Lokales und Provinzielles.
-e. Neu-Ulrichstein, 1. Juli. Monatsbericht der Arbeiter-Kolonie „Neu-Ulrichstein für den Monat Juni 1899. Am 30. Juni 1899 befanden sich in der Kolonie 26 Mann. Dieselben verteilen sich: 1. Nach der Geburt: Großherzogtum Hessen 5, Negierungs-Bezirk Kassel 2, Regierungs-Bezirk Wiesbaden 5, Provinz Rheinland 3, Provinz Sachsen 1, Königreich Bayern 1, Königreich Sachsen 3, Großherzogtum Baden 1, Provinz Ostpreußen 2, Provinz Brandenburg 2, Luxemburg 1. 2. Nach den Gewerbe: Arbeiter 11, Gärtner 1, Kaufmann 3, Kürschner 1, Maschinenzeichner 1, Photograph 1, Schlosser 1, Schneider 1, Schriftsetzer 1, Schreiner 1, Schuster 3, Weißgerber 1. Gearbeitet wurde 893 Tage. Verpflegt wurde 989 Tage. Im Monat Juni wurden entlassen 18 Mann, und zwar in Stellung, auf Wunsch 14, Kontraktbruch 2, Trunk und schlechtes Betragen 2. Seit Bestehen der Kolonie wurden ausgenommen 3590, entlassen 3564, bleibt Bestand 26 Mann.
x Vom Lande, 2. Juli. Haben schon die schweren Unwetter im vorigen Monat in vielen Gemarkungen der Gegend bedeutenden Schaden angerichtet, so ist das anhaltende Regenwetter der letzten Tage nicht minder nachteilig. Das Getreide, namentlich das Korn, welches sich bei sonnigem Wetter zum großen Teil vielleicht wieder erhoben hätte, wird nun völlig niedergehalten, wodurch natürlich die Körnerbildung erheblich beeinträchtigt wird. Das auf den Wiesen liegende Heu ist vollständig ausgelaugt und infolgedessen minderwertig, und es ist zu befürchten, daß das noch stehende Gras infolge der andauernden Feuchtigkeit auf dem Stand verfault. Den bereits abgeernteten Wiesen dagegen kommt der Regen gut zu statten, indem er das Wachstum des Grummetgrases bedeutend sördert. Auch dem Klee und den Hackfrüchten ist die feuchte Witterung sehr dienlich. Doch wäre es unseren Landwirten lieber, wenn recht bald beständiges, trockenes Wetter ein- treten würde, damit die Heuernte beendigt und die nötigen sonstigen Feldarbeiten, wie Hacken und Häufeln der Kartoffeln usw. vorgenommen werden könne.
+ Laubach, 2. Juli. Hauptsächlich der Thätigkeit des hiesigen Zweigvereins des Vogelsberger Höhenklubs ist es zu danken, daß unsere Stadt immer mehr von Erholungsbedürftigen zum mehrwöchentlichen Sommeraufenthalt aufgesucht wird. Schon im vorigen Sommer hatte sich eine stattliche Zahl von S ommerfr is ch lern hier eingefunden, und auch für dieses Jahr steht noch — bei Eintritt besserer Witterung — zahlreicher Besuch in Aussicht. Bietet doch unser freundliches Städtchen mit seiner reizvollen Umgebung und seiner ausgedehnten, herrlichen Waldungen, so viele Annehmlichkeiten, daß es den Vergleich mit den besuchtesten Luftkurorten des Odenwaldes nicht zu scheuen braucht. Es -ist deshalb zu hoffen, daß es in nicht allzuserner Zeit eine der ersten Stellen in der Reihe der „Sommerfrischen" einnehmen wird.
H Alsfeld, 1. Juli. Der Fuhrmann Heinrich ScheerIV. von Romrod wollte hier einen nach dem Heimweg fahrenden Wagen eines Zeller Fuhrmanns besteigen, fiel aber dabei unglücklich und zog sich schwere Verletzungen zu. 'Er wurde in die Klinik nach Gießen verbracht.
