1899
Somtag den 3 Dezember
Rr. 285 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
Anrts- und AnzeiAeblntt für den Kreis Giefzen.
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Politische Wochenschau.
• Gießen, den 2. Dezember 1899.
Auch weitere Kreise haben Interesse an der Nachricht genommen, daß der Selbstverwaltung der Reichshauptstadt ernste Gesahr drohe. Zwar hat die ministerielle „Berliner Correspondenz" zweimal Veranlassung gehabt, die Meldung zu dementieren, aber das rheinische Centrumsblatt, welches dieselbe kolportiert hatte, behauptet beharrlich die Richtigkeit seiner Veröffentlichung. Soviel wir beurteilen können, haben die Schweinburg'schcn „Verl. Pol. Nachr." zu den umlaufenden Gerüchten Anlaß gegeben durch ihre Meldung, daß die Errichtung eines Oberpräsidiums für Berlin geplant sei. Daraus hat man gleich einen Angriff auf die Stadtverwaltung Berlin konstruiert. Unmöglich ist es ja nicht, daß mit der Zeit eine vermehrte Staatsaufsicht der größten Kommune des Reichs angestrebt wird, doch so schnell wird sich dies kaum verwirklichen lassen, und wir glauben gerne, daß die „Berl. Corresp." mit ihrem Dementi recht hat.
Die in aller Munde befindliche Flottenvorlage soll nun im Monat Januar dem Reichstage zugehen; es wird sich also bald zeigen, wie weit die bisherigen Nachrichten über die Absichten der Regierung richtig sind. Die Hauptsache ist, daß bis zur Beratung der Vorlage das Centrum „herumgekriegt" wird, dann kann Alles gut gehen. Vielleicht macht Herr Dr. Lieber wieder einmal eine Inspektionsreise nach Kiel und Wilhelmshaven, um sich dort von der Notwendigkeit der Vermehrung unserer Marine überzeugen zu lassen. Noch wirksamer wäre es freilich, wenn die Regierung einen Gesetz-Entwurf wegen Aufhebung des Jesuitengesetzes einbrächte!
Der Kaiser ist von seiner Englandreise zurückgekehrt, nachdem er noch der Königin von Holland in Vlissingen einen Besuch abgestattet hatte. Die Kommentare über den Aufenthalt des Monarchen in England zu vermehren, haben wir keine Veranlassung, jedenfalls bemüht sich die britische Presse auch jetzt noch, Kapital aus der Entrevue in Windsor zu schlagen. Damit hat sie freilich wenig Erfolg, denn bisher ist noch Niemand erstanden, welcher der britischen Politik in Südafrika das Wort geredet hätte.
Man sollte meinen, die bisherigen Mißerfolge in Südafrika würden die Engländer etwas kleinlaut gemacht haben, aber das ist keineswegs der Fall. Alles, was nach einem Erfolge der britischen Waffen aussieht, wird zu einem großen Siege umgestaltet, und dem gesamten Europa streut man Sand in die Augen. Deshalb ist es sehr schwer, über die jetzige Lage in Südafrika richtig zu urteilen, und man thut gut, die Ereignisse abzuwarten.
In Oesterreich sind am Donnerstagabend die Delegationen zusammengetreten und am Freitag vom Kaiser Franz Josef empfangen worden. Anscheinend ist die Quotenfrage endlich gelöst, während es um die für den inneren Frieden der Monarchie so notwendige Einigung der Parteien noch sehr schlecht bestellt ist. Ministerpräsident Clary hat wirklich Ursache, scheelen Blickes auf seinen Kollegen Waldeck- Rousseau in Frankreich zu schauen, der bei allen seinen Vorlagen eine sichere Majorität zur Verfügung hat. Freilich sind auch die Franzosen recht wandelbar, und auch an der Seine darf man den Tag nicht vor dem Abend loben.
