Nr. 54 Zweites Blatt Samstag den 4. März
1899
Gießener Anzeiger
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Fernsprecher Nr. 51.
Die Erklärungen des Staatssekretärs von Bülow.
In der Budgetkommission des Reichstags pflegt die Negierung über die auswärtige Politik interpelliert zu werden, und den Aeußerungen des Vertreters der verbündeten Regierungen mißt man um so größere Bedeutung bei, als derartige Kundgebungen nicht allzu oft erfolgen. Jr der Dienstagsitzung der Budgetkommission wurden allerhand interessante Dinge erörtert. Schon oft ist die Frage aufgeworfen worden, wie sich einmal unser handelspolitisches Verhältnis zu England gestalten werde, nachdem bekanntlich der Handelsvertrag gekündigt worden war. Nach den Ausführungen des Staatssekretärs von Bülow hat anscheinend der von der britischen Regierung vorgelegte neue Entwurf nicht die Zustimmung unserer maßgebenden Faktoren finden können, sonst wäre ja ein deutscher Gegenentwurf nicht nötig gewesen. Worin die Differenzpunkte bestanden haben, Hal Herr von Bülow nicht gesagt, jedenfalls wird eine völlige Einigung nicht so leicht sein, insbesondere nachdem Deutschland mit England auf fast allen industriellen Gebieten in so scharfe Konkurrenz getreten ist. Wir wissen ja, wie schwer England diese Konkurrenz empfindet, die ja schon mehrfach den Grund zu einer politischen Gereiztheit uns gegenüber gegeben hat. Angesichts des Umstandes, daß zwischen beiden Ländern im letzten Herbst ein politisches llebereinkommen abgeschlossen worden ist, steht übrigens zu Haffen, daß auch auf handelspolitischem Gebiete schließlich eine Verständigung erfolgt.
Interessiiert hätte uns noch eine ausführliche Darlegung der Vorgänge auf Samoa. Die Angelegenheit scheint noch sehr der Klärung zu bedürfen, sonst läge natürlich kein Grund vor, der großen Oeffentlichkeit den Stand der Dinge MzuenthaUen. Entweder befand sich unser Konsul in Apia int Unrecht, dann sehen wir nicht ein, weshalb das nicht offen zugestanden wird; oder aber es liegt eine Vergewaltigung des deutschen Vertreters seitens Englands oder der Vereinigten Staates vor, dann hegen wir zu unserer -ieichsverwaltung das feste Vertrauen daß sie Genugthuung fordert und energisch gegen fremde Anmaßungen auftritt. Die Samoa-Angelegenheit schwebt nun schon eine geraume Zeit, es wäre deshalb angebracht, dem großen Publikum dcn wahren Thatbestand mttzuteilen. In dieser Beziehung hat uns der Staatssekretär am Dienstag enttäuscht, während Mir seinen sonstigen Ausführungen unfern Beifall nicht versagen können.
Deutsches Keich-
Darmstadt, 2. März. Der „Darmst. Ztg." zufolge ist dis Vorgehen im Kreise Worms gegen die Sammlung van Beiträgen in der Weinsteuerbewegung weder vom Ministerium veranlaßt noch gut geheißen worden.
Berlin, 2. März. Der Kaiser hat den Platz vor -kr Kroll'schen Oper für das Richard-Wagner-Denkmal nicht genehmigt, sich vielmehr Vorbehalten, einen geeigneteren Platz tic das Denkmal selbst zu bestimmen.
Feuilleton. „Geflügelte" Worte.
Ornithologische Plauderei
.jclegentlich der 2. großen allgemeinen Geflügel- und Bogel- Ausstellung am 3., 4. und 5. März 1899 in Gießen.
Von Hermann Robolsky-Golha.
(Schluß.)
Seitens des preußischen Ministers für Landwirtschaft m-fc in neuerer Zeit auch mit allen Kräften angestrebt, die Tkflügelzucht auf den Standpunkt zu bringen, wie solcher in Frankreich und Galizien bereits seit Jahren besteht, und Jitgi hier in erster Linie die Absicht vor, dahin zu wirken, iic jährlich nach dem Auslande wandernden Millionen dem liciche zu erhalten. Staatliche Prämien sollen für die ^flügel-Ausstellungen bereitgestellt werden; ferner Brut- vaschinen, sowie Geldunterstützungen zur Errichtung von Walter-Ausstellungen, Mastställen, zur Beschaffung von Sutem Zuchtmaterial geliefert werden. Welch großes In- ttreffie der Geflügelzucht von allen Seiten zugewandt wird, zchtt daraus hervor, daß der deutsche Kaiser erst im ver- Eigenen Jahre dem so fördernd wirkenden Vereine „Fortuna" in Berlin die silberne Königsmedaille verliehen hat. Der M»gistrat der Reichshauptstadt aber stiftete demselben Ver- «int zu seiner Februar-Ausstellung einen Ehrenpreis der
Berlin, 2. März. In der Budget-Kommission des Reichstages wird die zweite Lesung der Militär- Vorlage in nächster Woche voraussichtlich am Dienstag beginnen.
