Nr 3 Erstes Blatt.Mittwoch den 4. Januar
1899
Gießener Anzeiger
Heneral-Anzeiger
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Fernsprecher Nr. 51.
Amtlicher Ml.
Gießen, den 2. Januar 1899.
Betreffend: Die Bedeckung der Stuten durch die Landgestütr» beschäler in 1899.
Das Großherzogliche Kreisamt Gleßeo
e* die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.
Diejenigen von Ihnen, welche mit der Erledigung unserer Auflage vom 1. Dezember 1898 noch im Rückstände find, werden hieran erinnert.
v. Bechtold.
Deutsches Deich.
Berlin, 1. Januar. Heute vormittag fand im Schlosse die übliche Neujahrsgratulationscour statt. Der Kaiser war jedoch wegen einer leichten Erkältung in Potsdam verblieben. Bei der Paroleausgabe im Zeughause erschien der Kronprinz mit dem Hauptquartier des Kaisers. Die Festlichkeiten am kaiserlichen Hofe anläßlich des Jahreswechsels fanden im übrigen in üblicher Weise statt. Nach dem Gottesdienste in der Kapelle des Königlichen Schlosses, dem die Kaiserin, geführt vom Prinzen Arnulf von Bayern, der Kronprinz, die Prinzen und Prinzessinnen beiwohnten, fand im Weißen Saale des Schlosses eine große Gratulationscour statt. Die Kaiserin stand unter einem Baldachin, seitlich vom Thron, hinter der Kaiserin der Kronprinz. Als erster ging Reichskanzler Fürst zu Hohenlohe vorüber, mit dem die Kaiserin sich auf kurze Zeit unterhielt. Sodann folgten die Mitglieder des Bundesrats, die Generalfeldmarschälle, die Ritter vom Orden des Schwarzen Adlers, die Generalität, die Staatsminister, die Geheimeräte, die Präsidien des Reichstages und beider Häuser des Landtages ic. Nach der Cour empfing die Kaiserin die Botschafter. Mittags schritt der Kronprinz, gefolgt vom Kaiserlichen Hauptquartier, vom Schlosse über den Lustgarten nach dem Zeughaus, wo große Paroleausgabe erfolgte. Abends 6 Uhr fand im Kaiserlichen Schlosse für die hier anwesenden Prinzen und Prinzessinnen Familiendiner statt, hierauf Galavorstellung im Opernhause.
Berlin, 2. Januar. Nach einer Meldung des „Lokal- Anzeiger" besteht die Krankheit des Kaisers in einer fieberhaften Grippe in Verbindung mit einem starken Auftreten seines alten Ohrenleidens.
Berlin, 2. Januar. Ueber das heutige Befinden des Kaisers wird amtlich aus Potsdam berichtet, daß «ach einer sehr gut verbrachten Nacht das Fieber geschwunden ist und auch die sonstigen Beschwerden wesentlich gemindert sind. Ein für morgen beim Kaiserpaar anberaumtes Diner wurde abgesagt. Die Erkrankung des Kaisers hat keinerlei ernstliche Bedeutung.
Berlin, 2. Januar. Der „Reichsanzeiger" meldet die Verleihung des Charakters als Wirklicher Geheimer Rat mit dem Prädikat Excellenz an den vortragenden Rat im Auswärtigen Amt, Wirklichen Geheimen Leqationsrat v. Holstein.
Berlin, 2. Januar. Auf der Tagesordnung der ersten Sitzung des Budget-Kommission des Reichstags, die am 11. Januar vormittags stattfinden wird, steht die Beratung des Marine-Etats.
Januar. Gestern, am Neujahrstage, ist eine katsernche Ordre wegen Verdeutschung einzelner Fremdausdrücke der Armee zur Kenntnis gegeben worden. Darnach sind u. A. Ausdrücke: Offiziers-Aspirant tn Fahnenjunker, Portepee-Fähnrich in Fähnrich, Seconde- Lleutenant in Leutnant, Premier-Lieutenant in Ober-Leutnant, Oberst-Lieutenant in Oberst-Leutnant, General-Lieutenant in General-Leutnant, Charge in Dienstgrad, Funktion in Dienst- steuung, Avancement in Beförderung und Anciennetät in Dienstalter umgeändert.
Berlin, 2. Januar. Professor vr. Otto Harnack von der Technischen Hochschule in Darmstadt, welcher seit acht Tagen zum Besuch feines Schwiegervaters in Berlin wem, wird seit dem 30. Dezember vermißt. Derselbe ging an dem genannten Tage spät Abends nach dem Tiergarten vnd ist in seinem Absteigequartier nicht wieder eingetroffen. Aus den Nachweis über den Verbleib des Professors ist eme Belohnung ausgesetzt.
Berlin, 2. Januar. In der letzten Nacht wurde tn er Tegelerftraße Nr. 15 der Hausverwalter Haselow on iwei Einbrechern erftochen und zwar in dem Augen
blicke, als er dieselben überraschte, wie sie die Thür eines in dem Hause befindlichen Kontors sprengen wollten. Einer der Einbrecher stach dem Haselow mit einer Feile in die rechte Schläfe, der andere versetzte ihm einen Stich in das rechte Auge. Die beiden Einbrecher sind entkommen.
