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Sonntag den 6. August
Zweites Blatt
Amts- unb Anzeigeblatt für den Ureis Gieszen
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Berlin, 4. August. Die Königin von England hat gestern den Leutnannt Freiherrn v. Strombeck empfangen, welcher einen Brief des deutschen Kaisers überbrachte.
Berlin, 4. August. Der Industriestaat Deutschland. Daß sich die Bevölkerung Deutschlands immer mehr nach der Richtung der Entwickelung zum Industriestaat verschiebt, zeigen die schon lange erwarteten Ergebnisse der Berufszählung des Jahres 1895, die erst jetzt, übersichtlich geordnet, erschienen sind. Darnach verteilen sich die Er- werbsthätigen in folgender Weise auf die verschiedenen Berufe: 1895 wurden gezählt in der Landwirtschaft 8 298 692 Erwerbsthätige, was gegen 1882, in Prozenten ausgedrückt, ein Mehr von 0,7 Prozent ergibt. In den übrigen Berufszweigen stellten sich die bezüglichen Zahlen so: Industrie 8 281 220, mehr 29,5; Handel und Verkehr 2 338 511, mehr 48,9; Häusliche Dienste und wechselnde Lohnarbeit 432 491, mehr 8,8; Oeffentliche Dienste und freie Berufe 1 425 961, mehr 38,3. Während nun die Landwirtschaft nicht nur die weitaus geringste Zunahme aufzuweisen hat, sondern in Prozenten aller Erwerbstätigen gerechnet, von 43,5 Prozent in 1882 auf 37,5 Prozent in 1895 zurückgegangen ist, sind Industrie und Handel auffallend stark angewachsen. Beide zusammen stellen heute 48 Prozent aller Erwerbsthätigen, überragen also die Landwirtschaft mit 37,5 Prozent ganz wesentlich. Die Industrie allein ist von 33,7 Prozent in 1882 auf 37,4 Prozent gestiegen. Das kaiserliche statistische Amt begründet diese Verschiebung der Bevölkerung Deutschlands mit folgenden Worten: „Die Verschiebung in der Berufsgliederung zu Ungunsten der Landwirtschaft liegt in der Natur der Sache. Der Boden ist unvermehrbar, es kann immer nur eine beschränkte Zahl von Händen sich auf ihm bethätigen, eine begrenzte Zahl von Menschen sich ernähren. Was in der Landwirtschaft keine Beschäftigung findet, muß abwandern, sei es in andere Länder, sei es in andere Berufe."
— Vom Finanzminister v. Miquel. In Ems hat den Finanzminister ein alter Kommilitone aufgesucht und mit ihm ein Stündchen geplaudert, wovon manches
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barer Mangel vorhanden. Man muß zugeben, daß vielfach die spanische Regierung gar nicht in der Lage war, die desolaten Zustände auf Cuba zu bessern, nachdem die Insel von den Amerikanern blokiert worden war, aber dann sollte man auch solche Prozesse unterlassen, wie sie jetzt geführt werden und ruhig zugeben, daß das ganze seit langen Jahrzehnten befolgte System notwendigerweise Spanien dahm führen mußte, wo es heute angelangt ist. Dadurch, daß altbewährte Offiziere verdächtigt werden, ihre Pflichten vernachlässigt zu haben, wird die Berufsfreudigkett innerhalb der Armee wahrlich nicht gestärkt, und es liegt doch tm Interesse der Madrider Negierung, die Heerführer nicht vor den Kopf zu stoßen. Richtiger wäre es, aus den gemachten Erfahrungen die Lehre zu ziehen und mit den vorhandenen Mitteln eine gründliche Reorganisation der Heeresverwaltung durchzuführen, vor allem aber den inneren Zuständen im Lande die größte Aufmerksamkeit und Fürsorge zu widmen, damit die schweren Wunden, welche der letzte Krieg geschlagen hat, binnen möglichst kurzer Zeit heilen können.
