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Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
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Deutsches Deich.
M P C Neuerdings ist wieder der Zweck nnddieHand- hobuug der vom Reichsamte des Innern eingeleiteten land- «irisch östlichen Erhebungen in den Vordergrund des Interesses getreten. Der betreffende Fragebogen bezweckt ausschließlich Ermittelungen über die Rentabilität der deutschen Landwirtschaft. Demgemäß ist von der Einbeziehung sowohl der Natural-Rechnungen wie auch namentlich aller subjektiven Verhältniffe — Verschuldung und dergleichen mehr — abgesehen worden. Nicht die privatrechtliche Lage der einzelnen Landwirte soll ermittelt werden, sondern die objektive RentabilitättypischerBetriebe. FürdiesenZweckreichtimwesentlichen die Kenntnis der baren Einnahmen und Ausgaben eines Betriebes aus. Aufzeichnungen hierüber Pflegen, wenn auch vielfach in zwangloserer Form, in einem erheblichen Bruchteile aller landwirtschaftlichen Betriebe, großer sowohl, wie kleiner, üblich und vorhanden zu sein. Treten hierzu noch Dir landläufigsten Vermerke über die wichtigeren Vorgänge in der Wirtschaft, so läßt sich daraus der Fragebogen vollständig beantworten; im Notfälle ist zur Erreichung des gesteckten Zieles auch die Angabe der baren Wirtschaftseinahmen irb Ausgaben ausreichend. Es ist der Fragestellung also das- sel be Verfahren zugrunde gelegt, welches bei den Taxen, wie sie M tägliche Leben bei Erbesauseinandersetzungen, Beleihungen und anderen Anlässen mit sich bringt, beobachtet »irb und daher einer großen Zahl von praktischen Land- ivrrten geläufig ist. Der Unterschied liegt lediglich im Ziel. Wahrend bei den gedachten Taxen ein Kapitalswert für das Gut gesucht wird, soll im vorliegenden Falle der Wert, und zwar der Verkehrswert, des Gutes als bekannt eingesetzt uifb die Verzinsung ermittelt werden, die für dieses Kapital erwirtschaftet wird.
Ausland.
— Der „Köln. Ztg." wird unterm 31. Januar Antwerpen geschrieben: Die Lösung der Minister-' krise hat weder die hiesigen Katholiken noch die Handels- »elt befriedigt. Herr Lieb art, der nunmehr die Finanzen übernommen hat, gilt als ein entschlossener Schutzzöllner. Außerdem war der frühere Finanzminister de Smet ein nfriger Förderer der geplanten Vergrößerung des Antwerpener Hafens, während seinem Nachfolger eine besondere Zuneigung für die Agrarier nachgesagt wird. In Bezug «lljs die von der Regierung geplante Wahlreform steht die kirchliche Bevölkerung sowohl wie die liberale der Einzel- «ahl größtenteils feindlich gegenüber; offenbar gewinnt die verhältnismäßige Vertretung immer mehr Anhänger. Sehr bemerkt wurde der Umstand, daß auch bei dem neulichen vttnisterwechsel kein Antwerpener Abgeordneter in die Regierung berufen worden ist. Wie'ich nun zuverlässig klfahre, hatte der König dem hiesigen Abgeordneten Del- teke das Portefeuille der Finanzen angeboten. Delbeke
befragte seine Antwerpener Kollegen und lehnte das Portefeuille ab, da kein katholischer Abgeordneter der Stadt Antwerpen nach Erledigung der Wahlreform dem Wunsche des Königs Nachkommen und für die Einführung der persönlichen Wehrpflicht eintreten könnte. Die Antwerpener Volksvertreter hätten also die hohen Interessen ihres durch den deutschen und holländischen Wettbewerb arg bedrohten Hafens der mittelalterlichen militärischen Stellvertretung hintangesetzt! Fraglich ist aber, ob die Lebensintereffen Antwerpens, wie im vorliegenden Falle, der Devise: „Niemand gedwongen Soldaat“ noch länger aufgefordert werden dürfen.________________________________________________________
Lokales und Provinzielles.
n. Von der mittleren Nidda, 2. Februar. Einen recht lohnenden Verdienst finden viele Leute eben beim Bergen des Eises. Obgleich dieses auf den Wiesen nur einige Zentimeter dick ist, zahlen die Bierbrauer doch 30 Pfennig für den Zentner. — Die ungünstigen Gesundheitsverhältnisse, namentlich die katarrhalischen Erkrankungen, bestehen immer noch unverändert weiter — Entgegen einer Mitteilung aus Rheinhessen von weichenden Bodenpreisen, kann aus unserer Gegend mitgeteilt werden, daß der Bodenwert fortgesetzt steigt. In Staden z. B. konnte man vor 11 Jahren noch ’/j Hektar Acker .in bester Lage für 500 Mark erwerben; heute kostet die gleiche Fläche 1800 Mark. — Da die Maul- und Klauenseuche im Kreis Büdingen noch nicht erloschen ist, wurde das am 17. November v. I. erlassene Verbot des Handels mit Slaueiv vieh im Umherziehen verlängert bis zum 31. März d. I.
