Ausgabe 
4.7.1899 Erstes Blatt
 
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sollte, nahm der Regen an Heftigkeit so zu, daß auf dem Festplatz nicht zu verkehren, geschweige denn zu verweilen war, weshalb denn auch der Juxplatz verödet lag. Trotzdem wanderte Alt und Jung aus der Stadt hinaus nach dem Festplatze, um wenigstens zu sehen,was da los war". In der Festhalle konzertierten abwechselnd die beiden Militärkapellen, und trugen ihr gut Teil zur Hebung der Feststimmung bei. Eines regen Besuches hatte sich die bayerische Bierhalle zu erfreuen. Als in vorgerückter Abend­stunde der Regen nachließ, wurde im Freien noch getanzt. Das Konkurrenzschießen nahm gegen 5 Uhr seinen Anfang und wurde bald recht lebhaft. Nachstehend teilen wir die ersten Treffer mit. A) Stand sch eib e: 1. Roth- Frankfurt 14,10, 2. Becker-Bockenheim 18,15, 3. Horbach- Offenbach 18,25, 4. Clenz-Landau 19,21, 5. Kilbinger- Gießen 23,55, 6. Braun-Pfeddersheim 25,00, 7. Diehl- Mainz 26, 8. Nosascheck-Mainz 30,15, 9. Hoffmann-Heidel­berg 33,10, 10. Cron-Neustadt 35,20. B. Konkurre nz- Fel dscheibe: 1. Friedr. Jak. Bradtels-Wiesbaden 14, 2. Ad. Jung-Frankfurt 14%, 3. A. Jllig-Bockenheim 15%, 4. C. Brauns-Offenbach 15%, 5. C. A. Gauß-Mainz 17, 6. Carl Srba-Heidelberg 24, 7. W. Frosch-Frankfurt 34%, 8. Wilh. Penk-Worms 53%. Wir lenken unsere Schritte heute zurück zur Feststadt Gießen. Da finden wir denn, bei regenfreiem Wetter betrachtet, daß sie sehr schön ge­schmückt ist. Einzelne Häuser am Markt, auf der Müus- burg, dem Seltersweg, in der Schulstraße und an der Wallthorstraße haben sich geradezu hervorgethan, und die Einheitlichkeit in der Ausschmückung, wie sie der Seltersweg und die Bahnhofsstraße zeigen, fanden den ungeteilten Beifall der Fremden und Einheimischen. Heute Montag­mittag 1 Uhr gelangten an folgende Schützen Becher zur Verteilung: Standscheibe: Böhler-Ludwigshafen; Feldscheibe: Kuppenheim-Pforzheim; Heidelberger-Mannheim.

* * 17. Verbands Schießen des Badischen Landes Schützen- Vereins und des Pfälzischen und Mittelrheinischen Schützen- bundes. Der geschäftsführende Ausschuß hat heute vormittag beschlossen, den Fe st platz in guten, passierbaren Zustand zu setzen.

* * 17. Verbands-Schießen des Badischen Landes-Schützen- Vereins und des Pfälzischen und Mittelrheinischen Schützen­bundes. Wie aus dem Anzeigenteile ersichtlich, ist für Sonntag den 9. Juli eine Wiederholung des Fest- zuges geplant. Hoffentlich ist diesmal das Wetter günstiger.

* * Polizeibericht. Arretiert wurde: 1) ein hiesiger Straßenkehrer, welcher in seiner Wohnung fast sämt­liches Mobiliar zerschlug und alsdann auf der Straße fort­gesetzt Skandal verübte; 2) ein hier beschäftigter Tag­löhner wegen fortgesetzter Ruhestörung. Zur Anzeige kamen: 1) ein hiesiger Glasergeselle wegen Körper­verletzung; 2) ein hiesiger Glasergeselle wegen Sitt­lichkeitsverbrechen. Am gestrigen Tage wurde in hiesiger Stadt ein Taschendieb stahl ausgeführt.

Darmstadt, 2. Juli. Der aus dem Amte durch Pensionierung geschiedeneVorsitzende derMinisterial-Abteilung für Bauwesen Geheimrat Dr. Theodor Schäffer hat in sehr langer Thätigkeit viel Gutes geschaffen und recht ersprießlich gewirkt. Er wurde seiner Zeit von. der Tech­nischen Hochschule, wo er das Fach des Eisernen Brücken­baus und der Theorie der Konstruktionen vertrat, ins Mini­sterium berufen. An der endgiltigen Gestaltung der Pläne für die Brücken bei Mainz, und Worms hat er u. a. her­vorragenden Anteil. Die Stelle Schäffers ist nunmehr mit einem Juristen besetzt worden.