Zell, 1. Juli. Ein schwerer Unglücks fall forderte heute em Menschenleben. Der Landwirt Kornmann hatte Klee auf dem Felde geholt. Auf der Rückfahrt scheuten die Pferde und gingen durch. Die Schwiegertochter versuchte, vom Wagen zu springen, stürzte kopfüber und brach das Genick, sodaß der Tod alsbald eintrat. Das tragische Geschick der so jäh dem Leben entrissenen braven Frau erregt allgemeine Teilnahme.
M UHeppenheim a. B., 30. Juni. Bei dem Gewitter, bas gestern gegen abend die Bergstraße entlang zog und überall großen Schaden anrichtete, wurden zwei Männer von hier, die im Felde nach Lorsch zu arbeiteten und die sich in ein dort befindliches Schutzhaus geflüchtet hatten, vom Blitz erschlagen. Noch andere Personen, die sich auch daselbst befanden, fielen betäubt zu Boden, erlitten aber nur geringe Beschädigungen. Auch ein Pferd, das vor der Schutzhütte stand, wurde zu Boden geworfen. Der eine der Getödteten ist ledig, der andere hinterläßt Frau und Kinder.
Worms, 30. Juni. Zum Stadtbaumeister wurde gestern einstimmig Herr Bauinspektor Metzler in Alsfeld gewählt. Für die Stelle hatten sich 15 Bewerber gemeldet.
Von der Mainspitze, 2. Juli. Aus Anlaß der Vereinigung der Maschinenbau - Aktiengesellschaft Nürnberg (Filiale auf der Gustavsburg) und der Maschinenfabrik Augsburg, hat der Reichsrat Freiherr vonCramer-Klett eine Stiftung von 500000 Mk. gemacht, wovon die Jahreszinsen zur Gewährung von Ruhelohn für arbeitsunfähige Angestellte der vereinigten Fabriken wie auch zu Unterhaltsbeiträgen an die Hinterbliebenen verstorbener dienstälterer Arbeiter verwendet werden sollen. Zu gleichen Zwecken hat Freiherr von Cramer-Klett bereits im Jahr 1895 200000 Mk. gestiftet.
Aus Nheinhesien, 2. Juli. Durch das seit zwei Tage eingetretene kalte, regnerische Wetter ist die T r a u b e n b l ü t e in unliebsamer Weise unterbrochen, und schon beginnen die Hoffnungen der Winzer auf eine gute Ernte sehr zu schwinden. Der Zustand ist bei dem trostlosen Wetter um so schlimmer, da sich vielfach schon der Heuwurm zeigt, dem nur eine rasche Blütezeit seinem Vermchlungswerke Einhalt gebieten kann.
Vermischtes.
* Hof. und Offizier Adreßbuch für Heffen und Heffen Naffau (XVIII. Armeekorps.) Frühjahrausgabe 1899. Preis Mk.2.— brosch. Verlag von Alfred Dieterich in Stuttgart und München. Dieses Adreßbuch bringt eine übersichtliche Zusammenstellung der in den Bereich des XVIII. Armeekorps fallenden Höfe mit ihren Angehörigen und Hofstaaten, und der diesem Armeekorps zugehörigen Behörden, Truppenteile 2C. mit ihren sämtlichen Offizieren und Beamten. Die Adressen enthalten Rang- und Zuname, genaue Wohnungsangabe, sowie Vermerk, ob verheiratet. Die Adreßbücher werden an sämtliche darin genannten Adressen gratis verschickt, (die Kosten der Herausgabe werden durch Inserate gedeckt) und bilden für die Empfänger ein brauchbares und sehr zweckmäßiges Handbuch, eine willkommene Ergänzung der bestehenden Ranglisten. Auch für den Geschäftsmann werden diese Adreßbücher bald unentbehrlich sein.
