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6.12.1899 Zweites Blatt
 
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Rt. 287 Kwettes Matt Mittwoch den 6. Dezember^8»»

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Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

Amts« unb Anzeigsblatt für den ALreis Gieren.

*!**, Arpedttion und Druckerei:

-ch»rßr-te Nr. 7.

GrstisbeiiSAkN: Gießemr FsMirMStter, Der hrPfche Kmdwirt, KlStter für hessische DslKsKun-r.

Transvaalabend im Stadttheater.

Der Transvaalabend, der gestern zu gunsten der Buren und der in Transvaal kämpfenden Deutschen im hiesigen Stadttheater durch die Ortsgruppe Gießen des All­deutschen Verbandes veranstaltet worden war, nahm einen glänzenden Verlauf vor fast ausverkauftem Hause, was nicht nur dadurch gewährleistet wurde, daß die am Abende selbst Mitwirkenden alles aufgeboten hatten, die Veran­staltung gelingen zu lassen, sondern daß man auch aus allen Kreisen der Bürgerschaft hülfreich zur Seite stand. Besonders sei erwähnt, daß Herr Kun st gärtner Berger, Kirchenplatz, in zuvorkommendster Weise die zur Ausschmück­ung notwendigen Blattpflanzen kostenlos für die gute Sache zur Verfügung stellte und ebenso Herr Jmhäuser, In­haber der Firma MontanuS Nflgr., den Stoff für die bei der Dekoration verwandten Buren- und Oranje­fahnen, die von zarter Damenhand ebenso opferwillig ge­näht worden waren. Auch die Herren Direktoren des Stadttheaters haben mit größter Liebenswürdigkeit m jeder Beziehung hülfreich zur Seite gestanden, ebenso wie das Personal. Auch wollen wir hier nochmals feft- stelle«, daß der Vorstand des Akademischen Gesang-

* Vom Kriegsschauplatz.

Loudon, 4. Dezember. 15 Johannesburger Deutsche weigerten sich, Kriegsdienste für die Buren zu thun und haben die Stadt verlassen. Sie begaben sich nach Lorenzo Marquez.

DerStandard" meldet aus Durban: Seitdem 19. Oktober sind 23000 Mann hier gelandet.

DieTimes" melden aus Kapstadt, die aus­wärtigen Militär-Attaches, unter Führung des Obersten Herbert, wurden an Bord von dem Militär- Gouverneur begrüßt und begaben sich sodann an Land.

*

Telegramme desGießener Anzeiger".

London, 5. Dezember. Aus Durban wird gemeldet: Eine Anzahl Reisende, welche aus Prätoria zurückkehrten, berichten, daß die Buren sich auf eine sechsmonatliche Belagerung vorbereiten.

London, 5. Dezember. Die Blätter bringen zahlreiche Einzelheiten über das Gefecht am Modder- Flusse und bedauern lebhaft den Mangel an Artillerie und Kavallerie und verlangen, daß dieselben unverzüglich beschafft werden.

Loudon, 5. Dezember. Der Gouverneur der Kap- Kolonie, Alfred Milner, hat durch eine Proklamation die Schützen-Vereine der Kolonie einberufen. Auch die Freiwilligen-Bataillone werden mobil gemacht, was für die Leutenot und die schwierige Situation der Engländer in Südafrika spricht.

Eine vom 30. November datierte Meldung aus Ladysmith besagt, daß die Stadt, besonders das Hospital seit drei Tagen stark beschossen würden. Schalk Berger, der Buren-Kommandant, verlangte, daß die verwundeten Deutschen nach dem Jskombi Lager übersiedeln dürfen, was General White indes energisch verweigerte. Ladysmith litt durch die Beschießung der letzten Tage mehr als bisher. Ein von den Buren gefangener und wieder freigelaffener britischer Farmer berichtet, daß die Buren bei Colenso sich in starker Stellung befinden. Es sind 25000 Mann mit 15 Geschützen, über die General Joubert das Oberkommando führt.

Evenning News" erfährt, daß von einem Offi­zier der Garde ein Telegramm aus Kimberley hier eintraf. Man glaubt jedoch nicht an einen Entsatz Kimberley's, vielmehr nimmt man an, daß sich der Offizier durch den Auf- klärungsdienst bis Kimberley durchgeschlagen hat. Die eingegangene Verlustliste meldet von zwei am Samstag stattgefundenen Verwundungen, woraus man nicht mit Unrecht den Schluß zieht, daß ein neuer Zusammenstoß zwischen Lord Mcthuen und den Buren stattgesunden hat. Mit derJsmore" sind zirka 300 Pferde untergegangen.

