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5.8.1899 Erstes Blatt
 
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1899

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Amtlicher Heil.

Bekanntmachung.

Auf Antrag des Großh. Kreisveterinäramts ist, nachdem oie Verseuchung in Trais-Horloff weiter fortgeschritten, die 'Gemarkungssperre über Trais-Horloff angeordnet worden.

Der Durchtrieh von Klauenvieh durch die Gemarkung ist demnach verboten.

Gießen, den 4. August 1899.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

I. V.: Frhr. Schenck.

Deutsches Reich.

Berlin, 3. August. Die zweite Hauptversamm­lung des 40. Allgemeinen Genossenschafts­tages trat heute vormittag unter zahlreicher Beteiligung im großen Saale derPhilharmonie" zusammen. .Der Verbandsanwalt Dr. Crüger berichtete über die durch das Bürgerliche Gesetzbuch erforderlichen Aenderungen der Satz­ungen der allgemeinen deutschen Genossenschaften, die Herren Wellborn-Friedenau und Lorenzen-Speyer sprachen über den Checkverkehr, der von 172 Genossenschaften eingeführt sei. Beide Redner brachten folgenden Antrag ein:Der all­gemeine Genossenschaftstag empfiehlt den Unterverbänden, die Bildung eines Checkverbandes unter den Genossenschaften, die den Checkverkehr eingeführt haben, nach Möglichkeit zu fördern. Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen. Hierauf hielt der Verbandsanwalt Dr. Crüger einen ein­gehenden Vortrag über50 Jahre deutscher Genossenschafts­geschichte", der eine Ergänzung zu der Festschrift bildete. Aach Erledigung noch einiger unwesentlicher Gegenstände wurde die Hauptversammlung geschlossen.

M.P.C. In parlamentarischen Kreisen wird angenommen, daß sich die Landtagssession bis in den September chinziehen werde.

M.P.C. Wenn demHann. Courier" geschrieben wird, der Kanzler habe sich vor unbestimmter Zeit zugunsten der Einführung von Diäten für Reichstagsabgeordnete und für die Bewilligung des § 2 des Antrages auf Auf­hebung des Jesuitengesetzes erklärt, so wissen wir nicht, wie weit diese Angaben zutreffend sind. Was wir in­dessen bestimmt wiffen und s. Z. auch mitgeteilt haben, ist, - sich im Bundesrat eine ziemlich beträchtliche Anzahl von Delegierten befinde, welche es für zeitgemäß zu erklären durch ihre Regierungen in den Stand gesetzt sind, daß den Jesuiten der Aufenthalt im Deutschen Reiche nicht länger verweigert werde. Thatsächlich befinden sich die Jesuiten bereits schon lange in den Grenzen des deutschen Reiches. In unseren verschiedenen Schutzgebieten haben sie auch das Recht, Niederlassungen zu gründen. Es ist ein Wider­

spruch in sich selbst, hiernach das allgemeine Verbot bestehen zu lassen. Damit, daß die Jesuiten in das Deutsche Reich hineindürfen, haben sie noch nicht das Recht, Niederlaffungen in den einzelnen Staaten zu gründen. Dazu bedarf es ge­setzgeberische Akte der Einzelstaaten. Die Diätenfrage für den Reichstag ist eine langumstrittene. Thatsächlich werden zur Zeit viele für die Ausübung eines parlamentarischen Mandats sehr geeignete Kräfte dadurch zurückgehalten sich wählen zu lassen, weil die Zugehörigkeit zum diätenlosen Reichstag Anforderungen an den einzelnen Gewählten stellt, die nur von Wohlhabenden erfüllt werden können.

Vorabschätzung von Flurschäden. Bei der Vorabschätzung von Flurschäden, die bei Truppenübungen verursacht worden sind, sollen, wie der Minister des Innern in einer soeben an die Nachgeordneten Behörden erlassenen Rundverfügung hervorhebt, mancherlei Mißstände zu Tage getreten sein. Namentlich hätten die Ortsvorstände von der Befugnis, die Aberntung der Felder vor dem Eintreffen der Abschätzungs-Kommission anzuordnen, stellenweise in Fällen Gebrauch gemacht, in denen diese Maßnahme zur Verhütung eines höheren Schadens nicht erforderlich gewesen sei. Die Angaben der Ortsvorstände und der zugezogenen Ortsein­gesessenen über den Umfang des Schadens hätten ferner mitunter die notwendige Unparteilichkeit und Zuverlässigkeit vermissen lassen. Endlich hätten sich die von den Ortsvor­ständen vorgenommenen Feststellungen häufig nicht auf die Ermittelungen des Standes der beschädigten und abzuern­tenden Felder, die Menge und Beschaffenheit der übrig ge­bliebenen Früchte und deren etwaige weitere Verwendbarkeit (z. B. als Viehfutter) und den sich hiernach ergebenden Um­fang des Schadens beschränkt sondern es sei, der Vorschrift zuwider, die Höhe der Entschädigungssumme selbst festgestellt worden. Der Minister ersucht infolgedeffen die Regierungs­präsidenten, die Ortsvorstände auf die Unzulässigkeit solcher Vorkommnisse hinzuweisen.

