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5.7.1899 Zweites Blatt
 
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Ur. 155 Zweites Blatt Mittwoch den 5. Juli

1899

Meßmer Anzeiger

Heneral-AnMer

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Jungdeutschland zur See.

Zu den interessantesten Kapiteln der Geschichte der deut­schen Marine wird stets das von der Auslandsreise der Kadetten- und Schiffsjungen-Schulschiffe handelnde gehören. Es giebt wohl keinen Gau im Reich, der nicht so manchen seiner Söhne den Planken der vollgetakelten Fregatten, diesen letzten Vertretern der romantischen Segelperiode anvertraut hätte zur ersten Fahrt nach fernen Ländern. Auch der Bewohner der Seestadt wie der Berufsseemann bekunden eine Anteilnahme für den Tag, an dem die lebensfrohe Jugend hinauszieht, um die erste Schule des schweren Berufs unter der Leitung ausgesuchter Offiziere durchzumachen und zum tüchtigen Nachwuchs für die vaterländische Wehr­kraft zur See sich heranzubilden. Vor wenigen Tagen haben die Schulschiffe wieder die Anker gelichtet, zur diesmal durchweg auf ungefähr neun Monate berechneten Auslands­reise. Die Fregatten lagen sämtlich im Kieler Hafen, und «inen beziehungsreichen Abschluß derKieler Woche", in der die seemännische Leistungsfähigkeit der Deutschen von Jahr zu Jahr steigende Erfolge erringt, bildete es, als die mächtigen Geschütze des Forts den scheidenden Schulschiffen einen letzten Gruß von der Heimat nachsandten. Es sindVeteranen" des Schiffparks, an deren Bord die im April neu eingestellten Kadetten und Schiffsjungen dem Ozean zustreben, und für das eine oder andere der Fahr­zeuge ist es vielleicht das letzte Mal, daß sein Kiel fremde Gewässer durchfurcht.

Die FregatteGneisenau", welche als erste die Ausreise antrat, bleibt der Heimat am nächsten. Sie hat Segel- vrdre zunächst nach Norwegen, und zwar nach Bergen. Auf dessen Reede ankert sie vom 4. bis 14. Juli, um die Ankunft des dann auf der Nordlandreise befindlichen Kaisers abzuwarten. Von Bergen kreuzt die Fregatte querüber nach Island, von da nimmt sie geraden Kurs durch den Atlantik nach Cadiz, passiert Gibraltar, um dann eine Reihe von Mittelmeerhäfen bis nach Jaffa hin anzulaufen.Charlotte", das bisher am wenigsten strapazierte Schulschiff, steuert zu­nächst ostwärts, nach St. Petersburg. Dann wird der norwegische Hafen Stawanger und der spanische Vigo besucht. Ueber Madeira geht es weiter nach Brasilien, und zwar wird das Schiff die Flagge zeigen auf der Reede von Rio de Janeiro, Bahia, Pernambuco und bei der dem Kap St. Roque vorgelagerten Inselgruppe Fernando Norocha. Die Heimkehr erfolgt über die Kap Verden, Kanaren, die marokkanischen Hafenplätze Mogador und Casablanca, Cadiz und schließlich Dartmonth.Molkte" nimmt seinen Kurs über Plymouth, Lissabon, die Kanaren, Kap Verde, Rio

Die Thronfolge in Koburg-Gotha.

Als am 22. August 1893 Herzog Ernst II. von Sachsen-Koburg-Gotha starb, folgte ihm in der Regierung sein Neffe Alfred, Prinz von Großbritannien, der einen Sohn besaß, den am 15. Oktober 1874 geborenen Prinzen Alfred. Bekanntlich ist dieser im Anfang dieses Jahres ge­storben, dem Herzogtum fehlte also der Thronfolger. Nach langwierigen Verhandlungen ist nun endlich die Thronfolge­frage erledigt, und Herzog Karl Eduard von Albany zum künftigen Herzog bestimmt, nachdem der eigentliche Thron­erbe, der Herzog von Connaught, sowohl für sich, als auch für seinen Sohn Arthur auf die Thronfolge verzichtet hat, weil er seinen Wohnsitz nicht in Deutschland nehmen kann und will. Herzog Karl Eduard von Albany wurde am 19. Juli 1884 geboren, steht also im 15. Lebensjahre. Zu seinem Vormund ist der Erbprinz Ernst von Hohenlohe- Langenburg bestimmt, der mit einer Tochter des jetzigen Herzogs Alfred von Koburg-Gotha vermählt ist. Herzog Eduard von Albany wird seinen Wohnsitz sofort in Deutsch­land nehmen, eine deutsche Universität besuchen, und in die preußische Armee eintreten.

