Ausgabe 
4.11.1899 Drittes Blatt
 
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Ht. 261 Drittes Blatt.

Sonmag den 4 November

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Kchvkßrißi Nr. 7.

mand auf, auch nicht, als der Erzherzog seinen Aufenthalt wider Erwarten in Abbazia verlängerte, ja, man faßte dies als ein Zeichen auf, daß die Lieblingsidee des Kaisers, die Verbindung des Erzherzogs mit der Kronprinzessin Stefanie, wahrscheinlich in Erfüllung gehen werde. Im Anfänge be- achtete man es auch kaum, daß der Verkehr zwischen dem Erzherzog und der Gräfin Chotek häufiger wurde. Als man sie jedoch öfter als sonst in intimem Gespräch zusammen fand, begann die Hofgesellschaft erst leise zu flüstern, dann laut zu sprechen, so laut, daß auch der Kaiser davon erfuhr.

Nachdem der Traum einer Ehe zwischen Kronprinzessin und Erzherzog, kaum entstanden, wieder verschwunden und Traum geblieben war, wollte der Kaiser den Thronerben des österreichischen Staates, gemäß den Traditionen des österreichischen Kaiserhauses, mit einer Fürstentochter ver­bunden sehen; denn das Haus Habsburg war immer stolz auf seine Verschwägerungen mit den Herrscherhäusern Europas.

Aber der Kaiser hatte nicht mit dem Herzen des Erz« Herzogs gerechnet; denn als man diesem, bald nachdem er zum Thronfolger erklärt war, eine standesgemäße Ver­bindung vorschlug, und der Kaiser selbst ihn an seine nun­mehrigen Pflichten gegen Oesterreich mahnte, gestand jener ihm, daß es sein unumstößlicher Wille sei,nur diejenige zu seiner Gattin zu wählen, zu welcher auch sein Herz sich hingezogen fühle", dies sei die Gräfin Chotek.

Damit verzichtest Du auf den Kaiserthron?"

Keineswegs! Ew. Majestät sagten selbst, daß ein Kaiser bei der Wahl einer Gattin nicht Rücksicht auf die Politik nehmen und nur dem Zuge seines Herzens folgen soll."

Der Kaiser schwieg.

Wenige Stunden nach dieser Unterredung brachte das Abendblatt der offiziösenWiener Zeitung" die Nachricht, daß der Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand nach Budweis übersiedele, um sich daselbst im praktischen Dienst zu üben. Der Erzherzog soll seine Ernennung und Ueber- siedelung nach Budweis erst aus dem genannten offiziellen Amtsblatt erfahren haben. Als Soldat fügte er sich dem Willen des obersten Kriegsherrn und ging nach Budweis.

Die Gräfin Chotek, welche längst ihrer Stelle als Hof­dame der Erzherzogin Stefanie enthoben war, besuchte um diese Zeit ihre Verwandten, die Familie Schwarzenberg, in Schloß Krumau, wenige Meilen von Budweis. Diese Nach­richt drang bis in die Hofburg nach Wien, und nun kam die erste Nachricht von des Erzherzogs Erkrankung infolge einer Erkältung durch die feuchte Villa, welche er in Bud­weis bewohnte, in die Oeffentlichkeit, und mit dieser Nach­richt zugleich die verblüffende Mitteilung, daß die Krank­heit derart sei, daß der Erzherzog auf die Thronfolge ver-

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gewesen sein und ihre Schaffenskraft am meisten ge­schwächt haben. Da aber der geflohene Gatte drüben sein Glück nicht fand und ihr Mutterherz um das Wohl der vier mit dem Vater gegangenen Kinder bangte, so spornte sie ihr Talent zu immer neuen, ach, immer geringer werdenden Leistungen an und fühlte wohl zuletzt selbst mit heimlichen Grauen, wie der Born, der einst so frisch gesprudelt, langsam verflechte, und sie tauchte unter in das große, dunkle Meer des Vergessens, ein erloschener Stern! . . .

