Nr. 30 Zweites Blatt Samstag den 4. Februar
1890
Gießener Anzeiger
Heneral-AnMger
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Fernsprecher Nr. 51.
Die Lage in Frankreich.
Die Zustände, welche gegenwärtig in der Republik jenseits der Vogesen herrschen, sind kürzlich von gewisser Seite mit dem Ausdruck „Anarchie" bezeichnet worden. Und fürwahr, wenn man die Ereignisse der letzten Zeit überblickt, so muß man zugestehen, daß die Situation vollständig verworren und haltlos ist. Wie wir ja bereits des öfteren ausgeführt haben, stehen wir der Affaire Dreyfus durchaus unparteiisch gegenüber. Die Person des Exkapitäns ist uns so gleichgiltig, daß wir für ihn keine Lanze zu brechen Anlaß haben. Nur das haben wir von vorneherein betont: Ist die Verurteilung Dreyfus' nicht auf streng legalem Wege erfolgt, so muß im Interesse der Gerechtigkeit eine Revision des Prozesses eintreten. Dafür könnte unserer Ansicht nach auch die Generalstabspartei plaidieren, nachdem die Sache so viel Staub aufgewirbelt und ganz Frankreich in Erregung versetzt hat. Zu verstehen war es ja, daß der Generalstab und seine Anhänger anfangs einer Revision widerstrebten, vorausgesetzt, daß sie von der Legalität des Verfahrens gegen Dreyfus fest überzeugt waren.
Daß die Rechtssicherheit in Frankreich einen starken Stoß erlitten hat, vermag niemand zu leugnen. Die Verhandlungen gegen Esterhazy und Zola boten zu viele Punkte dar, in denen sich der unbefangene Laie sagen mußte: „Das widerstrebt meinem Rechtsgefühl". Wenn auch der Chauvinismus in weiten Kreisen dieses Rechtsgefühl erstickte, so hat doch die Erfahrung gelehrt, daß die Anschauungen sich im Laufe der Zeit änderten und gar viele nachträglich zu der Erkenntnis kamen, daß das strikte Recht arg verletzt worden sei. Und wir meinen, ein Land, welches das Vertrauen in die Rechtmäßigkeit der Regierungshandlungen und überhaupt in die Uneigennützigkeit seiner Justiz verloren hat, steuert thatsächlich der Anarchie entgegen. Frankreich hat in dieser Hinsicht so viele böse Erfahrungen hinter sich, daß man meinen sollte, die maßgebenden Kreise seien klug geworden. Aber das scheint nicht der Fall zu sein, denn die schwankende Politik der Regierung gegenüber dem Revisionsverfahren im Dreyfusprozeß ist kein Zeichen dafür, daß man sich die gesammmelten Erfahrungen zu nutze gemacht hat.
Wohin treibt man in Frankreich? Das ist heute die Frage vieler. Und die Antwort lautet: „Zur Anarchie." Aber die Anarchie kann nur ein Uebergangsstadium sein von mehr oder weniger langer Dauer. Daß die Republik die Herzen der Franzosen voll befriedigt, kann niemand behaupten, nur die Frage „Was sonst" sichert ihr noch den
Bestand. Vielleicht haben diejenigen recht, welche in letzter Zeit die Uebernahme des Thrones von Frankreich durch einen Napoleon als gar nicht so aussichtslos hinstellten. Ohne schwere Kämpfe, ohne vorherige Anarchie wird das aber nicht geschehen können. (xx)
Zur Kiautschou-Debatte im Reichstage
schreiben die „Münchner Neuesten Nachrichten":
Seit langer Zeit haben wir keine so erfreuliche Debatte im Deutschen Reichstage erlebt, wie die gestrige über Kiautschou. Der ganze Verlauf der Verhandlungen bedeutete einen Sieg der Regierung und gab ihr die Bestätigung, daß die überwältigende Mehrheit des Parlaments die seit der Besitzergreifung von Kiautschou ergriffenen Maßregeln billigt. Daß von regierungs- und kolonialfreundlicher Seite aus die ostasiatische Politik der Reichsregierung anerkannt werden würde, war nicht zweifelhaft, in dieser Beziehung haben daher die Reden des Nationalliberalen Grafen Oriola, des Freikonservativen Grafen Arnim und des Konservativen Oertel keine Ueberraschungen gebracht. Dafür war aber das, was die „Geister", die stets verneinen, für oder wider die Kiautschou-Politik der Regierung ausführten, im höchsten Grade bemerkenswert; nicht etwa wegen der Fülle von Gedanken oder praktischen Ratschlägen, sondern wegen des Mangels an