Ausgabe 
3.12.1899 Drittes Blatt
 
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Sonntag den 3 December

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* «rispis Sohn als Angeklagter. Am letzten Samstag hätte in Rom ein Prozeß beginnen sollen, dessen An­kündigung bereits das peinlichste Aussehen in der ltaltenischen Gesellschaft hervorgerufen hat, da sich unter den Angeklagten der Sohn des ehemaligen Premiers, Luigi Cnspl, befindet. Er ist eines gemeinen Verbrechens beschuldigt, des Dieb­stahls von Juwelen, die er seiner Geliebten, der Gräfin Celere, mit Hilfe verworfener Kameraden entwendet hat. Nun ist der Prozeß auf unbestimmte Zeit vertagt worden. Luigi Crispi wäre übrigens nicht auf der Anklagebank ge- sesien; er hat sich bekanntlich nach Südamerika geflüchtet. Wie der junge Mann, dem eine glänzende Laufbahn winkte, zum Verbrecher herabsinken konnte, darüber erzählt ein ehe­maliger Schulkamerad, der Advokat Cesare Agrati:Luigi »der Gigi, wie man ihn kurz nannte, war stets ein schwacher Charakter. Auf der Schule hielten ihn alle für einen guten Kameraden; er besaß aber nur den Willen, es zu machen, wie die andern. Waren fleißige Schüler seine Freunde, so

und Welt zu erheben, eine Botschaft: Du bist zu etwas Besserem geboren, er kommt, der Dich dazu führen will, der vom Himmel gesandte Führer, der Weg selbst, der ver­kündigt: Sehet, welche Liebe hat uns der Vater erzeigt, daß wir selber Gottes Kinder heißen. Aber auch ein Appell: Nimm ihn an, diesen Gnadenruf. nimm ihn auf, diesen Gottes- und Friedensboten; öffne ihm Dein Herz, daß Deine Gedanken den richtigen Weg nehmen, daß, was Du thust, in Gott gethan ist. Mögen auch nicht in jedem solche Erwägungen durch das WortAdvent" wachgerufen werden seinen Einfluß übt es auf jeden. Mit dem 1. Advent beginnt die Fürsorge für das Christfest, da kommt erst rechtes Leben in das Haus, in die Familie, Die Erwachsenen sorgen nud bereiten ihre Gaben, die Kinder rechnen und zählen die Tage bis zum heiligen Abend. Es ist eine selige Zeit für Gebende und Nehmende, ge­heiligt und geweiht durch den Engel der Liebe, der durch die Herzen und die Häuser geht. Ja, doppelt selig ist die Adventszeit, macht sich doch da die Liebe auf, die nicht giebt, weil ihr gegeben wird, sondern die Liebe, die giebt, wo keine Gegengabe erwartet wird, die Barmherzig­keit. Möge sie in der Adventszeit recht erglühen, recht erwärmen und erquicken, wo Not und Elend den Glauben an Gottes- und Menschenliebe erstarren zu lassen drohen das wäre die rechte Vorbereitung für das Fest der Liebe !

1 Challier, Neuen- 686; für Mitglieder evereinediener.

stände.

* Advent ein Fremdwort und doch so wohlverstanden von allen. Advent, Ankunft, eine Botschaft und ein Appell an die Menschheit. Eine Botschaft von der neugeschenkten Gnadenfrist, um den Geist über die Erde

Gratisbeilagen: Gießener Famiiienblötter, Ser hessische Kandrmrt, Klätter für hessische Volkskunde. _____________

«»reffe für Depeschen: Anzeiger Fernsprecher Nr. 51.

* Zum Transvaalkrieg.

Ein Brief des Generals Joubert.

Ein Mitarbeiter derDresdener N. N.", der während seine« mehrjährigen Aufenthaltes in Transvaal sehr häufig mit dem General Joubert verkehrte, richtete an diesen einen vom 1. Oktober d. I datierten Brief, auf welchen soeben eine ausführliche Antwort (Uebersetzung) eingelaufen ist, der wir folgende hochinteressante Stellen ent­nehmen wollen:

Vor Ladysmith, 27. Oktober. Sehr verehrter Herr!