Vermischtes.
* Johann Reiter, der bekannte Geigenbauer von Mittenwald, ist nach längeren Leiden gestorben. Während die nicht so berühmte Geigenmacherei des oberbayerischen Gebirgsortes jetzt meist fabrikmäßig betrieben wird, arbeitete Reiter als echter Künstler in seinem Fach noch nach den Überlieferungen der alten italienischen Meister. Seine Geigen sind auf vielen Ausstellungen ausgezeichnet worden, einen Weltruf aber genoß seine Kunst im Wiederherstellen und Ergänzen alter wertvoller Geigen. Manche jetzt hochbewertete Amati oder Stradivari hat in seiner allen Besuchern des bayerischen Hochlandes wohlbekannten Werkstatt eine heilsame Kur durchgemacht, und viele nur in Trümmern auf uns gekommene alte Instrumente sind durch ihn erst wieder spielbar geworden. Johann Reiter hinterläßt als würdigen Schüler seiner Kunst einen Sohn, der schon seit Jahren mit Erfolg an der Seite des Vaters thätig gewesen ist.
♦ Wissenschaftliche Luftballonfahrt. Im Auftrage des Kaisers unternahmen drei Offiziere der Berliner Luftsch iffer - Abteilung (ein Major, ein Hauptmann und ein Oberleutnant) eine Fahrt mit einem Ballon der
Abteilung, um während derselben die Andr^e'sche Lenkvorrichtung auszuprobieren. Nachdem die Offiziere mit dem Apparat längere Zeit operiert hatten, landeten sie nach dreistündiger Fahrt glücklich und ohne Unfall bei Reitwein im Lebuser Kreise. Nach einer kurzen Erfrischung im gräflichen Schlosse zu Reitwein kehrten die Offiziere dann mit der Eisenbahn nach Berlin zurück.
* Die unheilbringende Banknote. Das Unterschatzamt zu Philadelphia besitzt gegenwärtig einen Dollarschein, der allen denen, durch deren Hände er gegangen ist, Unheil zu bringen scheint. Die Banknote trägt auf der Rückseite die folgenden, von einem Unbekannten mit roter Tinte geschriebenen Zeilen: „Die letzte Banknote, die ich besitze. Nehmt sie hin. Ihr habt mir auch die übrigen genommen und meine Seele dazu. Wenn sie Euch doch die Finger verbrennen möchte, sobald Ihr sie berühret. Alles, was Ihr mit dieser Banknote kauft, soll verflucht sein. Gottes Fluch treffe Euch! Ihr habt die letzte. Nun werdet Ihr wohl zufrieden sein. Mörder!" Der Schatzamtsbeamte, der die Banknote erhielt, soll seit jenem Tage fortwährend Unannehmlichkeiten gehabt haben. Der Kassierer, der sie dann in Empfang nahm, wurde schwer krank. Als darauf die „verfluchte" Banknote mit anderen Kassenscheinen an einen Bürger von Reading geschickt wurde, schickte dieser sie an den Direktor des Unterschatzamtes zurück, wobei er erklärte, daß sie ihm Unglück gebracht habe. Jetzt sind alle Mitglieder der Familie des Direktors von der Grippe befallen worden. Dieser Tage vernahm nun ein Bürger von Jersey-City die Geschichte von der unheilbringenden Banknote; er schrieb sofort an das Unterschatzamt von Philadelphia und bat um Zusendung des Dollarscheines. Er sei, so erklärte er, stark genug, um den Kampf mit allen unheilbringenden Banknoten der Welt aufzunehmen, denn die ganze Geschichte sei nichts weiter als Aberglaube, und Aberglauben richte mehr Unheil an, als alle Krankheiten zusammengenommen.
* Die kostbarsten Metalle der Erde. Vielfach ist der Glaube verbreitet, daß das Gold das kostbarste Metall sei. Dem ist durchaus nicht so, denn nach einer Zusammenstellung der „Mining and Scientific Press" gibt es nicht weniger als 26 Grundstoffe, die wertvoller sind als Gold. Freilich ist der Wert der zu nennenden Elemente eigentlich ein eingebildeter und ist überhaupt nur nach ihrer Seltenheit zu schätzen, da bei den meisten von ihnen ein praktischer Nutzen schon wegen ihres geringen Vorkommens nicht bestehen kann. Als der kostbarste Stoff wird das Element Gallium genannt, das 1875 von De Boisbaudran in einer Zinkblende aus dem Pyrenäengebirge entdeckt und . später auch in anderen Zinkerzen gefunden wurde, aber stets nur in äußerst geringen Mengen. Am nächsten verwandt ist es dem A l u m i ni u m und ist ein Metall von bläulich-weißem Glanze. Sein Wert wird von der genannten Fachzeitschrift auf 630000 Mark das Kilogramm angenommen, es wäre demnach etwa 250mal
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Mürrisches Feuilleton.