Anschläge gegen den türkischen Sultan sollen in letzter Zeit entdeckt worden sein. Das ist ja unter dem Zeichen des Halbmondes nichts neues, und man braucht sich deshalb nicht groß aufzuregen. Immerhin thälen aber die Mächte gut, den Zuständen im südöstlichen Winkel Europas volle Aufmerksamkeit zuzuwenden, denn von dorther sind schon manche Gewitter heraufgezogen, die gefahrdrohend gen Westen zogen. Vorsicht ist also anzuempfehlen!
Lokales und ProvinMes.
Gießen, den 2. Dezember 1899.
* * Die Kunstausstellung im Turmhaus am Brand hat selten soviel Interessantes und Bedeutendes aufzuweisen gehabt, wie in der jetzt ausgestellten Serie von Kunstwerken. Zunächst ist es höchst erfreulich, daß die „hessische Sezession" — so darf man die freie Vereinigung Darmstädter Künstler füglich benennen — mit einem freilich nur kleinen Teil ihrer letzten Ausstellung auch uns ihren Antrittsbesuch macht. Hessische Motive finden wir in ihren Gemälden mit großem Glück verarbeitet, am gewinnendsten wohl in den anspruchslos wahren Landschaften C. Bantzers, in denen Dämme
rungsstimmungen vielleicht etwas zu sehr vorherrschen, ohne jedoch selbst in ihrer Wiederholung an intimem Reiz einzubüßen. Neben diesem vortrefflichen Schilderer oberhessischer Natur und Volksart erfreuen uns Ubbelohde und Halm durch flott radierte Landschaften; oberhessische Volkstypen geben A. Pfeffer und C. Goebel wieder, letzterer in dem niedlichen Aquarell: Parade aus der Schwalm. Böcklinisch, allzu böcklinisch stellt H. Zern in „Mädchen und Tod" dar, in Diez'schen Bahnen wandelt Eckstein mit seiner liebenswürdig, aber sehr genrehaft aufgefaßten „heiligen Nacht". Das reine Genre vertritt, mit starker Betonung koloristischer Effekte, P. Mayer („Wir drei", „Klatsch"). Endlich ist einer der Kecksten unter den Modernen, L. v. Hofmann, durch vier Bilder vertreten, die recht gut veranschaulichen, was aus dieser modernen Kunst werden will, zum Teil schon geworden ist. Mag die „Abendstimmung" manchen erschrecken, so wird die „Küste" mit der schlichten Größe ihrer landschaftlichen Empfindung beruhigen und versöhnen; vollends die beiden großen Bilder, „badende Mädchen" und „Urmenschen" werden, mit gutem Willen und mit Geduld — und ja nicht zu nah! — angeschaut, auch Widerstrebende gewinnen. Daß uns diese Ausstellung auch einmal plastische Werke bringt, sei mit besonderem Lob vermeldet, zumal da die so gediegene Werke wie G. Busch's „Mariensänger" und „Meditation" vorführt. — Außerhalb dieses Stückchens Darmstädter Sezession steht R. Scholz, der in einer neuen Serie packend lebendiger Porträts in Oel, Pastell und Kreide seine hier schon wohlbekannte Meisterschaft bewährt; nicht so effektvoll, aber als tüchtige Leistungen stellen sich Porträts von C. Stock- mayer und M. Schultze den Scholz'schen zur Seite.
B. 8.
* • Gießener Volksbad. Der Besuch des Bades im abgelaufenen Monat November hat gegenüber dem Vormonat nochmals eine Zunahme aufzuweisen. Insgesamt wurden abgegeben 8193 Bäder gegen 7682 im Monat Oktober, oder im Durchschnitt pro ganzen Badetag 293 Bäder gegen 270 im Monat vorher. — Der Besuch im einzelnen hat sich verteilt, wie folgt:
Schwimmbad 4574 Männer, darunter 805 zu 10 Pf., 1287 Frauen, „ 401 „ 10 „
Wannenbäder 1. Klasse 226 Männer, 59 Frauen, „ 2. „ 585 „ 387 „
Dampf- und Heißluftbäder, sowie Massage zusammen 117 Männer, 6 Frauen,
Brausebäder zusammen 1152.
