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5.2.1899 Erstes Blatt
 
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Nr. 31

Erstes Blatt.

Sonnlaa den 5. Februar

1899

Gießener Anzeiger

Henerat-Anzeiger

Amts- und ZInzeigeblntt für den Kreis Gieren

moitaflid) 75 Pfg. mit Bringcrlohn.

Bei Postbezug S Mark 50 Pfg. vierteljährlich.

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Die Gies,euer

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Fernsprecher Nr. äl.

Deutscher Reichstag.

24. Sitzung vom 3. Februar. 1 Uhr.

Am Bundesratstisch: Staatssekretär v. Podbielski.

Tagesordnung: Postetat. Zunächst der Einnahme­titel Post- und Telegraphengebühren.

Abg. Müller-Sagan (frs. Vp.) befürwortet, unter Bezugnahme auf die angekündigte Postvorlage, noch weitere Portoermäßigungen, so für Briefe bis 50 Grm. Gewicht mit hektographierten Manuskripten. Wünschenswert sei ferner getrennte Angabe der Porti-Einnahmen auf Briefe, auf Packete usw. Redner äußert sich wiederum abfällig über den Mißbrauch, welcher mit der Portofreiheit fürst­licher Personen getrieben werde, indem auch die fürstlichen Vermögensverwaltungen in Angelegenheiten jeder Art von der Portofreiheit Gebrauch machten. Es sei dringend nötig, da endlich einmal eine Grenze zu ziehen.

Staatssekretär v. Podbielski führt aus, die Post­vorlage sei bereits dem Bundesrat zugegangen und werde deut Reichstag dieser Tage vorgelegt werden. Zu der Nach- richt, daß auch ein Wegegesetz verlangt werde, wolle er be­merken, daß er davon nichts wisse. Nur das sei ihm be­kannt, daß man der Verwaltung für Fernsprechanlagen, für Ziehen der Drähte in der Luft in einer Stadt Bedingungen stelle, und daß die Verwaltung deshalb einstweilen die Her­stellung neuer Anschlüsse unterlasse. Die Vorlage werde auch die Fernsprechgebühren neu ordnen. Es werde nöthig sein, für Personen, die in Bezug auf die Anzahl ihrer Gespräche erheblich unter dem Durchschnitt bleiben, die Sache so ein- zurichten, daß jedes Gespräch gezählt wird, während die andern ein Pauschquantum nach dem Gesprächsdurchschnitt zu entrichten haben. In Aussicht genommen sei eine Ver­mehrung der öffentlichen Fernsprechstellen, und auch der Nachtdienst werde geregelt werden.

Abg. Graf Stolberg (kons.) findet das Zuschlags­porto auf ungenügend frank ette Briefe vollkommen berechtigt.

Bei dem AusgabetitelGehalt des Staatssekretärs" berührt Abg. Lingens (Centr.) wiederum die Frage der Sonntagsruhe für die Beaniten.

Abg. Singer (Soz.) kritisiert abfällig, wie abwehrend sich die Postverwaltung gegen wohlbegründete Gehaltsnach- sorderungen von Militäranwärtern verhallen habe. Weiter übt Redner Kritik an dem Verhalten der Postverwaltung Mn Unterbeamte, die den ganzen Zorn der Postverwaltung ühlen müßten, wenn sie für sozialdemokratische Agitatoren chalten würden. Redner bezieht sich zum Beweis, wie mit en Unterbeamten verfahren werde, auf einen Erlaß des Staatssekretärs selbst, auf die Aechtuug desDeutschen Post- loten" durch Erlaß von 1898 und Begünstigung eines neuen offiziösen Blattes. Erstaunlich sei es, wie man es ausfindig gemacht habe, daß Unterbeamte denDeutschen Postboten" unter der Deckadresse eines Gastwirts bezogen hätten. Dar­nach scheine es, als ob die Poftverwaltung mit Spitzeln arbeite. Die äußere Behandlung desPostboten" entspringe mr der blöden Furcht vor dem Inhalt desPostboten". Man wolle die Wahrheit nicht hören.

Vizepräsident Schmidt-Elberfeld macht den Redner ihr auf aufmerksam, daß er gewiß mehr Eindruck machen tiirbe, wenn er sich etwas mäßigen wollte.