In hiesigen militärischen Kreisen erfährt man, daß der Operationsplan des Generals Buller im Norden der Kap Kolonie nunmehr ausgegeben ist. Buller habe gehofft, durch das Erscheinen der Kolonne Lord MethuenS die Buren an den Modderfluß zu locken, wo auch General Gatacre in Eilmärschen den Buren in den Rücken fallen und sie umzingeln sollte, um ihnen den Rückzug nach Blü- foutein abzuschnetden. Die Revolte der Afrikander in der Kap-Kolonie hat aber diesen Plan zum Scheitern ge­bracht und die englische Armee zur Unthätigkeit verurteilt.

Meine hochverehrten Damen und Herren!

Im Namen der Veranstalter des heutigen Abends spreche ich Ihnen für Ihr Erscheinen den herzlichsten Dank aus; den herzlichsten Dank für die Anteilnahme, die Sie damit dem Schicksal der niederdeutschen und unserer reichsdeutschen Brüder, die drunten in Afrika den Kampf um Land und Unabhängigkeit kämpfen, entgegenbringen.

Man hat mir vor wenigen Tagen entgegengehalten:Warum sammelt Ihr für die Buren, warum kommt Ihr fast außer Euch über Sympathikundgebungen für sie? Haben die Buren etwa im 70er Kneg auch für Deutschland gesammelt?" .

Auf die letzte Frage zu antworten, ist jebeö Wort zu gut, wohl aber will ich Rede stehen der Frage, warum wir so herzlichen Anteil an dem Geschicke der Buren nehmen; und ich will damit gleich eine Rechtfertigung geben dafür, daß wir Sie heute hier versammelt haben.

Wie im Süden, drunten in Oesterreich, das Deutschtum auf's Höchste bedroht ist, und die Gefahr gewaltig, die slavische Flutwelle möge das Deutschtum vernichten, so ist auch im fernen Afrika ein Angriff unternommen, der bestimmt sein soll, nicht nur ebenfalls ein Stück Deutschtum zu erdrücken, sondern auch in seinen weiteren Erfolgen den Bestand unseres Reiches zu schmälern.

Sie kennen die leidensreiche Geschichte des südafrikanischen Landes. Ich darf es mir gerne erlassen, Sie auf Dinge hinzuweisin, die Sie nachher aus berufenerem Munde zu hören Gelegenheit haben werden, und die der Geschichte jenes Landes angehören, in dem auch das deutsche Reich als Kolonialmacht festen Fuß gefaßt hat, und das sich England englisch träumt vom Nil bis zum Kap.

Auch der räuberische Versuch des Dr. Jameson, der, rote jetzt un­leugbar feststeht, mit Wissen der Minister in London unternommen, Transvaal in englische Hände bringen sollte, steht frisch in Ihrer Er­innerung.

Das böse Gewissen Englands versucht jetzt den letzten Schlag. Ein Hohn auf alles, was Recht heißt, ist der Krieg, den England vom Zaune gebrochen, und der dadurch noch widerlicher ist, daß leitende Männer Englands finanzielles Interesse haben an jenem Blutvergießen. Schon darum ist unser Mitgefühl auf Seiten der Buren: Hier ein frei­heitsliebendes, tüchtiges, wenn auch rauhes und hartes Volk, dort eine Schar habgieriger Spekulanten, die nicht rasch genug reich werden können. Hier todesmutige Männer eines Volks von frühester Jugend bis zum Greisenalter, die Haus und Hof, Weib und Kind im Stiche lassen, um ihre Freiheit und Unabhängigkeit zu wahren und für sie zu sterben, dort aus allen Ecken und Enden der Welt zusammengekaufte Söldlinge, die die Freiheit erdrosseln sollen, während die Macher ruhig und sicher in London ihren Gewinn berechnen.

Hier Begeisterung und Kampf für die höchsten sitllichen Güter, dort nur Land- und Geldhunger.

