Ausgabe 
3.12.1899 Viertes Blatt
 
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wird mit einer geradezu erstaunlichen Geschwindigkeit bebaut. Die Mißstände an dem Bahnübergang der Frank­furterstraße werden immer fühlbarer. Daß ein schweres Unglück an dieser Stelle vor kurzer Zeit durch einen glück­lichen Zufall vermieden wurde, ist erfreulich, erscheint aber andrerseits als Beweis für die behauptete Gefährlichkeit des Uebergangs. Weitere Unfälle werden in steigender Zahl vermöge der gegebenen Verhältnisse und der wachsenden Zahl der Passanten folgen.

Im Osten rückt die Stadt unaufhaltsam vor. In wenigen Jahren wird dieser Teil derselben von der Linie GießenFulda durchschnitten werden. Alsdann wird Gießen in Gestalt des eisernen Gürtels entlang der Lahn, quer am Fuß des Seltersberges vorbei und schief nach dem Nordwestende des Stadtwaldes zu, an drei Seiten von Eisenbahnlinien durchsetzt sein, was in dieser Art thatsächlich ein Unikum in den deutschen Städten darstellen wird.

Die Anlage einer elektrischen Bahn in der Haupt­richtung der Stadt von Klein-Linden bis an die Marburger- ftraße ist ausgeschlossen, solange die Oberhessische Bahn grade an der ziemlich steilen Böschung des Seltersberges die Frankfurterstraße kreuzt, wo Unter- oder Ueberführung der elektrischen Bahn unmöglich ist. Im Osten wird die Herstellung eines Zentralpunktes für die Straßenanlagen (als durchschnittener Stern auf dem Stadterweiterungsplan kenntlich) unmöglich sein. Im Westen hat der unvermeid­liche, schon jetzt vorhandene Damm schon längst die Ge­winnung eines Lahn-Quais mit Blick nach dem Dünsberg und den Burgen ausgeschlossen. So wird denn die Stadt, im Westen, Süden und Osten, abgeschnitten als ein wahres Eisenbahn-Kuriosum ihre weitere Entwicklung suchen müssen.

Noch ist es Zeit, den eisernen Gürtel im Süden und Osten zu sprengen, wenn der entwickelte Plan durchdringt; geschieht dies nicht, so wird eine spätere Generation die Folgen fühlen und unsere Unthätigkeit bedauern.

Ich würde mir diese Perspektive nicht erlauben, wenn ich nicht die Geschichte der Gießener Eisenbahn-Misere aus den Verhandlungen der hessischen Landstände, auf die ich von einem Freunde des Planes aufmerksam gemacht wurde, kennen gelernt hätte. Es kommen darin einige Stellen vor, die geeignet sind, auch zur Charakterisierung der Gegenwart zu dienen: Vor allem sind es die Worte des um die Entwicklung des Verkehrswesens hochbedeutenden Abgeordneten Schmitthenner *), die einen tiefen Eindruck machen müssen, wenn man die Gegenwart ansieht:

Ich kann Ihnen nicht verhehlen, daß ich mit dem Gefühl der äußersten Mißstimmung, ja einer teilweisen Verzweiflung mich vor Ihnen erheben muß. Es waltet ein eigentümliches Schicksal über den mensch­lichen Bestrebungen. Vor ungefähr fünf Jahren habe ich vor Ihnen gestanden und den Bericht des damaligen Ausschusses über den Bau der Eisenbahn verteidigt, von dem ich wünschte, daß Sie ihn eben wiederholt gelesen hätten. Mit frohem Blick in die Zukunft habe ich damals von den Vorteilen gesprochen, welche die beiden Eisenbahnen, die damals

*) Vergleiche Verhandlungen der zweiten Kammer der Landstände 1844/47 Protokolle 11. Band, 1. und 2. Heft. Verhandlungen vom 31. Mai 1847, Seite 64 bis 73. Ferner: Beilagen 6. Band, 3. Heft. Beilage Nr. 340 Seite 1. Ferner: Verhandlungen der ersten Kammer 1846/47. Beilagen 2. Band. Beilage Nr. 138 Seite 842. Protokolle 3. Band, Seite 1703, 110. Protokoll. Sitzung vom 10. Juni 1847, sowie 116. Protokoll vom 21. Juni 1847, Seite 1800, und 119. Proto­koll vom 25. Juni 1847, Seite 1857.

projektiert waren, unferm Lande bringen könnten. Heute stehe ich vor Ihnen und soll Klagen und Beschwerden erheben, ich stehe vor Ihnen, Unheil zu verkünde«, das ich in der Zukunft sehe, und zwar mit schauerlicher Klarheit sehe.......

