1899
Donnerstag den 6. Juli
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Fernsprecher Nr. 51.
reutschen sein werden. Uebrigens hat dasselbe schon der General Moltke anfang der 60er Jahre „nur mit ein bischen anderen Worten" gesagt, als er sich über den Einfluß des Zündnadelgewehres auf die Taktik aussprach. Er sagte, eine mit Hinterladern bewaffnete Infanterie, die in der Hand der Führer bleibt, ihr Feuer auf entscheidende Entfernungen aufspart, und dann ruhig zielt, sei in der Front unbesiegbar. Wenn dann der Herr v. Bloch ausführt, der Krieg koste so heidenmäßig viel Geld, so hat auch das schon der vor 200 Jahren gestorbene Montecucculi gewußt. Ein geflügeltes Wort, daß zum Kriege drei Dinge gehören, erstens Geld, zweitens Geld und drittens nochmal Geld, ist ja noch heute nicht vergessen. Die Sorge Blochs, was für Folgen es für Deutschland haben würde, wenn es sich von dem Schiedsgericht ausschlösse, ist ja durch die Zustimmung des deutschen Kaisers zum permanenten Schiedsgerichtshof hinfällig geworden; seine Schlußfolgerung, Deutschland würde ohne Schiedsgericht in der Lage sem, wie Oesterreich, als es aus dem deutschen Bunde heraus- gedrüngt wurde, ist eine einfache Narrheit, bei der man sich kaum etwas denken kann. Wäre der Herr Staatsrat, dem ein hoher russischer Orden wohl kaum entgehen kann, nicht ein Mitglied der goldenen Internationale und uns durch seine polnischen Beziehungen zum mindesten unsympathisch, so würden wir ihn mit dem Baron Anacharsis Cloots vergleichen, der als ehrlicher Clown am 19. Juni 1790 ander Spitze einer maskierten Deputation der Menschheit, als Redner des Menschengeschlechts vor der Pariser Nationalversammlung erschien, um ihr den Dank der Welt für ihre Erhebung gegen die Tyrannen zu überbringen.
Es ist Zeit, daß die Konferenz endet! Wie die Kreuzzeitung" sich mitteilen läßt, sind die Mitglieder müde und nervös geworden. Das Blatt schreibt:
Es verlohnt sich, bei den Gründen für die hochgradige Erregung, die sich ihrer bemächtigt hat, zu verweilen: woher hat Herr Stead mit dem englischen Namen, aber der durchaus nicht englischen Politik, alle die Indiskretionen, die er in seinem „Dagblad" zum besten gibt, einem Blatte, aus dem auch alle deutschfeindlichen Organe ihre Weisheit schöpfen? Was nutzt die von Herrn v. St aal dekretierte Heimlichkeit der Sitzungen, wenn ein gewisses Mitglied des Kongresses sich das Privileg der Indiskretionen anmaßt
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Nr. 156 Zweites Blatt
Die Friedenskonferenz.
Wie bekannt, ist die Kuliffe der Pariser Börse die Gesamtheit der unzünftigen Makler, die ihre Geschäfte betreiben, ohne die hohen Abgaben zu entrichten, oder die Garantien zu übernehmen, welche die französische Regierung für die Beteiligung an dem Monopol des Börsenhanbels fordert. Ebenso hat sich auf dem politischen Arbeitsfelde der im Haag versammelten zünftigen und bevollmächtigten Diplomaten eine Gesellschaft von Amateurpolitikern zusammengefunden, die in vordringlichster Weise Lärm machen, und ihre Fahne schwingen, auf die sie das Heil der Menschheit oder gar deren „Erlösung", wie kürzlich die Baronin v. Suttner, geborene Gräfin Kinsky sich ausdrückte, schreiben. Ueber die Motive dieser etwas gemischten Gesellschaft wird man verschiedener Ansicht sein können. Der Chorführer der weiblichen Musen ist der russische Staatsrat Se. Exzellenz Herr v. Bloch, im Nebenamt Bankier in Warschau, der auf seiner Durchreise vom Haag nach der Heimat dem Herausgeber der „Wissenschaftlichen Correspondenz" in Berlin seine Orakelsprüche gespendet hat. Das beste, was sich davon sagen läßt, ist eben, daß der Herr nun endlich nach Hause gereist ist. Sein Geschwätz, daß „nach den Generalen Roon und Müller" sich bei den heutigen Feuerwaffen beide Heere gegenseitig vernichten müssen, haben wir neulich schon beleuchtet. Mit der bekannten Aeußerung des Grafen Haeseler, die er an einem Manövertage gethan hat oder gethan haben soll: „Wenn das so fort geht, bleibt niemand übrig, um die Toten zu begraben", geht der Herr Staatsrat hausieren für seine Zwecke, obwohl es auf der offenen Hand liegt, daß der General damit das manövermäßige verkehrte Verfahren beim Infanterie-Angriff und die Gefahren einer Uebertragung dieses Verfahrens auf den Ernstfall hat charakterisieren wollen. In gleich sinniger Weise schlachtet Herr v. Bloch Aeußerungen des Generals Janson aus. Wenn General Janson sagt, daß ein Angriff auf eine wohlvorbereite Position künftig zwei Tage beanspruchen wird, so ist das seit Plewna eine so bekannte Sache, daß sie nur einem Laien neu und bemerkenswert erscheinen kann. Die weitere Aeußerung, daß ein Sieg gegen Truppen wie die deutschen undenkbar sei, kann uns ja ganz recht sein; wir hoffen nicht ohne Grund, daß die Truppen, die wir vielleicht noch zu bekämpfen haben werden, eben nicht wie die
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Das 19. Jahrhundert.