Abg. Singer (fortfahrend) bringt sodann einen eueren Erlaß (in Potsdam) zur Sprache (einem Haus­besitzer, dessen Vordergebäude für Postzwecke gemietet ist, and nut Kündigung gedroht, falls er fortgesetzt das Hintergebäude zu Arbeiterwobnungen vermiete) und bkinerkt, einen höhnischeren Erlaß gebe es gar nicht. Wze-Präsident Schmidt: Ich kann nicht dulden, daß Sic in solchem Ton von einer Postverwaltung sprechen; ich enfe Sie zur Ordnung!) Weiter kritisiert Redner eine Maßregelung von Unterbeamten, welche für den Sozial­demokraten Blos gestimmt haben, seitens der Oberpostdirek- tion in Braunschweig. Diese habe ihr Amt zur Verhetzung msbraucht. (Vize-Präsident Schmidt ruft den Redner M zweitenmal zur Ordnung. Es sei fyietf nicht Sitte, so m einem Auswärtigen, namentlich von einem Beamten zu sprechen.) Redner fortfahrend: Ich habe von niemand fier im Haufe gesprochen. (Vize-Präsident Schmidt: Ich Sie bitten, nicht meine Maßnahmen als Präsident zu Älisieren. Es ist nicht Sitte hier int Hause, so von Be- «ulen zu reden und Verläumdungen auszusprechen.)

Staatssekretär v. Podbielski weist die letzten Aus­führungen des Vorredners ausdrücklich zurück. Die Praxis 1<t Disziplinarkammer sei stets dahin gegangen, daß ein -3eamter sozialdemokratische Gesinnung nicht haben dürfe. BtnoH rechts). Der Erlaß in Potsdam fei ganz in der

Ordnung. Was denPostboten" anlange, so liege ihm, dem Staatssekretär, blöde Furcht fern. Ein Beamter dürfe nicht fozialdemokratifche Gesinnung haben, das betone er nochmals ausdrücklich. In Bezug aus den bekannten Fall in Hameln bemerkt der Staatssekretär, man habe die That- sachen gefälscht; es hätten so umfangreiche Beamtenentlaffungen nicht ftattgefunben, wie solche vomVorwärts" behauptet seien. Verzeihen Sie, meine Herren, wenn ich manchmal nicht ganz logisch bin (stürmische Heiterkeit). Das neueste Postblatt habe ich niemals empfohlen. Ich habe im Vor­jahre erklärt, ich will keine Märtyrer schaffen. Aber ich bin auch niemals gegen jemand eingeschritten, blos weil er Verbandsmitglied ist, immer nur wegen anderer Sachen. (Beifall rechts).

Abg. v. Kardorff (Rp.) dankt dem Staatssekretär für sein entschiedenes Austreten und wünscht auch in den übrigen Ressorts recht bald ein ähnliches Vorgehen.

Staatssekretär v. Podbielski bemerkt, er habe sich vorhin eines unrichtigen Ausdruckes bedient; er habe nicht sagen wollen, daß er nicht immer logisch sei, sondern, daß er die Vorgänge nicht immer chronologisch schildere.

An der Debatte beteiligen sich noch die Abg. Werner (Antis.) und Baud er t (Soz.).

Die Weiterberatung findet morgen 1 Uhr statt. Schluß 58/4 Uhr.

Fokales und Provinzielles.

Gießen, den 4. Februar 1899.

* ' Aus dem Verwaltungsdienst. Durch Entschließung Großherzoglichen Ministeriums des Innern ist der Großh. Negierungsassessor Löslein zu Heppenheim vom 1. Feb­ruar dss. Js. ab bis auf weiteres aushilfsweise mit der Wahrnehmung der Dienstverrichtungen eines Kreisamtmannes bei dem Großherzoglichen Kreisamt Heppenheim beauftragt worden.

* Kirchliche Dienstnachrichten. Ernannt wurden: Pfarramtskandidat Repp zu Bensheim zum Pfarrafsistenten in Schotten, Dekanat Schotten; Pfarrvikar Biegler zu Pfeddersheim, Dekanat Worms, zum Pfarrverwalter daselbst; Pfarrverwalter Uhl zu Ulfa zum Pfarrvikar in Wolfskehlen, Dekanat Eberstadt.