Möge ihr die Erde leicht sein! ...

Seltsam berühren die Beteuerungen aus allen mög­lichen Kreisen, wie leicht man ihr hätte helfen können, wie gern man ihr geholfen hätte! Das alte Lied bei jedem neuen Fall dieser, ach leider gar nicht seltenen Art. Wer will die Pharisäerstimmen von denen scheiden, die aus echten guten Menschenherzen kommen? . . .

Das vielfach geäußerte Mitleid mit den Vertreterinnen eines anderen modernen Frauenberufes, den Telephonistinnen nämlich, die vom 1. d. Mts. an auch nachts ihres nerven­mordenden Amtes walten müssen, hat sich glücklicherweise dadurch herabmindern können, daß vor und nach einer solchen Dienstnacht ein freier Tag liegen soll. Wehe aber jetzt den armen Aerzten, die eine vornehme Frauenpraxis haben! Wie viel Migräne wird durch den dienstwilligen Apparat gemeldet werden! Wie manche Schlaflosigkeit schöner locken­überschatteter Augen wird fortan auch denlieben Sanitätsrat" um seinen gesunden Schlaf bringen: er müßte sonst so tapfer schnarchen, daß sein eigenes Getöse dieTelephonklingel übertönt.

Die ftiffe Hräfin.

Der Herzensroman eines Thronerben.

Wir haben bereits mitgeteilt, daß Erzherzog Franz Ferdinand, der österreichische Thronfolger, wahrscheinlich schon am kommenden Sonntag die Gräfin Chotek als Gattin heimführen werde. Damit würde ein Herzensroman seinen Abschluß finden, der seit Jahren seine geheimen Fäden gesponnen hat, und den wir in seinen einzelnen Zügen hier nun enthüllen wollen.

* * *

Erzherzog Franz Ferdinand Este, der jetzt im sieben- nnddreißigsten Lebensjahre steht, huldigt derselben Ansicht wie sein verstorbener Ohm Kaiser Franz Josef I., als dieser im einundzwanzigsten Lebensjahre stand und voll jugend­srischen Lebensmutes in die Zukunft blickte. Kurz nach seinem Regierungsantritt wollte die Diplomatie dem jungen Monarchen eine Prinzessin aus dem Hause Wettin zur Gattin verschaffen. Aber der Kaiser lehnte mit den Worten ab:Ich gestalte niemand, wer es auch sei, über mein Herz Dispositionen zu treffen. So will auch Erzherzog Franz Ferdinand niemand, wer es auch sei gestalten, in die Rechte seines Herzens zu greifen und ihn zu einer Ehe zu zwingen; denn seit sechs Jahren gehört sein Herz derstillen Gräfin".

Mit diesem Namen belegte einst die Kronprinzessin Stefanie von Oesterreich ihre erste Hofdame, Gräfin Chotek, weil diese nichts so sehr liebte, wie bei ihrem alljährlichen Aufenthalt in Abbazia, wo die Kronprinzessin regelmäßig von Mitte Januar bis Ende April weilte, bei Tramontana auf der halbgedeckten Veranda der Villa zu sitzen und nach dem wogenden Meere zu sehen. In der Vertiefung eines Strandkorbes, der stets auf der Veranda stand, wie ein Kind in eine Wiege gebettet, hörte sie das Brüllen des Meeres, das Anschlägen der tosenden Wellen an den Felsen dicht neben der Villa und das Jauchzen des Sturmes, wenn er in dem nahen Dickicht oder den Alleen neben der Villa die Bäume mitleidlos brach. Dieses Natur­schauspiel berauschte die Gräfin, wie fie oft erzählt, so sehr, daß sie stundenlang kaum der Worte mächtig war, da ihre Seele in dem Empfinden und Erfassen dieser wilden Große gebannt sei. Und in der That sprach die ohnehin zum tiefen Sinnen stets geneigte Gräfin nach solchen Eindrücken stundenlang kein Wort.

