfahrt wieder aufgefrischt, ie besser int Schoße der Vergessenheit begraben geblieben wäre. An der Geschichte von der Bombenverschwörung in lexandrten (von Port Said als Sitz der Verschwörung ist nie tue Rede gewesen) ist nämlich kein wahres Wort, sie ver- ankt ihren Ursprung einer dreisten Mystisikation, die von mVcx I1^n^en Polizei vermutlich im Auftrage der glischen Regierung in Szene gesetzt wurde. Für England ? oer geplante Besuch des Kaisers in Egypten äußerst equem, deshalb galt es, ihn auf jede mögliche Weise zu 9 tertreiben, und es wurde als ultima ratio, falls alle

anderen Mittel nicht verfangen sollten, von der alexandri­nischen Polizei ein fingierter Bombenanschlag in Reserve gehalten, wobei man nebenbei bemerkt insofern falsch kalkulierte, als der Kaiser, dessen Furchtlosigkeit ja bekannt ist, sich dadurch sicher nicht vom Besuche Egyptens hätte abschrecken lassen. Bei der mise en eedne klappte die Ge­schichte nicht recht. Der Kaiser hatte den egyptischen Ab­stecher schon aufgegeben, ehe die Bombenattentatsgeschichte noch ruchbar wurde. Offenbar hatte die egyptische Polizei ihren Eifer nicht bändigen lassen oder man hatte in London vergessen, zur richtigen Zeit Gegenbefehl zu geben, genug, der Apparat war aufgezogen und man mußte ihn ablaufen lassen.Reuters Bureau" brachte eine Nachricht nach der anderen, aber die sonst in allen Angelegenheiten der aus­wärtigen Politik so gut dressierte englische Presse hüllte sich in verlegenes Schweigen. Von offiziöser deutscher Seite aber wurde den Ableugnungsversuchen der ungläubigen Thomasse mit einer genauen Beschreibung des Mordwerkzeugs geantwortet und versichert, die Untersuchung sei im Gange, die Attentäter säßen hinter Schloß und Riegel und dergleichen mehr. Darüber sind nun rund 2x/a Monate verflossen, aber von einem Ergebnis der Untersuchung hat man bisher keine Sterbenssilbe gehört. Die ganze Attentatsgeschichte beruht auf englischer Mache." Diese Mitteilung steht in so schroffem Widerspruch mit den offiziösen Nachrichten, die seinerzeit über die Attentatspläne in Alexandrien verbreitet wurden, daß eine authentische Aufklärung nicht ausbleiben darf.

Berlin, 5. Januar. Die Entscheidung in der lippeschen Frage. Der Bundesrat hat beschlossen: 1. daß, nachdem die fürstlich schaumburg-lippische Regierung der fürstlich lippischen Regierung das Recht bestritten hat, die Thronfolge in Lippe mit den gesetzgebenden Faktoren des Fürstenthums selbstständig zu regeln, nachdem die fürstlich lippische Regierung abgelehnt hat, diesem Einsprüche der fürstlich schaumburg-lippischen Regierung Folge zu geben, und nachdem hierauf die fürstlich schaumburg-lippische Regie­rung die Entscheidung des Bundesrates angerufen hat, die Zuständigkeit des Bundesrats zur Erledigung der Streitig­keit nach Artikel 76, Abs. 1 der Reichsverfassung begründet ist; 2. daß zur Zeit kein hinreichender Anlaß zu einer sach­lichen Erledigung gegeben ist, da ein mit den Ansprüchen Schaumburg-Lippes unvereinbarer Fall der Thronfolge oder Regentschaft in Lippe nicht vorliegt; 3. daß durch diesen Beschluß einer späteren Entscheidung über die Wirksamkeit der Akte der lippischen Landesgesetzgebung gegenüber den von Schaumburg-Lippe erhobenen Thronfolge- und Regent­schaftsansprüchen nicht vorgegriffen wird; 4. daß auf eine Würdigung aller weiteren an den Bundesrat gelangten An­träge, Erklärungen und Schriftsätze über diese Sache nicht einzugehen ist." Diese Entscheidung bedeutet eine Ver­schleppung der Angelegenheit auf unabsehbare Zeit.

Ein neues kommunales Wahlrecht, das auf der Gliederung der Wähler nach Berufsständen be­ruht, ist für die Stadt Chemnitz kürzlich in gemeinschaft­licher Sitzung der beiden städtischen Kollegien beschlossen und bereits von dem königl. sächsischen Ministerium des Innern bestätigt worden.

Karlsruhe, 5. Januar. Heute früh ist bei Pforzheim kurz nach der Ausfahrt aus einem Tunnel ein Per son en- zug infolge Bruches einer Weichenzunge entgleist. 15 Wagen wurden stark beschädigt. Personen wurden nicht verletzt, da der Zug sehr langsam fuhr. Die Schaffner konnten, ohne Schaden zu nehmen, von den Wagen ab­springen.

Ausland.

Wien, 5. Januar. Professor Blum en tritt ver­öffentlicht imNeuen Wiener Tagblatt" Mitteilungen, welche ihm von einem Mediziner, der zu den Freunden Aguinaldos gehört, zugehen. Danach will der Letztere wegen der Frei­gabe der gefangenen Spanier, welche 11000 Sol­daten, 2 Generale, 440 Offiziere und 1900 Civilpersonen umfassen, nur direkt mit Spanien verhandeln. Die Frei­gabe dieser Gefangenen soll nur erfolgen, wenn als* Gegen­leistung alle von den Spaniern gefangen gehaltenen Phi­lippiner die Freiheit erhalten und die gegenseitigen Ver­pflegungskosten verrechnet und ersetzt werden. Wegen Frei­gabe der gefangenen Mönche, welche Aguinaldo nicht als Spanier anerkennt, will derselbe nur mit dem Papst ver­handeln und zwar müsse der Letztere alle vorher zu Gunsten der Mönche bisher erlassenen Bullen widerrufen

und in Zukunft die Bischöfe aus dem weltlichen Klerus entnehmen.

