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Nr. 209 Zweites Blatt Mittwoch den 6 September 18»»
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Prozeß Dreyfus.
Rennes, 4. September.
Gleich nach der heutigen Eröffnung der Sitzung des Kriegsgerichtes um 61/, Uhr wurde die Oeffentlichkeit ausgeschloffen. Major Hartmann setzte seine Zeugen-Aussage fort. Um 7V2 Uhr wurde die Oeffentlichkeit wieder hergestellt. Es beginnt alsbald die Verlesung des Demissionsbriefes des kürzlich als Zeugen vernommenen Hauptmanns Bruyöre. Darnach hat Bruy^re feine Demission infolge der Affaire Dreyfus gegeben. Regierungs-Kommissar Carriöre verliest einen Brief, den er vom Kriegsminister erhalten und in welchem es heißt, daß das Monatsgehalt, welches Lejoux gezahlt worden ist, entgegen der Aussage des Majors Lauth, welcher den Glauben hätte erwecken wollen, es sei vom Syndikat oder dergleichen bezahlt, aus dem Fonds des Kriegsministeriums bezahlt worden sei. Es folgt die Vernehmung eines gewissen Cernuschi, welcher 31 Jahre alt und aus Oesterreich gebürtig ist. Er sagt, er habe Oesterreich im Jahre 1894 verlassen infolge politischer Umtriebe, in die er verwickelt gewesen sei. Er sei ein Verwandter des serbischen Königshauses. 1894 sei er nach Frankreich gegangen. In Paris habe er die Bekanntschaft eines Abteilungschefs des Auswärtigen Amtes einer fremden Macht gemacht, die er nicht zu nennen wünsche. Als er dieser Persönlichkeit gesagt, daß er sich als politischer Flüchtling unsicher fühle, habe ihm die Persönlichkeit die Namen von vier Personen genannt, vor denen er sich zu hüten hätte. Darunter sei auch der Name des Dreyfus gewesen (Große Bewegung). Er habe darauf die Bekanntschaft eines fremden Generalstabs-Offiziers gemacht, der der Person eines fremden Monarchen attachiert gewesen sei. Auch dieser Offizier habe jene vier Namen und noch zwei andere genannt. Diesen Offizier habe er später auch in Paris besucht und bei dieser Gelegenheit habe ihm der Betreffende militärische Schriftstücke bezüglich des Transportwesens im Falle der Mobilmachung gezeigt und hinzugefügt: In Frankreich könne man sich alles verschaffen, wenn man gut zahle und sich der Juden bediene. Er, Zeuge, habe den Offizier nicht weiter gefragt, wer ihm die Dokumente gebracht hätte, weil, er ihm schon gesagt hatte, daß sein Gewährsmann der Generalstabs-Offizier Dreyfus war. Bald darauf habe er, Cernuschi, in den Zeitungen die Verhaftung Dreyfus' gelesen. Ende Mai 1896 habe er den Besuch eines Agenten des Kriegsministeriums erhalten, der ihn über seine Unterredung mit den beiden angedeuteten Persönlichkeiten befragte. Es sei ein Rapport aufgesetzt worden, den beide unterzeichneten und der noch im Bureau des Kriegsministeriums existieren müsse. Er bitte um dessen Verlesung. (Bewegung und Unruhe).
Regierungs-Kommissar Carriere erhebt sich und sagt,
Femlletsn.
Das 19. Jahrhundert.
Unter Mitwirkung hervorragender Fachgelehrter herausgegeben von Friedrich Thieme.
(Nachdruck oder Auszug verboten. XIV.
Technik I.
Ausnutzung der Elektrizität und des Dampfes. Verkehrswesen.
(Fortsetzung.)
