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Fernsprecher Nr. 51.
Die maritime Vertretung des deutschen Reiches auf den Karolinen.
Nach den nunmehr getroffenen Dispositionen ist das neue deutsche Kanonenboot „Jaguar", das erst am 1. Juni, nachdem der Kaiser ihm einen Besuch abgestattet hatte, in Dienst gestellt wurde und sich nun auf der Fahrt von Lissabon nach Gibraltar befindet, zur Vertretung des Reichs auf den Karolinen bestimmt. Er ist ein Schwesterschiff des „Iltis" und hat eine Länge von 62, eine Breite von 9,10, eine Tiefe von 3,25 Metern und eine Besatzung von 120 Mann. Das Boot führt vier Schnellfeuergeschütze, sechs Revolverkanonen und zwei Maschinengewehre. Drei Maschinen von zusammen 1300 Pferdekräften geben ihm eine Geschwindigkeit von 13 Knoten die Stunde.
Volksbildung und Volkswohlstand.
Für die nächste allgemeine deutsche Lehrerversammlung ist u. a. das Thema in Aussicht genommen: „Die Bedeutung einer gesteigerten Volksbildung für die wirtschaftliche Entwickelung unseres Volkes". Zur Lösung der hiermit gestellten Aufgabe wollen u. a. zwei kürzlich veröffentlichte Abhandlungen des vr. Keferstein beitragen. Die eine erschien in der Sammlung „Pädagogischer Abhandlungen", herausgegeben von Bartolomäus in Hamm, Verlag von Helmich, Bielefeld, die andere unter dem Titel „Volksbildung und Volksbildner" in dem von Friedrich Mann herausgegebenen „Pädagogischen Magazin", Verlag von H. Beyer u. Söhne, Langensalza.
Der Verfasser geht von der Forderung aus, daß die Volksbildung sich nach religiös-sittlicher, ästhetischer, intellektueller, physischer bezw. hygienischer und technisch-manueller Seite in den Dienst wirtschaftlicher Entwickelung, damit aber zugleich in denjenigen der allgemeinen Förderung der öffentlichen sozial-politischen Wohlfahrt zu stellen habe. Mit reichem Wissen und erfinderischem Geiste läßt sich freilich in allen möglichen Gebieten menschlicher Thätigkeit vieles und großes erreichen, indessen bei weitem nicht alles. Zum Wissen und Können im industriellen Gebiete muß u. a. Geschmack, zu dauernden Erfolgen in Handel und Verkehr, zur Brauchbarkeit in den mannigfachen gesellschaftlichen Verhältnissen müssen moralische Eigenschaften, wie Zuverlässigkeit, Gewissenhaftigkeit, Fleiß, Sparjamkeit, Mäßigkeit, Ordnungsliebe, Pünktlichkeit, Liebe zur Sache das Ihrige beitragen. Dergleichen Eigenschaften sind ganz besonders zur rechten Erfüllung der Familien- und staatsbürgerlichen Pflichten unerläßlich, die ja doch auch als eine Kardinalbedingung der Staats- und Volkswohlfahrt zu betrachten ist. Die Vernachlässigung oder doch Geringschätzung der sittlichen Güter des Volkes gegenüber den Faktoren der Intelligenz, des Kapitals und glücklicher Spekulation wird sich nur zu rasch am gesamten Volkskörper rächen. Richtiges sittliches Urteil und Handeln wird sich u. a. bei den Arbeitgebern als Hauptvoraussetzung eines dauernden friedlichen'Verhältnisses zu ihren Arbeitern Herausstellen; bei den Arbeitnehmern wird nicht allein die Höhe des Lohnes, sondern auch der weise geordnete Gebrauch desselben, die gediegene Haushaltung als Bedingung des Wohlergehens und befriedigenden Daseins gelten. Allerdings sind keineswegs nur von den wirtschaftlich sich unmittelbar Beteiligenden sittliche Eigenschaften zu fordern, sondern es müssen auch seitens der Gesetzgebung und der obrigkeitlich Bevollmächtigten die entsprechenden Schutzmittel für eine ordnungsmäßige private wie öffentliche Wirtschaftsführung geboten sein. Dahin rechnen wir u. a. Verhinderung aller die Verlieder- lichung des Volkes herbeiführenden zahlreichen öffentlichen Vergnügungen und Feste, dahin eine strenge gesetzliche
Ahndung aller unredlichen Produktions- und Vertriebsmittel. Gegenüber der u. a. auch in der modernen Frauenbewegung stark betonten Erhöhung intellektueller Bildung der weiblichen Jugend wäre mit gutem Grund die erhöhte persönlichsittliche sowie die wirtschaftliche Schulung geltend zu machen. Wenn doch alles nationale wie staatliche Gedeihen in letztem Grunde auf allgemein verbreitetes gesundes, gediegenes Familienleben zurückzuführen sein wird, als die Seele des Hauses, als die Hüterin häuslichen Glückes aber die Frau gelten muß, wie sollte man da nicht auch den weiblichen Schulunterricht solchen bevorzugten Lebensaufgaben entsprechend gestalten!