A Mainz, 2. Juli. Der neue hessische Gesetzentwurf betr. Einführung der Feuerbestattung in Hessen hat dem hiesigen Verein für Reform des Bestatiungswesens Veranlassung gegeben, der Regierung mit einer ganzen Reihe zum Teile sehr wesentlicher Abänderungsvorschläge an die

Hand zu gehen. Diese Vorschläge sind sowohl von der Ausschußmehrheit wie auch von der Regierung durchweg angenommen worden, wodurch der Gesetzentwurf eine Fassung erhalten hat, die genau den Wünschen entspricht, welche die Anhänger der Feuerbestattung schon vor vielen Jahren der Regierung in unzähligen Petitionen unterbreitet haben.

Mainz, 2. Juli. An den gegenwärtig in Zürich tagenden 6. Deutschen Journalistentag ist seitens des Mainzer Journalisten- und Schriftstellerverein telegraphisch die Einladung ergangen, mit Rücksicht auf das das nächste Jahr hier stattfindende Gutenbergfest den kommenden Journalisten- und Schriftstellertag am 24. Juni 1900 hier in Mainz abzuhalten. Eine Antwort ist auf diese Einladung bis jetzt noch nicht erfolgt.

Mainz, 2. Juli. Die meisten hier gegründeten Zwangs­innungen verwandeln sich wieder in freie Innungen. Man hat hier sehr schlechte Erfahrungen mit den Zwangs­innungen gemacht.

Aus der Zeit für die Zeit.

Vor 123 Jahren, am 4. Juli 1776, erfolgte die Un- abhängigkeitserklärung der nordamerikanischen Kolo­nien nach Jeffersons Entwurf, in welchem das Recht der Amerikaner in ein so Helles Licht gestellt wurde, daß ihr Kampf in Europa allgemeine Teilnahme fand, und daß alle Herzen dem Ausgange eines Krieges erwartungsvoll entgegenschlugen, den man als Kampf der Vernunft und Menschenrechte gegen verjährte, angemaßte Ansprüche be­trachtete.

Temperatur der Lahn und Luft

nach Reimmur gemessen am 3. Juli, zwischen 11 u. 12 Uhr mittag«: Wasser 14°, Luft 12°.

________________________Rübsamen'sche Badeanstalt.

Neueste Meldungen.

Depeschen des BureauHerold'.

Berlin, 2. Juli. Fürst Herbert Bismarck erhielt, wie dasKleine Journal" meldet, den Botschafterposten zu Washington angetragen. Der Fürst sah sich jedoch aus persönlichen Gründen genötigt, dieser Berufung vorläufig nicht Folge zu leisten. Es ist nicht ausgeschlossen, daß der Fürst erst dann wieder in den aktiven Staatsdienst treten wird, wenn sich hinsichtlich des Londoner Botschafterpostens eine Aenderung vollzieht. Alle Versionen, welche den Fürsten mit irgend einem Ressort im preußischen Staatsministerium in Zusammenhang bringen, erweisen sich, wie das genannte Blatt mit Bestimmtheit mitteilen kann, als durchaus un­zutreffend.

Berlin, 3. Juli. Anläßlich der Arbeiterunruhen im Kohlen-Revier hat die Berliner polnische Sozialisten- Partei einen Aufruf an ihre streikenden Landsleute in den westfälischen Bergwerksbezirken erlassen. Darin werden die polnischen Arbeiter ermahnt, sich zu keinen Ausschreitungen hinreißen zu lassen. Der Vorstand der polnischen Socialisten- Partei verwahrt sich auf das entschiedenste gegen die Be­hauptung, der Streik in Herne sei auf seine Agitationen zurückzuführen.

Wien, 3. Juli. Der Sonn- und Montags-Zeitung zufolge beabsichtigt die Negierung eine neue Verständigungs- Aktion in der Sprachenfrage Anfang August einzuleiten und dann die Einberufung des Reichsrates und der Dele­gationen zu bestimmen.