Der Schluß Ihres mir heute früh zugestellten Briefes war ein prophetischer, die Kriegswürfel sind ins Rollen ge­kommen, gebe Gott, daß sie für uns stets so günstig fallen, wie in den letzten Tagen . . . Das englische Säbelgerassel, die übermächtige englische Flotte hat selbst die stärksten europäischen Mächte so eingeschüchtert, daß keine es wagt, gegen die niedrigste Ländergier der Briten zu protestieren, selbst wenn eigene Interessen darunter zu leiden haben. Unter solchen Umständen mußten wir uns aus die eigene Kraft verlassen, und diese mit unermüdlichem Eifer und schweren Opfern zu heben und den Engländern nach Möglich­keit zu verheimlichen, war unser würdigstes Bestreben. Nun, es ist uns gelungen. Verkappte englische Spione ließen wir mit Absicht einen Einblick in unser veraltetes Artilleriematerial thun, von dem modernen Material und seinem ansehnlichen Umfange kam ihnen bis kurz vor Beginn des Krieges keine Ahnung auf.

... In Ihrem Schreiben ziehen Sie die beträchtliche Stärke der Engländer in Erwägung; nach meiner Berechnung lautet das Exempel allerdings anders. Ohne seine Kolonien von Truppen gänzlich zu entblößen, kann England im günstigsten Falle etwa 85 000 Mann nach Südafrika dirigieren. Diese stattliche Ziffer wird jedoch nur zur Hälfte für die zu erwartenden Hauptschlachten verwendbar sein. Bis Mitte Dezember dürfte es den Engländern möglich sein, diese Truppenzahl an verschiedenen Stellen zu landen, inzwischen rechne ich auf 10000 MannAbgang" durch Verluste an Gefangenen, Gefallenen, Verwundeten und Kranken, sodaß im günstigsten Falle noch 75000 Mann übrig bleiben. Selbst wenn es uns nicht gelingen sollte, eine Zusammenziehung der englischen Truppen unter Sir Buller zu verhindern und wir zum Rückzüge gezwungen würden, erfährt die englische Armee aus natürlichen Gründen eine derartige Schwächung, daß sie uns nicht mehr als höchstens 35 000 Mann operationsfähige Truppen entgegen- stellen kann, der gewaltige Rest muß zur Etappendeckung verwendet werden. Hierbei kommt nicht nur Natal, sondern auch Kapland mit einer Gesamtoperationsbasis von cirka 700 Kilometer in Betracht. Unsere Etappen liegen in der

Heimat, staffelförmig aufgebaut nach drei Richtungen hin, zu deren Deckung wir keine 500 Mann nötig haben. Unter den einzelnen Etappen herrscht eine vorzüglich geregelte Ver­bindung; ist eine derselben ernstlich bedroht und könnten die dort angesammelten Vorräte nicht leicht genug gerettet werden, so fallen sie der Vernichtung anheim. Der De­fensivkrieg, an den wir in absehbarer Zeit noch nicht zu denken brauchen, bringt uns schließlich noch größere Vorteile als der Offensivkrieg. Mit dem Terrain­wechsel tritt ein Wechsel der Taktik ein, in Natal und im Süden hatten wir mit wenig bekannten Verhältniffen zu rechnen, auf den Hochplateaus von Transvaal und des Oranje-FreistaateS sind wir zu Hause. Die Engländer müssen uns und der freien Gottesnatur hier jeden Schritt unter den unglaublichsten Schwierigkeiten abkämpfen und immer gewärtig sein, nach zwei und drei Fronten einen Kampf anzunehmen, es wird dann wie Sie sehr richtig annahmen ein Guerillakrieg entstehen, wie er blutiger nicht zu denken ist und wie ihn die Engländer nur wenige Monate auszuhalten in der Lage sind. Bei Gott, wir Buren denken nicht an eine Beugung der englischen Vormachtstellung inSüdafrika, sondern ledig­lich an die Freiheit unseres engeren Vater­landes. Aber die englische Vormachtstellung wird bei Weiterführung des Kampfes an dem Freiheits sinne aller Afrikander scheitern.

