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5.11.1899 Drittes Blatt
 
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Gießener Anzeiger

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llrtfle für Depeschen: Krtzelger £1«$^ Fernsprecher Nr. 51.

preisgegeben. Die Verhandlungen sind allerdings noch nicht formell abgeschlossen, aber man ist Handels- einig und man ist deutscherseits von der Unmöglichkeit überzeugt, die deutschen Ansprüche gegenüber dem hart­näckigen Verlangen Englands durchzusetzen, obwohl Graf Bülow noch vor einigen Tagen im Kolonialrate erklärt hat, daß erin Uebereinstimmung mit der öffentlichen Meinung in Deutschland die Wahrung unserer alten Stellung auf Samoa allen anderen Erwägungen voran­stellen müffe". Deutschland hatte bekanntlich eine Teilung der Samoa-Inseln vorgeschlagen, die aber von England abgelehnt wurde. England bestand vielmehr darauf, daß die Hauptinsel Upolu, auf der Deutschland die weitest­gehenden und ältesten Interessen hat, entweder in deutschen oder englischen Besitz komme und die zurücktretende Macht anderweitig entschädigt werden müsse. Als Ersatz ver­langten die Engländer das deutsche Neu-Guinea- Schutzgebiet, das sie uns schon früher einmal ebenso wie Südwestafrika abkaufen wollten. Auf diese Schad­loshaltung konnte sich die deutsche Regierung nicht ein­lassen, und da sie dem hartnäckigen Willen der Engländer keinen ebenso starken, weil keinen durch Kampfbereitschaft gefesteten Willen entgegenzusetzen vermochte, so gab sie nach oder ist eben im Begriff, nachzugeben. Samoa ist verloren, aber man tröstet sich im Auswärtigen Amte damit, daß man zur Entschädigung die Gilbertinseln und die britischen Salomons-Jnseln erhält, wo­durch sämtliche Gruppen des sogenannten Mikronesiens, mit einziger Ausnahme der von den Amerikanern besetzten Insel Guam, in deutschen Besitz kommen."

Trotz der Bestimmtheit, mit der dieTägl. Rundsch." ihre Behauptung aufstellt, und trotz des immerhin auffälligen Umstandes, daß derVoss. Ztg." vonunterrichteter Seite" eine Zuschrift zugeht, welche die Preisgabe Samoas durch das Reich gegen die Abtretung der englischen Salomons- und Gilbertinseln als unabwendbar hinstellt, weil England hartnäckig sei, weil Australien auf die Erwerbung Samoas hindränge und weil England für den Verzicht auf Samoa nicht weniger als Deutsch-Neu-Guinea verlange: trotz alledem können wir noch nicht glauben, daß ein solches Abkommen so gut wie abgeschlossen sei. Weshalb sollte gerade jetzt bei der Lage der Dinge in Südafrika Deutsch­land nicht ebenso hartnäckig sein, wie England? Warum sollte Deutschland nicht ebenso hohe Forderungen stellen, wie England? Weshalb sollten wir dem Hindrängen Australiens auf die Erwerbung von Samoa nicht die That- sache entgegenstellen, daß wir auf der Hauptinsel Upolu die größten und ältesten Interessen haben? Doch wohl nicht deshalb, weil der neue Flottenplan noch Plan ist. Denn auf einen Krieg um Samoa läßt es England bei der jetzigen Lage der Dinge doch wohl nicht ankommen. Immer­hin wird die deutsche Reichsregierung im eigenen Interesse gut thun, so bald wie möglich den Behauptungen der Tägl. Rundsch." und des Gewährsmannes derVoss. Ztg." ein unzweideutiges Dementi entgegenzusetzen. Das erstere Blatt schließt zwar seinen Artikel folgendermaßen:

Samoa ist eine tägliche Mahnung: Baut eine Flotte, damit wir abrechnen können. Nehmt unseren Staatsmännern die gewichtige Ent­schuldigung, daß sie kleinliche, ängstliche, erniedrigende Politik treiben müssen, weil sie das Reich keinem Krieg aussetzen dürfen, für den es nicht gerüstet sei. Nicht der Unwille gegen die Regierung sei das beherrschende Gefühl bei dem Abschlüsse der Samoatragödie, sondern der zornige, aber feste Vorsatz, Deutschland aus seiner Misere zu helfen, eine Flotte zu bauen, die ein anderes Samoa zu schützen vermag."