Unter Mitwirkung hervorragender Fachgelehrter herausgegeben von Friedrich Thieme.
(Nachdruck oder Auszug verboten.) XL
Sozialismus und Arbeiterbewegung.
(Fortsetzung.)
Der Sozialist P. I. Proudhon (1809—1865) dagegen erwartete alles von der Selbsthilfe der Arbeiter; in seinem 1840 erschienenen Werke: „Qu’est ce que la pro- pritite?“ findet sich der bekannte Ausspruch: „La propnete c’est le vol“ (Eigentum ist Raub), der aber meist irrtümlich gedeutet wird. Proudhon entwickelte später das System des Mutualismus, worin eine Versöhnung zwischen Individualismus und Sozialismus angestrebt wird.
In England wirkte Robert Owen (1771 bis 18o8), ein Vertreter des Kommunismus. Die bedeutendsten Vertreter des wiffenschastlichen Sozialismus aber brachte Deutschland hervor. Der Philosoph Joh. Gottl. Fichte befürwortete in seinem 1800 herausgegebenen Buche „Der geschlossene Handelsstaat" bereits energisch das System der Staatshilfe in Bezug auf wirtschaftliche Materien. Karl Rodbertus (1805—1875), welcher als der eigentliche Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus bezeichnet wird, verlangte die Bestimmung der Preise der Lohnarbeit durch den Staat, um den arbeitenden Klassen den gebührenden Anteil am Arbeitsvertrage zu sichern. Ferdinand Las alle (1825—1864) stellte das eherne Lohngesetz auf, in der Behauptung bestehend, daß der durchschnittliche Arbeitslohn die Grenzen des notwendigen Lebensunterhaltes nicht übersteige; er forderte ebenfalls das Eintreten des Staates zum Zwecke der Verfügungstellung von Kredit für die Produktivgenossenschaften der Arbeiter. Lassalle war ein Mann von seltener Begabung, einer der drei großen
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und damit ein Blatt im Uebermaß versieht, das fast täglich unqualisizierbare Angriffe gegen Deutschland und deffen Kaiser richtet, und auch anderen Staaten gegenüber sich, gelinde gesagt, unfreundlich stellt? Der heutige Artikel des „Dagblad" beispielsweise trägt die sensationelle Aufschrift: „Die beiden Mysterien der Konferenz". Mit dem einen „Mysterium", das für niemand eins ist, ist die Haltung des russischen Delegierten, Hauptmanns Scheine gemeint, der in der Frage des in dem Murawjeff'schen Rundschreiben empfohlenen Verbotes der unterseeischen Torpedoboote u. s. w. gegen den Antrag seiner eigenen Regierung stimmte. Das andere „Mysterium" soll der angebliche Widerspruch sein, in dem sich die deutschen Delegierten in der Abrüstungsfrage mit den vom Deutschen Kaiser in Wiesbaden an den russischen Botschafter gerichteten Worten befinden sollen. Das wahre Mysterium ist, ich wiederhole es, die Frage: Von wem wird Herr Stead derart genau und ausführlich unterrichtet, daß es fast kein geheimes Schriftstück gibt, das er nicht einen Tag nach dessen Uebermittelung an den Kongreß zu veröffentlichen imstande wäre? Diese Bevorzugung ist eine um so ungerechtere, als sie zu ganz tendenziösen Zwecken verwertet wird, als Herr Stead damit einerseits für eine bestimmte Macht Reklame macht, andererseits die mißleitete öffentliche Meinung gegen andere Mächte, deren Auffassung von der jener anderen abweicht, aufzuhetzen sucht. Besonders in Deutschland hätte man allen Grund, gegen diesen Unfug allgemeinen Einspruch zu erheben und jedes dritte Mysterium zu ergründen. Ein Name ist auf den Lippen aller, es wäre aber wünschenswert, daß er auch bekannt würde. Man kann es zahlreichen Delegierten wahrlich nicht verdenken, daß sie empört sind und lieber heute als morgen jenes Jntriguennest verließen, in das sich die gastliche Residenzstadt Hollands verwandelt zu haben scheint.
