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5.9.1899 Zweites Blatt
 
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Nr. 208 Zweites Blatt Dienstag den 5. September

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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2 Mark 20 Pfß. monatlich 75 Pf^ mit Bringerloh«.

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Erscheint U-Nch mit Audrulhme de- Montags.

Die Gießener »tmKttnMitUr -irrten dem Anzeiger wöchentlich viermal beigdegt

Anrts- und Anzeigeblutt für den Atveis Gieren.

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Cavaignac hier über die Noten des Bordereaus angeftellten Raisonnements so genau und mathematisch seien, wie diese behaupteten. General Deloye (zu Labor: gewendet): Das geht nicht mich an, sondern den Kriegsminister. Labori: Ich danke, dieses Schweigen genügt mir. Weiter sagt Deloye: In dem Bordereau seien Anzeichen vorhanden, daß der, der es geschrieben, ein Meister sei, kein kleiner Spion. Es sei ein Grand Seigneur. (Heiterkeit.) Der Autor des Bor­dereaus wisse, was es wert sei. Major Hartmann ent­gegnet eisig lächelnd: Der Schreiber sei vielleicht ein Seig­neur, aber von Artillerie-Sachen verstehe er nichts. Dreyfus weist jetzt auf eine falsche Angabe über die Mitteilungen der Schießvorschriften von 1894 an die vom Generalstabe befohlenen Offiziere hin. Deloye versichert, es handle sich um einen Irrtum, nicht um eine absichtliche Fälschung. General Mercier hält dem Major Hartmann vor, daß er

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abreffe für Depeschen: Anzeiger Gietz«- Fernsprecher Nr. 51.

Prozeß Dreyfus.

Rennes, 2. September.

Nachdem die heutige Sitzung des Kriegsgerichts um 6i/g Uhr eröffnet worden war, setzte Major Hartmann seine Aussage zum dritten Punkte des Bordereaus fort. Er giebt eine Schilderung der Bedeutung des Wortes Formation, welche dasselbe für einen Atilleristen haben kann. Was die Artillerie-Dienstvorschrift angehe, so sei sie 1894 in über 3000 Abzügen hergestellt und ihre Geheimhaltung nirgends empfohlen worden. Einzelne Regimenter hätten selbst noch neue Abdrücke hergestellt und jeder Artillerie- Offizier, (auch die der Reserve) habe einen Abdruck erhalten. Ein Artillerie-Offizier hätte sicher nicht die ganze Vorschrift gesandt, sondern selbst das Wichtigste herausgezogen. Was das Schrapnell anlangt, so müsse er, Zeuge, eigentlich über das Modell 1891 und das deutsche Modell sprechen; um zu beweisen, daß zwischen beiden keine grundsätzliche Aehn- lichkeit besteht, müsse er Dokumente zur Verfügung haben. Er bittet daher die Oeffentlichkeit 10 Minuten lang aus­zuschließen. Der Präsident sagt zu, daß dies am Schlüsse der Sitzung geschehen werde. Labori ersucht den Zeugen, sich über die Möglichkeit zu äußern, die für einen Offizier im Lager von Chalons (wo Esterhazy war) bestanden habe, sich Mitteilungen über die Deckungstruppen und Madagaskar zu verschaffen. Major Hartmann antwortet, seine persön­liche Meinung gehe dahin, daß in Chalons Gelegenheit sei, sich Mitteilungen über Bewegungen und Verteilung der Deckungstruppen sowie über Transportfragen zu verschaffen. Labori ersucht Hartmann, Mitteilungen über die Verrätereien Boutonnets zu machen. Major Hartmann erwidert, Bou- tonnet sei ein geschickter Zeichner gewesen, und habe sicher der fremden Macht, in deren Dienst er gestanden, wichtige Mitteilungen über die Artillerie liefern können. Was die hydro-pneumatische Bremse anlange, so glaube er, daß sie von den fremden Mächten angewendet worden sei. Die Italiener hätten die Bremse adoptiert. In Deutschland habe man Versuche damit angestellt, sie jedoch 1893 auf­gegeben. Das würde beweisen, daß mit dem Begleitschreiben keine genügenden Aufschlüsse über die französische Wasser- Luftbremse geliefert wurden. Labori fragt den Zeugen, ob er nicht im Gegensatz zu den Generalen Mercier und Roget bekundet habe, daß die Melinit-Granaten in Bourges schon 1890 verraten und der Verrat bekannt war. Major Hart­mann erwidert: Gewiß. Labori: Hat Zeuge auf der tech­nischen Artillerie-Abteilung jemals Dreyfus gesehen? Hart-