Vor allem, um Ihnen die Bedeutung und den Wert des Bahnhofs in der Nähe der Stadt darzufiellen, erlauben Sie mir, auf den unbe­rechenbaren Einfluß aufmerksam zu machen, den nach den bisherigen Erfahrungen Bahnhöfe auf die Entwicklung, aber auch auf die Verrückung der Verkehrsverhältnifse geäußert haben......

Es ist also hier in der Anlage gefehlt worden. Nun habe ich aber schon in meinem früheren Berichte bemerkt, daß die durch die Pro­vinz Oberhessen zu führende Bahn eine ganz andere, eine Weltbedeutung hat, und ich glaube, daß gerade durch sie das hier entstehende Defizit gedeckt werden kann. Denn die Main-Weser-Bahn, welche von Frankfurt nach Cassel führt, wird von drei Seiten her den ganzen Verkehr von Norddeutschland, einmal aus den Hansestädten, dann aus Berlin und dem östlichen Norden und drittens aus Westfalen in sich aufnehmen und einem großen Strome gleich Personen und Waren nach Frankfurt, welches einmal der Knotenpunkt im südwestlichen Deutsch­land ist und bleiben wird, hinwälzen. Ihre Bedeutung für unfern Staat wird aber nur dann vollends hervortreten, wenn die Train richtig geführt und die Bahnhöfe an den geeigneten Orten angelegt werden."

Wir stehen nun zum zweiten Male vor einem Wende­punkt: Geschieht jetzt nichts Gründliches, wo eine Aenderung des Bahnhofs unter allen Umständen nötig wird, so ist das Verkehrswesen der Stadt für mindestens 50 Jahre in un­genügender Weise festgelegt.

Was soll nun aber geschehen, um den Plan zu fördern?

Als Hauptsache erscheint mir, diejenigen Verbände und Behörden zu einer gemeinsamen Aktion zu veranlassen, von deren Stellung im wesentlichen alles abhängt. Es sind dies: der hessische Staat, die Eisenbahnverwaltung, Stadtverwaltung und die Provinz Oberhessen.

Für den hessischen Staat hat es sicher Interesse, ob das Eisenbahnnetz in Oberhessen ein Zufallsprodukt bleiben, oder nach den Bedürfnissen des Verkehrs ausgebaut werden soll. Daß Wieseck immer noch ohne Eisenbahn gelassen wird, ist sachlich nicht gerechtfertigt. Die Linie GießenWieseck Groß-BuseckFulda ist die natürlich gegebene auch für den Durchgangsverkehr. Die jetzt vorhandene Führung der Linie unter Vermeidung der sich rasch entwickelnden Stadt Wieseck ist falsch. Jedenfalls wäre es für den demnächst zusammen­tretenden Landtag eine angemessene Aufgabe, sich mit dieser Angelegenheit-des hessischen Eisenbahnwesens zu beschäftigen, wenn man nicht annehmen soll, daß in dem Eisenbahn­verband der Nachdruck auf dem preußischen Bestandteil liegt.

In dieser Hinsicht hat m. E. auch die Provinz Ober­hessen ein Interesse. Bei dem großen Verkehr zwischen Wieseck und Gießen wird die Provinz nicht umhin können, zu prüfen, welche Vorteile die Umführung der Linien in dieser Hinsicht bieten werde. Außerdem kann die in dem Plan angestrebte Einbeziehung der Provinz Oberhessen in den deutschen Durchgangsverkehr in westöstlicher Richtung für dieselbe indirekt nur vorteilhaft sein.