Oppositionsmaterial. Was da von Richter, der anscheinend nur kurz gesprochen hat, und von Bebel, dem berufenen Kolonialhelden der sozialdemokratischen Partei, dargelegt wurde, entbehrte, wenn man die obligaten Ausfälle gegen Flottenvermehrung, Militarismus und bureaukratisches Regime ausnimmt, vollständig der Heftigkeit, mit der sonst Schlachten gegen die Kolonialpolitik der Regierung im deutschen Reichstage geführt wurden. Sowohl Richter wie Bebel find im Grunde wohl kaum erfreut darüber, daß die Maßregeln, die zur wirtschaftlichen Förderung der ostasiatischen Erwerbung ergriffen wurden, so verständig und praktisch eingeleitet und durchgeführt sind. Zwar könnten die beiden an der Wahrscheinlichkeit des raschen Gedeihens von Kiautschou selbst kaum zweifeln — dazu sind sie viel zu klug —, aber sie gaben sich die redlichste Mühe, das Erreichte und zu Erhoffende mit dem düsteren Schleier ihres, wenn es gegen die Regierung geht, unbesieglichen Skeptizismus zu umhüllen. Ihnen gegenüber hatte Admiral Tirpitz naturgemäß einen leichten Stand. Der Staatssekretär des Reichs- Marineamtes gab übrigens in seinen gestrigen Reden nicht
viel mehr als einen Extrakt aus der bekannten Denkschrift über die Entwicklung Kiautschous, und er konnte gester« von den einsichtigen und verständnisvollsten Kolonialfreunden des Hauses in reichem Maße die Anerkennung für die von der Regierung entfaltete Thätigkeit in unserer jüngsten Kolonie ernten. Das Gesamtergebnis seiner Ausführungen war das: Die wirtschaftliche Entwicklung Kiautschous wird bei Handelsund Gewerbefreiheit, bei der zweckmäßigen Bodenpolitik, bei entsprechender Ausnutzung der ruhenden wirtschaftlichen Kräfte langsam, aber stetig vor sich gehen. Als militärischer Stützpunkt behält die Kolonie ihre große Bedeutung. Die Verwaltung basiert auf möglichster Autonomie der Ansiedler und Unabhängigkeit des Gouvernements vom grünen Tisch in Berlin.
Wem das Wachstum des Vaterlandes am Herzen liegt, der wird mit lebhafter Freude den Triumph der jüngsten deutschen Kolonialpolitik im Reichstag begrüßt haben, und er wird sich auch die Freude durch die Thatsache kaum verkümmern lassen, daß diese erste hervorragende Leistung unserer Kolonialpolitik ein Verdienst unserer Marineverwaltung ist.
Deutsches Reich.
Berlin, 2. Februar. Der Kaiser empfing heute mittag 12’/4 Uhr die Bischöfe von Fulda und Limburg.
Berlin, 2. Februar. Der Großherzog und die Großherzogin von Baden gedenken heute abend Berlin wieder zu verlafien und nach Karlsruhe zurückzukehren.
Berlin, 2. Februar. Der König von Sachsen, der bei seiner Anwesenheit in Berlin anläßlich der Feier des Geburtstages des Kaisers den Staatssekretär Posa- dowsky in längerer Audienz empfangen hatte, hat diesem den goldenen Stern zum Großkreuz des Albrecht-Ordens persönlich überreicht.
— Zum Hafenbau in Swakopmund meldet das „Deutsche Kol.-Bl.": Der Regierungsbaumeister Ortloff ist Ende November mit den für den Hafenbau bestimmten Beamten und Arbeitern in Swakopmund eingetroffen. Der Gesundheitszustand der Leute ist bisher ein sehr zufriedenstellender gewesen und wird es hoffentlich auch ferner bleiben. ES sind zunächst Feststellungen über das Vorhandensein von brauchbarem Gestein in der Nähe der Küste erhoben worden. Erfreulicherweise ist Granit 2,5 Kilometer von der Baustelle und 300 Meter vom Meeresstrande entfernt vorgefunden worden. Der Granitfels steht nicht als Berg an, sondern
Di«
Feuilleton.
Aas 19. Jahrhundert.
(Nachdruck oder Auszug verboten.)
Chronologische Uebersicht.
II.
1809
27. 9.
11. 4.
12. 4.
21. 5.
31. 5.
5. 7.
Kongreß zu Erfurt.
Ausbruch des Tyroler Aufstandes gegen die Franzosen.
Erstürmung Innsbrucks durch Andr. Hofer.
Schlacht bei Aspern.
Schill fällt zu Stralsund.
Schlacht bei Wagram.
1
31.
2.
11.
20.
30.
3.
3.
4.
4.
4.
5.
9.
Einzug der Verbündeten in Paris. Napoleons Absetzung durch den Senat. Napoleons Abdankung zu Fontainebleau. Napoleon tritt die Reise nach Elba an. Erster Pariser Friede.