. . . Rechnen Sie mir es nicht als Ueberhebung an, wenn ich Ihnen offen sage, daß wir obsiegen werden, jeder einzelne Mann von uns hat dieselbe Ueberzeugung und das felsenfeste Vertrauen aus Gott, daß er uns in diesem Kampfe ebenso treu zur Seite steht, wie in früheren Kämpfen. Mit dem Wunsche, daß Sie mich und meine Landsleute in gleich guter Erinnerung als bisher behalten und daß Sie von diesen Zeilen bei guter Gesundheit angetroffen werden, ver­bleibe ich Ihr Ihnen aufrichtig ergebener

P. I. Joubert.

* Die Tragödie des Zigeunerprimas. Dieser Tage wurde von dem aus Budapest kommenden Schnellzuge auf der Strecke zwischen Hujdu-Szoboßlo und Debreczin ein elegant gekleideter Herr überfahren. Der Leichnam wurde nach Szoboßlo gebracht und dort als der des Zigeunerprimas Gezä Bako agnosziert. Ferner wurde festgestellt, daß Bako nicht einem Unglücksfalle zum Opfer gefallen ist, wie ur. sprünglich angenommen wurde, sondern einen Selbstmord verübt hat. Der Zigeunerprimas heiratete vor drei Wochen ein junges, hübsches Zigeunermädchen, doch die Ehe brachte dem jungen Paar nicht das erwartete Glück. Kurz nach dem Hochzeitsmahle wurde Backo von einem alten Leiden heimgesucht. Die Hochzeitsgäste suchten die junge Fran mit der Versicherung zu trösten, es handle sich nur um eine vorübergehende Erscheinung; doch blieben diese Tröstungen ohne Erfolg, denn die junge Frau konnte den Anblick der Krankheit nicht ertragen und kehrte wehklagend, man habe sie betrogen, zu ihren Eltern zurück. Bako vermochte sein Unglück nicht zu überleben und machte seinem Leben ein Ende, indem er sich auf die Schienen legte und den heran­rollenden Zug erwartete.

Ein hervorragender Litteraturkeuuer ist der Redakteur des WienerVolksboten". Dieser Tage brachte er in seinem Blatte die Mitteilung, daß imKaiser-Jubiläumstheater" Der Kaufmann von Venedig", Schauspiel von Grillparzer, gegeben werde. Das genügte eigentlich schon. Jetzt ist ihm aber etwas geradezu Unglaubliches passiert. DieWiener Arbeiterzeitung" berichtet darüber wie folgt:Ein Genoffe, der diese Notiz las, hat sich den Scherz gemacht, im Namen Shakespeares an das Blatt einen mit William Shakespeare unterzeichneten Brief zu schreiben, in dem jene Angabe

*

Die Zahl der Todesfälle, ausschließlich der Tot­geborenen, betrug in der Woche vom 5. bis 11. November in Mainz 24, in Darmstadt 19, in Offenbach 9, in Worms 12 und in Gießen 4, zusammen 68, darunter 18 im ersten Lebensjahre. Todesfälle pro Jahr und 1000 Einwohner kamen auf Mainz 15,4, Darmstadt 14,2, Offenbach 11, Worms 16,7 und auf Gießen 8,4. Die Todesursache anbelangend, verstärken an Masern und Röteln 2 (je 1 in Offenbach und Worms), an Keuch­husten 1 (Mainz), an Diarrhöe und Brechdurchfall 3 (je 1 in Mainz, Darmstadt und Worms), an Lungenschwindsucht 8 (je 1 in Mainz und Gießen, je 2 in Darmstadt, Offen­bach und Worms), an akuten entzündlichen Krankheiten der Atmungsorgane 8 (5 in Mainz, 3 in Darmstadt, an Gehirn-Apoplexie 3 (2 in Mainz, 1 in Offenbach, an sonstigen Krankheiten 43 (14 in Mainz, 13 in Darm­stadt, 5 in Offenbach, 8 in Worms, 3 in Gießen).

