1899
Donnerstag den 5. October
Amts- und Anzeigeblatt für den Sirois Großen
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Rebeftten, Expedition und Druckerei:
Zchntßr.tze Nr. 7.
lieber den Prozeß Moosauer-Ttraubing, dessen intime Vorgänge wir in unserer vorgestrigen Ausgabe nur andeutungsweise wiederzugeben wagten, schreibt heute das maßgebendtste und gemäßigste Organ Bayerns, die „2JL N. N." folgenden begleitenden Kommentar:
Ein katholischer Priester erscheint als Hauptangeklagter vor den Schranken des Gerichtes und der Urteilsspruch belegt den schon im Greisenalter stehenden Mann ohne Annahme mildernder Umstände mit einer Zuchthausstrafe von zehn Jahren. Die Verhandlung enthüllt ein geradezu scheußliches Bild sittlicher Verworfenheit und Gemeinheit; einzelne Teile der Verhandlungen zeugen von einem solchen Sumpf moralischer Verkommenheit, daß es dem Berichterstatter über die Verhandlung oft schwer geworden ist, den Ausdruck für die Details des Prozesses zu finden unv er manches, um den guten Geschmack und die Sitte nicht zu verletzen, überhaupt nur andeuten konnte. Wir wollen heute nicht alle die schweren Beschuldigungen erörtern, die gegen den Pfarrer Moosauer vorgebracht und eidlich erhärtet wurden. Dieser Verbrecher sitzt nun im Zuchthaus und mit ihm wird sich die Oeffentlichkeit nicht mehr weiter zu beschäftigen haben. Nicht die haarsträubenden Vorkommnisse an sich sind es, die uns zwingen, dem Sensationsprozesse einige kritische Worte folgen zu lassen, denn alle Schichten der Gesellschaft weisen in ihren Reihen dann und wann solche nichtswürdige Mitglieder auf, und auch die Größe und Niedertracht der von dem Verurteilten begangenen Verbrechen, die mit Rücksicht auf seinen Stand und seine Pflichten noch schwerer verurteilt werden müßten, bieten an sich keinen Anlaß zu einer prinzipiellen Besprechung des Falles. Es liegt uns auch vollständig ferne, aus einem solchen Fall Schlüsse auf die moralische Qualität des bayrischen Klerus im allgemeinen zu ziehen, der viele hochachtbare und hochgebildete Priester in seinen Reihen hat. Wir betonen dies hier ausdrücklich, weil erfahrungsgemäß schon die objektive Mitteilung eines solchen Falles der ultramontanen Presse, die bisher die Straubinger Verhandlung nahezu vollständig unterschlug, stets Anlaß gibt, über Religionsfeindlichkeit und Aehnliches zu faseln, anstatt offen und ehrlich zu bekennen, daß sich hier eine Pestbeule gezeigt hat, die rasch und dauernd zum Heil der Kirche selbst entfernt werden muß. Diel bedeutsamer als die Verbrechen dieses Geistlichen selbst sind die Begleiterscheinungen, die der Prozeß vor aller Welt aufgedeckt hat. Denn sie geben in ihrer Zusammenstellung ein Kulturbild aus der bayerischen Provinz, bei dessen Betrachtung nicht nur unsere leitenden Staatsmänner und Politiker, sondern auch die höchsten kirchlichen Behörden einiges Unbehagen empfinden müßten. Der Prozeß hat als Folge eines unangebrachten Solidaritätsgefühles ein geradezu sträfliches Ver
tuschungssystem derAmtskollegen des verbrecherischenGeistüchen an den Tag gefördert. Auch die Thatsache, daß das Ordinariat schon vor 25 Jahren dem Priester die „ärztliche Praxis" verbot, scheint darauf schließen zu lassen, daß man wohl wußte, mit wem man es zu thun hatte. Abhilfe erfolgte aber keine. In anderen Gesellschaftsschichten pflegt man solche Aussätzige einfach von sich zu stoßen und dem Strafrichter zu überlassen. Daß dies nicht schon längst geschah, ist das eine, was zu scharfer Kritik herausfordert. Ein weiteres tiefbetrübendes Bild ist die geradezu erschreckende moralische Verkommenheit und Borniertheit vieler Gemeindemitglieder der Pfarrei Pocking. In welch' finsterer geistiger Knechtschaft, in welchem mystischen Banne müssen diese Leute stehen, die Jahrzehnte lang sich eine solche Verworfenheit, Unsittlichkeit und einen solchen Mißbrauch der heiligsten Gewalt gefallen lassen? Gab es denn in der Gemeinde keine autoritative Persönlichkeit, die an die maßgebende kirchliche und staatliche Stelle appellierte und die Dinge, die in aller Mund waren, laut und vernehmlich vorbrachte? Einige Mutige, die es wagen wollten, wurden allerdings materiell ruiniert und geächtet und konnten so die anderen abschrecken. Das alles läßt sich eine Gemeinde in einem geordneten Staatswesen am Ende des 19. Jahrhunderts bieten! Wie muß es, so fragt man sich, mit der religiösen Erziehung solcher Leute aussehen, bic selbst die wider natürlich st en Sch an dthaten ihres geistlichen Oberhirten so gelassen hinnehmen, die in dem Wahnwitz befangen sind, daß der geistliche Stand desPriesters sogar über Verbrechen