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Sündenböcke.
Leider liegt es in der Natur des Menschengeschlechts, Mr großes und kleines Ungemach, das uns widerfahren, für verdientes und unverdientes Unglück, von dem wir heimgesucht worden sind, einen Sündenbock zu suchen, welchem nur alle Schuld in die Schuhe schieben können. Das ist nicht nur im Leben des Einzelnen der Fall; besonders im Staatsleben, bei Ereignissen, die geeignet sind, in das große Buch der Weltgeschichte eingetragen zu werden, wird eifrig nach Sündenböcken gefahndet. .
Wir berühren dieses Thema, weil augenblicklich tn Spanien sich ein Prozeß abspielt gegen diejenigen Generale, welchen die Mißerfolge des spanischen Heeres im Kriege gegen Amerika zur Last gelegt werden. Der Schlag, welcher Spanien getroffen hat, ist zu schwer, als daß die maßgebenden Kreise zu der Einsicht gelangen könnten, die Verhältnisse hätten gar keinen anderen Ausgang wahrscheinlich gemacht, die erlittene Schlappe sei eine Folge gewesen der seit langen Jahren begangenen Fehler, und man müsse deshalb die Demütigung als eine wohlverdiente hinnehmen. Davon, daß den Generalen der Prozeß gemacht werden soll, kann man erkennen, daß an maßgebender Stelle die Situation immer noch nicht richtig erkannt wird, daß man aus all dem Unglück noch nicht die notwendige Lehre zu ziehen vermocht hat.
Vor einiger Zeit wurde bereits gegen den Admiral Eervera verhandelt, welcher nach seiner abenteuerlichen Fahrt nach Santiago als Nationalheld gefeiert worden war, für die Folgen seiner Ausfahrt aus dem Hafen von Santiago, wobei seine ganze Flotte zu Grunde ging, aber verantwortlich gemacht werden sollte. Das oberste Kriegsgericht war s» vernünftig, den Admiral von der Anklage freizusprechen. Jetzt findet vor demselben Gericht eine Untersuchung statt wegen der Uebergabe des festen Platzes Santiago. Dabei kommen recht wenig erbauliche Dinge ans Tageslicht, welche die Zustände, die in der spanischen Kricgsverwaltung herrschten, grell beleuchten. Nicht nur an Lebensmitteln hat es auf Cuba gefehlt, auch die Verteidigungsmittel waren in primitivster Verfassung, da an Kriegsmaterial immer recht fühl-
aus seinen Fenstern einen hübschen Blick auf die Quais und den Hafen. Vor dem Hotel herrscht das lärmende Treiben des Hauptmarktplatzes; weit hinten in der Ferne aber schauen die Häuser, Kasernen und Befestigungen Sveaborgs, der berühmten russischen Seefestung, herüber, durch Wasserbassins und Naturkanäle vom Festlande getrennt.
Ich war gegen Abend an einem schönen Junitage in Helsingfors angelangt; die Sonne neigte sich im Westen stark dem Horizonte zu; die Seefahrt hatte mich durstig und hungrig gemacht, und ich brach auf, um Finnlands berühmte Küche kennen zu lernen. Wenige Schritte brachten mich über den gepflasterten Marktplatz zur Esplanade, einer stattlichen, von vier Reihen prächtiger Ahornbäume umfaßten Promenade. Ich schlenderte;biefe Promenade entlang, stand neugierig vor dem Standbilde Runebergs, des großen finnländischen Dichters, und ging bis zum schwedischen Stadttheater, dessen hübschen, säulengeschmückten Granitbau ich bewunderte. Dann rief ich eine Droschke an und ließ mich hinaus nach Ulrikasborg, nach „Brunns-Parken", fahren. Das leichte, einspännige Gefährte, ein modernes Kabriolet, rollte flott auf den glatten, granitenen Straßen mit dem schönen, quadratigen Steinpflaster dahin, zwischen hohen, modernen Häusern, bergauf und bergab, an steilen Felswänden zur Rechten und am Meeresufer zur Linken vorüber, bis an mein Ziel, das berühmte Restaurant „Brunns-Parken".