Kronprinzessin Stefanie erfreute sich als Witwe des Kronprinzen Rudolf stets eines besonderen Wohlwollens von seilen des Kaisers Franz Josef I., und vor etwa acht Jahren tauchte plötzlich die Nachricht auf, Erzherzog Franz Ferdi­nand von Oesterreich-Este werde sich mit der Kronprinzessin Stefanie vermählen. Woher diese Kunde kam? Wer spürt der Quelle einer Notiz nach, die später unter den Hof­nachrichten der Blätter auftaucht! Nur die Vermutung bestand, daß in dieser Notiz der Wunsch als Vater des

Gedankens, der von höchster Stelle kam, einen Ausdruck fand; denn es war bekannt, daß es eine Lieblingsidee Kaiser Franz Josefs I. war, die Witwe seines Sohnes an den nunmehrigen Thronerben, Erzherzog Franz Ferdinand-Este, zu vermählen. Unterstützt wurde die Glaubwürdigkeit jener plötzlich publizierten Hofnachricht durch den Umstand, daß damals thatsächlich der Erzherzog Franz Ferdinand von Oesterreich-Este der Kronprinzessin Stefanie einen Besuch abstaltete.....

Draußen stürmte der Sirocco, während die Gesellschaft, im kleinen Saal, welcher sich im Parterre der Villa be­findet, versammelt, den Kaffee einnahm. Plötzlich fragte die Kronprinzessin:Wo ist denn unsere stille Gräfin?" Wo anders, Kaiserliche Hoheit", antwortete spöttisch der Oberhofmeister,als auf der Veranda. Wenn das Meer stürmt, hat die Gräfin ihren Platz im Strandkorb auf der Veranda." Alles lachte. Die Kronprinzessin erzählte dem Erzherzog von der Leidenschaft der Gräfin, stundenlang, in Wind und Wetter, dem Naturschauspiel zuzusehen; sie habe sie, da die Gräfin auch nach demselben gewöhnlich still sei und sich den Nachwirkungen des Sturmes und dem Spiel der eigenen Phantasie überlasse, die stille Gräfin getauft. Unwillkürlich trat der Erzherzog an das Fenster und sah nach der Veranda. Dort saß die Gräfin Chotek regungslos in ihrem Korb, daß man sie für schlafend halten konnte, wenn nicht das Zucken der Augen, so oft die Brandung höher stieg und der Wind zum Sturm einsetzte, dem wider­sprochen hätte. Leise öffnete der Erzherzog die Thür, welche nach der Veranda führte, und rief:Aber Gräfin, Sie werden ja krank, wenn Sie in diesent Wetter da draußen sind!"

Die Gräfin regte sich nicht, so ganz versunken war sie in ihre Träumerei. Der Erzherzog trat nun auf die Veranda. Der Wind peitschte ihm den Regen ins Gesicht. Aber Gräfin, der Sirokko bringt dicke Tropfen, kommen Sie herein Sie werden ja durchnäßt."

Einen Moment starrte die Gräfin den Erzherzog an, als erwachte sie aus einem Traume, dann stand sie auf, warf die Decke, die schützend über ihren Knieen lag, fort, und trat aus dem Korb:Ach nein, Hoheit, ich bin ge­schützt. Unter der berückenden Schönheit der tobenden Ele­mente vergesse ich immer alles. Es ist herrlich, an diesem Platze die Brandung zu betrachten. Mich dauern nur die armen Fischersleute, die bei diesem Sturme noch auf dem Meere sind."

Auf Drängen des Erzherzogs trat die Gräfin m den Salon zurück.