Berlin, 2. März. In der Reichstags-Kommission für die Novelle zum Bankgesetz ist heute die erste Lesung zu Ende gelangt. Bis auf geringfügige Aenderungen betreffend den Diskontosatz der Privat- Notenbanken und des Nennwertes der nen aufzunehmenden Bank-Anteile ist die Vorlage angenommen worden.
Berlin, 2. März. Die Erklärungen des Herrn von Bülow. Der „Times" wird aus New-York berichtet: Die Ausführungen des Staatssekretärs v. Bülow in der Budgetkommission des Deutschen Reichstages und die neuerlichen offiziösen Kundgebungen aus Washington geben eine zwiefache Versicherung von den freundschaftlichen Beziehungen, die zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten entstanden sind. Deutschland, so meint man hier, hat ein kluges Verfahren eingeschlagen, indem es sich an die Vereinigten Staaten um Schutz der Deutschen auf den Philippinen wandte. In diplomatischen Kreisen ist man der Ansicht, daß der Schritt Deutschlands, falls Schwierigkeiten eintreten, Verlegenheiten für Amerika im Gefolge haben kann, und es wird bereits darauf hingewiesen, daß die Vereinigten Staaten sich selbst haftbar machen für den Schaden, der Deutschen aus der eigenen Aktion der Amerikaner erwächst. Jedoch ist die Gewißheit, daß eine Kollision mit Deutschland wegen Manilas nicht eintreten wird, alle etwa entstehenden Kosten wert. Was Staatssekretär v. Bülow bezüglich Samoas sagt, hätt man für eine Bekundung seiner Bereitwilligkeit, die ganze Frage sowohl in Bezug auf das, was geschehen ist, als auf das, was noch geschehen wird, in freundschaftlicher Weise zu behandeln. Die Aussichten auf eine dauernde Regelung der Angelegenheit haben sich bedeutend gebessert.
— Der bayerische Senat beim Reichsmilitärgericht. Die „Münchener Allg. Ztg." erklärt wiederholt mit Bestimmtheit, daß die Vorlage wegen Errichtung eines bayerischen Senats beim Reichs-Militärgerichtshof Bundesrat und Reichstag bereits in allernächster Zeit beschäftigen werde. Das Blatt ergänzt heute noch seine Mitteilungen über den Stand des Gesetzentwurfs dahin, daß die sämtlichen für die Beratung des Gesetzentwurfes nötigen Verhandlungen beendet sind und zu einem völlig befriedigenden Resultat geführt haben.
— Der Krefelder Ausstand dauert noch fort. Eine geheime Abstimmung bei sämtlichen 13 im Strike befindlichen Sammetwebereien ergab, daß alle Arbeiter mit zwei Ausnahmen gegen die Fabrikantenlohnliste stimmten. Die vereinigten Arbeiterausschüsse erlassen eine Erklärung, daß sie von ihren Forderungen nicht abweichen werden.
Wilhelmshaven, 2. März. Der Kaiser traf heute vormittag 10 Uhr auf dem Torpedo-Excrcierplatze hier ein und besichtigte daselbst die in Tropen-Uniform aufgestellte Kiautschou-Truppe. Nach dem Abschreiten der Front hielt der Kaiser eine längere Ansprache, in der er zu gutem
Stadt Berlin von 300 Mk. Hoffentlich wirken all diese Aufmunterungen befruchtend auf die deutsche Geflügelzucht, und ist die Zeit nicht weit, wo wir mit unserem Bedarf an Schlachthühnern, Eiern rc. nicht mehr auf das Ausland angewiesen sind.
Während andere Haustiere oft große Neigung zeigen, wieder zu verwildern, verspürt man bei Frau Kratzfuß derlei Freiheitsbestrebungen gewiß nur sehr selten. Wenn Hennen wirklich mal ihre Eier etwas abseits in Hof und Garten legen, so geschieht das doch wohl namentlich nur deshalb, damit sie ungestört brüten können. Frau Kratzfuß ist die Begleiterin des Menschen überallhin geworden und will es auch bleiben. Professor Dr. Masius (früher in Leipzig) sagt in seinen interessanten „Naturstudien" so treffend vom Huhn: „Der erste Vogel, den der Mensch zum Haustier umgeschaffen, war sicherlich das Huhn. Die Kunst, es zu mästen und fett zu machen, darf als eines der erfreulichsten Geschenke angesehen werden, welche uns zuteil wurden. Auf dem Erdboden zu wandeln bestimmt, harmlos Körner pickend, und gesellig sich scharend, steht sein Geschlecht in ähnlicher Weise den Wiederkäuern parallel, wie Gans und Ente dem Schweine. Beschränktheit und Unter» würfigkeit ist des Huhnes Natur. Das sagt sogleich der erste Blick. Auch war Frau Kratzfuß nie für geistreich bekannt. Wie oft hat Reinecke die liebe Einfalt berückt und
Verhalten im Auslande ermahnte. Darauf brachte der Führer der Kiautschou-Truppe ein Hoch auf den Kaiser aus. Sodann fand Parade vor dem Kaiser statt.