P. Stadltheater. In ihrem allerneusten Fabrikerzeugnis, dem LustspielAuf der Sonnenseite", haben sich die beiden Berliner Geschäftsfreunde Blumenthal und Kadelburg ein höheres Ziel gesteckt als imWeißen Rößl." Sie wollen nicht um jeden Preis zum Lachen zwingen, sondern machen den ernsthaften Versuch,die Menschen zu bessern und zu belehren." Zwei junge, adelige, tiefverschuldete Lebemänner nämlich werden durch den fabelhaft reich ge­wordenen, aber in seinem Herzen immer bescheiden ge­bliebenen Bürgersmann Heinrich Wulkow auf den richtigen Weg hingeführt. Am Schluffe wollen beide, glücklich ge- beffert, ihr Drohnenleben aufgeben. Der eine beabsichtigt das herabgekommene Priegnitzer Waldgut eines unsichtbaren Onkels wieder aufzuwirtschaften, der andere gründete sich als Ofenmodellzeichner eine selbständige Existenz. Natürlich hat an dieser Besserung die holde Weiblichkeit einen hervor­ragenden Anteil, und so ist es nur recht und billig, daß die beiden reuigen Sünder sich zuguterletzt als Verlobte empfehlen können. Die 3 Akte werden von einem ziemlich gleichmäßig verteilten Sprühregen von Witzen und Witzchen überrieselt, die teilweise die fatale Eigenschaft haben, daß man sie schon auf einige Meter Entfernung unfehlbar kommen sieht. Im ganzen scheint das Stück, wie auch seine Aufnahme in Berlin beweist, nichtauf der Sonnenseite", sonderndaneben" geboren zu sein. Wenn sich unser Publikum trotz der im Saale herrschenden geringen Tem­peratur dafür erwärmte, so dürfen die Darsteller den Löwen­anteil des Beifalls mit Recht für sich beanspruchen. Die Herren Werner und Merker gaben das noble Freundes­paar mit richtiger Hervorhebung der gemeinsamen und der trennenden Merkmale; nur stand der erstere noch nicht ganz fest in seiner Rolle. Herr Helm legte den Heinrich Wulkow von vornherein so richtig an, daß der Gegensatz von äußer­lichem Protzentum und schlichtem Gemüte vollständig zu seinem Rechte kam. Seine Gattin, die in dem ersteren völlig aufgeht, wurde durch Frau Helm treffend gekenn­zeichnet. Die Damen Pauli und Isenburg verdienen gleichfalls alles Lob, nicht minder Herr Casterra als eleganter Kammerdiener. Die Ausstattung des Lustspiels war sehr sorgfältig und namentlich im Haufe Wulkow so stilgerecht, daß man gerne die reichlich 20 Minuten dauernde Panse vor dem 2. Aki mit in den Kauf nahm.