Sicherlich ist nicht das englische Volk im Ganzen so gesinnt, und keineswegs wollen wir den Krieg dazu benutzen wie es leider auch geschehen ist eine allgemeine Engländerhetze in Szene zu setzen Volkshetzen können wir anderen überlassen aber wir wollen und dürfen unsre Augen nicht den Thatsachen verschließen, die jenem Kriege sein Gepräge geben. E i n Trost kann uns heute der Gedanke sein, daß die englische Verfassung der Königin so wenig Einfluß auf die Leitung der Staatsgeschäfte giebt, daß wir nicht gezwungen sind, sie für die Politik der Parlamentsminister verantwortlich zu wissen.

Und wenn, rote es bei Beginn des Krieges geschah, und rote es jetzt wieder Chamberlain mit dem größten Pomp in die Welt hinaus­posaunt hat, von fetten Albions zur Betäuhung des eignen Gewissens verkündet wurde, der Krieg, für den die Buren die volle Verantwortung trügen weil sie ihn nämlich nicht hervorgerufen haben werde englischerseits im Namen und auf Gebot der Zivilisation geführt, so ist das das schwächste und unglaublichste, was in diesem Falle gesagt werden konnte.

Die angelsächsische Rasse hat kein Recht, ihre Zivilisation, ihre Kultur für die höchste der vorhandenen zu halten, und deshalb andere zu vernichten.

Ist Hasten und Jagen nach Erwerb das Höchste? Ist es für nichtenglische Länder eine angenehme Aussicht, zu rauchenden Vorstädten Londons herabgedrückt zu werden?

Der große englische Dichter Byron nennt seine Landsleute ein Volk,das die Welt halb schlachtet und halb prellt." E r hat doch fein Volk wohl gekannt I

Und was ist der sittliche Erfolg der Zivilisierungsarbeit der Eng­länder gewesen? (denken Sie an Indien!) ein allgemeiner Haß der Völker gegen das Land von Hongkong bis Madrid um Irland.

Haben andere Völker, und insbesondere die deutschen Völker, nicht auch das Recht nach ihren Idealen zu leben? Als frei, auf freiem Grunde zu stehen? Müssen sie nach englischer Fa?on selig werden? Mit Nichten!

Aus diesen Gefühlen heraus rufen wir den tapferen Buren ein Heil zu, wünschen wir ihren Waffen Sieg.

Ich höre jetzt schon den Einwand machen; das ist Gefühlspolitck, die keinen Wert hat, in der Politik herrscht uur der kalte Verstand.

Nun, schon das allererste ist falsch. Und gerade bei Leitung der Geschicke eines Staates spielt das Gefühl eine Rolle. Kein geringerer als Bismarck, von dem allerdings Napoleon III. einst gesagt hat, er fei nicht ernst zu nehmen, kein geringerer als Bismarck hat das Wort gesprochen von den Imponderabilien im Leben der Völker, deren Nicht- berücksichtigung dem praktischen Politiker immer zum Unheil gereichen müsse.

Und hat nur die Erwägung des kalten Verstandes das Jahr 1818 zu dem Jahr der deutschen Wiedergeburt gemacht, oder war es nicht vielmehr die titanenhafte Ausloderung des deutschen Gefühls, deutscher Lolksbegeisterung, an der der gallische Hahn sich die Flügel versengte?

Unser Gefühl läßt uns auch jetzt nicht im Stiche Sie haben el durch ihr Erscheinen bewiesen, und wir dürfen uns darauf verlassen, wir schlagen die richtige Bahn ein. Das deutsche Volk ist, gottlob mündig geworden, und läßt sich den Mund nicht verbieten, auch nicht vor England, das bei jeder Gelegenheit gute Ratschläge zu geben sich bemüßigt fühlt.

Aber, meine Verehrten, Gefühl und Vorstand kommen meines Ermessens in der Transvaalfrage ganz zu denselben Schlüssen und Er­gebnissen.

Wir dürfen nicht im Zweifel darüber sein, daß die Niederwerfung Transvaals eine Beeinträchtigung unserer Interessen ist, denn die nächste

Vereins auf Ansuchen der Veranstalter, in liebenswürdigster Weise in die Verlegung der zurzeit so notwendigen Proben des Vereins einwilligte, um den Mitgliedern den Besuch des Abends zu ermöglichen.