Ausland.
Wien, 2. März. In einer Weinstube der Josefstadt. insultierte nachts der kroatische Student der Medizin, Lausch, ohne jede Ursache die anwesenden deutschen Studenten. Von letzteren zur Ruhe verwiesen, zog er das Taschenmesser und verwundete den deutschen Studenten Andorf.^Lausch wurde verhaftet.
Budapest, 2. März. Das Abgeordnetenhaus wählte heute den früheren Minister des Innern, Perczel, mit 244 von 319 Stimmen zum Präsidenten des Abgeordnetenhauses.
Prag, 2. März. In Planitz weigerten sich die Mitglieder der Rekruten-Kommission, die deutsch aufgestellten Militärlisten zu unterschreiben und sandten an das Ministerium ein Protest-Telegramm des Inhalts, daß die deutsche Abfassung dieser Listen dem Rechte des tschechischen Volkes widerspreche.
Cett'mje, 2. März. Die geplante Reise des Herzogs von Montenegro nach Konstantinopel ist auf unbestimmte Zeit verschoben worden.
Rom, 2. März. Mazzoni erklärte heute mittag, das subjektive Befinden des Papstes sei gut, die Wunde schmerzlos, die Temperatur 37,4 Grad, die Ernährung ist reichlicher als gestern, sodaß eine günstige Prognose nicht gewagt erscheine.
London, 2. März. Nach Meldungen aus Washington verstarb dort der P r ä s i d e n t der resultatlos auseinandergegangenen Canada-Konferenz. Sein Leichenbegängnis wird zu großen anglo-amerikanischen Verbrüderungs-Demonstrationen benutzt werden.
London, 2. März. „Daily Telegraph" meldet aus Petersburg, man sei ohne bestimmte Meldung überden Tod des Emirs von Afghanistan. Man will jedoch wissen, daß sein Zustand sehr besorgnißerregend und der Tod bevorstehen soll. In hiesigen politischen Kreisen versichert man, daß wenn England keine aggressive Politik ergreife, Rußland keine Aenderungen in Afghanistan Hervorrufen werde.
Petersburg, 28. Februar. Die St ud entenunruhe« nehmen allmählich ein bedenkliches Aussehen an. Die höheren Lehranstalten, wie die Universität des Bergkorps, die mediko-chirurgische Akademie usw. sind geschlossen, aber nicht auf Veranlassung der Behörde, sondern die Studierenden gehen nicht hinein. Die Mehrzahl der Professoren steht auf Seiten der studierenden Jugend und tadelt entschieden das brutale Vorgehen der Kosaken und der Polizei. Einer der bekanntesten Professoren der mediko-chirurgischen Akademie sagte einem der Studenten, der im letzten Semester steht und in'des Professors Klinik erschien: „Schämen Sie sich nicht, sich von ihren Kommilitonen zu trennen?*" Ein Klub von Marine-Offizieren hat der Studentenschaft eine
tote erbarmungslos ihr mitgespielt! — Wie blind ist sie gegen die Untreue ihres Herrn und Gatten! — Wie verlieren die Glucken alle Fassung, wenn ein Kind an ihrem Haufen vorübergeht! Ratlos stürzen sie durcheinander, immer und immer wieder gegen die Wand, die Mauer, den Holzstoß anrennend. Aber mit eben dieser Beschränktheit, scheint es fast, hängen auch die anderen Züge ihre« Charakters zusammen, ihre Gutmütigkeit, ihr Eifer und ihre Zucht."
Man hat, um ein neues Wild zu schaffen, mehrfach Versuche gemacht, Haushühner auszusetzen und verwildern zu lassen. Das Ding ging aber nicht an. Das Huhn kann die Unterstützung des Menschen nicht mehr entbehren: von Freiheit und Unabhängigkeit mag es nichts wissen. ES würde sich selbst nicht mehr ernähren können. — Freude erregte cs bekanntlich vor etwa einem Decennium, namentlich in Jägerkreisen, als sich in einigen Gegenden Deutschlands etliche Paare des asiatischen Steppenhuhns eingefunden hatten. Man schonte die fremden Vögel und hoffte auf ihr Bleiben. Unsere klimatischen Verhältnisse mußten aber den Tieren nicht zusagen; sie sind längst wieder verschwunden. Ausgestopft habe ich eins der Steppenhühner gesehen; ich möchte den Vogel beinahe als Taube ansprechen. Der Umstand, daß die Paare auch immer nur zwei Eier produzieren und ausbrüten, weist auf Taubengepflogenheit hm.