de Janeiro, Trinidad, St. Thomas, New-Orleans, Havanna. Auf der Rückreise wird Fayal auf den Azoren und Vlissingen angelaufen. Ein ähnlicher Reiseplan ist den als letzte den

Kieler Hafen verlassenden FregattenStosch" undNixe" vorgeschrieben.Stosch" besucht Portsmouth, Vigo, den marokkanischen Hafen Tanger, Madeira, die Kanaren, Trinidad, die venezolanische Seestadt La Guayra, von den kleinen Antillen Curayao, St. Lucia, St. Christoph und St. Thomas. Auf der Heimreise rastetStosch" in Fayal (Azoren) und dem niederländischen Nieuweding.Nixe" endlich ist bestimmt, die Flagge zu zeigen in Dartmouth, Vigo, Madeira, Las Palmas, Trinidad, St. Lucia, Port-au-Prince (Haiti), King­ston (Jamaika), Havanna, Ponta Delgada, Falmouth, Ant­werpen und Amsterdam.

Sämtliche Schiffe werden Ende März 1900 in Kiel zurückerwartet. Träger politischer Missionen sind sie im allgemeinen nicht. Gleichwohl eignen sie sich noch durch­aus, wenn es gilt, draußen dem deutschen Namen Achtung, deutschen Forderungen Nachdruck zu verschaffen, wie das im vergangenen Jahre bei dem Zwischenfall mit Haiti sich zeigte. Die Schiffe sind modern armiert, und überdies befindet sich ein Stamm altgedienter Mannschaften an Bord. Hoffentlich ist den Schulschiffen ausnahmlos eine friedliche Fahrt beschieden. D. T. A.

Deutsches Keich.

Berlin, 3. Juli. Das Kaiserpaar traf heute früh in Eckernförde ein. Es herrschte heftiges Regenwetter. Unter brausenden Hochrufen fuhr der Kaiser und die Kaiserin zu Wagen nach dem Manöverfelde. Das Manöver wurde bei strömendem Regen abgehalten.

Berlin, 3. Juli. Nach Beendigung der Manöver kehrte das Kaiserpaar nach Eckernförde zurück und begab sich an Bord derHohenzollern".

Berlin, 3. Juli. Der General-LandtagS-Direktor von Schlesien, Obermundschenk Graf von Pückler-Burghaus ist gestern früh auf seinem Gute Ober-Weistritz g e st o r b e n.

Berlin, 3. Juli. Das Abgeordnetenhaus wird voraussichtlich nur noch morgen Plenarsitzungen abhalten zur Beratung von Petitionen. Alsdann tritt eine mehr­wöchentliche Pause ein. Die nächste Plenarsitzung dürfte am 7. oder 8. August stattfinden.

Berlin, 3. Juli. Die Gerichts-Organisation für Berlin und Vororte ist heute von der betreffenden Kommission des Abgeordnetenhauses mit allen gegen zwei Stimmen in der wenig veränderten Fassung, welche sich aus dem Beschluß der Kommission ergab, angenommen worden.

Herne, 3. Juli. In der verflossenen Nacht drangen Streikende auf Zeche Blumenthal I und II in das

Feuilleton.

Das 19. Jahrhundert.

Unter Mitwirkung hervorragender Fachgelehrter herausgegeben von Friedrich Thieme.

(Nachdruck oder Auszug verboten.) XI.

Sozialismus und Arbeiterbewegung.

Die soziale Frage steht am Ende unseres Jahrhunderts im Vordergründe aller Interessen. Wohin wir das Auge wenden, soziale Bestrebungen, soziale Vereine, soziale Romane, jede Sache wird auf ihren sozialen Charakter geprüft, und Vorschläge zur Lösung sind an der Tages­ordnung. Die soziale Frage ist so recht das Schmerzens­kind unseres Jahrhunderts und das Danaergeschenk, welches dasselbe dem nächsten Säkulum Übermacht. Soziale Be­strebungen und Theorien sind freilich allerdings zu allen Zeiten aufgetaucht, aber der Sozialismus als allgemeine Erscheinung ist ein Produkt unseres Jahrhunderts; er reicht mit seinen Wurzeln höchstens bis an das Ende des 18. Säkulums hinein, und vor allem den letzten dreißig Jahren verdankt er seine gewaltige Entwickelung. Die kleinbürgerlichen Zustände der vorhergehenden Zeiten boten nicht Raum für eine so umfassende Strömung. Es be­durfte der großen Erfindungen und Fortschritte auf dem Gebiete der Naturwissenschaften, um die soziale Frage im heutigen Sinne zu gestalten, der Erfindung von Maschinen, der Einrichtung von Fabriken und der dadurch bedingten Schaffung eines besonderen, zu einer größeren Anzahl von Köpfen erwachsenden Lohnarbeiterstandes. So lange dieser Stand nicht oder doch nicht in ausreichendem Maße vor­