Die Kronprinzessin hatte sich längst zurückgezogen, als man den Erzherzog noch in tiefem Gespräch mit der hübschen Gräfin mit den stets sinnenden Augen traf. Auch am nächsten Tage fand der Erzherzog wiederholt Gelegenheit, mit der Hofdame längere Zeit zu plaudern. Es fiel nte-

GratrsdrüLgen: Gik8e«er FmnÜieMStter, Der heische Kandwirt, MMer fnr hessische Volkskunde.

Wenn nicht der Trost einer gut paprizierten Neujahrsrechnung bestände, wärs sicher nicht auszuhalten. Aber die schönen blauen Scheine bringen alles ins Gleiche!

Mit Geld versuchen unsere lieben Vettern in England auch deutsche Tapferkeit für ihre Transvaal-Affaire zu er­werben. Bald hier, bald dort taucht ein englischer Werber auf, um deutsche Knochen für die böse Suppe aufzukaufen, die sich die braven Profitmacher in Afrika eingebrockt haben. Aber Deutschlands Jugend hütet sich, seine Haut für die tapferen Engländer zu Markte zu tragen, und John Bull zieht überall mit langem Gesicht ab, wenn ihn ob seiner verbotenen Lockungen nicht gar die Polizei beim Kragen nimmt. Zu gönnen wärs ihm! Mit um so größerer Sym- pathie wird der Zar erwartet, der nach Potsdam kommt, um den Kaiser zu besuchen. Ob es bei dieser Zusammen­kunft zu einer Verabredung, den Frieden, auch in Afrika, betreffend, kommt, kann niemand sagen. Gehofft wird es von vielen!

In den Varietös tauchen die ersten Transvaal-Kouplets auf, und Witze, die sich nicht gut wiedergeben lassen, ent­fesseln den Jubel der Burenfreunde. DasBerliner Theater" macht mit einem Stück, in dem sein Direktor Prasch mit Fürst Wrede zusammen eine Hosenrolle für Frau Prasch geschrieben, viel Glück. Es betitelt sich:Staatsgeheimnisse". Noch mehr Erfolg hat die Fortsetzung desWeißen Rößl" imLessingtheater":Als ich wiederkam . . ." Und auch derPlatzmajor" desThalia-Theaters", eine Posse, die sich im Milieu der Berliner KonfektionS-Branche bewegt, schafft dauernd volle Häuser. A.. R.

Zemlletsn.

Berliner Brief.

(Plaudereien aus der Kaiserstadt.)

(Nachdruck verboten.)

Sin erloschener Stern. Die Schrecke» des NachttelephonS. Deutsche Knochen siir John Bull. Der Zar kommt.

Theaterschan.

DaS tragische Ende einer Romanschriftstellerin, die »ot fahren zu den besseren zählte und auch noch in ihren letzten hastig und unruhig geschriebenen Werken ihr gutes Beobachtungstalent nicht verleugnet hat, berührt die gebildete Welt äußerst schmerzlich: Frau Franziska Blumenreich, die unter dem Namen Kapf-Essenther schrieb, hat sich ans einem Hotelsenster in der obersten Etage tn den Hos hinuntergestürzt! Warum? Eine gerichtliche Psau- dunq ist die letzte Ursache geworden. auS der die sünsziaiähriqe Erzählerin den Kamps ums Leben ab. gebrochen hat; die eigentliche Veranlassung dürste wohl in seelischen Leiden tieferer Art zu suchen fern. Ihr Gatte ja der seit dem Grllndungskrach im Theater des Westens nach Amerika entflohene Journalist Paul Blumenreich Er spürte keine Neigung, die über ihn verhängte Freiheitsstrafe abzubüßen, seine Gattin aber hegte eine unüberwindliche Furcht vor der neuen Welt und der Meersahrt. So trennte ein seltsames Schicksal auch ihre zweite Ehe, die sie nach der ger ichtlichen Scheidung ihrer ersten tn Graz eingegangen war Das mag ihr am schmerzlichsten, am letdvollsten

S Meßmer Anzeiger