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«r. 55 Drittes Blatt.
Sonntaa den 5. März
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Politische Wochenschau.
Die Nachrichten über den Gesundheitszustand des Papstes haben allenthalbenniederschlagendgewirkt; esscheint, baß eine Katastrophe unmittelbar bevorsteht, wenn auch die vorübergehende Besserung über alle ernsteren Befürchtungen hinwegzutäuschen geeignet ist. Die Meldungen aus Rom nehmen denn auch jetzt das hauptsächlichste Interesse in Anspruch, sodaß darüber der Etiquettestreit zwischen Quirinal und Vatikan anläßlich der Beisetzung des Präsidenten Faure ganz vergessen ist. Die italienische Negierung hat gut daran Gethin, die Sache nicht weiter aufzubauschen.
In Frankreich hat die Regierung im Senat einen 'Achtungserfolg zu verzeichnen mit ihrem Gesetze bezüglich der weiteren Behandlung der Dreyfus-Angelegenheit. Im übrigen wird die Untersuchung gegen Dsroulöde und Genossen eifrig fortgesetzt, und Haussuchungen sind jetzt an der Tagesordnung. Man scheint an maßgebenden Stellen wirklich etwas ängstlich geworden zu sein, da man auch von royalistischen Umtrieben munkelt. Aber es ist hinwiederum auch ganz erklärlich, daß bei einer Erledigung der Stelle des Staatsoberhaupts alle Hoffnungen, mögen sie auch noch so unerfüllbar sein, rege werden. — In der Picquartsache wird neuerdings wieder heftiger für und wider den Obersten ^gitiiert.
In Ungarn ist die Neugestaltung der politischen Verhältnisse noch in der Entwickelung begriffen; es scheint, als sollte es Koloman Szell thatsächlich gelingen, eine Versöhnung der Gegensätze herbeizuführen. In Oesterreich dauert tue Versumpfung des politischen Lebens fort, wann und wie lort einmal eine Aenderung und Besserung eintreten soll, lieht dahin.
Aus den Nachrichten aus Petersburg wird man richt recht klug; sie widersprechen einander vollständig. Die «einem lauten dahin, daß der Zar krank und nicht recht mgierungsfähig sei, die anderen berichten das Gegenteil. Authentisches dürfte überhaupt kaum zu erfahren sein. Allem Anscheine nach aber huldigt der Selbstherrscher jetzt mehr reaktionären Anschauungen.
In unserer innerdeutschen Politik ist im Laufe Ätr letzten Woche keine wesentliche Thatsache zu verzeichnen gtivefen. Im großen und ganzen war es nur Parteiklatsch, Lkr erörtert wurde. Krisengerüchte schwirren noch fortgesetzt io der Luft, finden aber kaum noch Beachtung. Jedermann sagt sich allein, daß die Zeit nicht mehr fern ist, in welcher Ncichskanzler Fürst Hohenlohe sein Amt niederzulegen gtjivuiigen sein wird. Dann geschieht dies aber nur aus Äcsundheits- und Altersrücksichten. Der Kurs wird nicht $ttin bert werden. Das ist in mancher Hinsicht ein Trost,
Feuilleton.
Immer schnekter.
feine Studie über die neuesten Fortschritte im Eisenbahn- und Straßenbahn-Verkehr.
Von Rudolf Curtius.
(Nachdruck verboten.)
Wo sind die Zeiten hin, da man mit behaglicher Langst keil unter den Klängen des Posthorns von Ort zu Ort mste, um nach mehrtägiger, oft sogar wochenlanger Fahrt Eich das Ziel zu erreichen! Ob man da einige Stunden PH er oder später am Bestimmungsorte anlangte, verschlug Lm«als wenig, denn man rechnete nicht so genau wie heute ml ber Zeit, und verkürzte sich die langen Stunden durch bespräche mit den Reisegefährten, unter denen man bei den Lmnligen Verhältnissen, wo das Reisen viel kostete, mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit immer Leute von Anstand und 8ilb ung zu finden erwarten durfte.
Im Gegensätze zu dieser Gemächlichkeit finden wir heule auf Reisen fast nur noch zugeknöpfte Menschen, denen die moderne Eile und Hast im Gesicht geschrieben steht, und die Uber die Versäumung eines Eisenbahnanschlusses je nach -wniperament jammern und fluchen wie über ein großes Ünglliitf. Denn eine Generation des gesteigerten Erwerbs- lüems, welche die Bedeutung des time is money voll er- hat keine Zeit übrig, und sieht ihre oberste Devise in £in zwei Worten: „Immer schneller!"
Unsere Altvordern hielten schnelles Reisen für etwas »ch! Gefährliches, und man entsetzte sich schier über das Nchetempo, welches der erste Napoleon sich selber und seinen
daß bei uns die Politik durch Personalveränderungen an der Spitze der Regierung nicht beeinflußt wird! (xx)
Deutsches Deich.