Die Stadt Gießen sollte jetzt den entscheidenden Ver­such machen, sich von dem eisernen Ring an zwei Stellen im Süden und Osten zu befreieu; zum mindesten sollte die Stadt prüfen lassen, welchen Wert das eventuell aufzu­lassende Terrain nach Beseitigung der oberhessischen Linie von der jetzigen Stelle für sie hat. Daß die Stadt Millionen aufwenden sollte, die den wirklichen Wert weit übersteigen, wird auch die Eisenbahn-Verwaltung nicht verlangen. Aber

mindestens kann sie den wirklichen Wert des Terrains, der von mir in der veröffentlichten Broschüre*) mit 500 000 Mark anscheinend zu gering angenommen ist, von sachver­ständiger Seite abschätzen lassen und auch ohne Risiko, der eventuellen Schätzung entsprechend, bezahlen, da eine Be­bauung nicht lange warten lassen würde.

Die Eisenbahn-Verwaltung schließlich ist wohl selbst allmählich zur Ueberzeugung gekommen, daß der jetzige Zu­stand unhaltbar ist. Die früher gemachte Annahme, daß es sich bei dem jetzigen Personenbahnhof um ein fortschrei­tendes Leiden handelt, hat sich nach meinen Beobachtungen bestätigt. Vermutlich sind der Eisenbahnverwaltung die geradezu unwürdigen Szenen bekannt, die sich im Sommer in den Zeiten gehäuften Verkehrs z. B. Samstag nach­mittag 5 Uhr an den Schaltern abgespielt haben, wenn die unmäßig zusammengequetschten Menschen in der dadurch bewirkten Erregung beleidigend und beinahe thätlich auf einander losfuhren. Der Grund hierzu liegt wesentlich m den ganz ungenügenden Raumverhältnissen des Personen­bahnhofs.

Also geändert wird jedenfalls werden. Aber wenn eS- geschieht, dann ist es bester, gründlich vorzugehen, als wenn durch einen kleinen Anbau und eine querliegende Halle zwischen dem jetzigen Bahnhof und der alsOberhessischer Bahnhof" bezeichneten Rampe der jetzige Zustand im wesent­lichen verewigt wird.

Möge die Frankfurter Eisenbahn-Direktion nochmals die Verhältnisse prüfen, ehe etwas ausgeführt wird, was einer späteren Kritik als Surrogat einer wirklichen Ver­besserung erscheinen würde. Vor allem möge die Frage erwogen werden, ob nicht durch eine völlige Aenderung des jetzigen Zustandes nach dem System der durchlaufende« Linien eine außerordentliche Vereinfachung und große Verbilligung des Betriebes erreicht werden kann, welche einen großen Teil des Anlagekapitals indirekt ver­zinsen würde.

Ferner weise ich nochmals darauf hin, daß der größte Teil der in dem Plan enthaltenen Ausgaben in un­vermeidlicher Weise so wie so im Laufe vo« lOJahren an die Eisenbahnverwaltung heran­treten wird.

Nachdem die hessischen Bahnen an das große Netz der preußischen angegliedert sind, erscheint es als die Aufgabe der Eisenbahngemeinschaft, den oberhessischen Verkehr von dem weiteren Gesichtspunkt des deutschen Eisenbahnwesens unter Beseitigung territorialer Zufälligkeiten auszugeftalten.

Wenn man den südwestdeutschen Staaten die preußische Gemeinschaft empfehlenswert machen und ihre Entwickelungs­fähigkeit in der Richtung einer Reichseisenbahn-Gemeinschaft: zeigen will, wird man an die Ausgestaltung des hessischen Eisenbahnnetzes von größeren Gesichtspunkten Herangehen müffen, als sie gerade jetzt in der Ablehnung einer kleinen. Forderung für die Stadt Gießen zutage getreten sind.

Eine gründliche Umgestaltung der seit 50 Jahren fehler­haft entwickelten Eisenbahnverhältnisse in und bei Gießen wäre eine wirkliche Thal im Sinne deutscher Eisen­bahn-Politik.

*) Dgl. Zur Verbesserung der Gießener Eisenbahnver­hältnisse. Verlag der Brühl'schen Druckerei.

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