Bald darauf saß ich auf der Estrade des Restaurants vor einem warmen Sexa, und versenkte mich lange und gründlich in die kulinarischen Genüsse der nordischen Gastwirtschaft. Welch ein entzückendes Souper! Wo speist man in der Welt besser, als in „Brunns-Parken" in Helsingfors? Das sogenannte warme Sexa besteht aus einem ungemein reichlichen Imbisse mit verschiedenen Schnäpsen, unter denen der „Renade" (gereinigter Kornbranntwein) den Vorzug verdient, und aus drei warmen Gängen. Ich muß bekennen, daß ich nie wieder in meinem Leben geschmackvoller servierte Delikatessen, schönere Riesenkrebse, herrlicheren Lachs, saftigere Rebhühner und weichere Rindslende gegessen habe, als in Helsingfors. Dazu em vorzüglicher Rotwein, und zum Käse ein Eispunsch, so kühl auf der Zunge und doch so feurig in den Adern, daß man
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Naturkräften abgeschliffen, bald mit grünen Tannenwäldern bedeckt, alle von weißschäumenden Wogen der Brandung umleckt. . L .
Das Schiff arbeitet sich immer werter tn das Gewtrr der Skären hinein, und nähert sich rasch einer langen, hohen, drohend emporstrebenden Felsenwand. Hier scheinen die Granitinseln zusammengewachsen und aufeinander gewälzt zu sein; sie verwehren jeden Durchgang. Das un- bewaffnete Auge, das schon lange auf dem Gipfel der Felsen wehende Fahnen erschaut hat, vermag jetzt auf dem Kamme der dunklen Granitwand Kanonenschlünde, die aus Oeffnungen herausfordernd ins Meer starren, und dahinter die Spitzen von Kirchen, endlich die Giebel von Häusern zu erblicken. Dicht unter den Felsen macht der Dampfer eine rasche Wendung nach links, umfährt ein steiles Eiland und steuert in einen schmalen Durchgang durch die Felsenwand hinein, der aus der Ferne nicht zu erspähen war. Nach einigen Minuten banger Fahrt im Halbdunkel eine Wendung nach rechts — und vor dem Passagier liegt ein mächtiges, stilles Wasserbassin, auf dessen Oberfläche zahllose Schiffe und Boote wimmeln, und dessen Ufer ein reizend angelegtes Städtchen umsäumt, ein Städtchen, das beim Näherkommen zu einer Stadt mit prächtigen Gebäuden, die an den Felsen des Landes emporzuklettern scheinen, heranwächst. ,
Noch ein kurzes Vorwärtsdampfen, und das Schtff befindet sich inmitten dieser Stadt, im Jnnenhafen, welchen große, regelmäßige Granitquais umsäumen. Vor dem mittleren Quai, an dem die Dampfer anzulegen pflegen, dehnt sich ein weiter Platz aus; eine breite Promenade zieht sich von ihm nach Nordwesten hin, am Ende von einem stolzen, säulengeschmückten Gebäude begrenzt: die Esplanade und das Stadttheater; rechts und links umschließen den Platz drei- und vierstöckige Häuser und Paläste. Das ist der erste Eindruck, den der Reisende von Helsingfors, der Hauptstadt Finnlands, empfängt.
Einen Gasthof zu finden, ist in den finnlandtschen Städten nicht schwer: überall giebt es ein „Societetshus" (Gesellschastshaus), und man ist sicher, m demselben eine vorzügliche westeuropäische Unterkunft und Verpflegung zu annehmbaren Preisen zu erhalten. Das „Soctetetshus" von Helsingfors liegt dicht am Jnnenhafen, und man hat
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Giebener Anzeiger
Heneral-Anzeiger
Deutsches Reich.