Die erste telegraphische Leitung konstruierten 1833 die Professoren Gauß und Weber in Göttingen, Baron Schilling erfand 1835 einen Apparat zur Uebermittelung von Schriftzeichen, der gleich darauf von dem Münchener Physikus Karl August Steinheil (1801—1870) durch einen weit vollkommeneren ersetzt wurde, welcher die Ausschläge der Magnetnadel auf einem Papierstreifen markierte, und zugleich die Abgabe von Glockensignalen ermöglichte. Derselbe Forscher entdeckte 1838 die Entbehrlichkeit des Rückleitungsdrahtes, da die Erde die Rückleitung des elektrischen Stromes besorge. Nachdem 1844 der Amerikaner Morse (1791—1872) einen noch sicherer funktionierenden Schreibapparat konstruiert hatte, bürgerte sich der Telegraph mehr und mehr ein, und in unserer Zeit giebt es wohl nur noch wenige Punkte der Erde, wohin der elektrische Funke nicht mit seiner unfaßbaren Geschwindigkeit die Botschaften der Menschen trägt. Für das Jahr 1894 z. B. wird die Länge
er sei der Ansicht, daß der Zeuge vielleicht nicht alles gesagt habe, was er zu sagen habe. Da die Sache sehr delikat sei und internationale Fragen betreffe, so würde es vielleicht ratsam sein, die Vernehmung des Zeugen unter Ausschluß der Oeffentlichkeit fortzusetzen. (Bewegung.) Verteidiger Demange fragt den Regierungs-Kommissar Carriere, ob er über den Zeugen Cernuschi Erkundigungen eingezogen habe. Carriere verneint dies. Der Zeuge sei ein fremder politischer Flüchtling. Cernuschi habe sich gesagt, die Sache sei vielleicht nicht ganz richtig. Labori erklärt, man hat hier zum ersten Male das Zeugnis eines Fremden benutzt. Angesichts dieses Vorganges werde ich Konklusionen wiederlegen und verlangen, daß auf diplomatischem Wege alle Schritte gethan werden, damit die in dem Bordereau genannten Noten verschafft und für die Debatte zur Verfügung gestellt werden. (Große Bewegung.) Ich bin momentan zu bewegt, um die Konklusionen gleich zu fassen. Ich frage den Zeugen: Welcher Nationalität gehörten die Persönlichkeiten an, von denen er sprach? Zeuge: Ich antworte hier nicht, ich thue es nur unter Ausschluß der Oeffentlichkeit. (Gelächter.) Labori erklärt sich mit dem Ausschluß einverstanden und bittet denselben morgen früh zu Beginn der Sitzung stattfinden zu lassen. Zuerst möge aber der Zeuge vereidet werden. Als Cernuschi die Estrade verläßt und sich auf einen Zeugenstuhl setzt, wird er von einigen Personen ironisch fixiert. Er verläßt den Saal, verbeugt sich aber vorher tief vor dem General Mercier. Es folgt die Vernehmung des Gerichtsschreibers des Untersuchungsrichters Bertulus namens Andrs. Derselbe sagt über Esterhazys und Henrys Vernehmungen durch Bertulus aus, dessen Angaben er bestätigt. Dr. Weiß, der sich geäußert haben soll, daß die Familie Dreyfus selbst von dessen Schuld überzeugt sei, erklärt empört, das sei eine große Unwahrheit. Er habe immer von der Familie gehört, sie sei von der Unschuld Dreyfus' überzeugt, (gr . teile diese Ueberzeugung vollkommen und hege di? höchste Achtung vor Dreyfus. Zeuge Dr. Weiß verbeugt sich im Abgehen vor Dreyfus.
Der Zeuge Hadamard erklärt, er sei von der Unschuld Dreyfus' fest überzeugt. Die Familie habe nie einen Centimes Schulden für ihn zu bezahlen gehabt.