Die Personenwage wurde von 160 Personen benützt, das Bad von 26 Personen besichtigt.
* * Akademischer Gesangverein. Die Montagsprobe fällt wegen des am Montag, dem 4. Dezember, stattfindenden Transvaalabends aus und wird Donnerstag den 7. Dezember zur gewöhnlichen Stunde gehalten. Zirkulare an die Mitglieder sind in Umlauf.
* * Das Schwurgericht für das 4. Quartal 1899, das am kommenden Montag seinen Anfang nehmen sollte, mußte mangels spruchreifer Sachen aufgehoben werden.
* * Offene Stellen für Militäranwärter im Bezirk des 18. Armeekorps. 50 Anwärter für den Zugbegleitungsdienst bei der Königl. Eisenbahndirektion Frankfurt a. M., zunächst 900 Mk. diätarische Jahresbesoldung. Schuldiener und Brennmeister bei der Keramischen Fachschule zu Höhr (Reg.- Bez. Wiesbaden, Unter-Wefterwaldkreis), 1000 Mk. Jahres remuneration und freie Wohnung. Landbriefträger im Bezirk der Ober-Postdirektion Darmstadt, 700 Mk. Gehalt und der gesetzmäßige Wohnungsgeldzuschuß. Seminardiener am Königl. Schullehrer-Seminar zu Montabaur (Reg.-Bez. Wiesbaden), Anfangsgehalt 900 Mk. und steigt bis zu 1200 Mk., freie Wohnung usw Königl. Theaterdiener bei der Intendantur der Königl. Schausprele zu Wiesbaden, Anfangsgehalt 1020 Mk. und 180 Mk. Wohnungsgeldzuschuß, das Gehalt steigt bis zu 1200 Mk.
• * Das Reichspostamt richtet auch in diesem Jahre an das Publikum das Ersuchen, mit den Weihnachtsversendungen bald zu beginnen, damit die Packetmaffen sich nicht in den letzten Tagen vor dem Feste zu sehr zusammen- drüngen, wodurch die Pünktlichkeit in der Beförderung leidet. Bei dem außerordentlichen Anschwellen des Verkehrs ist es nicht thunlich, die gewöhnlichen Beförderungsfristen einzuhalten und namentlich auf weitere Entfernungen eine Gewähr für rechtzeitige Zustellung vor dem Weihnachtsfeste zu übernehmen, wenn die Packete erst am 22. Dezember oder noch später eingeliefert werden. Die Pickete sind dauerhaft zu verpacken. Dünne Pappkasten, schwache Schachteln, Zigarrenkisten u. s. w. sind nicht zu benutzen. Die Auf
schrift der Packete muß deutlich, vollständig und haltbar hergestellt sein. Kann die Aufschrift nicht in deutlicher Weise auf das Packet gesetzt werden, so empfiehlt sich die Verwendung eines Blattes weißen Papiers, welches der ganzen Fläche nach fest aufgeklebt werden muß. Bei Fleischsendungen und solchen Gegenständen in Leinwandverpackung, welche Feuchtigkeit, Fett, Blut u. s. w. absetzen, darf die Aufschrift nicht auf die Umhüllung geklebt werden. Am zweckmäßigsten sind gedruckte Aufschrlften auf weißem Papier. Dagegen dürfen Formulare zu Poftpacketadressen für Packetaufschriften nicht verwendet werden. Der Name des Best im mungsortes muß stets recht -groß und kräftig gedruckt oder geschrieben sein. Die Packetaufschrift muß sämtliche Angaben der Begleitadresse enthalten, zutreffendenfalls also den Frankovermerk, den Nachnahmebetrag nebst Namen und Wohnung des Absenders, den Vermerk der Eilbestellung u. s. w., damit im Falle des Verlustes der Begleitadresse das Packet auch ohne dieselbe dem Empfänger ausgehändigt werden kann. Auf Packeten nach größeren Orten ist die Wohnung des Empfängers, auf Packeten nach Berlin auch der Buchstabe des Post- bezirkes (C.) W., SO. usw.) anzugeben. Zur Beschleunigung des Betriebes trägt es wesentlich bei, wenn die Packete frankiert aufgeliefert werden; die Vereinigung mehrerer Packete zu einer Begleitadresse ist thunlichst zu vermeiden.
