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6.10.1899 Zweites Blatt
 
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Nr. 235 Zweites Blatt

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Der neue KurS in Oesterreich.

So sonderbar es klingen mag: Das Schicksal des neuen Kabinetts Clary haben die Czechen in den Händen. Und dennoch ist die Lösung dieses Rätsels sehr einfach; denn das Ministerium kann nur etwas leisten, wenn die Czechen keine Obstruktion machen. Darum scheint uns auch der Jubel der Deutschliberalen über diegroße Wendung" etwas verfrüht, zumal wir glauben, daß an maßgebender Stelle kein dauerndes Einlenken in deutschliberale Bahnen beabsichtigt ist, sondern daß nur ein Experiment gemacht werden soll. Wie man bisher gegen die deutsche Linke regierte, wird man jetzt eine zeitlang gegen die Czechen zu regieren versuchen, und wenn auch das mißlingt, dürfte eine neue Frontveränderung erfolgen. Es ist aber kaum «nzunehmen, daß es gelingt. Ein Kompromiß zwischen den streitenden Parteien und Nationalitäten ist undenkbar, und die Minoritäten suchen die Mehrheit zu vergewaltigen. Es ist in Oesterreich dahin gekommen, daß der Regierung parlamentarische Mehrheiten nicht mehr nützen, weil die Minderheiten die Verhandlungen unmöglich machen. Be­sänftigt man die eine Minderheit und verträgt sich mit ihr, so verlegt sich die andere auf tumultuarische Szenen. Jetzt will die Regierung die Sprachenverordnungen aufheben. An sich ist das höchst erfreulich; aber weit besser wäre es «och gewesen, daß man die Sprachenverordnungen niemals erlassen hätte. Die Czechen sehen sie als eine ihnen ge­währte Gabe an, und es ist immer weit schwieriger, ein Geschenk zurückzunehmen als zu verweigern. Dazu haben noch dieser Tage die polnischen Mitglieder des Reichsrats beschlossen, an dem Bündnisse mit den Parteien der Rechten festzuhalten, sodaß der bekannteeiserne Ring" wieder ge­schlossen ist. Wenn nun das neue Ministerium die Sprachen­verordnungen zurückzieht, so hat es sofort die ganze Rechte gegen sich und wird in kurzer Zeit fallen. Angesichts der von den Jungczechen angedrohten Obstruktion dürfte es in diesem Falle aber auch nicht einmal die Delegationswahlen durchführen können, und das war doch der Zweck der Hebung.

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Heber die Persönlichkeiten der neuen österreichischen Minister und ihre bisherige Laufbahn sind folgende An­gaben zu machen: Manfred Graf Clary und Aldringen, Ackerbauminister und Vorsitzender im Ministerrate, ist geboren in Wien 1852 als Sohn des verstorbenen Fürsten, der im Herrenhause als Mitglied der Ver- fasiungspartei im Jahre 1889 in einem offenen Briefe beide Nationalitäten in Böhmen zu gegen­

seitigen Konzessionen aufforderte, um den Frieden zu er­möglichen. Der ältere Bruder des Ministerpräsidenten, Fürst Carlos, ist mit Prinzessin Felicie Madziwill verhei­ratet, der Ministerpräsident selbst mit einer Gräfin Pejacse- vitch. Clary hat noch niemals eine Stelle in einem Mini­sterium innegehabt; er war stets Bezirshauptmann,Landes­präsident und Statthalter. Gewicht wird auf ein bei feiner Antrittsrede in Graz im vorigen Jahre gefallenes Wort ge­legt. Clary sagte damals, nur jene Verwaltung sei gut, welche nicht nur ein offenes Auge, sondern auch ein offenes Herz für die Bevölkerung habe. Dr. Ernest v. Körber, Minister des Innern ist geboren 1850 in Trient als Sohn eines Majors. Körber hat schon in allen Ministerien leitende Stellen innegehabt. Er wurde 1896 erster Sekti­onschef im Ministerium des Innern, wo er Badems Be­rater sein sollte. Dieser schob ihn jedoch auf die Seite. Im Ministerium Gautsch war Körber bekanntlich Handels- minifter. Dr. Eduard Ritter von Kindinger, Justizminister, ist 1833 in Mailand geboren. Er war Staatsanwalt, Gerichtspräsident und schließlich Oberlandes­gerichtspräsident in Triest. Kasimir Ritler von Chle­bowski, der polnische Landsmann-Minister, war in seiner Jugend satirischer Literat. Er wird als gewiegter Kunst­kenner und hervorragender polnischer Schriftsteller aner­kannt. Wilhelm Ritter von Hirtel, die interessan­teste Persönlichkeit im neuen Ministerium, der Hnterrichts- Minister, geboren 1839 in Mähren, hat eine glänzende Hniversitätskarriere hinter sich. 1866 Privatdozent für klassische Philologie, wurde 1869 außerordentlicher und 1872 ordentlicher Professor, 1890 wurde ihm die Direktor­stelle an der Hofbibliothek übertragen; 1896 wurde er zum Sektionschef im Unterrichtsministerium ernannt. Als Schul­mann findet er allseitige Anerkennung. Er ergriff stets die Partei der Studenten gegen allzustrenge Polizeimaßregeln und gilt als echt freisinniger Mann. Dr. Franz Stibral, der Handelsminister, geboren in Wien 1854, hat eine aus­schließliche Beamtenlaufbahn durchgemacht. Dr. Serverin Ritter von Kniazislucki, der Finanzminister, ist 1853 in Galizien geboren. Er war ursprünglich Bahnbeamter und kam 1895 als Ministerialrat ins Finanzministerium, wo er 1899 Sektionschef wurde. Dr. von Wittek, Eisenbahnminister in den Kabinetten Kielmannsegg, Gautsch und Thun, bleibt auf seinem Posten. Graf W elsers- heimb, Landesverteidigungsminister seit 1880, also im 20. Jahr, hat sechs Regierungen überdauert. Die beiden polnischen Minister sind in Deutsch-Oesterreich so gut wie nicht bekannt, und der Wiener muß erst lernen, ihre Namen