** Patente- und Gebrauchsmuster - Eintragungen von im Großherzogtum Heffen lebenden Erfindern. Patent- Anmeldungen. Versahren zur Oxydation organischer Substanzen mit Chromsäure im elektrolytischen Bad, Fried­rich Darmstädter, Darmstadt, Sandbergstr. 14, 12. 1. 97. Patent-Erteilungen. Verfahren zur Darstellung

Fokales und Movmzielles.

Gießen, 2. Dezember 1899.

Qualitäten, Tuch etc.

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** GefchichtSkalender. (Nachdruck verboten.) Vor 42 Jahren, am 3. Dezember 1657, starb zu Dresden der berühmte Bildhauer neuerer Zett, Christian Daniel Rauch. Edel und schwungvoll in seinen Idealfiguren hat er das Verdienst, eine der Gegenwart angehörige und der Form nach vaterländische Schule geschaffen zu Haden. Den Höhepunkt seines Ruhmes erreichte er durch das herr­liche Denkmal Friedrichs II. Unter den Linden zu Berlin.

fahr laufen, den Sohn Sr. Exzellenz zu arretieren? Sie \ sahen also nicht und machten dem verbrecherischen Treiben kein Ende. Der Zwang, Geld herbeizuschaffen, um die Ehrenschulden zu bezahlen, führte ihn zuerst zu Ernied­rigungen. Als Anleihen bei den Freunden unmöglich wurden, begann der Betrug. Durch einen geschickt an­gelegten Telephonschwindel erhielt er von einem Bankdirektor eine größere Summe. Ebenso erhielt er von einem ge­fälligen, jetzt verstorbenen Minister, wie er angab, zu Spezialstudien eine Sammlung aller Gesetze, Reg­lements und offizieller Publikationen. Auf dem Wagen wanderten sie sofort zu einem Wiederkäufer, der sie, trotz der Ehre, mit dem Sohn Sr. Exzellenz verhandeln zu dürfen, nach Gewicht bezahlte. Vor seinem vollständig moralischen Untergange habe ich Gigi noch einmal sich auf­raffen sehen. Es war im Cafö Aragno. An einem Tische, neben ihm saßen einige junge Leute, die seinen Vater und seine Familie beschimpften. Da ergriff er ein Bierglas und warf es dem Beleidiger an den Kopf. Die Folge war ein Duell, in welchem Gigi seinen Gegner verwundete. Dann kamen das Ministerium Giolitti und die Bankskandale. Die Betrügereien Gigis wurden entdeckt, und obwohl der Vater vor Schmerz fast zusammenbrach, ließ er seinen Sohn verhaften. Einige Monate später finden wir Gigi majorenn, auf der Universität in Pisa, wo er das Advokatenexamen besteht. Dann folgte die romantische Liebesaffaire mit der Gräfin Gellere, die später die Geliebte Cavalottis wurde, der Juwelendiebstahl und die Flucht nach Amerika. Dort erhielt er Stellung bei einem italienischen Bankier, verführte dessen Frau, floh mit ihr und ließ sie im tiefsten Elend

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erhob er sich noch früher wie die anderen, um sie an Eifer zu übertreffen, und waren es faule Schüler, so war er träger als sie alle. Die Umgebung hatte stets auf ihn den größten Einfluß. Als Gigi auf die Universität kam, sah ich ihn bald von eleganten und zweifelhaften Herren um­geben, die sich an den Sohn des Ministerpräsidenten heran­drängten, die ihn von Trinkgelagen zu Diners und von den Diners zu einemharmlosen" Spielchen führten. Seine Freundschaft war jenen Leuten überaus kostbar, und wenn - yiuu, m» "rv die Behörden auch noch so wachsam waren, sollten sie Ge- I sitzen. Bon da ab war Glgt verschwunden.

Rr. 285 Drittes Blatt

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