Issue 
03/12/1899 Viertes Blatt
 
Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image

#h. 285 Viertes Blatt. Sonntag den 3 Dezember

1899

Mehener Anzeiger

*kantet

Ereneral-Anzeiger

Bee*»« Innigen zu b« n*eittagl für kw leg rrfcheimenben Nummer Hl nm. 1t Uhr.

Nie Xn|tigen»Btnnittittng<te8ai bd In- tnU MofLasM «tarnen Anzeigen für kn Wietzener Anzeiger mtgiy.

3iei*g*ytri* vierteljährlich

2 Mark 20 Pf,, msnatlich 75 PfW mit vringerlstz«.

vei Postbezug

2 Mark 50 Pfg. vierteljährlich.

Irfilllrl «sich mit»<** beß

eekK bm Anzeiger »Hrme(

C-X- -I -.

ugtwgu

Aints- uitb Anzeigeblatt für den Areir Gieren.

tbeltha, tfrebitUn und »rutkrei:

jede das Be-

für von der

nich aus

Altmeister Jötz'en."

und fuhr

Die Eisenbahn-Angelegenheit von Professor Sommer.

EsLsind zwei Umstände eingetreten, die, ohne direkte Beziehung zu einander, doch im Hinblick auf früher entwickelte Bahnhofs-Projekt eine gemeinsame deutung haben.

Abrrffe für Depeschen: Anzeiger Fernsprecher Nr. 51.

und dementsprechend eine Kommission zur Ueberreichung dieser Reso­lution eingesetzt.

Die unterzeichneten beiden Kommissionen erfüllen ihren Auftrag vorbehaltlich weiterer Begründung zunächst dadurch, daß sie die vor­stehenden Resolutionen unter Hinweis auf den beiliegenden im Gießener Anzeiger vom 23. November 1898 veröffentlichten Aufsatz zur Kenntnis bringen.

Es soll durch diesen Artikel dem eisenbahntechnischen Ermessen in keiner Weise vorgegriffen werden, falls nur die in den Resolutionen enthaltenen wesentlichen Punkte Berücksichtigung finden.

Wir bemerken nur, daß der größte Teil der zur Ausführung des vorliegenden Planes notwendigen Ausgaben (speziell für Anlage eines Hauptbahnhofes und Umleitung der Strecke nach Fulda über Wieseck) in absehbarer Zeit so wie so notwendig werden wird, und daß em and-rer ansehnlicher Teil der Ausgaben sich durch Verkauf des Geländes, welches nach Beseitigung der jetzigen oberhessischen Strecken aus einem verkehrsreichen und für den Bebauungsplan vornehmlich in Betracht kommenden Teile der Stadt frei werden würde, decken läßt.

Schließlich bitten wir, dafür Sorge tragen zu wollen, daß bei der Anlage der bereits für notwendig erkannten Haltestelle Gießen Nord auf die spätere Abzweigung der Bahn nach Wieseck Rücksicht genommen wird.

Die Beauftragten der vom nationalliberalen Verein zu Gießen am

4. März 1899 einberufenen Versammlung:

Prof. Dr. Sommer, Bauunternehmer Winn, Stadtverordneter Kirch, Großh. Kultur-Inspektor Wißmann in Gießen, Fabrikant Guido Günther in Wieseck

Die Beauftragten der am 7 März abgehaltenen allgemeinen Bürger­versammlung zu Gießen:

Rechtsanwalt und Stadtverordneter Grünewald, Fabrikant und Stadt­verordneter Hanau, Kommerzienrat Koch, Präsident der Großherzoglichen Handelskammer, Stadtverordneter Löber, Rechtsanwalt und Landtag«, abgeordneter Metz, Landgerichtsrat und Stadtverordneter Dr. Schäfer, Professor Dr. Sommer.

Diese Eingabe wurde dem Großh. Hess. Staats­ministerium, dem König!. Preuß. Eisenbahnministerium, der Eisenbahndirektion Frankfurt a. M., der Stadtverwaltung Gießen und der Provinzial-Direktion von Oberhesseu cin- gesandt bezw. überreicht. Ferner haben sich die den beiden Komitees angehörigen Herren zu einzelnen Arbeits-Aus­schüssen vereinigt, deren Thätigkeit in einer nächstens ab­zuhaltenden Sitzung des Komitees zusammengefaßt werden soll.