Publikation der allgemeinen Wehrpflicht in Preußen.
wichtigsten politischen Ereignisse des 19. Jahrhunderts.
1810
20. 2.
Andreas Hofer zu Mantua erschossen.
1.
11.
Eröffnung des Wiener Kongreffes.
1800
14.
6.
Schlacht bei Marengo.
19. 7.
Königin Luise von Preußen f.
4.
11.
Vereinigung Norwegens mit Schweden.
26.
10.
Moltke *.
5. 11.
General Bernadotte wird vom König von
1815
26.
2.
Napoleon I. verläßt Elba.
1802
19.
5.
Napoleon stiftet den Orden der Ehrenlegion.
Schweden adoptiert.
1.
3.
Napoleons Landung in Frankreich.
1804
2.
12.
Kaiserkrönung Napoleons.
1811
20. 3.
Napoleons Sohn, der König von Rom, *.
20.
3.
Napoleons Einzug in Paris.
1805
21.
10.
Vernichtung der französischen Flotte bei
1812
22. 6.
Beginn des Krieges gegen Rußland.
1.
4.
Otto von Bismarck *.
Trafalgar durch den englischen Admiral
7. 9.
Schlacht an der Moskwa (Sieg über die
8.
6.
Gründung des deutschen Bundes.
Nelson.
Russen).
12.
6.
Stiftung der Jenaer Burschenschaft.
2.
12.
Dreikaiserschlacht bei Austerlitz.
15. 9.
Brand von Moskau.
18.
6.
Schlacht bei Waterloo.
1806
1.
1.
Bayerns u. Württembergs Herrscher nehmen
19. 10.
Napoleon tritt den Rückzug aus Rußland an.
22.
6.
Napoleon entsagt dem Thron.
den Königstitel an.
25.
/28. 11.
Uebergang über die Beresina.
15.
7.
Napoleon begiebt sich an Bord des „Belle-
12.
7.
Stiftung des Rheinbundes.
1813
18. 1.
Friedrich Wilhelm III. begiebt sich zur
rophon" in englischen Schutz, wird aber
6.
8.
Kaiser Franz legt die deutsche Kaiserwürde
Organisierung des Befreiungskampfes
als Staatsgefangener erklärt.
26.
nieder.
nach Breslau.
7.
8.
Napoleon wird nach St. Helena eingeschifft.
8.
Buchhändler Palm auf Napoleons Befehl
17. 2.
Errichtung des Lützow'schen Freikorps.
26.
9.
Errichtung der heiligen Allianz.
erschossen.
10. 3.
Stiftung des eisernen Kreuzes.
20.
11.
Zweiter Pariser Friede. — Neutralität der
9.
10.
Preußens Kriegserklärung an Frankreich.
27. 3.
Preußen erklärt Frankreich den Krieg.
Schweiz beschlossen.
10.
10.
Schlacht bei Saalfeld.
21. 4.
Errichtung des Landsturmes in Preußen.
1816
5.
11.
Einführung der Verfassung im Großherzog-
14.
10.
Schlacht bei Jena und Auerftädt.
2. 5.
Schlacht bei Groß-Görschen.
tum Weimar.
27.
10.
Napoleons Einzug in Berlin.
20. 5.
Schlacht bei Bautzen.
1817
18.
10.
Wartburgfest.
1807
22.
1.
Bildung des Schill'schen Freikorps.
28. 6.
Scharnhorst f.
1818
26.
5.
Bayern erhält eine Verfassung. (Desgleichen
7.
2.
Schlacht bei Preußisch Eylau.
26. 8.
Theodor Körner stirbt bei Gadebusch den
Baden im selben Jahre.)
9.
7.
Friede zu Tilsit, durch welchen Preußen die
Heldentod.
1819
23.
3.
Kotzebues Ermordung durch Sand.
Hälfte seines Gebietes verlor.
6. 9.
Sieg der Preußen bei Dennewitz.
12.
9.
Blücher f.
18.
8.
Bildung des Königreichs Westfalen.
1. 10.
Auflösung des Königreichs Westfalen.
Württemberg erhält eine Verfassung.
31.
8.
Scharnhorsts Entwurf zur Regeneration der
16./18. 10.
Völkerschlacht bei Leipzig.
1820
20.
5.
Kotzebues Mörder, Sand, wird enthauptet.
preußischen Armee.
18. 11.
Auflösung des Rheinbundes.
1821
5.
5.
Napoleon auf St. Helena f-
1808
20.
4.
Napoleon III. *.
1814
1. 1.
Die Alliierten überschreiten den Rhein.
Beginn des griechischen Freiheitskrieges.