hinweghelfen und Meineide ungeschehen machen könne? Man hat selten in einem Schwurgerichtssaal em so widerwärtiges Bild gesehen, wie jene Mutter, die gegen ihre leibliche Tochter die schändlichsten Dinge aussagte, um den Pfarrer zu retten. Ein Stück aus der schlimmsten Zeit des Mittelalters rollte sich da vor uns auf. Stets wird von klerikaler Seite geleugnet, daß die Priester irgend welchen Zwang auf ihre Gemeinde-Angehörigen ausüben. Bei Erbschleicherei-Prozessen, man denke nur an den Traunsteiner Fall und die Debatten über die Amortisationsgesetze in der Kammer, da lehnt man mit Entrüstung irgendwelche Einflußnahme auf sterbende Testierende ab und bei den Wahlen heißt es erst recht, die Leute handeln nur aus eigener Ueberzeugung. Der Pockinger Fall hat aufs neue bewiesen, unter welchem hartenDruck und Bann des Klerikalismus die Leute noch stehen. Oder sollte Pocking wirklich eine Ausnahme bilden? Das glaube, wer will. Es ist wahrscheinlich, dafür sprechen auch zahlreiche sonstige Anzeichen, typisch für weitere Teile Altbayerns. , . r .
Schon im Interesse einer wahrhaft religiösen Erziehung und des Ansehens des ganzen geistlichen Standes wie der Kirche wäre es gelegen, wenn die kirchlichen Oberen Hand
in Hand mit den staatlichen Behörden einmal mit kräftiger Hand eingreifen würden. Der Straubinger Prozeß hat vor allem dargethan, wie notwendig es ist, die religiöse Erziehung strenger unter die Oberaufsicht des Staates zu nehmen.
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Feuilleton.
Ludwig Knaus.
Zum 70. Geburtstage des Meisters. (5. Oktober.) Von Oskar Wiener-Prag.
(Nachdruck verboten.)
Vom Meister Knaus will ich erzählen, vom deutschen Meister Knaus, dessen stille Künstlerklause eben wlderhallt von fröhlichen Festgrüßen der Zunftgenossen und all der anderen Schönheitsfreunde, die seine Muse so sehr lieben. Mit gerechtem Stolz kann er die reichen Beweise allseitiger Verehrung entgegennehmen, denn er zählt mit zu den wenigen, die den Weltruf des deutschen Künstlertums begründet haben. Er, der treffliche Interpret der Kinderseele, dem Lust und Leid unserer Kleinen so vertraut, er, der unerreichte Schilderer des Volkslebens, der Heiteres und Ernstes im Leben des deutschen Bauern so anschaulich dar- zustellen versteht, verdient, wie kaum ein zweiter, die Popularität, die er genießt. Gerade diese Popularität ist der beste Beweis seiner künstlerischen Bedeutung, denn eine große Künstlerschar befaßt sich gerade mit dem Genre, das Knaus pflegt, und nur einer genialen Persönlichkeit kann es gelingen, aus diesem Wettstreit siegreich hervorzugehen. Knaus ist dies gelungen. Seine Schöpfungen haben die Modethorheiten eines halben Jahrhunderts ohne jede Einbuße überdauert.
Ludwig Knaus erblickte als Sohn armer Eltern im
Vermischtes.
♦ Rominten, 2. Oktober. DieKaiserin als Photographin. Während ihres Aufenthalts in Rominten photographiert die Kaiserin eifrig. Sie beherrscht diese Kunst meisterhaft. Wiederholt hat sie den Kaiser auf die Pürsche im Jagdwagen begleitet, lediglich, um das vom Kaiser geschossene Wild zu photographieren. Während sich der Herrscher mit seinen Jagdgästen auf der Strecke befindet, fährt die Kaiserin in Begleitung des vom Kaiser nach Rominten befohlenen bekannten Tiermaler Professor Friese und Hünten dem Felde nach. Bei einem Abschluß angelangt, stellt die Kaiserin selbst das Objektiv ein, besorgt eigenhändig das Einlegen der Platten u. s. w., die eigentliche Aufnahme und später auch die Entwickelung der Platten, und was sonst noch bis zur Fertigstellung des Bildes notwendig ist. Die beiden Tiermaler skizzieren unterdessen das geschossene Wild. Ist das Welter trübe und naßkalt, so erwartet die Kaiserin das erlegte Wild tut Schloßpark, um es dort zu photographieren. Eine recht hübsche Aufnahme hat die Kaiserin im vergangenen Jahre gemacht. Zwei Kapitalhirsche hatten mit den Geweihen verkämpft, daß sie nicht wieder von einander los kommen konnten. Der stärkste Hirsch drehte nun bei den Befreiungsversuchen seinem Gegner den Kopf vollständig herum, daß das Tier auf der Stelle verendete. Förster gaben bei einem Gange dem noch lebenden Hirsch den Gnadenschuß und sandten dem Kaiser die abgeschnittenen Köpfe mit Geweihen zu, die von der Kaiserin ebenfalls photographiert wurden. Aber nicht nur Wild, sondern auch Baut.en und Schönheiten der Natur sind von der Kaiserin auf der Platte gefesselt worden. Nach Fertigstellung werden die Bilder zu stattlichen Albums vereinigt. Einzelne Doppelblätter werden auch zuweilen von der Kaiserin Wohlthätig- keitslotterien und Veranstaltungen ähnlicher Art zur Verlosung überwiesen.