Berlin, 3. März. Der Kaiser ist von Wilhelmshaven an Bord des „Kurfürst Friedrich Wilhelm" nach Helgoland in See gegangen und Freitag früh 8 Uhr dort vor der Düne eingetroffen. Wegen hohen Seeganges ist der Kaiser nicht gelandet. Der „Kurfürst Friedrich Wilhelm" lichtete um die Mittagsstunde die Anker und ging nach der Weser ab.
Berlin, 3. März. Der Staatssekretär v. Bülow hat sich auf Einladung des Kaisers nach Bremen begeben.
Berlin, 3. März. Den „Berl. Neuest. Nachr." zufolge ist die Ernennung des Prinzen Heinrich zum Geschwaderchef als der Anfang einer Reihe von weiteren Personal- Veränderungen in den höheren Kommando- steilen der Marine zu betrachten.
Berlin, 3. März. Der Entwurf der Novelle zum Bankgesetz hat heute eine wichtige Aenderung erfahren. Mit 13 gegen 11 Stimmen hat die Kommission einen Paragraph hinzugefügt, wonach das Privilegium der Reichsbank auf 20 Jahre verlängert wird, während nach dem bisherigen Gesetz die Verlängerung immer auf 10 Jahre eintritt, wenn keine Kündigung stattfindet.
Berlin, 3. März. In der sechsten Kommission des Reichstages, welche die Justiznovelle betreffend Ersetzung des Voreides durch den Nacheid in Verbindung mit dem Antrag Rintelen zu beraten hat, wurde heute der § 6 betreffend die Vereidigung der Zeugen unverändert angenommen.
Berlin, 3. März. In der Budget-Kommission des Reichstages wurde heute die Beratung des Kolonial- Etats beim Etat für Kamerun fortgesetzt und sämtliche Ansätze unverändert angenommen. Am Dienstag ist Weiterberatung.
Berlin, 3. März. Das Abgeordnetenhaus setzte heute die Beratung des Eisenbahn-Etats fort und genehmigte die noch rückständigen Titel des Ordinariums. Der dazu vorliegende Antrag Wetekamp betreffend Aufrechterhaltung der Arbeiter-Rückfahrtkarten und Arbeiter-Wochenkarten wurde abgelehnt. Morgen wird das Extra-Ordi- narium des Eisenbahn-Etats beraten, ferner Bernsteingesetz und Handelsetat.
M.P.C. Wir haben von Anfang an unsere Auffassung der parlamentarischen Lage in Hinsicht auf die Militärvorlage dahin gekennzeichnet, daß der Weg bis zur Bewilligung dessen, was für unerläßlich gehalten werde, zwar mit Schwierigkeiten belegt sein dürfte, schließlich aber doch
Generalen und Kurieren zumutete. Das eigentliche Schnelltempo begann aber erst mit der allgemeinen Einführung der Lokomotiveisenbahnen und Dampfs fiiffe, also vor kaum 80 Jahren, und ist seitdem in einer steten Steigerung begriffen, deren Ende noch nicht abzusehen ist.
Die Geschwindigkeit der Eisenbahnzüge ist fast ununterbrochen der Gegenstand von Erörterungen in der Presse, welche nicht nur auf die Möglichkeit größerer Fahrgeschwindigkeit, sondern auch darauf hinweist, daß in anderen Ländern schneller gefahren wird, als bei uns. Was den letzteren Punkt betrifft, so handelt es sich meistens nur um vereinzelte Glanzleistungen amerikanischer Eisenbahn-Gesell- schäften, welche sich an Schnelligkeit zu überbieten suchen. Nach den Durchschnittsleistungen aber übertreffen nur der englische Schnellzugsverkehr und einige wenige Verbindungen zwischen den nordamerikanischen Millionenstädten dasjenige, was die deutschen Eisenbahnen, und zwar speziell die norddeutschen, leisten, wie auch in Oesterreich auf verschiedenen Linien Züge mit anerkennenswerter Geschwindigkeit verkehren.