Eine besonders hohe Mission fällt im Interesse der wirtschaftlichen Entwickelung des Volkes der obligatorisch zu besuchenden männlichen wie weiblichen Fortbildungsschule zu. Wenn doch die Lern- und Bildungsfähigkeit, aber wohl auch das Lernbedürfnis mit den reiferen Jahren zunimmt, liegt die Aufgabe nahe, dem entgegen zu kommen und der reiferen Jugend möglichst reiche Gelegenheit zur Entfaltung ihrer edleren Kräfte zu bieten. Dabei hat man einerseits den besonderen, vielleicht auf gewisse Erwerbszweige angewiesenen Oertlichkeiten, andererseits den natürlichen Lebensaufgaben der beiden Geschlechter gerecht zu werden.
Die ländliche Fortbildungsschule hat ihren Schülern alles auf rationellen Betrieb der Landwirtschaft mit den ihr nahestehenden Arbeits- und Produktionsgebieten bezügliche theoretisch und so weit thunlich auch praktisch nahe zu bringen; die weibliche Jugend ist hier insbesondere mit allen Hauptzweigcn einer geordneten Hauswirtschaft bekannt
zu machen. Was in Küche und Keller, in den verschiedenen Wirtschaftsgebieten zu schaffen und zu beobachten ist, aber auch was zur regelrechten Finanzverwaltung sowie zu einer vernünftigen häuslichen Erziehung zu wissen nötig erscheint, soll die weibliche Fortbildungsschule lehren. Diese Aufgabe drängt sich um so mehr auf, als die Flucht vor dem landwirtschaftlichen Beruf und dem Leben aus dem Lande in Besorgnis erregender Weise zunimmt uiiö man demnach alle Mittel ergreifen muß, um solcher Flucht entgegenzuwirken. Auch dazu können hauswirtschaftlich tüchtig vorgebildete Frauen ihr gut Teil beitragen. Den städtischen Fortbildungsschulen mögen im Interesse gewerblicher Arbeiten besondere unterrichtliche Aufgaben zufallen; beiden gemeinsam muß das Ziel vorschweben, nicht nur die Fachbildung, sondern zugleich jene allgemeine Bildung zu fördern, die dem künftigen Staatsbürger, Gemeinde- und Familiengliede un» erläßlich ist. Der fortschreitende Ausbau der auf Berufs- wie allgemeine Bildung abzielenden, von Jünglingen und Jungfrauen obligatorisch zu besuchenden Fortbildungsschule darf als eine Hauptvoraussetzung wirtschaftlichen und zugleich sozial-politischen, damit aber allgemein kulturellen Fortschritts betrachtet werden.____________________I. Z.
Hessischer Landtag.
Zweite Kammer der Stände.
nn. Darmstadt, 2. Juli 1899.
Die Beratungen werden um Uhr eröffnet. Bei Eröffnung der Sitzung macht der Präsident dem Hause die Mitteilung, daß sich das Büreau ohne Rücksicht auf die
Feuilleton.
Der Harten im Juki.
(Nachdruck verboten.)
Es wird nun endlich Zeit, daß der Wettergott ein Einsehen gebraucht. Hat er uns bis jetzt auch hier und da kleinere Serien schöner Tage gebracht, so kann der Mensch vom Frühling und vom Sommer eigentlich etwas mehr verlangen, als ihm bis jetzt zugebilligt wurde. Die Signatur im allgemeinen bildeten kalte, regenreiche Tage und noch kältere Nächte. Trotzdem läßt sich der Drang der Natur nicht aufhallen. Durchschnittlich stehen Saaten gut, Bäume und Sträucher haben saftiges Laub, und die Rose zeigt ihre herrlichsten Blüten, — nur daß man nicht zum Vollgenuß dieser Herrlichkeiten kommen kann.