M.P.C. Nach Falbs Vorhersage stehen im August kri­tische Tage bevor. Vielleicht ist dies auch in politischer Beziehung der Fall. Auch im Jahre 1892 war der August ein kritischer Monat. Damals bereitete Caprivi die Militär­vorlage vor. Bei der Parade auf dem Tempelhofer Felde am 18. August hielt der Kaiser eine Rede. Es war zweifel­haft, ob er sich in derselben für oder gegen die zweijährige Dienstzeit erklärte. Caprivi hatte sich bereits für die zwei­jährige Dienstzeit entschieden. Er glaubte zuerst Veranlassung zu haben, von seinem Posten zurückzutreten. Da es nicht dazu kam, mußte man annehmen, der Kaiser sei mit der Konzession der zweijährigen Dienstzeit einverstanden. Die Krisis ging damals vorüber. Die im Herbst eingebrachte Militärvorlage enthielt die zweijährige Dienstzeit. Warum ist die Lage jetzt ebenfalls kritisch? Die Konservativen wollen, wie es scheint, ihrer Mehrzahl nach absolut nicht auf die Kanalvorlage anbeißen. Aber auch die Gemeinde­wahlreform findet von Tag zu Tag mehr Gegner. Im

Rheinland und Westfalen hegt man die größten Besorgnisse vor Zentrums-, klerikalen und sozialdemokratischen Mehr­heiten in den kommunalen Bestrebungen. Wenn der Kanab und die Gemeindewahlreform im Landtage abgelehnt werden, müssen verschiedene preußische Minister zurücktreten. Nicht als ob in Preußen ein parlamentarisches Regiment einge­führt werden sollte. Die Minister haben sich aber der­maßen stark gemacht für die Kanal- und die Gemeindevor­lage, daß sie nicht gut anders können, als dem König ihre Portefeuilles zur Verfügung stellen.

Berlin, 3. August. Die Stadtverwaltung von Metz hat an einer Reihe von Straßenecken neben den bisher allein vorhandenen deutschen Straßenschildern französische an­bringen lassen. Dreißig Jahre ist es ohne französische Schilder gegangen, und nun müssen auf einmal französische Schilder her. Hat die Gemeindeverwaltung vergessen, daß am 18. August der Kaiser zu einer besonderen Feier nach Metz kommt? Soll das die Begrüßung sein? Und wird die vorgesetzte Behörde diesen Beschluß des Gemeinderats nicht umstoßen? Es liegt alle Veranlassung dazu vor. Die Bevölkerung kennt die deutschen Bezeichnungen, es ist kein Grund vorhanden, sie nun auf einmal durch französische zu ersetzen.

Nachwuchs des Offizierkorps. Nach den über den Nachwuchs des Offizierskorps der deutschen Armee in den letzten Jahren gemachten Aufzeichnungen ist derselbe während der letzten fünf Jahre in langsamer Abnahme be­griffen. So ist einer Zusammenstellung zu entnehmen, daß in der Zeit vom 1. April 1898 bis 31. März 1899 im ganzen 889 Offiziere ernannt wurden, gegen 930 im Jahre 1897/98, 1021 im Jahre 1896/97, 1064 im Jahrel895/96 und 1069 im Jahre 1894/95. Bei der Infanterie ist die Zahl der neu ernannten Leutnants wegen der inzwischen liegenden Bildung neuer Regimenter aus den vierten Batail­lonen allerdings noch von 582 auf 635 gestiegen, bei der Kavallerie aber ist sie von 137 auf 91, bei der Feldartillerie während der letzten fünf Jahre von 224 auf 70 gesunken. Es läßt sich dies dadurch erklären, daß die etatsmäßigen Stellen bei einzelnen Waffengattungen nahezu voll besetzt, ja bei anderen sogar noch Ueberschüsse vorhanden sind, man es also als ein ungesundes Verhältnis bezeichnen müßte, wenn der Zugang sich noch auf derselben Höhe bewegen würde, wie vor fünf Jahren, wo außer mit den normalen Abgängen im Offizierskorps auch noch mit Lücken inner­halb des bestehenden Rahmens zu rechnen war. Wäre nach­zuweisen, daß der Zudrang zu der Offizierslaufbahn im Nachlassen begriffen wäre, so müßte man hieraus allerdings Bedenken ableiten. Dies ist aber nicht der Fall. Denn der Zudrang zur Annahme als Offiziersaspirant ist im Gegensatz zur Zahl der erfolgten Aufnahmen in einer rasch und bedeutend steigenden Bewegung begriffen.

Ein kräftiges erfreuliches Wort hat der Vorsitzende des Vereins der Industriellen des Regierungs­

Feuilleton.

Weisegepäck.

Saisonplauderei von Peregrinus.

tN-chdruck verboten.)