Gegenüber der Thatsache, daß einzelne englische Züge auf gewissen Strecken stellenweise bis zu 120 Kilometer in ber Stunde fahren, geben auch unsere Eisenbahntechniker zu, daß die größte auf deutschen Bahnen zulässige Geschwindigkeit von 90 Kilometer in der Stunde sich mit unteren Dampflokomotiven noch um ein Bedeutendes übertreffen ließe, jedoch nur auf fast gänzlich ebenen und graben Strecken, auf welchen ein schwerer Oberbau gelegt, unb eine qänzliche Trennung bes Personen- vom Güterverkehr durch- aefübrt werden Müßte. Mit einer Steigerung ber Stunden- geschwindigkeit um etwa 30 bis 40 Kilometer ist aber ben ausschweifenden Träumen ber bewegungsfrohen Gegenwart
zum Ziel führen möchte. Schon auf der letzten parlamentarischen Abendgesellschaft beim Reichskanzler sprach man davon, daß das Zustandekommen eines Ausgleichs der verschiedenen Ansichten in naher Aussicht stehe; inzwischen ist die Thatsache des Abschlusses eines Kompromisses in einer Form bekannt geworden, die, wenn sie sich auch vielleicht nicht in allen Punkten als zutreffend erweist, doch jedenfalls in der Hauptsache richtiges enthält. Daß die CentrumS- führung in der ersten Session der neuen Legislaturperiode nicht alles aufbieten würde, um sich gerade auf dem Gebiete als möglichst willfährig zu zeigen, das für die Parteien um so kritischer ist, je größer sie sind, war von vornherein durchaus unwahrscheinlich. Allerdings sind die Widerstände, die es zu überwinden galt, ziemlich beträchtliche gewesen. Das mehrtägige Kranksein des Herrn Dr. Lieber wird wesentlich mit darauf zurückgeführt, daß die ihm widerstrebenden Elemente außerordentliche Kraftanstrengungen machten, um ihren militäroppositionellen Standpunkt zur Anerkennung zu bringen. Die Erwägung, daß eine Militärverwaltung, wie die unsere, wenn sie eine gute Sache vertritt, gerade in der ersten Session einer Legislaturperiode viel leichteres Spiel habe im Falle des Widerstrebens der parlamentarischen Mehrheit, das was sie will vor der Wählerschaft zu vertreten, hat schließlich nicht wenig dazu beigetragen, die Bahn für eine Vermittlungsaktion zu ebnen. Das weitere muß abgewartet werden.
Ausland.
Wien, 3. März. In der heutigen Landtagssitzung brachten die antisemitischen Abgeordneten einen Antrag ein, ben Berichterstatter der „Neuen Freien Presse" von ber Journalistenloge bes Lanbtages auszuschließen.
Lokales und ProvinMes.
Birklar, 3. März. Bei ber gestrigen Bürgermeisterwahl herrschte eine Einstimmigkeit wie nie zuvor. Gewählt würbe ber seitherige Bürgermeister Müller mit 77 Stimmen.
0 Grünberg, 3. März. Nachbem bie Oberhessischen Eisenbahnen in die Verwaltung der Preußisch-Hessischen Eisenbahn-Gemeinschaft übergegangen sind, hat sich, besonders auf der Strecke Gießen—Fulda, der Verkehr bedeutend gehoben. Dies macht sich auch auf dem hiesigen Bahnhofe bemerkbar, zumal sich auch der Personen- und Güterverkehr auf der Nebenbahn Grünberg—Londorf immer mehr steigert. Das Beamten- und Arbeiterpersonal auf der hiesigen Station ist infolgedessen gegen früher erheblich vermehrt worden. — Mit den Arbeiten zum Neubau de-
nicht gedient. Man will Geschwindigkeiten von 150, 200, ja 250 Kilometer in der Stunde erreichen und hofft zu diesem Ziele mit Hilfe der Elektrizität zu kommen. Die allerneuesten Versuche, welche man zu diesem Zwecke in Frankreich auf der Strecke zwischen Paris und Melun unternommen hat, sind in hohem Grade ermutigend ausgefallen. Natürlich muß die elektrische Lokomotive, welche den Zug mit solchen rasenden Geschwindigkeiten zieht, ein wahres Monstrum von Schwere und Größe sein. Da die Anwendung von Akkumulatoren das Gewicht ins ungemessene erhöhen würde, bleibt nichts anderes übrig, als die Zuleitung des Stromes von Zentralstationen durch eine Mittelschiene, wie sie für die Wanseebahn bei Berlin geplant ist, oder die Erzeugung der Elektrizität auf der Lokomotive selber, welche vorn zur leichteren Uebertoinbung bes Luftwiberstanbes konisch zugespitzt ist. Daß man mit einer solchen Lokomotive von 18 Meter Länge, wie sie Heilmann gebaut hat, spielend leicht einem Zuge von 2000 bis 3000 Gentner Eigengewicht eine dauernde Geschwindigkeit von 100 Kilometer geben kann, ist, wie gesagt, bereits erwiesen. Weit darüber hinaus wollen aber die Amerikaner mit einer elektrischen Eisenbahn, die zwischen New-Aork und Philadelphia gebaut wird. Sie hoffen dabei, die 136 Kilometer lange Strecke zwischen den genannten Städten in nur 36 Minuten zurückzulegen, was bei Berücksichtigung der langsameren An- und Abfahrts- geschwindigkeiten auf offener Strecke eine Fahrgeschwindigkeit von 270 Kilometer in der Stunde ergeben würde. Rechnet man hiervon ein gutes Teil ab, welches getrost auf echt amerikanische, sanguinische Uebertreibung zu setzen ist, so bleibt als immerhin erreichbar doch eine Stundengeschwindigkeit von 180 bis 200 Kilometer.
(Schluß folgt.)