Wie», 5. Januar. Ein neuer Beweis, daß die radikal- nationale Bewegung in Deutschböhmen unaufhaltsame Fortschritte macht und die alte deutschliberale Partei dem Absterben nahe ist, liegt jetzt, so wird derT. R." aus Prag geschrieben, in dem Ergebnis der am Mittwoch in deutschböhmischen Bezirken vorgenommenen drei Landtags­wahlen vor. In zwei von diesen Bezirken, und zwar in Kaaden und Wegstädtl, wurden nämlich die deutsch-radikalen Bewerber, in Schluckenau der von beiden Parteien gemein­sam aufgestellte, der radikalen Richtung mehr als der liberalen zuneigende Reichstagsabgeordnete Nowak gewählt. Im Be­zirk Kaaden erhielt der liberale Bewerber von 137 nur 23 Stimmen. Die Zahl der deutschnationalen Abgeordneten im böhmischen Landtag beträgt nunmehr bereits 16.

Budapest, 5. Januar. Im Abgeordnetenhause herrscht vollständige Obstruktion. Es wurden bisher nicht weniger als zwölf namentliche Abstimmungen vorgenommen.

Budapest,5. Januar. Die Kompromiß-Verhand­lungen können als gescheitert betrachtet werden. Die Meldung derNeuen Freien Presse" von einer bevorstehenden Demission des Ministerpräsidenten Baron Banffy und seiner Ersetzung durch Fejervary wird von Letzterem kategorisch dementirt. Finanzminister Lukacs ist nach Wien gereist, um dem Kaiser über das Scheitern der Kompromißverhand­lungen Bericht zu erstatten.

Cettinje, 5. Januar. Der Besuch desFürsten beim Sultan und beim Fürsten von Bulgarien soll Anfang März auf dem Seewege erfolgen.

Rom, 5. Januar. Nach gestern aus Erithrea eiu- getroffenen offiziellen Nachrichten hält der Gouverneur Martini die Lage für durchaus beruhigend. Infolge dessen werden offiziell die Meldungen über Rüstungen dementiert.

Rom, 5. Januar. Die Beunruhigung wegen Afrika dauert in Italien fort, da die Hin- und Hermärsche der abysfinischeu Truppen noch immer rätselhaft sind. Selbst die Nachricht, daß die Unterredung des Gouverneurs der Erithrea mit Ras Makonnen bevorstehe, vermag die Be­sorgnis vor einem möglichen Kriege mit Abyssinien nicht zu verscheuchen. Die gesammte Presse dringt darauf, daß die Grenzfrage endlich geregelt werde. Der Hauptgrund, warum dies nicht schon geschehen, liegt darin, daß die italienische Regierung einen Gebietsstreifen beansprucht, der in dem von Major Nerazzini mit dem Negus abge­schlossenen Vertrage nicht erwähnt war. Der Vertrag ist zumeist deshalb bis heute nicht ratifizirt worden, und man weiß nicht, ob Menelik in die Abtretung des bewußten Landstriches willigt. Man sagt, er würde zustimmen, wenn Italien ihm Raheita abtritt. Davon will man in Rom durchaus nichts wissen. Wohl aber scheint man bereit, auf das erwähnte Gebiet zu verzichten, wenn Menelik darauf besteht. Das Programm der italienischen Regierung ist angeblich folgendes: Keinen Mann und keine Lira für eine Vergrößerung des Kolonialbesitzes zu opfern, aber vor keinem Opfer, auch vor dem Krieg nicht zurückzuschrecken, um den anerkannten Besitz zu verteidigen.

Pans, 5. Januar. Für die französische Flotte sind Gesammtausgaben von rd. 304 Millionen vorgesehen ober 17 Millionen mehr als im vorigen Jahre. Das Offizier­korps der Flotte wird um 1 Viceadmiral, 30 Fregatten- capitäne, 75 Schiffsleutnants und 80 Fähnriche vermehrt, während für die Marinetruppen 1 Divisionsgeneral, 2 Brigade- generale, 3 Obersten, 2 Oberstleutnants, 8 Bataillons- commandeure, 25 Hauptleute und 100 Adjutanten mehr aufgestellt werden sollen. Die Marine-Infanterie wird um 4000 Mann, die Marine-Artillerie um 1600 Mann ver­mehrt, die vom Landheer genommen und freiwillig zur Marine übergetreten sind, jedoch meist unter der Bedingung, nicht in den Kolonien verwandt zu werden. Auf den Werften sind gegenwärtig 63 Kriegsschiffe im Bau, und zwar 4 Panzer, 15 Kreuzer, 8 Torpedojäger, 2 Unterseetorpedos, 32 Torpedo verschiedener Klasse und 2 Kanonenboote. Von diesen auf den Werften befindlichen Schiffen sollen im Jahre 1899 ferttg werden 1 Panzer, 4Kreuzer, 8 Torpedojäger und 24 Torpedoboote, der Bau von 28 anderen Schiffen, worunter 5 gepanzerte und 2 Torpedojäger, ist in diesem Jahre in Angriff genommen, so daß alsdann insgesamt 91 Kriegsschiffe sich auf den Werften befinden. Die gepanzerten Kreuzer sollen eine Schnelligkeit von 21 Knoten, die gewöhnlichen Kreuzer eine solche von 23 Knoten erhalten, doch scheint diese vor­geschriebene Schnelligkeit nicht immer erreicht zu werden.