Vor dieser will ich hier kurz die jetzige Sachlage dar­stellen. In dem seit der Veröffentlichung des Planes verflossenem Jahre ist die Notwendigkeit der vorgeschlagenen Aenderung noch deutlicher geworden. Der Seltersberg

Verwaltung abgelehnt worden.

Es haben sich durch diesen völlig negativen Bescheid in einer relativ kleinen Sache noch mehr Einwohner der hiesigen Stadt überzeugt, daß ohne eine gründliche Reform unserer gesamten Eisenbahnverhält­nisse nicht vorwärts zu kommen ist.

Der zweite Umstand ist die endlich erfolgte einstimmige Annahme der seit mehreren Jahren vorbereiteten Kanali­sationsvorlage. Dadurch ist die Frucht einer jahre­langen Arbeit, an deren Gelingen jedem Freunde der Stadt gelegen sein mußte, glücklich unter Dach und Fach gebracht. Die Befürchtung, daß durch das Betreiben des Bahnhof-

Gratisbeilagen: Gießener FamMenblätter, Der tzeUche Landwirt, DtAter für hessische Uolkskunde.

Der erste ist die unumwundene Ablehnung der Gießen-Nord von vielen erhofften Haltestelle feiten der Eisenbahn-Direktion Frankfurt. Es ist bei Betreibung des entwickelten Planes sorgfältig vermieden worden, dieses Projekt irgendwie zu stören, vielmehr ist in der an die zuständigen Behörden gerichteten Eingabe am Schluß die Notwendigkeit dieser Haltestelle nochmals betont und gebeten worden, bei der Anlage derselben auf die eventuell im Rahmen des größeren Planes anzulegende Verbindung von Gießen nach Wieseck Rücksicht zu nehmen. Praktisch hieß das, man möge die Haltestelle nicht so weit nach dem Rodberg hinausrücken, als es von den Petenten bis dahin geplant war. Und zweifellos wäre diese An­näherung an die Stadt für die Verkehrsbedürfnisse der­selben günstiger gewesen, da dadurch von der Mitte derselben gerechnet sich mehr Einwohner dieser eventuellen neuen Haltestelle hätten bedienen können, die mir im Hinblick auf die langgestreckte Form der Stadt heute noch wünschenswert erscheint. Nichtsdestoweniger ist nun diese Haltestelle unter einfacher Verneinung der Bedürfnisfrage von der Eisenbahn-

ihr unsauberes Gewerbe zu treiben, der Banquier auf sitt­lichem Gebiet, der ehemalige Theologe auf finanziellem. Tief zu bedauern sind die Opfer des Wüstlings, junge, un­erfahrene Mädchen, die sich auf Annoncen hin zum Modell­stehen gemeldet hatten und von dem lüsternen Patron dann um ihre Unschuld betrogen wurden. Für die meisten Opfer des Herrn Doktor Berlinicke kann .man ein leises Gefühl der Schadenfreude nicht unterdrücken, wenn man nicht ge­rade eine Engelsseele hat. Dieser abgebrochene Gottesmann, der von der Kanzel der Jerusalemsgemeinde sogar schon eine Probepredigt gehalten hatte, muß wohl damals einge­sehen haben, daß er auf andere Weise weit bequemer, vor allen Dingen großartiger leben könne. Kurz entschlossen und zum Segen des geistlichen Standes gab er die theo­logische Laufbahn auf, schwere innere Zweifel vorschützend, und wurde, wie man so sagt, Unternehmer. Der Endzweck aller seiner Unternehmungen war natürlich der, ein präch­tiges, nie versagendesTischlein, deck dich" zu haben. Und er hatte es. Herrlich und in Freuden hat er gelebt, ob­gleich er keinen baren Heller sein eigen nannte. Aber er kannte das Zauberwort, auf welches der Goldspendende Esel seine Kunststücke zum besten gab und das wandte er so fleißig an, daß es wirklich ein Esel sein mußte, der sich von dem frechen Schwindler derartig ausnutzen und über­tölpeln ließ. , , .