mann: Ich habe da viele Osfiziere gesehen, aber Dreysns I gesagt habe, eine fremde Macht habe Mr 1890 Renntnii ist niemals gekommen. Ich habe ihn nie gesehen und nie I von der hydro-pneumatlschen Bremse gehabt. Mafor Hart- - -- a ' 1 mann erwidert, er habe das nicht gesagt. Er habe gesagt,

die Deutschen hätten 1893 ihre Experimente beendet gehabt. Der nächste Zeuge ist Professor Havet, Mitglied des In­stituts de France. Er hält einen längeren Vortrag über die Terminologie des Bordereaus. Er beweist mit philo­logischen Gründen, daß das Begleitschreiben in schlechtem Französisch verfaßt und deutsch gedacht sei und daß Ester­hazy in seinen Briefen ganz ähnliche Wendungen gebrauche, während Dreyfus nie der leiseste Germanismus nachgewiesen, werden könne. Um 9»/, Uhr tritt eine Pause ein.

Nach der Pause läßt Labori die bekannten Briefe des Generals Gonse an Picquart verlesen. General Gonse ver­langt das Wort: Er bedauert, daß seine vertraulichen Briefe veröffentlicht würden. Er bemerkt, die Briefe seien ohne die vorhergegangenen Aussprachen mit Picquart nicht ver­ständlich. Labori: Leugnet General Gonse, daß Machinationen gegen Picquart gerichtet waren? Weiß der General, daß im Bureau des Generalstabs ein Brief an Picquart ge­öffnet worden ist, der das Wortdemidieu enthält. Gonse erwidert, Picquart sei aller möglichen Umtriebe verdächtig gewesen und man habe doch sehen müssen, wie weit dieselben gingen. Picquart bemerkt auf eine an ihn gerichtete Frage, daß der Brief persönlich an ihn gerichtet war. Labori fragt den General Gonse, ob er den ebenfalls geöffneten Brief Speranza kenne. Gonse entgegnet, der Brief sei an das Nachrichten-Bureau gerichtet gewesen. Picquart schüttelt den Kopf. Labori: Was denkt General Gonse von der Fälschung Henrys? War es nicht eine Machination gegen Picquart? Gonse verneint dies. Die Fälschung sei eine un­glückliche, bedauerliche That gewesen. Henry habe ein Dokument mit dem Namen Dreyfus fabriciert, der schon in dem Dokument des diplomatischen Dossiers existiere. Labori erklärt, daß sich in dem diplomatischen Dossiers nicht ein einziges Stück mit dem Namen Dreyfus befinde. Er ver­lange, daß General Gonse das Dokument nenne. Präsident Jouaust verweigert die Stellung dieser Frage.

Es folgt die Vernehmung des Ingenieurs de Fonde Lamotte. Er war gleichzeitig mit Dreyfus in dem Bureau. Er bezeichnet es als unmöglich, daß ein Offizier, der dem Generalstab zeitweilig zugeteilt gewesen sei, das Bordereau geschrieben haben könne. Er erfülle eine Gewissenspflicht, wenn er dies hier sage. Er sei 1894 beauftragt gewesen, die Dienstvorschriften des Bureaus einzusammeln und es habe kein Exemplar gefehlt. Boisdeffre und Roget wenden

, aber Dreyfus I gesehen und nie I seinen Namen gehört.