Wer sich das Jahr durch ehrlich plackt, Bis ihm kein Nerv mehr bleibt intakt, Weil Stadlluft seine Brust versackt Und Lärm sein Trommelfell zerhackt, Wird bei des Schwalbenliedes Takt Von reger Reiselust gepackt. Man flieht die Arbeit, so vertrackt, Ihr wird die Muße abgezwackt. Man will zu Bergen, schneegezackt, Zur See, zu Burg und Katarakt! Hut, Schuh, Gewand und Wäsche sackt Man in den Koffer, bis er knackt In der That, wir leben augenblicklich gewissermaßen im Zeichen des Packens. Wohin man blickt, werden Vor­bereitungen für die Reise getroffen, und die allererste und wichtigste von diesen ist doch ohne Zweifel das Packen. Ob freilich auch die angenehmste, das mag dahingestellt bleiben. Tadelnswert vor allem ist, wenn sich jemand auf der Reise mit gar zu viel Gepäck herumschleppt. Dieses ist unterwegs nicht nur ihm selber, sondern besonders auch den Mitreisenden im Wege. Das Betriebsreglement der Eisenbahnen gestattet im allgemeinen nur, daß Handgepäck in die Kuppee's mit­

genommen werde. Darunter wird man vernüftigerweise doch höchstens Handtasche, Hutschachteln und möglichenfalls Köffer­chen von bescheidenem Umfange verstehen. Aber was alles wird nicht in die Kupee's geschleppt: Körbe, so groß daß sie sich kaum unterbringen lassen, und Koffer, so schwer, daß sie beim Umfallen jemanden erschlagen könnten. Selbstver­ständlich reichen die vorhandenen Vorrichtungen meistenteils nicht im Entferntesten aus, diese Gepäckstücke in den Kupee's unterzubringen. Allein das thut nichts. Wer jemals in einem so von Koffern und Körben vollgepfropften Kupee eine längere Reise zurücklegen mußte, wird wiffen, wie un­angenehm diese Situation ist. Aber man läßt sie meistens stillschweigend über sich ergehen, obgleich ein einziges Wort an den Schaffner, ein Hinweis auf solche Unbequemlichkeit genügen würden, um all' diese leidigen Gepäckstücke dahin wandern zu lassen, wo sie mit Fug und Recht ihren Platz haben sollten: in den Packwagen.

Das Packen an sich ist eine Kunst, die niemand gering anschlagen soll. Es giebt Leute, die es nie dahin bringen, ein Kleidungsstück so einzupacken, daß es keine Falten auf­weist. Andere hinwiederum sind Meister darin, wie im großen ganzen die Frauenwelt, die mit kleinen, zarten Händen in einen Reisekoffer oftmals weit mehr hineinzwängt, als es die Kraft des Mannes mit wuchtiger Faust vermag. Wichtig zumal ist beim Packen, daß man eine gewiffe Kennt­nis von der Oekonomie des Raumes besitzt. Man soll wissen, was zu unterst gehört, was obenauf- die Ecken sollen sorg­fältig ausgesüllt sein; schwere Gegenstände gehören in einen Koffer mit einem festeren Gefüge, wogegen leichtere ganz

wohl in dem minder widerstandsfähigen Flechtwerk des Korbes untergebracht werden können. Ich gebe überhaupt den Reisekörben, wie sie augenblicklich so überaus praktisch von einer sehr kunstferitgen Industrie hergestellt werden, im all­gemeinen den Vorzug vor Koffern. Jene sind so leicht fort­zubewegen und fallen auch für den Geldbeutel nicht so schwer ins Gewicht, sobald man die bei einer Reise kaum vermeidliche Ueberfracht zu bezahlen hat. Und wenn man sparen kann, soll man dies, zumal auf der Reise; sie pflegt ohnehin meistens genug zu kosten.

Einpacken soll man ferner nur solche Dinge, deren man während der Reise auch wirklich bedarf. Wer also in Gottes schöne, weite Welt hinaus einen Ausflug unternehmen will, der erwäge gerade diesen Punkt sehr sorgsam. Nichts ist für den, der behaglich zu reisen wünscht, häßlicher, als wenn er einen ganzen Ballast unnützer Gegenstände bei sich führt; andererseits freilich soll man auch nicht so leer und bloß sein, daß man nicht einmal das nötigste bei der Hand hat. Wir reisen heute viel ungehinderter und freier von Bagage als unsere Altvordern.

Die Möglichkeit, den Proviant nach Belieben durch etwaige Einkäufe ergänzen zu können, ist ja jetzt eher geboten als in jener sogenannten guten alten Zeit. Aber nichtsdesto­weniger könnte man selbst heute noch auf manches der vielen Gepäckstücke Verzicht leisten, durch die die Kupees oftmals geradezu verbarrikadiert sind. Es gewährt ganz gewiß keinen hübschen Anblick, wenn der zuweilen so schmucke Raum im Waggon durch zahllose und zuweilen recht ab­genützte Koffer und Körbe, Kisten und Kasten auf das