• Weimar, 2. Oktober. Auch die hiesige Waggonfabrik wird auf der Pariser Weltausstellung vertreten sein. An dem für die Ausstellung bestimmten Waggon wird schon seit längerer Zeit gearbeitet. Der Waggon hat eine Gesamtlänge von 23 Meter, etwa das Doppelte unserer gewöhnlichen Eisenbahnwagen, und läuft auf vier Achsen. Er wird mit dem Neuesten der einschlägigen Technik ausgestattet, erhält drei Abteilungen und zwar ein Abteil für die Post und je ein Abteil für erste und zweite Klasse.
Gönner, dem „alten Albrecht", aus dieser geistlosen Beschäftigung, der sich seine rege Art nur mit Widerwille» fügte, herausgerissen zu werden. Ein Zufall führte den alten Künstler nach Wiesbaden. Er sucht seinen geliebten Schüler auf, gerät in großen Zorn, als er ihn als Lehrling in der Augenglasschleiferei vorfindet. Mit großer Mühe gelingt es ihm, das Ehepaar Knaus zu überzeugen, daß es eine Sünde wäre, die hohe Begabung ihres Sohnes hier verkümmern zu lassen. So kommt Ludwig in die Lehre zu einem Wiesbadener „Hofmaler". Der ganze, wenn auch nicht zu unterschätzende Nutzen dieser Lehrzeit war der, daß sich Knaus soviel Geld verdiente, um seinen Plan, an die Düsseldorfer Akademie zu gehen, ausführen zu können.
In Düsseldorf arbeitete er in den Jahren 45 bis 52 im Atelier des Historienmalers Karl Sohn und später beim berühmten — aber pedantischen Wilhelm von Schadow; letzterem gelang es, den, ihm wegen seines nichts weniger als frömmelnden Styles unsympathischen, jungen Künstler von der Akademie zu vertreiben. Knaus, der durch Porträtmalen und Kopieren seinen Lebensunterhalt findet, beschließt kurzerhand, sich von dem Zopftum des akademischen Absolutismus zu befreien, und auf eigene Faust nach der Natur zu malen. , fn. .
Von jetzt ab widmet er sich fast ausschließlich dem Studium des Volkscharakters und hat darin das seinem Talente entsprechende Arbeitsfeld gefunden. Er und Vautter werden auf diesem Gebiete immer unerreicht bleiben. Der heutige Naturalismus hat sich von der Darstellung des
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Oktober des Jahres 1829 zu Wiesbaden das Licht der Welt. Als der Sohn eines Optikers, der sich mühselig sein Brod verdiente, lernte er frühzeitig die Not des Lebens kennen. Schon als kleiner Bursche half er seinem Vater bei der Arbeit. Und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre das keimende Talent bei der harten, eintönigen Glasschleiferei erstickt. Da war es ein Glück für den Knaben, dessen bildnerische Begabung schon zu Tage trat, daß der Vater nach Schwäbisch Gmünd feine Werkstatt verlegte und der elfjährige Ludwig daselbst einen guten Zeichenlehrer fand. Nun war der erste Grund zur künstlerischen Ausbildung Ludwigs gelegt. Und als der alte Knaus, seinem Wandertriebe folgend, nach mehreren Jahren wieder nach Wiesbaden kam, fügte es der Zufall, daß der „alte Albrecht , eine Wiesbadener stadtbekannte Figur, unter dessen schrullenhaften Manieren sich eine feine Künstlerseele verbarg, auf das Talent des Knaben aufmerksam wurde. Mit scharfem Blick erkannte dieser alte Maler in den noch ungelenken Zeichnungen des kleinen Knaus den werdenden Kunster und machte es sich zur Aufgabe, dieses Talent der Welt zu erhalten. Dem Optiker Knaus war es m feiner spießbürgerlich praktischen Lebensanschauung durchaus nicht erwünscht, daß sich der Sohn einem Berufe widme, dessen Bestrebungen und Ziele dem nüchternen Vater einfach unfaßbar waren. Es war ihm also wahrscheinlich recht erwünscht, daß der „alte Albrecht" Wiesbaden verließ und Ludwig auf diese Weise seinen Lehrer verlor. Und so sehen wir denn den Knaben wieder am Schleifstein in der väterlichen Werkstatt stehen. Wieder verdankt es da Knaus seinem früheren
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den feinsten.
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