General Deloye teilt einen kriegsministeriellen Befehl mit, die 1894er Schießvorschriften als ein vertrauliches Schriftstück zu behandeln. Zeuge fährt dann fort, in dem er mit den Armen schlenkert und dann wieder die Hände faltet mit tiefstem Pathos: Major Hartmanns Aussage habe zahlreiche Aussagen berührt. Sie habe viele Richtig­keiten enthalten, aber ihre Gesamtheit sei dennoch nicht voll­ständig richtig. Das sei sein Eindruck. Zeuge redet noch eine Viertelstunde in ähnlichen allgemeinen Wendungen um Hartmanns Aussagen herum, ohne aber eine einzige That- sache vorzubringen.

Er schließt: lieber die Schuld oder Unschuld des An­geklagten weiß ich nichts. Ich bin eine Art Sachverständiger. Hartmann hat gesagt, es sei Dreyfus unmöglich gewesen, sich gewisse Mitteilungen zu verschaffen. Ich sage, diese Unmöglichkeit bestand nicht. Major Hartmann wendet sich mit schneidendem Hohn gegen den General Deloye. Er fragt ihn, wie es möglich sein könne, daß die Teile seiner, Hartmanns, Aussage richtig seien, während das Ganze falsch sei. General Deloye bemerkt wieder unter allerhand Gesten, welche Eindrücke die Aussage Hartmanns auf ihn gemacht habe. Verteidiger Demange fragt den General Deloye, ob er die Auskunft kenne, welche der Obermeister der Artillerie-Werkstätte Nobbin über Dreyfus gegeben habe. Deloye erwidert mit Ja. Labori fragt, ob General Deloye als Experter auf Ehre und Gewissen versichern könne, daß die von den Generalen Mercier und Roget und von Herrn

Feuitlettm.

I)as 19. Jahrhundert.

Unter Mitwirkung hervorragender Fachgelehrter herausgegeben von Friedrich Thieme.

(Nachdruck oder AuSzug verboten. XIV.

Technik I.

Ausnutzung der Elektrizität und des Dampfes. Verkehrswesen.

Die Technik ist gewissermaßen die ausführende Hand der Naturwissenschaften; was letztere erwarben, macht sie für die Menschheit, für die Gesellschaft, für das Leben nutzbar. Sie ist in Wahrheit ein internationaler Heros, welcher den ganzen Erdball mit seinen eisernen Armen um­spannt, alle Grenzen des Verkehrs beseitigt, alle Völker in Berührung bringt, und die ganze Welt in ein zusammen­hängendes Wirtschaftsgebiet verwandelt. Wo das Auge nur hinblickt, rauchen ihre Schlote, ertönen ihre Pfeifen, leuchten ihre Feuer, spannen sich ihre Schienen und Drähte aus, schlagen ihre Hämmer. Die soziale Frage, wie sie das Ende des 19. Jahrhunderts kennt, ist ein Kind der modernen Technik. Zwei gewaltige Naturkräfte stehen in ihrem Dienste: die Elektrizität und der Dampf. Noch zahl­reiche Hilfstruppen stehen ihnen zur Seite, aber diese beiden sind es in erster Linie, welche dem 19. Jahrhundert ihr Gepräge aufdrücken, welche den Verkehr regulieren und die Formen der modernen Produktionsweise bestimmen.

Wir sind in unseren den Naturwissenschaften gewidmeten Artikeln der Entwickelung der Elektrizität gefolgt, soweit die wiffenschaftliche Behandlung des Gegenstandes in Frage kam. Die technische Ausbeutung der neuen Kraft begann schon in dem ersten Drittel des Jahrhunderts. Schon An­