Wir glauben jedoch nicht, daß der Uebereifer der deutschen Diplomatie, die Samoa Frage um jeden Preis gerade jetzt zu lösen, die Zahl derer vermehren würde, die bereit sind, für den neuen Flottenplan einzutreten, nach dessen Aus­führung es ja wieder heißen könnte, wir wären England zur See nicht gewachsen.

Rt. 261 Viertes Blatt.

* Vom Kriegsschauplatz.

Die Esel sollen, nach einer Meldung aus Pietermaritz­burg, wieder in Ladysmith angekommen sein. Sie waren bekanntlich, wie General White wenigstens rappor­tierte, am Montag durchgegangen und hatten damit die Schlacht zugunsten der Buren entschieden. Leider können wir von hier aus nicht kontrolieren, ob die Engländer that« sächlich wieder über die genügende Anzahl von Langohren verfügen, aber soviel steht heute fest, daß sie abermals

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eine Niederlage erlitten haben. Am Dienstagabend, also unmittelbar nach dem Siege von Ladysmith, waren die Buren südöstlich vorgerückt, um Cölen so zu nehmen, die nächste große Station auf der Bahnlinie nach Pietermaritz­burg-Durban, gestern, also nach dreitägigen Kämpfen, bei denen es heiß hergegangen ist und White wieder einen großen Verlust an Offizieren und Mannschaften zu verzeichnen hatte, ist ihnen der Ort in die Hände gefallen. Die Thatsache ist in folgenden Telegrammen enthalten:

Paris, 2. November. DieAgence Havas" meldet aus Kap­stadt: Die Nachrichten'von den Siegen der Buren bei Ladysmith haben hier große Aufregung hervorgerufen. Die Afrikander verhehlen ihre Freude nicht. Der Gouverneur Milner ist über ihre Haltung be­unruhigt. In den Kämpfen verlor General White etwa 3500 Mann an Toten, Verwundeten und Gefangenen. Ein zweiter Sieg wurde durch die Freistaat-Buren errungen unter dem Befehl des Generals Lukas Meyer, welcher sich Colensos bemächtigte und so dem General White den Rückzug abgeschnitten hat. White soll verwundet sein. Die Einschließung von Ladysmith ist eine vollständige, die Buren sind Herren der Eisenbahn nach Pietermaritzburg und Durban. Nachrichten vom westlichen Kriegsschauplatz melden, daß Mafeking eng eingeschlossen ist, und daß die Buren siegreich alle Ausfälle aus Mafeking, dessen Ueber- gabe sie erwarten, zurückschlugen. Ferner wird bestätigt, daß die Frei­staat-Buren sich Colesbergs bemächtigten.

Amtlich wird gemeldet:

London, 2. November. Eine Drahtnachricht des Gouverneurs von Natal meldet, daß die Verbindung mit Ladsmith seit heute nachmittag 2 Uhr 30 Min. abgeschnitten ist. Das Kriegsnnm- sterium betrachtet dies jedoch nicht als eine Bestätigung der aus Brüssel (Paris?) kommenden Nachricht daß Ladysmith von den Buren völlig em- geschlossen und Colenso genommen sei.