Unter allerhand Vorspiegelungen über geheimnisvolle Spekulationen mit hohen Gewinnen wußte er seine Opfer auf den Leim zu locken, und Leute, die einem armen Hand­werker auf sein ehrliches Gesicht hin vielleicht kerne zehn Mark geborgt hätten, ließen sich Tausende und Abertausende ablocken, weil ihnen die blöde Gier nach den vorgespiegelten Bombengeschäften" den sonst so klaren Verstand umnebelt hatte.Wer dumm ist, muß geprügelt werden!" Dieser Knüppel aus dem Sack" soll für eine ganze Reche der Gerupften recht schmerzliche Empfindungen haben.

Auch für die Droschkenkutscher hat wieder eine Hoch­saison begonnen. Die großen Winterfeste, auf denen Frau und Töchter in rauschenden Schleppen erscheinen, haben ihren Anfang genommen. Natürlich kann man in den duftigen und empfindlichen Gewändern nicht in den petroleum- dunstigen Omnibus klettern, wenn er auch sonst wegen seiner Billigkeit von der holden Weiblichkeit sehr bevorzugt

Feuilleton.

Berliner Brief.

(Plaudereien aus der Kaiserstadt.)

(Nachdruck verboten.)

Hochsaison auf allen Gebieten. Ein altes Märchen in moderner Bearbeitung. Zur Naturgeschichte des Droschken- kutschers.

Die Tage werden immer kürzer, das liebe Sonnen­licht immer dürftiger; ich glaube, daß man im gesegneten Lande der Eskimos längst seinen Thranrausch weg hat, und sich in einem ernsthaften Winterschlaf inwendig besieht; dafür fiebert das Leben bei uns doppelt hastig. Kaum ist der erste Dämmerungsschatten über die Dächer gehuscht, so macht sich das Gaslicht in die Strümpfe, und elektrische Glühbirnen und Bogenlampen wetteifern tn und vor den riesigen Schaufenstern, der Finsternis eine Niederlage zu bereiten. Der liebe Einkaufstrubel zum Feste aller Feste hat begonnen, nnd das Anpreisen und Prüfen, besonders von Seiten des schöneren Geschlechtes, nimmt kein Ende. In dem großenRamschbazar" von Wertheim in der Leipziger Straße, auf den alle Berliner Hausfrauen schimpfen und doch immer wieder hinlaufen, ist es so ziemlich am ärgsten. Die großen Schaufenster des Riesengebäudes, das aus lauter Glaswänden mit Steinpfeilern besteht, und daher unlängst von einem biederen Landbewohner für das Aquarium" angesehen wurde, erleben förmliche Belage­rungen, zumal wenn Szenen aus der Welt der von unseren «einen Mädchen so geliebten Wachspuppen dargestellt sind, wie Schlittschuhfeste oder Weihnachtsbescherungen rc.; aber auch die Auslagen in strahlenden Balltoiletten oder ele­ganten Straßenkostümen fesseln die kleinen Mädchen, sowie sie nur konfirmiert sind, und man kann vor diesen Schau- stellungen des Luxus und ComfortS manchen armen Ehe­mann ängstlich mahnen hören:Komm fort!" Meistenteils leider mit wenig Erfolg.

Daß wir Hochsaison haben, merkt man nicht nur tm Geschäftsleben und in den Theatern: Die zwei sensationellen Verhaftungen beweisen, daß auch die Polizei auf ihrem Gebiete Hochsaison registrieren kann. Beide der neuesten Pensionäre Moabits haben es eine ganze Weile verstanden,

Da is doch keen Aas drin!"

Zweifellos überzeugt lenkte der andere um in die Friedrichstraße. Ich aber trat an eine nahe Litfaß­säule und suchte nach dem Plakat desBerliner Theaters." Es stimmte wahrhaftig: Götz von Berlichingen von Wolf­gang Göthe. Und ich notierte mir die kleine lehrreiche Geschichte nicht nur als einen Beitrag zur Geschichte des Jubiläumsjahres Johann Wolfgang's, sondern auch als einen zur Naturgeschichte des gebildeten Berliner Droschken­kutschers. -A- R-

Projektes dieses Werk gestört werden könne, ist nun haltlos geworden. Andererseits kann die Stadt, die sich bisher in berechtigter Reserve von dem Plane ferngehalten hat, nun­mehr unbefangen prüfen, was die eventuell vorzunehmende Aenderung für sie bedeutet, und welchen Kaufpreis sie dem Eisenbahn-Fiskus für das eventuell offen zu lassende Ge­lände ohne abenteuerliche Pläne über die Zukunft Gießens verständigerweise bieten kann. Die Annahme der für die Stadt wichtigen Kanalisationsvorlage schafft freies Feld für die unbefangene Prüfung des Eisenbahnprojektes von feiten der Stadt Gießen.