Berlin, 2. Januar. Kurz vor Jahresschluß wurde von vier Beamten der politischen Polizei in der Expedition des „Sozialist" eine sehr eingehende Haussuchung vorgenommen. Es wurde nach Beweismaterial in Sachen der in Hannover verhafteten und wegen Geheimbündelei angeklagten Anarchisten geforscht. Die Beamten suchten hiernach vergeblich, ebenso nach Exemplaren der in London erschienenen Broschüre „Worte eines Rebellen" von Peter Krapotkin. Die Haussuchung dauerte über eine Stunde. Beschlagnahmt wurden nur einige Aufzeichnungen, die das Verhältnis des „Sozialist" zu seinen Abnehmern betreffen.
Berlin, 2. Januar. Zur zweijährigen Dienstzeit. Das „Mil.-Wochenbl." schreibt zum Jahreswechsel: „ Die Arbeit im Heere besteht hauptsächlich in dem Bemühen, durch erhöhte, intensivere Thätigkeit die Mängel der zweijährigen Dienstzeit auszugleichen. Die Ansichten im Heere, ob dies gelingen wird, gehen noch vielfach auseinander. Während die einen rundweg verneinen, daß es gelingen werde, bei der zweijährigen Dienstzeit die Schlagfertigkeit des Heeres auf derselben Höhe wie früher zu erhalten und besonders betonen, daß sich dies namentlich bei der Einziehung der Reserven und Landwehr von zweijähriger Dienstzeit zeigen werde, glauben wieder andere, daß bei richtiger Ausnutzung der zweijährigen Dienstzeit sich sehr wohl eine genügende Ausbildung der Führer und Mannschaften erreichen lasse. Ueber die folgenden Bedingungen, unter denen sich diese Ausbildung in zwei Jahren erreichen läßt, sind sich ziemlich alle einig: 1) Die Mannschaften müssen während ihrer zweijährigen Dienstzeit auch wirklich vollständig zur Verfügung der Truppe stehen. Also alle Abkommandierungen, die keinen Wert für die Ausbildung zum Kriege haben, müffen fortfallen. Die infolge von Abkommandierung mangelhaft Ausgebildeten fallen jetzt schon bei den Reserve- und Landwehrübungen unangenehm auf. Bei der zweijährigen Dienstzeit wird dies demnächst noch mehr hervortreten und die Zahl dieser mangelhaft Ausgebildeten wird so wachsen, daß die Schlagfertigkeit, namentlich der Reserve und Landwehr, empfindlich leidet. Deshalb ist bei der zweijährigen Dienstzeit das Aufhören der Abkommandierungen eine größere Notwendigkeit als bei der dreijährigen Dienstzeit. 1) Die Truppen müssen auf einen höheren Etat gebracht werden, wie er teils schon eingeführt ist, teils angebahnt wird. Dementsprechend muß auch ein höherer Etat von Vorgesetzten vorhanden sein und alles geschehen, um den Zudrang zur Unteroffiziercharge zu fördern. 3) Für jede Garnison müssen genügende Uebungs- Plätze zum Schießen und Gefecht zur Verfügung stehen. Die stets vermehrten und besser ausgestatteten größeren Uebungs- plätze haben nach dieser Richtung hin schon vorzügliches geleistet, aber vollständig genügen sie noch immer nicht.
— Der ehemalige Unterstaatssekretär für Landwirtschaft im Ministerium für Elsaß-Lothringen und Kurator der Kaiser Wilhelm-Universität Dr. Ledderhose ist heute gestorben.
— Auch in anderen Häfen als Hamburg ist bei den aus Amerika stammenden Obstsendungen das Vorhandensein der San Jos ö-Schildlaus festgestellt. So in Stettin bei getrockneten kalifornischen Birnen, in Hamburg bei einer Reihe von Sendungen getrockneter Birnen und Nektarinen, sowie frischer Newton-Pippins und Ben Davis-Aepfel; die Sendungen waren zum Teil stark mit ihr besetzt. Sie sind angehalten, und es ist ihre Wiederausfuhr nach dem Auslande unter amtlicher Kontrole angeordnet.
Krefeld, 2. Januar. Der niederrheinische Verband der christlichen Textilarbeiter nahm am Freitag Abend in einer Versammlung einen Beschluß an, in welchem sämtliche Verbandsweber sich gegen den Ausstand, aber auch gegen die neue Lohnliste aussprechen und zur Prüfung derselben die Einsetzung einer gemischten Kommission, wie sie bei der Stoffbranche besteht, fordern.
Dresden, 2. Januar. Wie die „Dresdener Neuesten Nachrichten" aus Cossebaude melden, erfolgte dort in der vergangenen Nacht in der Restauration des Gasthofbefitzers Wustlich eine große Acetylen-Gasexplosion dadurch, daß der Gasthofbesitzer mit einem offenen Licht einem Apparate zu nahe gekommen war. Wustlich und zwei andere Personen erlitten schwere, mehrere Personen leichtere Verletzungen.
Ausland.