auszusprechen. Die Wiener Blätter ziemlich aller Par­teien bereiten dem neuen Kabinett eine freundliche Auf­nahme.

* *

Wir registrieren noch folgende Meldungen:

Wien, 4. Oktober. Ministerpräsident Graf Clary wurde heute vom Kaiser in Audienz empfangen.

Wien, 4. Oktober. Im Abgeordnetenhause fand heute nachmittag eine Konferenz der Abgeordneten der Linken statt in Angelegenheit der Herbeiführung eines engeren An­schlusses der deutschen Fortschrittspartei an die deutsche Volkspartei.

Wien, 4. Oktober. Wie verlautet, beabsichtigt die Re­gierung dem Abgeordnetenhause einen Sprachengesetz­entwurf vorzulegen, der zunächst nur für Böhmen und Mähren Geltung haben soll.

Wien, 4. Oktober. In radikalen Kreisen besteht die Absicht, im Abgeordnetenhause einen Antrag einen Antrag einzubringen, gegen das Ministerium Thun eine General-Anklage einzuleiten.

Wien, 4. Oktober. Die deutschen Parteien beabsich­tigen, den Abgeordneten Dr. v. Hachenburger für eine Vizepräsidenten stelle im Abgeordneten­hause in Vorschlag zu bringen. Es gilt als fest­stehend, daß die Sprachenverordnungen noch vor dem Zu­sammentritt des Parlaments aufgehoben und die Einbe­rufung desselben am 17. Oktober erfolgen werde. (Siehe auch Letzte Meldungen.)

Das Drama im Sudan.

* Paris, 4. Oktober. Hauptmann Granderyes amtlicher Bericht über die Ermordung Oberst­leutnant Klobbs und Leutnant Meyniers durch Hauptmann Voulet ist hier eingetroffen und wird heute veröffentlicht; er beruht auf den Aussagen ber eingeborenen Soldaten Klobbs, die dem Gemetzel entronnen sind. Der Bericht enthält folgende neue Einzelheiten: Als Mamadu Kawara, Klobbs Bote, Voulet einen Brief seines Oberst­leutnants überbrachte, fragte Voulet:Wieviel Schützen hat der Oberst mit und weshalb kommt er?" Mamadu Kawara erwiderte, Klobb habe 25 Schützen und weshalb er komme, wisse.er nicht!Ich werde cs Dir sagen, wenn Du es nicht weißt", sagte ihm Voulet,er kommt, um sich an meine Stelle zu setzen und den Befehl über meinen Zug zu übernehmen; wenn der Oberst mich wegen meiner Rang- treffen schurigelt, so brauche ich meine Rangtressen nicht

Feuilleton.

Wußtands Kaiserin in der Keimat.

Darmstadt, 2. Oktober.

Zum dritten Male seit ihrer Verheiratung befindet sich Kaiserin Alexandra mit ihrem Gemahl, Zar Nikolaus II., in ihrer hessischen Heimat, wo sie in Wolfsgarten Aufent­halt genommen haben.

Von der Bahnstation Egelsbach aus auf der Linie Darmstadt Frankfurt läßt sich das Schlößchen Wolfsgarten auf einem durch Wiesen und Aecker an einer Villa vor­überführenden Landwege in einer halben Stunde zu Fuß bequem erreichen. Tief verborgen steckt es mitten in einem Park, dessen mächtiger Baumschlag und üppiges Rasengrün an englische Verhältnisse gemahnen. Erbaut ist Wolfsgarten vom Landgrafen Ernst Ludwig (1678 bis 1739), der in seiner Jugend am Hofe von Versailles französischen Ge­schmack kennen lernte Md dann, gleich anderen deutschen Fürsten bestrebt war, ihn in seinen Landen nach Kräften nachzuahmen.