fang der 20er Jahre lieferten Faraday und Barlow den Beweis, daß man die Energie des elektrischen Stromes in mechanische Energie umsetzen könne, und 1831 gab ersterer Forscher mit der Entdeckung der Induktion auch den Nach­weis der Möglichkeit, elekritsche Energie durch mechanische zu erzeugen. Auf dieser Grundlage entstanden bereits 1832 die ersten Elektromotoren und Dynamomaschinen, die von Dal Negro und Pixii, welche jedoch ebensowenig wie die später von Saxton, Jacobi u. a. hergestellten Motoren größeren praktischen Anforderungen zu genügen vermochten. Selbst die zur Beleuchtung des Leuchtturmes von South- Foreland (zuerst am 8. Dezember 1858) benutzte Maschine oder die der Kompagnie L'Alliance in Paris, welche u. a. beim Bau des Suezkanals und im deutsch-französischen Kriege benutzt wurde, stellten keine erheblichen Verbesserungen dar, es bedurfte vielmehr erst der von Werner Siemens gemachten, am 17. Januar 1867 der Berliner Akademie vorgelegten Entdeckung des Dynamoprinzips, um Dynamo­maschinen in ihrer jetzigen Form zu schaffen, und dadurch der Entwickelung der Elektrotechnik einen ganz neuen Auf­schwung zu geben. Immer gewaltigere Maschinen wurden seitdem gebaut, von 100 und mehr, ja 500 und 600 Pferde­stärken. Die von Ferranti zur Beleuchtung von London erbaute besitzt sogar 5000 Pferdekraft. Der Umstand, daß jede Dynamomaschine auch als Elektromotor benutzt werden kann, wenn ihm der Strom eines wenn auch wett ent­fernten ähnlichen Apparates zugeführt wird, führte zur elektrischen Arbeitsübertragung, welche besonders für Berg­werke immer mehr zur Anwendung gelangt, so wird Nicht nur der Rheinfall bei Genf schon zum großen Teile Mittelst Elektrizität ausgenutzt, sondern auch zahlreiche andere Waffer- gelegenheiten. Am meisten machte vor ewigen Jahren die von Lauffen am Neckar nach der Frankfurter Elek­trizitäts-Ausstellung hergestellte Kraftübertragung von sich reden.

Die Zahl der Elektrizitätswerke steigt rapid, am 1. Oktober 1895 waren 180 in Betrieb, und seitdem sind zahlreiche neue dazu gekommen. Allenthalben halten das elektrische Licht und die elektrische Bahn ihren siegreichen Einzug, und die Anwendung der elektrischen Kraft im Dienste der Jndstrie folgt ihnen nach. Sowohl das elektrische Bogenlicht, zuerst 1813 von dem englischen Chemiker Daoy dargestellt, und seitdem zu seiner jetzigen Vollkommenheit ausgebildet, als das elektrische Glühlicht, von William Grove 1845 zuerst dargestellt, haben sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit eingeführt und verbreitet; bereits am 1 Januar 1890 waren in Deutschland 2590 Anlagen für elektrische Beleuchtung mit 339,000 Glühlampen und 21,000 Bogenlampen in Betrieb. Die Zahl der elektrischen Straßenbahnen betrug in Europa am 1. Januar 1896 im ganzen 111 mit insgesamt 902 Kilometer Geleislänge und 1747 Motorwagen. Davon entfallen auf Deutschland 406 Kilometer mit 857 Wagen. In den Vereinigten Staaten waren Ende 1895 20,000 Kilometer mit 35,000 Wagen in Betrieb. Auch in Deutschland ist die Zahl stetig im Wachsen. Zu Schiffahrtszwecken hat dagegen die Elek­trizität in der Praxis weniger Anwendung gefunden, ob­gleich ihr auch hier für die Zukunft die günstigste Prognose gestellt wird. Vorläufig scheitert der Gebrauch der elek­trischen Kraft im großen an der Schwere der anzuwendenden Maschinen, und an der Notwendigkeit, das Fahrzeug nach einiger Zeit mit neuer elektrischer Kraft zu versehen. Mit Akkumulatoren versehene kleine elektrische Boote, besonders auf den Flüssen, sind dagegen in nicht geringer Menge in Benutzung; auch für den Kriegsdienst sind sie von nicht unbedeutendem Werte als Beiboote zu den großen Kriegs­schiffen. Sims und Edison haben auch ein lenkbares, elek­trisch zu bewegendes Torpedo erfunden.

(Fortsetzung folgt.)