Wien, 2. Januar. Die an der Börse verbreiteten Gerüchte, daß Graf Thun seine Demission eingereicht habe, sind unbegründet.
PUsen, 2. Januar. Der Gemeinderat beschloß, !den Stadtrat zu beauftragen, daß die Gemeinde-Statuten dahin abgeändert werden, die Bekanntmachungen der Gemeinde und die Straßenbenennungen nunmehr in tschechischer Sprache erfolgen zu lassen.
Paris, 2. Januar. „Libre Parole" dementirt die Meldung verschiedener Blätter, daß die Geliebte Esterhazys gestanden habe, die „Speranca" und Blan unterzeichneten, viel erwähnten Telegramme angefertigt zu haben.
Paris, 2. Januar. Dem „Jntransigeant" zufolge habe der Kassationshof bereits vor 14 Tagen beschlossen, Dreyfus nach Paris zurückbringen zu lassen. Der Justizminister aber soll den Präsidenten Löw auf die Gefährlichkeit der Ausführung dieses Beschluffes hingewiesen haben, worauf der Kaffationshof von seinem Beschlüsse Abstand nahm. Dreyfus soll jetzt auf Guyana verhört werden.
— Der zweite Akt der „Befreiung" der Philippinen, nämlich die Besitzergreifung, scheint den Amerikanern, wie vermutet, ganz besonders unangenehme Schwierigkeiten zu machen. Depeschen aus Manila zufolge ist Jlo-Jlo mit bewaffneten Eingeborenen gefüllt und rüsten die Aufständischen sich zum Widerstande gegen General Miller, falls derselbe versuchen sollte, die Stadt mit Gewalt zur Uebergabe zu bringen. General Miller verlangte nun neue Befehle aus Manila, bereitet inzwischen aber die Landung vor. — Der neue Präsident des Filipino-Kongresses und Minister für auswärtige Angelegenheiten, Senor Mabini, ist ein in Manila wohnender Notar. Bis jetzt war er der Ratgeber des Generals Aguinaldo. Er ist ein alter Mann, von indischer Herkunft, mit keinem spanischen Blut in seinen Adern, und teilweise gelähmt. Das neue Ministerium soll einiger sein, als das letzte, und wird sich deshalb wohl länger halten. Alle Mitglieder haben sich eidlich zur Wahrung der Unabhängigkeit der Philippinen verpflichten müffen.
— Etwas wird es der schwierigen Regelung der Dinge auf Kreta zu gute kommen, daß der bisherige Vertreter der einheimischen Christen, Sphakianakis, sich durch den Prinzen Georg nun doch hat bewegen lassen, nach Kanea zurückzukehren, um die Leitung des Nationalrates zu übernehmen. Bisher war Sphakianakis bekanntlich Vorsitzender des nationalen Exekutiv-Ausschusses. Prinz Georg fucht inzwischen auch die Mohamedaner zu beruhigen, indem er mehreren Beys derselben, die er in Audienz empfing, die Gleichberechtigung ihrer Glaubensgenossen zusicherte, was sich in der Praxis allerdings nicht immer so ganz glatt wird ausführen laffen. Nicht ganz mit Unrecht bekundet die Pforte übrigens einige Eifersucht; sie soll einen Einspruch dagegen beabsichtigen, daß Prinz Georg in seinen bisherigen Amtskundgebungen den Souverän nicht erwähnt hat, und von den Großmächten die nachträgliche Verbesserung dieses Fehlers verlangen. Auch hat sie die Zulaffung von Photographien des Oberkommissärs von Kreta, Prinzen Georg, von photographischen oder sonstigen Abbildungen der griechischen Flotte, sowie der in Athen angefertigten Landkarten von Kreta in das Gebiet der Türkei untersagt.
— Das erfolgreiche Streben der Kreter nach Autonomie macht auch in Mazedonien entsprechende Wünsche wieder rege. Im Februar beabsichtigen die mazedonischen Ausschüsse in Genf einen „mazedonischen Kongreß" zu veranstalten, zu welchem Vertreter aus allen Balkanländern zusammentreten sollen, um ihre Forderungen und die Ver- hältniffe Mazedoniens überhaupt einer eingehenden Beratung zu unterziehen und die Ergebnisse derselben den verschiedenen Regierungen zu unterbreiten. Der Zeitpunkt ist mit Rücksicht auf die im Frühjahr zu St. Petersburg zu- sammentrctende Abrüstungskonferenz gewählt worden, die man für die Ziele der mazedonischen Autonomisten gewinnen zu können sich einzureden scheint. Die Pforte habe übrigens neuerdings Maßnahmen zu Gunsten der christlichen Bevölkerung Mazedoniens versprochen; vielleicht wird der Grieche Karatheodory Pascha, der erste Uebersetzer des Sultans, au die Spitze der mazedonischen Verwaltung gestellt werden.
— Eine besondere Beachtung verdient die neuerliche Bewegung abyssinischer Truppen nach dem Sudan zu. Vielleicht bekommt man dadurch einen Schlüffe! zu den unklaren und geheimnißvollen Plänen der Abyssinier seit einigen Monaten. Zuerst hieß es, der Ras Mangascha