Der nächsteZeuge ist die ehemalige OrdonnanzPicquarts, Roques. Derselbe sagt mit fester Stimme: Der Zeuge Savignaud habe hier gesagt, er habe in Tunis für den Obersten Picquart Briefe zur Post getragen. Das fei aber ein großer Irrtum. Nicht Savignaud sei Ordonnanz gewesen, sondern er (der Zeuge). Savignaud wird Roques gegenübergestellt. Er murmelt: Roques irre sich. Picquart verlangt das Wort. Er bemerkt, er habe Savignaud einige Male Aufträge gegeben, einen Brief an Scheurer-Kestner habe er aber niemals zur Post getragen.
Rabbiner Dreyfus sagt schriftlich über eine ihm zu
sämtlicher Telegraphenlinien der Erde auf mehr als zwei 2 Millionen Kilometer, diejenige der Leitungen auf 5i/8 Millionen Kilometer angegeben, letzteres eine Länge, die 134mal den Umfang unseres Planeten repräsentiert. 2^/z Millionen Kilometer entfallen allein auf Europa. Die Zahl der auf der ganzen Erde 1894 beförderten Telegramme betrug über 350 Millionen. Inbegriffen sind in diesen Zahlen die unterseeischen Leitungen (Kabel), deren Länge 1892 bereits 240,000 Kilometer betrug. Die telegraphische Verbindung von einander durch Ozeane getrennter Länder stellt einen der grandiosesten Triumphe der Technik dar. Das erste Kabel wurde zwischen Frankreich und England gelegt. 1857 begann die Legung des Kabels zwischen Amerika und Europa. Der Amerikaner Cyrus Field (1819 bis 1892) widmete der Ausführung dieses gigantischen Projektes sein ganzes Leben; er gründete zur Betreibung des Unternehmens die atlantische Telegraphenkompagnie, und erreichte nach Ueberwindung unzähliger Hindernisse am 27. Juli 1866 endgiltig das erstrebte Ziel. Gebührte so den Amerikanern das Verdienst, den Verkehr zwischen zwei entlegenen Weltteilen zuerst vermittelt zu haben, so baut sich das gewaltige Projekt doch nicht zum wenigsten auf der Basis deutscher Erfindungskraft und deutschen Fleißes auf, da unser Mitbürger und Landsmann Werner Siemens es war, welcher die zweckmäßigste Jsolierhülle entdeckte, und in Berlin im Jahre 1847 die erste unterirdische Telegraphenlinie anlegte. Von eingreifender Bedeutung für die Entwickelung des Telegraphenwesens sind die in neuerer Zeit mit der Telegraphie ohne Draht angestellten Versuche, welche bereits recht annehmbare Resultate geliefert haben. Nicht
geschriebene Aenßernng aus, wonach Dreyfus' Familie feiner Unschuld nicht sicher sei. Er erklärt diese Aeußerung für erlogen.
Prof. Painleve erklärt, nachdem er Bertillons angeblich mathematischen Ausführungen einer vernichtenden Kritik unterworfen, daß Hadamard ein Vetter der Madame Dreyfus sei und immer nur die Unschuld Dreyfus' versichert habe. Eines Tages habe er (Zeuge) den Prof. Docagne über den Fall Dreyfus gesprochen, der ihm erzählt habe, er kenne Hadamard, welcher ihm gesagt habe, er habe für Dreyfus keine Parteilichkeit. Von diesem Ausspruch hätten andere Personen Kenntnis erhalten und ihn verdreht. 1897 sei er in das Kriegsministerium beschieden worden, wo er über das Gespräch befragt worden fei, u. a. darüber, ob es wahr fei, daß er mit Hadamard gesprochen und von ihm erfahren habe, daß die Familie Dreyfus an Dreyfus' Unschuld zweifle. Zeuge sagte sofort, das genaue Gegenteil sei wahr. Mit Hadamard habe er niemals gesprochen. Die von Docagne wiederholte Aeußerung Hadamars laute entgegengesetzt. Zu seiner grenzenlosen Überraschung habe er trotzdem später in der Untersuchung des höchsten Gerichtes einen Bericht des Generals Gonse vorgefunden, der ihm die von ihm ausdrücklich für unwahr erklärten Äußerungen in den Mund legte.