* Der älteste Journalist der Welt. In Wien ist Leopold Ritter v. Blumencron, 96 Jahre alt, gestorben. Er war jedenfalls der älteste Journalist der Welt. Bis vor etwa drei Wochen versah er noch die Thätigkeit des verantwortlichen Redakteurs des „Wiener Fremdenbatts". In seiner Jugend Offizier, diente er noch unter Benedek, dann wandte er sich dem journalistischen Berufe zu. Leopold von Blumencron wurde geboren am 21. Februar 1804. In der aufregenden Thätigkeit des Journalismus hat er jedenfalls ein ungewöhnlich hohes Alter erreicht.
Mteratur, Wissenschaft und Kunst.
— Mit der soeben erschienenen Nummer 27 beginnt die „Jugend", Münchener illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leven (G. Hirths Verlag in München, Preis Mk. 3 pro Quartal, da« dritte Quartal ihres vierten Jahrgang«. Aus dem reichen In
halt der Nummer heben wir das folgende hervor: Titelblatt von Ludwig von Zumbufch. — «Das Buch im Tischkasten" von Paul Lindau, mit Zeichnungen von Arpad Schmtdhammer. — „Das Recht aus Selbstmord" von Fritz von Ostini, mit Zeichnung von Walther Püttner. — „Da8 ist der Herr Hauptmann von Dünkelsbühl . . ." von Walther Georgi. — „Im Schnellzug" von Ludw. Fulda. — „Ein Wellensang" von Rudyard Kichling. — „Eine „rührende" Person" von A. v. Kubinyi. — „Aus Serenissimi Jugendzeit." — Witze. — Humor detz Auslandes. — Aktuelles: „Auch eine Störung Arbeitswilliger." — „Nach dem Thun Kaizl'ichen AuSgletchr-Sündensall." — „Die russisch-badischen Beziehungen." — „Gotthold Ephraim Lessing" von Pfarrer Lueginsland. — „Der neue Plutarch." — „AuS der Kindheit berühmter Männer." — „Heinrich Raspe." — Lustige Nachrichten u. a. m.
— „Amerikanische Geistkuren" nennt G. W. Geßmann einen intereffanten Aufsatz in Heft 21 der illustrierten Famtlienzeitschrift Fels zum Meer" (Stuttgart, Union Deutsche Verlags- gesellschast). Darin giebt der Verfasser Ausschlüsse über eine in Amerika seit 20 Jahren blühende Schule ärztlicher Denker, die, ausgehend von der okkultistischen Ansicht, daß der menschliche Geist über den von ihm gewissermaßen als Bekleidung für sich geschaffenen Körper die Herrschaft auSübe, alles Kranksein aus ebensolche Geisteszustände zurückführen und mit der hierauf basierten Heilmethode große Erfolge erzielen. Richard March führt uns in einem illustrierten Artikel „Gezeichnete (d. h. tätowierte) Menschen" vor; Georg Gronau macht uns mit den „Neuerwerbungen der Berliner Gallerte" bekannt und Arnold Fromann bespricht an der Hand von siebzehn charakteristisch gewählten Illustrationen „die Kunst im Buchdruck". Wilh. Brandt plaudert, unterstützt durch 24 photographische Ansichten, vom „Mikadolande", während uns Philipp Kniest nach der alten mecklenburgischen Seestadt Wismar und Rhenanus nach Boppard geleitet. Neben dem ebenso prächtigen als ungemein reichen Bildschmuck, welcher im „Sammler" zumal von höchstem aktuellen Reiz ist und von dem die Wiedergabe der „Prellschen Fresken im Palazzo Caffarelli zu Rom", „Ein Strandsest am Bosporus", „Der kultur- bistortsche Festzug in St. Gallen" rc. genannt sein mögen, fesseln die Romane und Novellen von Wilhelm Wolters, Hermann Stegemann und Marie von Bunsen den Leser in besonders hohem Grade.
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