Eröffnet wurde der Abend durch den von Herrn Dr- reklor Dr. Eduard Otto zu Offenbach a. M. ge­dichteten Prolog. Fräulein Margarethe Haussig vom hiesigen Stadtthe'ater, die in größter Zuvorkommenheit die Rolle der Sprecherin übernommen hatte, sprach mit Begeisterung in vollendeter Weise den tiefen Eindruck her­vorrufenden Prolog:

Prolog.

1. Von des Jahrhunderts höchster?Zinne Schau frei hinaus, mein Vaterland, Mit Hellem Blick und hohem Sinne Der Zukunft Fernen zugewandt! Mit heil'gem Ernst erwäg' im Schauen Eh' sich die Dämmerung erneut, Was dir das nahe Tagesgrauen

____Des neuen Lebenstags gebeut. ~

2. Was t>u ^aüch-fchU bast ertragen, jM Es war der alte Tag dir hold;

Trotz Neid und Haß in kühnem Wagen Hast du vollbracht, was du gesollt: Du hast das Riesenkind geboren, Ihn, des JahrhundeitS gtößten Mann, Den Helden hehr und auserkoren, Der dich erlöst aus schwerem Bann. . _

3. Er warf von seinem hohen Throne Den F'ind, der deinem Glück gegrollt, Und drückte froh die Kaisetkrone Auf deiner Locken wallend Gold. Du aber botst das grünumlaubte, Das teuere Kleinod, hell und licht, DeS edlen Fürsten greisem Haupte, Der treu wie Gold, wie Lorbeer schlicht.

4. Und unter seinem Friedenswalten Du durftest hohem W-rk dich weih'n, Du sahst da« Reich sich kühn gestalten, Den stolzen Riesenbau gedeih'n. O halt' dein Haus den Kindern offen, Die von Gefahren rings umdrobt, In fremden Landen auf dich hoffen. In grimmem Kampf, in bitt'rer Not.

5. Du hast in hoffnungsfrohen Zeiten Die Väter einst hinausgesandr, Für guten deutschen Brauch zu streiten, In der Barbaren rauhes Land. In Sumpf und Wildnis einzudringe», Verließen fie den Heimatherd, Den dunkeln Völkern Licht zu bringen Mit Kell' und Pflug, mit Kreuz und Schwert.

6. Und steh! Die Wildnis ward zum Garten, Zum Aehrenfeld das ekle Moor; Mit schlanken Türmen, schmucken Warten Wuchs stolz die deutsche Stadt empor. Manch' elend Volk erstand vom Staube, Da es den deutschen Geist gespürt, Dn deutsche Arbeit, deutscher Glaube Ihm wundersam das Herz gerührt.

7. Die reiche deutsche Saat zu ernten, Wohl zauderte der Wende nicht; Doch ach! die rohen Seelen lernten Richt deutsche Treu' und Dankespflscht. Die Schlange lauert allerwegen Auf den, der sie um Busen trug; Sie gaben Fluch für Glück und Segen, Für Liebe Haß, für Treue Trug.

8. Sie bin, wie deine Söhne ringen Um ihres Deutschtums gold'nen Hort, Wie sie ihr letztes Scherflein bringen Für deutschen Brauch und deutsches Wort. Die einst dir hohen Ruhm erwarben, Die nun im Sturme zu dir flehen.

O laß fie betteln nicht und darben, Die Sinkenden nicht untergehen l

9. O schütz' die deutschen Brüder alle In Oft und West, in Nord und Süd, Daß überall dirHeil" erschalle, Wo nur ein deutsches Herze glüht'. Au fie auch, die im fernen Süden Des Britten schnöde Gier bedroht. Eh' fie im Heldenkampf ermüden, An fie gedenk' und ihre Not!

10. Auch fie sind Blut von deinem Blute. Wie hell erklingt für Heim und Herd, Zu wehren frevlem Uebermute In üjrer deutschen Faust das Schwert! An deS Jahrhunderts ernster Wende Reck' aus die starken Arme weit; Auch ihnen öff'ne Herz und Hände And stärk' fie in gerechtem Streit!

Nachdem sich der rauschende Beifall, der diese« Worten folgte, gelegt hatte, ergriff Herr GerichtSaecessist Profch das Wort zu folgender Ansprache:

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Adresse für Depeschen: Anzeißer ftUfcfe Fernsprecher Rr. 51.

EBSM!TTO