Schon einmal ist das Gerücht aufgetaucht, Herr Stead habe eine bedeutende Subvention (man nannte Die Summe von 50 000 Rubeln) aus Petersburg erhalten. Vielleicht hängt diese „Subvention" mit der notorischen parlamentarischen Unfähigkeit der russischen Delegierten zusammen. Es wird darüber berichtet:
Die dem Baron de Staat überlassene Leitung der Konferenz wird durchaus nicht gerühmt. Sir Julian
Agitatoren, von denen Treitschke spricht, daß Deutschland sie besessen habe (List, Blum und Lassalle). Professor W Sombart nennt ihn in seiner Schrift: „Sozialismus und soziale Bewegung im 19. Jahrhundert" den größten Agitator des Proletariats, ja, vielleicht den einzigen Agitator wirklich großen Stils, den das Proletariat bisher ge-
War Lassale der Agitator, so war Karl Marx (1818 bis 1883) der wissenschaftliche Begründer des modernen Sozialismus, deffen Werk: „Das Kapital", dessen letzte Bände sein Freund Friedr. Engels herausgab, geradezu dre^Bibel der Sozialdemokratie genannt worden ist. Sein 1847 ver- öffentlichtes „Kommunistisches Manifest" wurde zur Grundlage der sozialdemokratischen Agitation, er ist der Vater der materialistischen Geschichtsauffassung, der Urheber jener berühmten Werttheorie, der Fundamentallehre seines ökonomischen Systems. Karl Marx und seine Anhänger bildeten den Sozialismus zur Weltanschauung aus, sie gaben der Arbeiterbewegung ein internationales Gepräge. Marx war es, welcher die Vergesellschaftung der Produktionsmittel als Ziel, und den Klassenkampf als Weg der sozialen Bewegung bezeichnete, so die beiden Grundpfeiler aufrichtend, auf denen sie sich aufbaute. Ä
Wir sind bisher der Wissenschaft und dem Idealismus gefolgt, aber den sozialen Theorien, die wir kennen lernten, fehlen noch die Parteien, auf welche sie sich zu stützen vermögen. In der utopischen Periode herrschte noch die Neigung, die jedesmaligen Ideen sofort in die Praxis zu übertragen. Man experimentierte, und wie es infolge der mangelnden Geldmittel einerseits, sowie des mangelnden geeigneten Menschenmaterials andererseits nicht anders sem konnte, mit Mißerfolg. Der Versuch des sozialistischen Schriftstellers Gäbet, sein „Jkaria" zu verwirklichen, endigte mit der Flucht des Begründers (1856). Ein anderer Franzose, Babeuf, gründete schon 1795 während der großen Revolution eine geheime Gesellschaft zur Verwirklichung seiner sozialen Ideen; die Verschwörung wurde aber, trotzdem alles geschickt vorbereitet war, im letzten Augenblicke ve^ raten, und ihre Urheber endeten auf der Guillotine. Auch
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ftMthrt t*lM mit Ausnahme bei Montags.
Die Gießener
»erben bem Anzeiger Wöchentlich viermal beigelegt.
die Absicht Louis Blancs, bei Gelegenheit der französischen Revolution von 1848 sein soziales System zu verwirklichen, schlug fehl, obwohl die konstituierende Versammlung drei Millionen Francs zur Unterstützung von Arbeiterassociationen bewilligte, und sich zur Gründung sogenannter Nationalwerkstätten entschloß. Freilich war letzterer Versuch seitens der Regierung nicht ernstlich gemeint, sondern nur als Aushilfsmittel, welches man, wie Otto Ehlers tn feinem „Kampf gegen die Sozialdemokratie" berichtet, im Eifer des Gefechts gegen das drohende Proletariat ergriff; als die Regierung der Sache ein Ende machen wollte, krach in Paris die Straßenschlacht aus, die vom 23. bis 26. Ium dauerte, und mehr als 10,000 Menschen das Leben kostete. — In England trat Robert Owen mit seinem Plane der Gründung einer kommunistischen Kolonie auf, zu deren Jnslebenrufen er von dem Württemberger Rapp die Kolonie New-Harmony am Wabasch kaufte (1823); er mußte aber das Unternehmen bereits drei Jahre später aufgeben, hauptsächlich aus Mangel an geeigneten Teilnehmern. Auch die von ihm 1832 in London ins Leben gerufene Arbeitstauschbank (Labour Exchange), in welcher jedes Mitglied Waren deponieren und dafür Arbeitsgeld auf Grund bestimmter Schätzung empfangen sollte , ging 1814 wieder ein. — Noch zu erwähnen ist Wilhelm Weitlings L^rsuch der Stiftung eines Kommunistenbundes in der Schweiz. Auch die im Anschluß an Lassalles Agitation, und in neuerer Qeit in Deutschland unternommenen Versuche, gemeinsame Arbeits- nnd Geschäftsbetriebe (Produktivgenossenschaften) zu gründen, führten zu keinem günstigen Resultate, wie Überhaupt nur die zugleich auf religiöser Grimdlage basierten sozialen Gemeinwesen (z. B. der Shaker, Rappisten, Mormonen u. s. w.) eine gewisse Lebensfähigkeit auswiesen. Die moderne Sozialdemokratie redet daher derartigen Gründungen durchaus nicht mehr das Wort. In den letzten Jahren verfolgte der SRationalötonom H-rtzka der Verfasser von „Freiland", den Plan, in Asrika ein sozialistisches Gemein- wesen anzulegen, ohne jedoch zum Ziele zu gelangen.
(Schluß folgt.)
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Heneral-Anzeiger
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