Berlin, 4. August. Die verspätete Ankunft des Kaisers in Kiel war, wie erst jetzt bekannt wird, durch ein Unwetter auf der Fahrt von Bergen nach Kiel veranlaßt. Die Wellen der aufgeregten See gingen derart hoch, daß die „Hohen- zollern" bedenklich hin und her geworfen wurde.
Berlin, 4. August. Nach einer Londoner Meldung der „Voss. Ztg." erfährt der „Daily Telegraph", Kaiser Wilhelm werde die Königin Viktoria im Sommer oder Frühherbst besuchen. Endgiltige Abmachungen sind noch nicht getroffen worden, allein es sei des Kaisers feste Absicht, den Besuch abzustatten, sobald seine Verpflichtungen dies erlauben.
Berlin, 4. August. Die Kaiserin ist mit den kaiserlichen Kindern heute in Wilhelmshöhe eingetroffen und wurde von dem Oberpräsidenten, dem kommandierenden General und dem Landrat empfangen.
Feuilleton.
Das „Land der tausend Seen". *)
Reise-Erinnerungen von Erwin Bauer.
(Nachdruck verboten.)
I. Helsingfors.
Einfahrt in den Südhafen. — Helsingfors Lage. — Erste Eindrücke. — Eine Nacht in „Brunns-Parken". — Das „Land der tausend Seen." — Zur Sage und Geschichte Finnlands. — Helsingfors bei Nacht. — Sehenswürdigkeiten. — Das „Studentenhaus". — Finnländisches Nationalgefühl. — Schweden und Finnen. — Finnlands Freiheit und russisches Gelüste.
Wer sich von der Seeseite her der finnländischen Küste nähert, um in den Südhafen von Helsingfors zu gelangen, muß zunächst, wie überall an der Küste Finnlands, dte Skären passieren. Das Dampfschiff verläßt das eigentliche Meer; wohin das Auge blickt, sieht es nur schmale Wasserstreifen, aus denen kleine und große Felseninseln von der eigentümlichen rotbraunen Farbe des Granits emporragen, bald kahl und zackig, meist jedoch rund, wie von gewaltigen
*) Anmerkung der Redaktion. Die Blicke der gesamten Aulturwelt sind heute aus Finnland gerichtet, wo ein arbeitsames und unabhängiges Volk seine Freiheit und seine Kulturschöpfungen gegen russische Willkür verteidigt. Bekanntlich hat dte russische Regierung durch einen Kaiserlichen Ukas vom 15. (3.) Februar 1899 eine „Revision" der Verfassung Finnlands eingeleitet, durch welche die Selbstverwaltung des Landes durchbrochen und dasselbe seiner Rechte auf selbständige Beschlußfassung über alle von der Reichsregterung eingebrachten Gesetze, auf eigenes Mtlitärwesen usw. beraubt werden soll. Aus dem unabhängigen Großsürstentum Finnland mit eigener Staatsverfassung und eigener Gesetzgebung, das bisher ein zwar selbständiges, aber treu ergebenes Land der russischen Krone bildete, s oll eine von dem jeweiligen russischen Generalgouverneur tm Namen des Kaisers regierte Provinz des russischen Reiches werden. Da dte Finnländer sich ihre verbrieften Freiheiten und Rechte, mit denen sie niemals Mißbrauch getrieben haben, nicht ohne Widerstand nehmen l »ssen werden, und bereits den Versuch gemacht haben, in St. Petersburg durch Petitionen und Deputationen gegen den zarischen Ukas Widerspruch zu erheben, dürfte der russisch-finnländische Konflikt in nächster Zett im Vordergründe der Politik Nord-Europas stehe;. Unter diesen Umständen werden es unsere Leser sicherlich willkommen weißen, wenn wir ihnen in den nachfolgenden Reise-Erinnerungen, mit deren Abdruck wir heute beginnen, ein anschauliches Bild von Land und Leuten in Finnland vor Augen führen.
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