•* Dir Kleinbahn Marburg—Ebsdorfer Grund—Londorf wird, wie die „Oberh. Ztg." meldet, den Hauptpunkt der Verhandlungen des Kreistages bilden. Vom Kreisausschuß wird beantragt, die Bahn in der oben angedeuteten Linienführung zu bauen, wenn der Bezirkskommunalverband Kassel dem Kreise Marburg eine Unterstützung von einem Drittel der Bau- und Betriebskosten der Bahn ausschließlich des Grunderwerbs gegen iy2% Zinsen und 1 V2°/o Abtrag gewährt und auch der Staat sich mit einem Drittel des Anlagekapitals am Unternehmen beteiligt. Zum Bau der Eisenbahn wird beabsichtigt, eine Anleihe bis zur Höhe von 624 000 Mk. aufzunehmen und mit höchstens 38/4% zu verzinsen und mit höchstens 1% zu amortisieren. Ferner soll vom Bezirksverband ein Darlehen in Höhe von einem Drittel der Bau- und Betriebskosten ausgenommen, mit l1/2% verzinst und mit Vao/o abgetragen werden.
+ Grünberg, 1. Dezember. Das neue Amtsgerichtsgebäude ist im Rohbau vollendet; gegenwärtig ist man mit dem Planieren des umliegenden Geländes beschäftigt. — Herr Bauunternehmer Guntram aus Reiskirchen beabsichtigt, neben dem Amtsgericht einen weiteren Neubau zu errichten; es ist bereits mit den Erdarbeiten hierzu begonnen worden. — Das neue Postgebäude wird am 1. Januar 1900 bezogen werden. — Die Stadt läßt gegenwärtig das zwischen Londörfer- und Bahnhofstraße gelegene Gelände kanalisieren, da sich hier namentlich im verflossenen Sommer infolge der starken Gewitterregen arge Mißstände ergaben. Während der Ver legung der Zementrohre von etwa 80 Zentimeter Durchmesser ist eben die Bahnhofstraße bis auf weiteres für den Verkehr gesperrt.
X Grünberg, 1. Dezember. Nachdem die Regierung die Hundesteuer von 5 auf 10 Mk. erhöht hat, beschloß der hiesige Gemeinderat die Erhöhung der Gemeindeabgabe für jeden Hund auf 5 Mk. Früher betrug hier die kommunale Hundesteuer nur 3 Mk.
0 Stangenrod, 1. Dezember. Die zwischen hier und Grünberg befindlichen Eisensteingruben, welche neuerdings wieder in Betrieb genommen worden sind, wurden im Laufe dieser Woche von einer Gewerkschaft „Hessen" zu dem Kaufpreise von 60,000 Mk. erworben. — Die Hoffnung, daß die im Bau befindliche Kreis st raße nach Grünberg in diesem Herbste dem Verkehr übergeben werden würde, hat sich leider nicht erfüllt; dieselbe wird voraussichtlich erst im nächsten Sommer vollendet werden.
§ Aus dem Ohmthale, 1. Dezember. Auf den Triften und Angern blühen die Gänseblümchen oder Masliebchen wie im Frühling, etwa nicht vereinzelt, sondern Hundertweise. Das ist eine Seltenheit im Weihnachtsmonat, in dem sonst der Schnee alles einhüllt. Auch auf den geschützten und gut bewässerten Wiesen sproßt das junge, grüne Gras, daß sich die grünen Stellen wie im Frühlinge ausnehmen. Das milde Klima, das noch immer anhält, obschon das Weihnachtsfest sehr nahe herbeigerückt ist, läßt keinen Winterschlaf in der Vegetation aufkommen. Wir aber dürfen uns ob dieses milden Welters freuen; denn welche Fruchtbarkeit die beiden vorausgegangenen gelinden Winter gebracht, weiß wohl jedermann, und wie