In den Wohnräumen des Prinzessinnenbaues hat die jetzige Kaiserin von Rußland reizvolle Jugendtage verlebt. Sogar ihre Handschrift hat die Prinzessin Alix hier zurück- gelaffcn: Eine Blumenschrift, lose Brombeerranken auf einer Thürfüllung. Vor ihrer Verlobung mit dem russischen Thronfolger hegte die Prinzessin die Absicht, das nüchterne Weiß sämtlicher Thürfüllungen auszumalen. Möglich, daß dieser Plan sich doch noch einmal verwirklicht; denn zu dem Idyll von Wolfsgarten zieht es die russische Kaiserin immer wieder zurück. Trotz der regenerfüllten, naßkalten At­mosphäre, die auch den Aufenthalt in dem weiten Park nut auf Stunden gestattet, geht es in den alten Räumen von

Wolfsgatten recht gemütlich und fröhlich zu. In die Familiengespräche der Erwachsenen mischt sich das laute Gelächter von Kinderstimmen. Eine ganze Kindergesellschaft ist auf dem Schlößchen versammelt. Zn den beiden kleinen Großfürstinnen Olga und Tatjana gesellen sich unsere fünf­jährige Prinzessin Elisabet von Hessen und die Kinder der Prinzessin Ludwig von Battenberg, der ältesten Schwester der russischen Zarin. Der stark ausgeprägte Familiensinn, der Prinzessin Alix am heimischen Hofe sozusagen mit der Muttermilch eingesogen, findet sich im gleichen Grade aus­geprägt beim russischen Kaiser. Die hessischen und russischen Herrschaften harmonieren darin vorzüglich, und deshalb amüsieren sie sich in diesem engen Aufeinanderangewiesensein in Wolfsgarten, wo es weder Hoffeste, noch offizielle Em­pfänge giebt, in harmlosester Weise ganz wundervoll. Das einfache, zunächst liegende, wie Kaffeekochen und Pfann­kuchenbacken bereitet oft das größte Vergnügen.

Wer den russischen Kaiser nur von offiziellen Gelegen­heiten her kennt, hat sich das Bild eines tief melancholischen, regierungsmüden Monarchen zusammenfabuliert, dessen Sehn­sucht nach demewigen Frieden auf Erden" im letzten Grunde nur dem Mangel an Initiative entstammt. Wenn der Zar sich ledig aller äußeren Rücksichten weiß, thaut er auf, und die Darmstädter haben ihn auf der Straße wie im Theater schon oft lächeln und lachen gesehen. Die sprudelnde Lebensfreudigkeit unseres jungen Großherzogs wirkt jedesmal sehr anregend und belebend auf den hohen Gast. In Darmstadt haben sich die Herrschaften bis jetzt nur sehr kurz und ganz unerwartet gezeigt, noch dazu an einem Tage, an welchem des Himmels Schleusen besonders ergiebig offen standen, so daß von Ansammlungen und Gaffereien seitens des Publikums nicht die Rede fein konnte. Kaiserin und Großherzogin besuchten dieAliceschule", eine Stiftung der seligen Großherzogin Alice, besahen die aufge­

legten Prüfungsarbeiten der Schülerinnen, die sich in diesem Institut zu Handarbeitslehrerinnen, Buchhalterinnen, Kon­toristinnen zc. ausbilden, und verfügten sich sodann gleich Zar und Großherzog und den anwesenden Großfürsten in dieAusstellung der Freien Vereinigung Darmstädter Künstler" in dem geschmackvoll angelegten Kunstvereinsgebäude am Rheinthor. Hier verweilten die Herrschaften unter der Führung einiger Maler über eine Stunde, bei welcher Ge­legenheit der Zar eine Landschaft von Eugen BrachtBirken­wald", ein sehr stimmungsvolles Bildchen in bescheidenem Format, die Zarin eine HolzfigurCharitas" von Georg Busch (München), ein innig empfundenes Werk, erwarben.

DasGroßherzogliche Hoftheater", dessen Winter­kampagne bereits in vollem Gange ist, wird diesmal ver­mutlich wegen der Familientrauer die Herrschaften nicht zu sehen bekommen. Der Zar und die Großherzogin von Hessen befinden sich beide in der Lage, den Verlust eines Bruders zu beklagen. Bei früheren Gelegenheiten nahm man bei der Aufstellung des Spielplans meist Rücksicht auf die besonderen Neigungen der Kaiserin, die u. a. eine große Freundin der Grillparzerschen Muse ist. Für Sonntag, 8. Oktober, ist die Einweihung der griechisch - russischen Kapelle vorgesehen. Diese, im streng orthodoxen Stil gebaut und so prächtig wie der Kultus es erheischt, liegt auf dem sanft ansteigenden Gelände desMathildengartens", in einer landschaftlichen Umgebung, die den Bildern der Schwester­kapellen von Baden-Baden und Wiesbaden kaum etwas nach- giebt. Gottesdienst wird in dem Hause wohl nur während der Anwesenheit des russischen Zarenpaares und seines ziem­lich großen Gefolges stattfinden können; denn zu einer richtigenRussenkolonie" haben wir es in Darmstadt noch immer nicht gebracht, obwohl die Slaven zum Besuch der Technischen Hochschule ein nicht unbedeutendes Kontingent stellen. Für Mitte Oktober ist auch die Hebersiedelung in