Mit dem Obst wird es sehr hapern. Die kalte Witterung, der Regen, das Fehlen der Insekten während der Blüte ließen die Bäume zu keinem Fruchtansatz kommen, und Obst wird zum Herbst und Winter ein rarer Artikel werden.
Für den Juli wäre eine Aendernng erwünscht, wenn auch Herr Falb eine böse Prophezeiung herausgesteckt hat. Doch Herr Falb hat sich auch schon geirrt, und so wollen wir auch für den Juli auf einen error in calculo seinerseits hoffen.
Die herrliche Erdbeere reist jetzt. Man versäume nicht, auf den Beeten die Ranken wiederholt abzuschneiden,
d. h. wenn man nicht Vermehrung heranziehen will, denn nächsten Monat beginnt schon wieder die Anlage neuer Beete. Als beachtenswerte neue Sorten merke man sich vor: „Delicata“ und „ Million air", die ihrem Namen alle Ehre machen, erstere wegen ihres prachtvollen Geschmackes und Aromas, letztere wegen einer kaum glaublichen Fülle der Früchte. — Erdbeerbeete lasse man nicht länger als vier Jahre stehen, dann ist ihre Tragfähigkeit erschöpft.
Von Früchten reifen außerdem im Juli Kirschen, Johannis-, Stachel- und Himbeeren, und für die Hausfrau beginnt die Zeit des Einmachens, der Säfte- und Marmeladenbereitung. Die Industrie, die unermüdlich im Erfinden ist, geht mit neuen, von Jahr zu Jahr verbefferten Instrumenten dabei zur Hand. Ein sehr zu empfehlendes Einmache-Glas ist ein Glas mit Selbstkontrolle. Eine über den Glasstöpsel gezogene Gummikappe läßt als tröstende Inschrift das Wort „Luftdicht" in großen Lettern erscheinen, wenn die Sache recht und gut geraten ist, und die Hausfrau kann beruhigt die Gläser in den Vorratsschrank schieben, es wird ihr nichts verderben. — Um den Saft den Beeren- früchten zu entziehen, bietet eine Presse, die man merkwürdiger Weise mit dem italienischen Namen „Tutti Frutti“ belegt hat, wohl bis jetzt das Beste und Praktischste. Saft und Fleisch verteilen sich gesondert.
Im Obstgarten habe man im übrigen acht auf die räuberische Jnsektenwelt. Alles zu früh abgefallene Laub wird verbrannt. Fallobst wird sofort aufgesammelt. Die Eierschwämme des Goldafters werden zerdrückt oder abgenommen. Die Stachelbeerraupen klopft man ab oder
überstäubt die Sträucher mit frischem Ofenruß. Auch ein Uebersprühen mit Seifenwaffer soll dienlich sein. — Gegen die Schnecken streut man zwischen die Kulturpflanzen Weizenkleie, um sie anzulocken, und sie dann abzunehmen. Der böse Engerling findet an dem Maulwurf seinen grimmigsten Feind. Schonen wir den Maulwurf, mit Ausnahme, wo er sonst durch sein Wühlen zu großen Schaden anrichtet, wie z. B. im Ziergarten und auf Rasenflächen.
Im Gemüsegarten macht man nun die letzten Aussaaten von Erbsen und Buschbohnen. Auf leere Beete werden Winterkohl, Rosenkohl, Kohlrabi, Kopfsalat, Winterendivien und Porree ausgepflanzt. Sodann säet man: Herbstrüben, Spinat, Teltower Rüben, Salat, Rettich. — Auch kann man noch für den Verbrauch im Oktober von Möhren eine Aussaat machen.
Im Blumengarten genießen wir im Juli so recht die Farbenpracht und den Schmelz und Duft der vielgestaltigen Florakinder. Doch sorgen wir immer wieder für die Zukunft vor. Wir vermehren durch Teilung und Ncu- verpflanzung unsere Aurikel, Gartenprimel, Feder- und Pechnelken. Ferner beginnen wir mit dem Okulieren der Rosen, auch lassen sich diese jetzt durch Stecklinge vermehren; die Stecklinge schneiden wir nach der ersten Blüte. — Wir beschneiden die Buxbaumeinfassungen. Von zweijährigen Pflanzen, wie Calceolarien, Cinerarien, Vergißmeinnicht (eilte neue reizende Sorte ist Liebesstern), Stiefmütterchen, Silenen rc., werden Aussaaten gemacht. — Die Georginen bereiten sich zur Blüte vor. Diese Pflanzen werden von Ohrwürmern sehr heimgesucht. Zu ihrem Fang nimmt man