Bei dieser Sachlage halte ich jetzt den Augenblick für gekommen, um nochmals für den Plan einzutreten.

Zunächst gebe ich einen kurzen Rückblick über das, was bisher geschehen ist.

Nachdem die Versammlung des nationalliberalen Ver­eins am 4. März 1899 und eine öffentliche Bürger­versammlung am 7. März einstimmig gleichlautende Reso­lutionen im Sinne des Planes gefaßt und je ein Komitee zur Ueberreichung dieser Resolutionen bei den zuständigen Behörden gewählt hatten, haben diese sich meiner Anregung entsprechend zu gemeinsamem Handeln vereinigt und die betreffenden Resolutionen mit kurzer Begründung und ge­meinsamer Unterschrift den betreffenden Behörden zur Kenntnis gebracht.

Diese Eingabe lautete:

Gießen, 12. März 1899.

Die vom nationalliberalen Verein zu Gießen am 4. März 1899 einberufene Versammlung hat einstimmig folgende Resolution gefaßt:

Es ist wünschenswert:

1) daß mit Rücksicht auf die sich steigernden Mißstände die ober­hessischen Eisenbahnlinien aus dem südlichen Teil der Stadt Gießen vollständig entfernt werden,

2) daß Gießen einen neuen, für alle Linien gemeinsamen Personen­bahnhof erhält.

Zugleich wurde beschlossen, eine Kommission zu bilden, welche diese Resolution den in Betracht kommenden Behörden mit der Bitte über­reichen soll, daß dieselben gemeinsame Schritte zur Erfüllung der ge­nannten Aufgaben einleiten mögen. - Ebenso hat eine in Gießen am 7. März 1899 abgehaltene allgemeine Bürgerversammlung einstimmig die oben genannten Umgestaltungen sür dringend notwendig erklärt

wird, und selbst dieElektrische" ist für solch einen feeen- haften Abend noch zu plebejisch; Vater muß, er mag wollen ober nicht, eine Droschke spendieren, und mit vornehmer Grazie lassen sich Lehmanns oder Kulickes in den meist recht nachgiebigen Polstern nieder. Ach, ihre Herzen sind voll von Träumen, in denen es von heimlichen Küssen wimmelt, zu denen eine ferne süße Walzermusik den Takt angiebt, und ein paar schimmernde Verlobungsringe tauchen im Hintergründe selbstverständlich auch auf. Die Droschke aber füllt sich langsam mit einem Gemisch von Blumenduft und Benzindünsten; denndie Olle hat sich keene neien Hand­schuhe geleistet, bet merkt man!" brummt der Rosse« lenker, nachdem er feine Gäste abgefetzt hat und das Gefährt lüftet. Er ist ein großer Menschenkenner, der von vornherein ziemlich sicher weiß, ob's ein Trinkgeld giebt ober nicht, unb ob ber alte beliebte Trick, auf ein Zwei- marckstück nicht herausgeben zu können, Zweck hat. Er weiß auch immer,wo etwas los ist" unb sich zu biefer ober jener Stunbe Fahrgäste angeln lassen. Selbst über bie Länge unb den Besuch der meisten Opern und Schau­spiele, Possen, Konzerte re. ist er ausgezeichnet unterrichtet. Der Dialog den ich eines Abends in der Charlottenstraße auffing, ist der beste Beweis für die Tiefe ihrer klassischen Bildung. Dort fuhr nämlich ein offenbar noch grünes Mitglied der peitschenknallenden Gilde an einem älteren. Genoffen vorüber.

Wist'en hin,Fritze?» fragte der Alte.

Mal sehen, ob'sBerliner Theater" noch is!" gab der Junge bereitwillig Auskunft.

Dat laß man sinn! orakelte darauf der vom Kutschbock.Da geben Se heute Abend