Ans Verlangen Laboris wird der Rapport über die Aussage Painleves vor Gonse verlesen. In demselben sind die Worte Painleves absolut entstellt. Painleve ist sehr erregt. General Gonse wird gerufen. Er meint, Painleve messe der Sache eine viel größere Wichtigkeit bei als er, Gonse. Painleve protestiert wiederum sehr energisch. Er schlägt mit der Faust auf die Barre und erklärt, daß er nie gesagt habe, was der Rapport ihm sagen lasse. Gonse sucht sich herauszureden. Er habe nur auf das moralische Zeugnis Gewicht gelegt und nicht auf den ersten Teil der Aussage Painleves (daß Hadamard von der Unschuld Dreyfus gesprochen hat). Painleve schreit: Ich habe aber niemals die Worte gesagt, die im Rapport stehen, niemals. Labori fragt den General Gonse, wer das geheime Dossier gebildet habe. In demselben besinde sich doch die Aussage Painleves. Gonse antwortet, diese Aussage besinde sich nicht im Dossier, sondern in einem Annex.
Labori fragt nochmals, wer das geheime Dossier zusammengestellt habe. Hauptmann Guignet ruft: Ich, und Gonse fügt hinzu: Und ich habe ihn dann verbessert. (Gelächters Als Verteidiger Labori Gonse in erregtem Tone fragt, ob selbst, wenn jene Aussage so unwichtig gewesen sei, wie Gonse meine, das ein Grund gewesen sei, sie falsch wiederzugeben, fordert Jouaust den Verteidiger auf, sich zu mäßigen, sonst würde er ihm das Wort entziehen. Labori fragt den General Gonse, ob er die Verantwortung für das geheime Dossier des Juli 1893 übernehme. Gonse ant-
zu vergessen der Erfindungen des Telephons und des Phonographen — besonders das erstere hat sich seit 1877 in fortschreitendem Maße eingebürgert, zuerst in Nordamerika, später folgten die übrigen Staaten. Gegenwärtig sind fast in allen größeren Städten des Kontinents und der Union Fernsprecheinrichtungen vorhanden, weit entfernte Großstädte, wie Paris und Brüssel, Newyork und Washington u. s. w., sind telephonisch verbunden; in Deutschland allein waren 1896 bereits 587 Orte mit Stadt-Fernsprecheinrichtung versehen, und die Zahl derselben ist seitdem noch beträchtlich gewachsen. Auch für die Zwecke der Chemie ist die An- Wendung der Elektrizität in ausgedehntester Weise erfolgt, die Galvanoplastik, die Vergoldung, Versilberung unb Vei> nickelung machten den Anfang, in neuerer Zeit wurde das Verfahren der Zersetzung chemischer Verbindungen durch den galvanischen Strom, die sogenannte Elektrolyse, in der Metallurgie mit großem Erfolg angewandt, und ermöglichte u. a. die billige Herstellung wichtiger, früher sehr teurer und schwierig zu beschaffender Metalle, wie z. B. des Aluminiums, dessen Preis dadurch von 2400 Mk. das Kilo bis auf 5 Mk. für dieselbe Quantität gesunken ist. Selbst die Zeit zeigt uns die Elektrizität an, indem die richtige Zeit täglich von der Zentralstation aus an alle deutschen Telegraphenämter depeschiert wird.
Die Fortschritte auf dem Gebiete der Dampfbenutzung sind nicht minder erstaunlich. Durch George Stephensons Erfindungsgeist gelangte die Welt in den Besitz des neuen Betriebsmittels der Eisenbahnen, das Dampfroß begann seinen Siegeslauf über die Erde. England machte den Anfang, Belgien folgte mit der Eröffnung der Linie