Aaffenachtsstraich.
Von Carl Geißler.
I.
So wersche dann glicklich Widder do, die selig Fasse- mchtszeid, in der de Mensch die greeßtmeglichst Freiheid für berechdigt is, wo's eme jede unbenomme tieibt, sich uff de Kopp ze stelle unn mit de Baa ze ver- vuitnern odder awer ganz unschenirt unn ungestroft 's grad P je mache, wäi de Parrer Raßmann, dersch nemlich aach Macht hott, wäi err gewollt hott.
. . muß in bene Dage waß ganz Merkwerrdiges in
f le Loft leihe, baß vcrennerlich uff de menschliche Hernkaste iivirkt unn be Mensche in en Zustanb versetzt, ben merr il? Anfangsstabium von ere Krankheit bezeichne kennt, von tre diejenige befalle sinn, bene merr e Plätzche in be Uff- deivahrungsaastalte — bereit mehrere ze besitze merr in «nierem Hesseländche so glicklich sinn — anweist.
Selbstverschtenblich kann merr von Mensche, bie im .M«he der Narrheit steh, net verlange, baß se verninnfbig Bin, dagege isses aach gar net notwennig, dann deß Jahr so e Masse von Doge, an bene merr iwer Gebihr ver- Wdtg sei kann, baß merr vor lauter Verninfdiqkeit bahl ^emschnappe dicht.
Es is badrum aach schont längst als e groß Notwennig- keit anerkannt, baß bie menschlich Nabur als emol en Stumber kriehe muß, domit merr bei all unserer Vernunft net zu ere Generazion von lauter Brummdippe unn Gallebitter erunner- komme. Unn dessentwege unn um bem vorzebeuge is in bie Weltorbnung die Fassenacht eigesetzt worbe, däi merr schließlich aach als fünft Jahrschzeib in be Kreislauf bes Jahrsch uffnemme kennt, schon allaa aus dem Grunb, weil be Fasse- nachtszcib grab so viele Dugenbe aahafte, wäi be (innere vier Jahrschzeibe, däi awer bisher noch niemals net richdig gewerdigt unn geziemend ze Preise sträflicher Weis unnerlaffe morde sinn.
Waß wer deß aach en unerdrägliche Zustand, so Dag fer Dag in be Dredmihl bes Lewens erumzebappe, wo alles so schee am Schnierche geh soll unn wo merr kaan fingerbreit von dem herkemmliche unn bewährte Ahle abweiche berf ?
Wäi e himmlisch Erleesung klinge ahm beshalb die Schelle von be Narrnkappe unn beß Geknarr von be Ratsche in bie Ahnfermigkeib unn Langeweil in bere schcene Welt!
Zieht merr dann net aach mit bene bunbige Lappe en ganz annern Mensche aa?
Guckt merr net alles mit ganz annere Aage aa unn hält merr nachher net bie ganz Menschheib fer verrickt unn sich allaa fer be ahnzig Gescheidte brumter?
Es is e Merkwerdigkeid, wäi bie Faffenacht bei Mensche Wunner weckt! Gar oft schont haw äichs an merr selbst
emfunne unn äich bin zu de Jwerzeugung komme, baß bet bene, wo iwer die Fassenachtsnarrn die Kepp schittele, es beß ganze Jahr im Kopp net richdig sei kann.
Wer sich emal die Mih mache will, der wird sinne,
daß so e Fassenachtsnarr deß beste Wese von de Welt is.
Unner seine Maske guckt err sich so vergnüglich um; err
läßt Gott en gute Mann sei, denn sei Herz is frei von Neid unn jeder Scheelsucht; die ganz Weid meecht err umarme unn kisse, kaam ahnzige Mitmensche kennt err nor c Härche grimme! Läßt sich daß aach von de Gescheidte be- haapte? In de meiste Fäll' gewehnlich net. Deshalb kann e jeder Fassenachtsnarr in de Reinheit seines Herzens ausrufen: Seht, mir Narrn, mir sinn doch bessre Mensche! Bewegt sich doch alles im Narrnreich in de ruhgfte Grenze, merr brand) kaan Kaiser unn kaan Kenig unn es werd doch regiert, merr brauch kau Bollezei unn noch viel weniger Millcdär zur Uffrechterhaldung der Ordnung, dann e jeder Narr hält sehr uff Ordnung unn dhut net dulde, waß net in der Ordnung is. Hat merr so waß von annere Reiche aach geheerf? Gewißlich net!
Es is deshalb aach gar kau Wunner, daß von Jahr ze Jahr des Narrnreich an Ausdehnung zunimmt unn weil des Gute sich immer Bahn bricht, so werrn mersch bahl erlerne, daß alle annere Reiche in dem große Narrnreich uffgeh, wo nur die ahn Barol gilt:
Narrheit, Einigkeit unn Lust?
Wersch net glaubt, der is bestußt.