* * Oberhesfischer Geschichtsverein. Die letzte Versamm­lung des Oberhessischen Geschichtsvereins eröffnete der Vor­sitzende, Herr Prof. Dr. Höhlbaum mit warmen Wünschen für das Gedeihen des Vereins auch im neuen Jahre. Einer Anregung aus der Mitte des Vereins nachkommend, schlug der Vorstand vor, die Herren Hutmacher Gail, Architekt Meier, Droguist Schaaf, Photograph Uhl, Gold­arbeiter Zimmer als weitere stimmberechtigte Mitglieder des Museumsai'sschusses zu wählen, was die Versammlung guthieß. Nach einigen weiteren Bemerkungen über die Neu­erwerbungen des Museums und dieVereinigung für hessische Volkskunde", die sich innerhalb des Vereins unter Herrn Geh. Rat Prof. B e h a g h e l gebildet hat, hielt Herr Privat­dozent Dr. Kor n em an n einen Vortrag über dasrömische Germanien". Redner ging aus von dem Unterschiede in der Bebauung der alten Stadtteile Gießens von denen Fried­bergs, wie er sich aus der zeitweiligen Herrschaft der Römer über das Gebiet letzterer Stadt erklärt. Während bei der römischen Bebauung zunächst das rechtwinklige Straßennetz gezogen wurde, bauten die Germanen zunächst ihre Wohn­stätten ohne Rücksicht auf Straßen, ein Unterschied, der sich auch in der Anlage der Dorfgemarkung zeigt. Bei der Be­deutung der Römerherrschaft für unser Volk sei es wohl interessant, sich einmal die Okkupationsgeschichte der Grenz­lande und die Verhältnisse im römischen Germanien vorzu­führen. Da die litterarischen Angaben nur allzu dürftig sind, müsse man sie ergänzen durch Verwertung der inschrift­lichen Urkunden, der agrarhistorischen Forschungen und durch die Ergebnisse der Untersuchungen über die römische Keramik. Die Versuche des Augustus, die Grenze bis zur Elbe vsrzuschieben, scheiterten infolge der Niederlage des Varus. Dies Resultat konnte auch durch die Feldzüge des Ger­maniens nicht geändert werden, und Tiberius hat mit vollem Recht den Gedanken an eine große germanische Provinz anf- gegeben. Den Grenzbezirk bewachten acht Legionen mit den Hauptstandlagern bei Mainz und bei Xanten. Die Ger­manen, die in diesem Gebiet wohnten, blieben gentes, d. h. sie blieben dem Militärkommando der Römer unterstellt, hatten sich den überwachenden Offizieren durchaus zu fügen. Diesen Belagerungszustand hat zuerst Claudius durchbrochen, als er i. I. 51 das heutige Köln gründete, das die älteste römische Stadt in Germanien mit Selbstverwaltung ist. Durch ruhige Kulturarbeit wurden allmählich am Unterrhein die Germanen soweit gewonnen, daß man den Schutz der Grenze daselbst den befreundeten Stämmen überlaffen konnte. Dagegen verharrten die Chatten am Mittelrhein noch in alter Feindschaft gegen die Römer, denen für diesen Kampf Mainz als Stützpunkt diente. Gefährlicher noch als dieser Feind aber war es für Rom, daß die starke Truppenan­häufung in diesen Gebieten den Oberbefehlshabern eine all­zugroße Macht gab und ihrem Ehrgeiz häufig als Sprung­brett diente zur Gewinnung des Römischen Kaisertums. Mit der Erhebung der Flavier im Jahre 70 setzten dann wieder die Offensivstöße, und zwar am Oberrhein ein. Zu­gleich von Rhcitien und von Straßburg her hat Vespasian das Land zwischen Donau und Rhein erobert, und zwei große Heeresstraßen von Straßburg nach Rhätien und von der Schweiz nach dem Neckar, mit Rottweil als Knoten­punkt, angelegt. Als dann Domitian im Jahre 90 zwei Provinzen mit bürgerlicher Administration, Germania auperior und inferior, einrichtete, von denen, im Gegensatz zu früher, Obergermanien von größerer Bedeutung war, hob man die militärische Vormundschaft über die deutschen Stämme auf. Doch organisierte man noch nicht städtische Verhältnisse, sondern vielmehrVolkschaften", Konglomerate von dorfartigen Einzelgemeinden, die zusammen eine Gesamt­gemeinde (civitas) bildeten. Ebenso wie aus den Vororten dieser Volkschaften, entwickelten sich auch aus den nun ein­gerichteten kaiserlichen Domänen civitales, indem aus kaiser­lichem Gut Staatsgut wurde. Von den Zehnten, die die Domänen zu entrichten hatten, bekam wohl auch das Land den Namen agri decumates. Redner beschäftigte sich dann ausführlicher mit den Kastellen in unserer Gegend, wie sie sehr zahlreich von Domitian angelegt worden waren. Unter Hadrian, dem großen Reisekaiser der Antike, war die Pro- vinzialisierung des römischen rechtsrheinischen Gebietes vollendet; der unter ihm vollendete Grenzwall (limes) ist mehr nach administrativen Rücksichten, als nach militärische« Grundsätzen angelegt, und zeugt so für die eingetretene Friedensepoche. Ein germanisches, keltisches und römisches Element sind in den Grenzlanden zu unterscheiden. Von kulturgeschichtlicher Bedeutung ist es immer, zu untersuchen, wie dieselben aufeinander einwirken. Der bei der Invasion zurückgebliebene Bodensatz von Kelten