handen war, fehlte dem Sozialismus die reale Basis, er beschränkte sich auf utopistische Träumereien oder wissen­schaftliche Untersuchungen, welche weniger die praktische Frage der Verbesserung der Lage des Arbeiterstandes, als die Herbeiführung allgemein menschenwürdiger Zustände, die Beseitigung der Ungleichheit u. s. w. zur Unterlage hatten.

Anfangs gingen also die beiden sozialen Strömungen, die wissenschaftlich-utopische und die Praktische, d. h. die wirkliche Lohnarbeiter-Bewegung, ohne Berührung neben­einander her, ja, sie kannten und verstanden sich gar nicht. Beide gingen von anderen Ursachen, von anderen Gesichts­punkten aus; erst später, nachdem jede ihre eigene Macht­losigkeit, die Unfähigkeit, aus sich selbst heraus zur Reali­sierung ihrer Ziele zu gelangen, eingesehen, vereinigten sie sich und bildeten den modernen Sozialismus, der sich damit nicht allein zu einer Wissenschaft, sondern zu einer völligen Weltanschauung auswuchs, welche sich nicht mehr auf die rein gewerkschaftlichen Ziele beschränkt, sondern das ge­samte Leben und Denken des Menschen, die staatliche Organisation, die religiöse Gesinnung, die ethische Ge­staltung der Gesellschaft, überhaupt die Erfüllung des ganzen Menschheitsideals in seinen Zirkel einschließt.

Schon das Altertum hatte seine Utopien so gut wie seine praktischen Versuche, soziale Bestrebungen zu ver­wirklichen. Plato entwarf in seinem BucheUeber den Staat" das Ideal eines sozialistischen Gemeinwesens; das jüdische, alle 50 Jahre eintretendeHalljahr" bezweckte die Verhinderung der allzu ungleichmäßigen Anhäufung des Besitzes. Auch das Christentum ist nicht ohne soziale Züge. Aus späterer Zeit datiert das berühmte Werk des Thomas Morus:Die beste Staatsverfassung und die neuentdeckte Insel Utopia". Im alten Peru begegneten die Spanier einer strengen kommunistischen Gesellschaftsordnung, und

unser deutscher Bauernkrieg stellt sich als eine regelrechte soziale Erhebung dar.

Der Uebergang zum wissenschaftlichen Sozialismus vollzieht sich bei dem berühmten Verfasser desContract social*, Jean Jaques Rousseau, welcher bereits in einer seiner ersten Schriften das Privateigentum als öffentliches Hebet bezeichnet, ohne jedoch seine Abschaffung zu ver­langen. In seiner AbhandlungUeber den Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen" findet sich die berühmte Stelle:Der erste Mensch, welcher ein Stück Feld um­zäunte, und zu den anderen sagte:Das ist mein", und Leute fand, die einfältig genug waren, ihm dies zu glauben, war der wahre Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viel Verbrechen, Kriege und Morde, wie viel Elend hätte der nicht dem Menschengeschlechte erspart, der die Zaun­pfähle ausgerissen oder die Gräben wieder zugeschüttet und seinen Mitmenschen zugerufen hätte:Glaubt diesem Betrüger nicht; Ihr seid verloren, wenn Ihr vergeßt, daß die Erde keinem allein, die Früchte allen gehören." Sein Beispiel weckte gerade in Frankreich zahlreiche Echos, Babeuf, Saint-Simon, Fourier, Cabet. Louis Blanc er­schienen mit ihren bis ins einzelnste ausgearbeiteten Systemen auf dem Schauplatz. Saint-Simon, der Begründer des ASaint - Simonismus (gestorben 1828) erblickte das Hauptmittel zur Herbeiführung eines allgemeinen Aus­gleichs in der Aufhebung des Erbrechts, Fourier brachte Genossenschaften von etwa 2000 Köpfen in Vorschlag (Phalansterien), innerhalb deren Arbeit und Vergnügen für alle gemeinsam ist. Cabet entwirft in seiner UtopieDie Reise nach Jcaria" (1842) das Programm völliger Güter­gemeinschaft, während Louis Blanc, wie später Lassalle, die Gründung von Produktiv-Gcnossenschaften mit Staats­kredit vorschlug.

(Fortsetzung folgt.)