D. h., das Kriegsministerium hält es nicht für an­gezeigt, mit dieser Bestätigung herauszurücken. Sie würde auch in London als ein neuer schwerer Schlag empfunden werden und dem sehr erheblich abgeflauten Kriegsenthusiasmus noch vollends den Atem benehmen. So lange die Bahn­verbindung mit Durban noch intakt war, konnte Ladysmith noch auf Entsatz hoffen, konnte man noch daran denken, mit den von England erwarteten Verstärkungen die Buren wieder aus Natal herauszudrängen und den Krieg in ihre eigenen Grenzen hineinzutragen. Das ist nun vorbei; denn, wie wir schon einmal betonten, der Weg von Durban durch Natal nach Volksrust ist weit, und die englischen Brigaden, die, gebunden an den mit Ochsengeschirren beförderten Train, ihn zurücklegen müssen, werden nur äußerst langsam vorwärts kommen, dabei fortwährend von den die umliegenden Anhöhen beherrschenden Buren beunruhigt und nach und nach decimiert. Das kann der Todesweg werden, auf dem die Engländer sich verbluten.Alles steht gut", telegraphierte White noch gestern morgen, oder man ließ ihn in London wenigstens so telegraphieren einige Stunden darauf war die Mause­falle zugeklappt, in der er sitzt. Es ist ihm nicht möglich gewesen, durch Ausfall-Operationen sich Luft zu schaffen oder sich nach Süden durchzuschlagen seine Kraft ist gebrochen. Die Kritik, die an der Taktik dieses Muster- Generals jetzt in Londoner Fachkreisen offen geübt wird, läßt auch kein gutes Haar mehr an ihm. Sein absoluter Mangel an Vorsicht, selbst der allergewöhnlichsten, sagt man, habe die herben Verluste herbeigeführt. Man hebt hervor, daß es augenscheinlich an einem regelmäßigen Aufklärungs­dienste im Gelände um Ladysmith fehlte, das als Waffen­platz doch seit längerer Zeit vorbereitet worden sei und wenigstens in einem Umkreise von 10 Meilen (16 Kilometer) einem Teile der Truppen, wenn nicht allen, bekannt sein sollte wie die eigene Tasche. Man vermißt bei Nacht­märschen die einfachsten militärischen Marschsicherungen, Vorhut und Seitenpatrouillen, sowie Meldereiter zur Ver­bindung mit Ladysmith, und wundert sich, daß nichts geschah, um nach dem Verlust der Reservemunition durch Nachschub Hilfe zu erlangen.

Aehnlich spricht auch ein Teil der Tagespresse sich aus, und ihr Urteil wird ein vernichtendes werden, wenn es sich bewahrheitet, daß die Buren bereits nicht blos gegen Pieter­maritzburg und Durban marschieren, um die dortigen Höhen zu besetzen und die Landung englischer Truppen zu hindern, sondern auch Pomeroy, 50 Meilen von Greytown, genommen haben. Auf die Straße über Greytown sind nämlich die Engländer angewiesen, wenn sie unter notgedrungenem Ver­zicht auf den Schienenweg von Durban nach dem Norden Natals vorwärts wollen. Zu allem Unglück kommt noch, daß die Engländer in der Nervosität, in die sie sich hinein­gesiegt haben, nicht mehr recht zu unterscheiden wissen, wer Freund, wer Feind ist. So berichtet man:

Lissabon, 2. November. In der Delaaoa-Bai schoß ein eng- lssches Kriegsschiss auf ein Segelschiss, das in den Halen emgefahren war, ohne die Flagge zu zeigen. Es stellte sich heraus, daß das Segel­schiff ein englisches war.

Der Zar in Berlin.

Die Auslassung derNordd. Allgem. Ztg." über die Bedeutung der bevorstehenden Begegnung des Kaisers und des Zaren hat vielleicht keinen anderen Zweck, als den, in Kaiser Nikolaus II. nicht den Gedanken aufkommen zu lassen, sein Besuch werde in Berlin nicht rach Gebühr gewürdigt. Jedenfalls geht aus der hoch- vfsiziösen Erklärung, es seiselbstverständlich unbegründet", daß es sich nur um eine ganz flüchtige Begegnung privaten Charakters handle, noch nicht hervor, daß es sich bei der Begegnung um eine Angelegenheit von hoher Wichtigkeit rnd großer Tragweite handle. Begreiflich ist es aber immer­hin, daß die Erklärung Aufsehen erregt und Anlaß zu aller­hand Vermutungen giebt. Die unwahrscheinlichste ist die, daß der Kaiser, nachdem er über den Zweck des Zarenbesuches unterrichtet worden, seine Reise nach England aufgegeben und diesen Be­schluß bereits dem Prinzregenten von Bayern mitgeteilt habe. Wir glauben im Gegenteil, daß in dem Besuch des Zaren für den Kaiser ein neuer Anlaß liegt, den in London versprochenen Besuch nicht aufzugeben. An der Themse freilich wird man nicht eben erbaut davon sein, daß der Kaiser erst kommt, nachdem er sich mit dem Zaren nicht nur flüchtig und privatim unterhalten hat. Daß man in England von dem Kaiserbesuch nichts weniger als eine Befestigung des Verhältnisses zwischen Deutschland und Rußland erwartet hat, geht aus einem Artikel desStandard" hervor, der auch aus einem anderen Grunde interessant ist. ES heißt in ihm:

Die ©pinnunfl der politischen Lage lasse England mit besonderer Befriedigung das Wohlwollen wahrnehmen, wovon des Kaisers An- aesenhett in England in wenigen Wochen ein sichtbares und emphatisches Symbol liefern werde. England halte den Sohn der Tochter der Königin und des Mannes, für dessen Gedächtnis es liebevollste Ehrerbietung bewahre, gewissermaßen als englischen Fürsten hoch. Hierzu komme das Interesse für den Souverän, der einen so fesselnden und mächtigen Platz unter den Herrschern etn- mhme und dessen Eharakter und Gaben die Volksphantasie so einzu- n-hmen geeignet seien. Zwar müsse nicht angenommen werden, daß d-r Kaiser durch den Besuch sich zu definitiver Teilnahme an allge­meinen englischen Plänen oder politischen Zielen bekenne, doch würde derselbe einigen kontinentalen Mächten schmerzliche Enttäuschungen bereiten. Man wolle damit keine feindlichen Absichten unterlegen, aber wenn kein Uebereinkommen der kontinentalen Mächte entweder für die Intervention zum Schaden der englischen Pläne oder für feindliche Unternehmungen in anderen Weltteilen zu stände gekommen sei, so sei dies nicht die Schuld des Petersburger Kabinetts. Es sei eine absolute Thatsache, daß Murawjew Schritte gethan habe, um die Haltung einiger Staaten, die er der Ueberredung für zugänglich hielt, zu sondiren, um eine derartige gemeinsame Aktion zu arrangieren. Wenn man am Quai d'Orsat diese Fühler höflich abgelehnt habe, Girier der Erklärung, keine Risikos übernehmen zu wollen, so könne d-r Grund in der Haltung einer anderen, ebenfalls konsultierten Macht gefunden werden. Die Schwächung Englands könne Deutsch- i*nb nur Schaden bereiten. Falls England einer Bündnisgruppe öeitreten sollte, würde das ganze System von Bündnissen tief er­schüttert werden. Der Besuch des Kaisers würde als spontane Freundschaftsbezeugung geschätzt werden und das Telegramm an die elften königlichen Dragoner als huldvoller Beweis der chevalereSken Gesinnung ihres Ehren-Kommandeurs. Ein Zeichen der Zeit sei, daß wenig Aussicht auf eine formelle Zusammenkunft zwischen dem Z»r und dem Kaiser vor des letzteren Besuch bei der Königin bestehe.

Run erfolgt die Zusammenkunft doch vor dem Besuch in England und wird hochoffiziös als nicht formaler Natur bezeichnet! Das ist jedenfalls eine herbe Enttäuschung. Im übrigen können wir derKreuzztg." nur beipflichten, wenn sie zu der Auslassung desStandard" bemerkt:

Man muß gegen derartige Ausführungen bei Zetten energisch vrotestieren. Abgesehen davon, daß derStandard sich hier bemüht, gewissermaßen Deutschland zu Gunsten Englands gegen Rußland aaszuspielen, müssen wir uns doch ernstlich verbitten, daß man in Lmdon den deutschen Kaisergewissermaßen als englischen Fürsten h tnstellt. Das ist echt englische Dummdr istigkeit."___________________

Samoa verloren!"

Unter dieser Ueberschrift veröffentlicht dieTägliche Rundsch." einen Artikel, dem wir folgendes entnehmen:

Samoa, das man im gewissen Sinne die älteste unserer deutschen Ueberseekolonien nennen darf, für das so viel Gut verthan, so viel Blut geflossen ist, ist von unserer Regierung an England ausgeliefertworden. Wenn dieser Behauptung in den nächsten Tagen ein of­fiziöses Dementi entgegengestellt werden sollte, das viel­leicht mit einigennoch nicht",den amtlichen Stellen unbekannt",nur halb eingeweiht" und ähnlichen Rede­floskeln des Auswärtigen Amtes zu verwirren sucht, wo es nicht befreien kann, so vermag dieses Dementi leider am Thatbestande nichts zu ändern. Samoa ift für uns Deutsche endgiltig verloren und gegen einige Inselgruppen Mikronesiens, die wir zur "Abrundung" gebrauchen, an England