Wien, 3. Juli. In der Praterstraße fand gestern mittag eine stürmische Demonstration der Sozial­demokraten gegen den Bürgermeister Lueger und die übrigen christlich-sozialen Führer statt, worauf eine wilde Prügelei zwischen den christlich-sozialen und den Sozial­demokraten auf der Straße folgte. Der Landtags-Abge­

ordnete Schnabel, der zum Pfarrer der Johanniskirche er­nannt ist, wurde gestern vormittag installiert. Anwesend waren in der Kirche Bürgermeister Lueger, sein Stellvertreter Strobach und viele christlich-soziale Stadträte und Ab­geordnete. Die Sozialdemokraten, welche in einem nahen Gasthause eine Versammlung abgehalten hatten, zogen dann vor die Kirche und brachen, als Lueger, Strobach und die übrigen die Kirche verließen, ick die Rufe aus:Pfui Lueger 1 Pfui Strobach! Pfui die Jesuiten!" Der städtische Galawagen wurde vor der Kirche angespieen. Da vor der Kirche auch viele Christlich-Soziale versammelt waren, entstand eine Prügelei mit Fäusten, Stöcken und Schirmen. In der breiten Praterstraße war der Verkehr vollständig gehemmt. Unbeteiligte Passanten flüchteten. Die Polizei nahm zahlreiche Verhaftungen vor.

Graz, 3. Juli. Anläßlich der Auflösung einer soziali­stischen Volksversammlung kam es gestern zu großen Demonstrationen. Dem die Versammlung auflösenden Po­lizeikommissar wurden Gläser und Deckel an den Kopf ge­worfen, sodaß er flüchten mußte. Auf der Straße wurden die Demonstrationen fortgesetzt. Die Polizei mußte wieder­holt einschreiten.

Paris, 3. Juli. Sehr bemerkt wird eine gestern von Daroulede gehaltene Ansprache auf einem Bankett in St. Cloud, welchem mehr als 500 Personen beiwohnten. Coppee hielt zuerst eine Ansprache, worin er die Ge­schworenen der Seine beglückwünschte, weil sie Deroulöde freigesprochen haben. Hierauf nahm letzterer das Wort. Er sagte etwa folgendes: Wie früher, so halte ich auch jetzt noch an der Schuld Dreyfus fest. Ich gestehe aber zu, daß sich Beweise der Unschuld annehmen lassen, wenn sie von dem Kriegsgericht in Rennes festgestellt werden. In diesem Falle aber wären keine Maßregeln scharf genug, die 6 Kriegsminister, welche dieSchuld ohne Beweis anerkannt haben, zu bestrafen. Wie auch der Ausgang des Prozesses sein möge, eine parlamentarische Wirtschaft, welche vier Jahre gebraucht habe, um die Schuld oder Unschuld Dreyfus' zu beweisen, sei eine Organisation, welche abgeschafft werden müsse, weil sie dem Lande keine der Genugthuungen und Reformen geben kann, welche es ungeduldig erwarte. Diese Worte wurden im ganze Saale mit dem Rufe:Es lebe die Armee!" begrüßt.

Paris, 3. Juli. Der Dreyfus-Prozeß ist auf den 31. Juli festgesetzt. Bisher sind 40 Zeugen geladen. Drey­fus wird vor dem Kriegsgericht in derselben Uniform er­scheinen, die er bei der Degradation trug. Frau Dreyfus hat die Knöpfe, welche anläßlich der Degradation abgerissen wurden, wieder angesetzt. Die Mitglieder des Kriegsgerichts erhielten anonyme Drohbriefe, worin ihnen für den Fall des Freispruches der Tod angedroht wurde. Dreyfus wird erst durch ein Memorandum seines Advokaten Demange die Ereignisse der letzten Jahre erfahren.

London, 3. Juli. Die Transvaal-Angelegenheit nimmt wieder einen sehr ernsten Charakter an. Zwei Regi­menter sollen Befehl erhalten haben, sich einzuschiffen.

Petersburg, 3. Juli. In hiesigen diplomatischen Kreisen verlautet, der Großfürst Thronfolger Georg beabsichtige wegen seiner andauernder Krankheit zu Gunsten seines jüngeren Bruders, des Großfürsten Michael auf die Thron­folge zu verzichten.

Alexandrien, 3. Juli. Seit Donnerstag sind hier zwei neue Todesfälle an Pest und sieben Erkrankungen vor­gekommen.

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Die Beerdigung findet Mittwoch den 5. d. M., nachmittags 21/. Uhr, vom Sterbehause, Bahnhofstrasse 42, aus. statt.

Dr. Heinrich Schudt, Else Schudt, geb. Brückner, Maggie Schudt, geb. Wilson und drei Enkelkinder.

Heute vormittag verschied, sanft nach längerem Leiden unsere liebe Mutter, Schwiegermutter und Grossmutter

Frau Susanne Schudt

geb. Brückmann.

Giessen, den 3. Juli 1899.